Rufe aus der Echokammer

Wahrheitsansprüche – das lehrt der Blick auf das, was der Mensch unter Religion zu verstehen sucht – werden zu Totalitätsansprüchen. Wer die Wahrheit für sich beansprucht, kann, da es nur eine einzige Wahrheit geben kann, keine andere daneben zulassen.

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Der Schock sitzt tief. Immer noch. Wie nur konnte es geschehen, dass eine Partei, die von den Zurückhaltenden in der Echokammer des Mainstreams als „rechtspopulistisch“, von den weniger Zurückhaltenden gern auch schon mal als „rechtsextrem“ bezeichnet wird, drittstärkste Kraft im Deutschen Bundestag werden konnte und fast zwei Prozentpunkte vor den Restanten der rheinischen Republik, der FDP des Rheinländers Christian Lindner, das Rennen machte, und fast vier Prozentpunkte vor den Heilsbringern der Menschheit, den Grünen, liegt?

Das verlangt nach Erklärungen. Und selbstverständlich nach solchen, die in der Echokammer Widerhall finden.

Vom Realitätsverlust der Rechten

Wer nun dieser Tage den nach Erklärung des Unerklärlichen Suchenden folgt – wer sich also einschaltet in eine der zahllosen Sendungen in TV und Radio, in denen selbsternannte Intellektuelle, denen allerdings mangels Durchblicksfähigkeit und Zusammenhangserkenntnis oftmals jedwede Intellektualität abzugehen scheint, nach Erklärungen suchen – der stößt dabei schnell auf einen wohlfeilen Erklärungsversuch, mit dem alles gesagt zu sein schein, was aus der Sicht der Echokammer zu sagen ist. Er lautet kurz und bündig: „Realitätsverlust“!

Dieser Realitätsverlust soll es sein, der Bürger dazu gebracht hat, jene wahlweise Rechtspopulisten oder Rechtsextremisten zu wählen. Die Unfähigkeit also jener tumben Massen Dummdeutscher, die Wirklichkeit zu erkennen und sich ihr zu stellen, ist es, welche diese die Demokratie untergrabende Entwicklung ermöglicht habe. Gepaart mit den Verlustängsten einer zur wirklichen Wirklichkeit unfähigen „unteren Mittelschicht“, die einfach nicht in der Lage ist zu begreifen, dass Fortschritt Wandel und Verharren Rückschritt bedeutet. Und die deshalb rückwärtsgewandt und deshalb nicht satisfaktionsfähig ist. Frei nach dem schon bei Erich Honecker gescheiterten Motto des „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ stürmt die Avantgarde der Echokammer voran – wer ihr nicht zu folgen mag, ist eben ein im ewig Gestrigen verharrender Reaktionär, über den der Lauf der Geschichte bereits hinweggefegt ist selbst dann, wenn er mit der Wahl einer rechtspopulistischen, also fortschrittsfeindlichen Partei noch einmal in einem letzten Aufbäumen seine eigene Dummheit unter Beweis stellt.

Von Realitätsverlust und Wahrheitsanspruch

Man könnte über diese Selbsterklärungsversuche der Echokammer des Mainstreams geflissentlich hinweggehen, gäbe es nicht Aspekte, die sie am Ende hoch gefährlich machen und die letztlich nichts anderes sind als ein Dokument dessen, wie die europäische Zivilisation derzeit selbst ihre Zivilisation zu Grabe trägt.

Realitätsverlust – das ist, aus den Augen jener, die ihn derzeit anderen vorhalten, nichts anderes als die Unfähigkeit, sich der den Menschen umgebenden Wirklichkeit vorbehaltlos und offenen Auges zu stellen; sie, diese Wirklichkeit, zu erkennen und anzuerkennen. Realität, das ist im Verständnis jener, die die Erkenntnis ihrer für sich deklarieren, die Welt, in der sie leben und die deshalb ihre vorgeblich im Hier und Jetzt verankerten Entwicklungen und Ansichten alternativlos zur unumgänglichen Wahrheit werden lässt. Was wiederum bedeutet: Wer für sich selbst die Realitätserkenntnis deklariert, der beansprucht für sich auch die Wahrheit. Wobei – nein, er beansprucht sie nicht einmal nur – er befindet sich uneingeschränkt in ihrem Besitze. Denn nur der Besitz dieser einen und einzigen Wahrheit ist es, der die Erkenntnis der Wirklichkeit möglich zu machen scheint. So zumindest ist es die Wirklichkeit der Erkenntnis jener, die als allein Verfügungsberechtigte über die Realität anderen, nicht verfügungsberechtigten Realitätsverlust vorhalten können.

Die Sache mit der Wahrheit

Nun ist das mit der Wahrheit so eine Sache. Sie wird immer wieder gern missbraucht, wenn es darum geht, die eigene Wirklichkeit als Wahrheit zu verkünden, wo doch die Wahrheit als einzigartiges unbestechliches Faktum unabhängig ist davon, ob der Mensch sie zu erkennen vermag oder nicht; sich jedweder menschlichen Interpretation und Definition allein schon deshalb entzieht, weil der Mensch bei aller Intelligenz kaum in der Lage ist, Sachverhalte derart zu betrachten, dass er dabei all das ausblenden kann, was ihn persönlich prägt, was ihm kulturell und unterbewusst eingegeben wurde und was es ihm deshalb annähernd unmöglich macht, eine Wahrheit als nicht interpretierten Fakt zur Kenntnis zu nehmen. Deshalb aber meint nun ein jeder, der von „der Wahrheit“ spricht, in Wahrheit eben auch nichts anderes als „die Wirklichkeit“ – oder um es ganz korrekt zu formulieren: „seine Wirklichkeit“.

Erst und allein aus dieser persönlichen Wirklichkeit heraus lässt sich die Feststellung treffen, dass jemand anderes unter „Realitätsverlust“ leide. Weil diese Behauptung nun erst einmal nichts anderes besagt als: Meine persönliche Wirklichkeit ist eine andere als die eines anderen. Das ist eine Erkenntnis, gegen die grundsätzlich nichts einzuwenden wäre, beließe man es dabei. Denn tatsächlich ist es zwangsläufig so, dass in einer Gesellschaft unterschiedlicher Individuen jede Wirklichkeit eine persönliche sein muss – sie ist das Ergebnis dessen, wie der Einzelne sich selbst in der Kommunikation mit seiner Umwelt und mit seinen Gegenübern erlebt, wie er die ihn umgebende Welt aus seiner persönlichen Sicht heraus wahrnimmt.

Von der Richtigkeit der Wirklichkeit

Problematisch allerdings wird es dann, wenn der „Realitätsverlust“ – also das Sich-Selbst-Entfernen eines Individuums aus der empfundenen Wirklichkeit – zu einem Erklärungsversuch wird, um die Richtigkeit der eigenen Wirklichkeitsempfindung zu begründen. Hier nun wird die individuelle Wirklichkeit als allgemeingültige Wahrheit uminterpretiert: Aus der persönlichen Sicht der Welt wird das Dogma einer scheinbaren Wahrheit, welches jegliche andere Sicht auf die Wirklichkeit in die Unwirklichkeit und damit in die Unwahrheit verdammt. Der individuelle Anspruch, seine Wirklichkeit erkannt zu haben, wird zum Alleinvertretunganspruch einer deklarierten Wahrheit.

Wahrheitsansprüche aber – das lehrt bereits der Blick auf jenes, was der Mensch unter Religion zu verstehen sucht – werden zu Totalitätsansprüchen. Wer die Wahrheit für sich beansprucht, der kann, da es nur eine einzige Wahrheit geben kann, keine andere neben der seinen zulassen. Und so wird jeder, der die Wahrheit für sich beansprucht und sie damit ihres Wahrheitscharakters beraubt, zwangsläufig zum Diktator seiner persönlichen Weltsicht – der die Weltsicht des Anderen nicht zulassen kann, weshalb er sie erst als „Realitätsverlust“ beschreibt, um daraus in einem nächsten Schritt den Anspruch herzuleiten, jene „Realitätsverlustigen“ deshalb, weil sie sich der „einzig gültigen Wahrheit“ verweigern, auch gegen ihren Willen in die vorgebliche Realität zwingen zu dürfen, nein sogar zu müssen. Denn als Realitätsverlustige haben sie doch aus der Sicht desjenigen, der über die alleinige Wahrheit zu verfügen meint, jegliches Recht verloren, ihre wahrheitswidrigen Auffassungen öffentlich zu vertreten, vielleicht dafür sogar noch zu werben.

Vom Realitätsverlust zum Meinungsdiktat

Wer also einem anderen aus seiner eigenen, persönlichen, zur Wahrheit verkehrten Sicht der Dinge, Realitätsverlust vorwirft, der hat damit bereits den entscheidenden Schritt zum Meinungsdiktat getan. Und es wird ihm ein Leichtes, nach Instrumentarien zu suchen und diese zu finden, mit denen er den aus seiner Sicht Realitätsverlustigen dazu zwingen kann, sich der Realität desjenigen zu unterwerfen, der in seinem eigenen Selbstverständnis der Einzige ist, dem die Erkenntnis der Wirklichkeit als elitärer Wahrheitsanspruch zusteht.

Die ersten Schritte auf dem Weg in diese „Wahrheitsdiktatur“ sind zwangsläufig Meinungspolizisten, FakeNews-Spezialisten und Wahrheits-Manipulisten, denen die Aufgabe zugewiesen wird, ihre persönliche Sicht der Wirklichkeit als kategorischen Imperativ überall und gegen alles und vor allem im Auftrage des Staates durchzusetzen. Eine Gesellschaft, die bei zahllosen Individuen aus ebenso vielen Realitäten besteht, soll im Namen einer fiktiven Wahrheit homogenisiert und kollektiviert werden. Wer etwas anderes denkt als jene, die die Realitätserkenntnis für sich beanspruchen, der denkt eben irreal – und wird deshalb als jemand, der in der Irrealität lebt, selbst zur Irrealität, die es zu beseitigen gilt.

Der Realitätsverlust der Realen

Dabei ließe sich die Argumentation der „Realen“ gegen die „Irrealen“ auch unproblematisch umkehren. Denn wie real handelt eigentlich noch derjenige, der die Realität von über 12 Prozent der Wähler mit Realitätsverlust begründet? Wie wirklich ist die Wirklichkeit dessen, der nur seine persönliche Wirklichkeit als Realität zulässt? Vor allem aber auch: Wie wirklich ist eine Wirklichkeit, wenn sie sich ausschließlich in der Echokammer der Wirklichkeit des eigenen Kollektivs bewegt?

Was nun, wenn der Mainstream, diese vorgebliche, kollektivistische Schwarmintelligenz jener, deren Wirklichkeit von ihnen selbst als einzige Wahrheit missverstanden wird, am Ende nichts anderes ist als das irrationale Produkt aus der Echokammer des politmedialen Betriebes, der sich nur noch in sich selbst bewegt, weil er in seiner Kammer der Selbstbeglückung sich den Blick auf die tatsächliche Wirklichkeit verweigert?

Was nun, wenn dieser Mainstream aus der Echokammer, der seit nunmehr über fünf Jahrzehnten die Koordinaten der Republik beharrlich nach Links verschiebt und damit seine eigene Wirklichkeit jenseits geschaffen hat, niemals etwas anderes als ein fulminanter Selbstbetrug gewesen ist?

Was nun, wenn nicht der Mainstream über die Erkenntnis der Wahrheit der Wirklichkeit verfügt, sondern er beharrlich die Wahrheit lediglich mit seiner Wirklichkeit verwechselt?

Wer angesichts einer Wirklichkeit, in der bereits zwölf Prozent der Wähler offen bekunden, die selektive Wirklichkeit des Mainstreams der Echokammer nicht mehr als die ihre akzeptieren zu wollen, die Wirklichkeit dieser Bürger nicht als solche akzeptieren kann; wer also nun, nachdem er über ein halbes Jahrhundert die Gesellschaft unter dem Label linksprogressiver Politik kontinuierlich kollektiviert hat und für ihn gänzlich unerwartet zunehmend mehr Bürger sich dem Mainstream aus der Echokammer, diesem Alleinwahrheitsanspruch einer einzigen, zur Wahrheit vergewaltigten Wirklichkeit zu entziehen suchen – wer all jenen schlicht nur einen „Realitätsverlust“ vorwirft, der wird sich fragen lassen müssen, ob nicht vielleicht er selbst es ist, der in seiner Hybris der alleinigen Erkenntnishoheit die Realität verloren hat und sich nur noch in seiner eigenen Scheinwelt einzumauern sucht, weil die Erkenntnis von der Wirklichkeit außerhalb seiner eigenen sein zur tatsächlichen Wirklichkeitserkenntnis unfähiges Denkvermögen unendlich übersteigen und ihm die Erkenntnis der Trümmer seiner selbst vor Augen führen müsste.

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Kommentare

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  • Jasmin Gerigk

    Sehr geehrter Herr Spahn, das ist der bisher beste Artikel, den ich bei Tichy gelesen habe. Und das will ja schon was bedeuten! Ich würde gerne mal Ihre Überlegungen um den Gedanken erweitern, welche Konsequenzen es hat, wenn die Politiker, die ihre eigene Wahrheit als die alternativlose und einzige akzeptiert wissen wollen, darauf nicht nur Gesetze gestalten, die ihre Wahrheit (unter-)stützen und schützen sollen, sondern auch Gesetze machen, die den Bürgern dienen sollen, die eine andere Wahrheit haben als sie selbst. Es ist doch, zumindest nach meiner Wahrheit, schon seit Jahren so, dass die Politik sich den Zustand der deutschen Gesellschaft so hinbastelt, wie es ihr selbst und der Wirtschaft gefällt. Der Mensch an sich hat sich in das politische und wirtschaftliche System einzufügen und möglichst zu schweigen, da er ja zu dumm ist, das Große und Ganze zu verstehen. Ich persönlich vermute aber, dass auch die Politik und die Wirtschaft das Große und Ganze schon länger nicht verstehen, sie sich deshalb auf ihre eigene Wahrheit beschränken müssen, weil sie sich sonst als handlungsunfähig erkennen würden. Die Tragik wird sein, dass die politischen Realitätsverweigerer so lange weitermachen werden, bis die Mehrheit derer, die eine andere Realität haben, sich eben mehrheitlich, und dann radikal, gegen sie stellen werden. Die 12% waren nur der Anfang, und ich glaube, dass die meisten davon eben nicht rechtsradikal sind, sondern eben nur eine andere Realität haben. Freundliche Grüße Jasmin Gerigk

  • M. K.

    Zyniker: Schuft, der mit seiner mangelhaften Wahrnehmung die Welt so sieht, wie sie ist und nicht, wie sie sein sollte. [Ambrose Bierce, „Des Teufels Wörterbuch“ 1911(!)]