Radio kills the radio

Der ÖRR will immer mehr Geld – aber er spart auch: etwa beim Hörfunk. Nicht bei den Chefs, sondern beim „Content“. Der Apparat für immer weniger Content aber ist geblieben. Also: Räume für Redaktion und Aufnahmestudios, ein Sendesaal – und Büros in bester städtischer Lage. Dabei zeigen unabhängige Sender, dass es auch anders geht. Aber eben nur mit kreativen Köpfen.

picture alliance / epd-bild | Heike Lyding

Dass der äußerst linkslastige Herr Restle, jahrelang Leiter und Moderator des Politmagazins Monitor, nun nach Nairobi wechselt, mag ja ein Grund zur Freude sein. Warten wir ab, ob sich sein Nachfolger unterscheidet. Egal: Es hilft nichts mehr. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht mehr zu retten.

Die jüngsten Fernsehskandale dürften bei den meisten noch im Gedächtnis sein: Ein Bericht über die Abschiebungspraxis in den USA wurde mit Videosequenzen untermalt, die bestens geeignet waren, diese Praxis als besonders unmenschlich zu zeigen. Doch eine der Sequenzen war KI-generiert und die andere entstammte einem gänzlich anderen Kontext. Auch werden gern Passanten zu ihrer Meinung befragt, die Mitarbeiter beim Sender sind. Jüngste Studien zeigen, dass nur etwa 55 Prozent der Zuschauer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für vollkommen vertrauenswürdig halten, im Westen mehr Menschen als im Osten.

Und doch möchte man Geld, mehr Geld, immer mehr. Auch Menschen wie ich, die das „Angebot“ nicht oder kaum nutzen, müssen blechen. Dabei gibt es nicht nur Einsparmöglichkeiten zu Hauf, es wird auch bereits eingespart: etwa beim Hörfunk. Natürlich nicht bei den Chefs und Chefchen, sondern beim „Content“, und das trifft die Mitarbeiter. Die Nachrichten sind kaum der Rede wert. Und haben oft einen Bias. Obzwar der ÖRR ein weit gespanntes Korrespondentennetz unterhält, bietet etwa der private und ohne Zwangsgelder existierende „Kontrafunk“ weit mehr Informationen aus aller Welt.

Der einst durchaus informative HR1 ist mittlerweile zur Abspielstätte für Musik für die Rentnergeneration geworden, weshalb ich ihn als einzigen Sender noch höre. Was könnte besser sein als die englischsprachigen Hits aus den 60ern und 70ern? Um die macht sich jeden Samstag Werner Reinke verdient, der Spenden für die Ukraine sammelt und im Juni 80 wird.

Ansonsten wird mal die Uhrzeit angesagt oder ob es Vormittag oder Nachmittag ist, weil der Hörer angeblich phantasievolle Sendungsbezeichnungen nicht mag – aber immerhin leistet man sich eine „Jürgen-Rasper-Show“, bei der es nichts zu sehen gibt.

Auch die Kultursparte ist einigermaßen ausgedünnt. Man kann schließlich Bewährtes wiederholen oder von anderen Sendern übernehmen. Das ist billiger als eine Neuproduktion, zumal man auch ansonsten an den Urhebern spart. Die bekamen früher für jede Wiederholung ein Sendehonorar, also die Hälfte des ursprünglichen Honorars. Das aber wurde ihnen kalt enteignet.

Na bitte! Unsere Öffis können also sparen! Nur irgendwie nicht an der richtigen Stelle.

Doch halt! Es gibt ja noch die Kultursparte, die mit Perlen aufwartet wie Lesungen. Oder, noch besser, „Literatur in einfacher Sprache“! „Ein Projekt des Literaturhauses Frankfurt, gefördert vom Hessischen Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales. Eine Kooperation mit der Stabstelle Inklusion Frankfurt und dem Radiosender hr2-kultur, in Partnerschaft mit dem Netzwerk Inklusion Frankfurt.“

Das kostet also nicht viel. Musikeinspielungen auch nicht. Und was spricht schon gegen ein Feature – also eine Stundensendung – über ein brennendes Thema unserer Zeit? „Vermögen ist in Deutschland extrem ungleich verteilt – mit Folgen für Politik und Demokratie. Das ARD-Feature geht der Frage nach, wie Vermögende ganz legal politischen Einfluss ausüben können. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen im Land nicht mehr repräsentiert.“ Das wird die Partei „Die Linke“ freuen.

Der Apparat für immer weniger Content aber ist zunächst geblieben. Also: Räume für Redaktion und Aufnahmestudios, ein großer Sendesaal, und nicht zuletzt Büros für die Bürokratie, und das in bester städtischer Lage. Dabei zeigt ein Sender wie der Kontrafunk, dass man ganz ohne auskommen kann, die meisten Sendungen können zuhause am eigenen Computer produziert werden.

Bleiben wir beim HR: Dort hat man offenbar begriffen, dass man angesichts eines derartigen Immobilienreichtums nicht glaubhaft nach höheren Zwangsgebühren verlangen kann. Der Sender plant, Teile seiner Liegenschaften aufzugeben oder zu verkaufen, um Kosten zu senken, und prüft aktiv den Verkauf von Flächen, die nicht mehr für den Kernbetrieb (Produktion und Sendung) benötigt werden.

Das ist wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung. Doch die Zeiten, in denen Radiohören ein Abenteuer war, kommen ohne kreative Köpfe nicht wieder.


 

Unterstützung
oder

Kommentare ( 2 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

2 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Dirk Plotz
1 Stunde her

Der ÖRR könnte einen Cent pro Monat kosten und ich würde immer noch nicht zahlen wollen. Dieses Relikt, hervorgegangen aus der Fantasie des Bundesverfassungsgerichtes unter Bruch der Gewaltenteilung, war damals so falsch wie es heute ist. Es gehört restlos abgeschafft.
Wer sich dümmste Propaganda geben will, der kann ein privates Medium seiner Wahl lesen. Heute bekommt man den Müll, den einem der ÖRR um die Ohren haut direkt von der dpa, ganz ohne Abo, gendern inklusive.
Diese kollektivistischen Systeme, die nur existieren weil jeder unter Gewaltandrohung zur Zahlung gezwungen wird, gehören alle beendet.

Ohanse
1 Stunde her

„Das Radio gehört uns“ – Joseph Goebbels. Und damit ist auch heute noch klar, wer das Radio noch braucht. Der Adressat der Sendungen ist es nicht.