Länger Arbeitslosengeld

Konzerne werden Frühverrentungsprogramme nutzen und ältere Arbeitnehmer zu Lasten der Arbeitslosenversicherung in den Vorruhestand schicken. Die steigenden Ausgaben bezahlen alle Arbeitnehmer und kleine und mittlere Unternehmen.

© Adam Berry/Getty Images

Der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, hat in diesen Tagen eine Revision der Agenda 2010 für seine Partei angekündigt. In Bielefeld sagte er dazu: „Auch wir haben Fehler gemacht“. Soviel Ehrlichkeit kommt an. Konkret schlägt Schulz unter anderem vor, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes zu verlängern und befristete Arbeitsverträge einzudämmen. Er streichelt mit solchen Forderungen die sozialdemokratische Seele. Für den schlichten Betrachter scheint die neue Agenda 2017 des Martin Schulz attraktiv. Auch die sozialistische Regierung in Frankreich schlägt diese Töne an. Bei seinem Besuch in Deutschland hat der französische Staatssekretär für Wirtschaftsfragen, Christophe Sirugue, kürzlich vorgeschlagen, Deutschland und Frankreich mögen gemeinsam gegen Übernahmen heimischer Unternehmen vorgehen und diese im Zweifel untersagen. Auf Zollschranken solle man mit Zollschranken antworten. Und er schlägt vor, Roboter in Unternehmen zu besteuern, um Arbeitsplätze zu retten. Was Schulz und seinen französischen Parteifreund eint, ist die Unkenntnis oder die Vernachlässigung der Folgen ihrer Forderungen.

Der französische Ökonom Frédéric Bastiat hat dies Phänomen im frühen 19. Jahrhundert mit der treffenden Formulierung „Was man sieht und was man nicht sieht“ beschrieben. Von der Wirkung dieser Maßnahmen sei nur die erste direkt, sie zeige sich gleichzeitig mit ihrer Ursache: man sieht sie. Die anderen entwickeln sich erst nach und nach: man sieht sie nicht. Bastiat wählt zur Veranschaulichung seiner Überlegungen das Beispiel einer zerbrochenen Scheibe. Er fragt: Was würde aus den Glasern, wenn man niemals Scheiben zerschlüge? Durch zerbrochene Fenster haben die Glaser mehr Arbeit und damit mehr Einkommen. Die positive Wirkung für die Glaser sei, so Bastiat, sofort sichtbar. Was man dagegen nicht sieht, ist, dass derjenige, der die Scheibe ersetzen muss, mit seinem Geld auch eine alternative Verwendungsmöglichkeit gehabt hätte, wäre die Scheibe nicht zerbrochen. Vielleicht hätte er sich, anstatt seine abgelaufenen Schuhe weiter tragen zu müssen, neue Schuhe kaufen können. Wäre die Scheibe heil geblieben, hätte er eine Scheibe und neue Schuhe besessen. Zerstörung führt daher zu keinem Wohlstand.

So ist es auch bei Schulz und seinem französischen Parteifreund. Wenn die SPD in einer Regierung die Dauer des Arbeitslosengeldes erhöht, dann hilft das dem Einzelnen, der gerade entlassen wurde. Das ist die Wirkung, die man sieht. Die andere ist diejenige, die man nicht sieht oder sehen will: Konzerne werden die Verlängerung für Frühverrentungsprogramme nutzen und ältere Arbeitnehmer zu Lasten der Arbeitslosenversicherung in den Vorruhestand schicken. Die Ausgaben der Arbeitslosenversicherung steigen so an, und anschließend müssen das alle Arbeitnehmer und die kleinen und mittleren Unternehmen bezahlen.

Die Befristung von Arbeitsverträgen zu beschränken, hilft dem Einzelnen, der gerade in solch einem Arbeitsverhältnis beschäftigt ist und noch nicht gekündigt wurde. Das ist die Wirkung, die man sieht. Die andere ist diejenige, dass Spitzen in der Auftragslage von Unternehmen nicht mehr flexibel aufgefangen werden können. Die Unternehmen müssen sich dann etwas anderes einfallen lassen. Vielleicht verlagern sie ihre Produktion ins Ausland, vielleicht müssen die verbliebenen Mitarbeiter mehr Überstunden machen, oder vielleicht können die Unternehmen den Auftrag gar nicht mehr bedienen.

Und die Besteuerung von Robotern macht die Automatisierung in der Industrie teurer und damit personalintensive Produktion relativ gesehen preiswerter. Arbeitsplätze werden erst einmal gesichert. Das ist das was man sieht. Was man nicht sieht, ist, dass Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren und im schlimmsten Fall ganz vom Markt verschwinden oder wiederum ihre Produktion in andere Länder ohne Robotersteuer verlagern. Und auch den Zollschranken des einen mit Zollschranken des anderen zu antworten ist falsch. Bastiat schrieb 1846 in einer Glosse über die Forderung der Kerzenmacher, die in einer Petition den Schutz vor der Konkurrenz der Sonne forderten. Die Kerzenmacher appellieren an das Parlament: „Verfahren Sie logisch, denn wenn Sie schon Steinkohle, Eisen, Getreide und ausländisches Gewerbe ausschließen, …, wie konsequent würde es da sein, den ganzen Tag lang das Sonnenlicht zuzulassen …“

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Fuldaer Zeitung.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 7 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

7 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Cooper8
7 Jahre her

Sie können mit dem, was Sie schreiben kein einziges reales Problem lösen!
Erklären Sie doch einfach mal, wie die Eurozone aus der Rezession entkommen und die Arbeitslosigkeit im gemeinsamen Wirtschaftsraum vermindert werden soll.

Cooper8
7 Jahre her

Glauben Sie einfach, was Sie wollen und basteln sich die Realität, wie Sie ihnen gefällt.
Ich halte mich an harte Fakten und korrekte wissenschaftliche Arbeit.
Bei diesen Kriterien bleibt eben in der Ökonomik nur die Lehre von Keynes übrig und das, was andere Wissenschaftler rund um seine Lehre weiter entwickelt haben.
Empirisch ist es auch ganz eindeutig zu belegen, dass die Lehre von Keynes am besten funktioniert.

KoelnerJeck
7 Jahre her

Die Analyse von Keynes ist aber falsch, weil von Top-Down. Nur das Indiduum kann seine Ziele kennen. Die Analyse muss von Buttom-Up gehen. Das machen nur die Österreicher.

Cooper8
7 Jahre her
Antworten an  KoelnerJeck

Ihre österreichischen Ökonomen hat Keynes genauso wie alle anderen klassischen/ neoklassischen Ökonomen auch bereits vor rund 100 Jahren theoretisch widerlegt.
Hayek ist doch ein geistiger Vater des Neoliberalismus, der für das heutige Chaos und das Desaster in der Eurozone verantwortlich ist.

Cooper8
7 Jahre her

In welchem meiner Kommentare habe ich einen Zusammenhang nicht klar und deutlich begründet? Wenn ihnen mein Kommentar zu einer rationalen Lohnpolitik nicht ausreicht, dann sollten Sie das Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ von Flassbeck/ Spiecker lesen. Im Mittelmeerraum wird seit 2010 die Anwendung der neoklassischen Lehre durch die Troika erzwungen. Die Prognosen der neoklassischen Ökonomen sind seitdem komplett falsch. Die reale Entwicklung entspricht dem, was Flassbeck/Spiecker wissenschaftlich korrekt erarbeitet haben. Die Agenda 2010 Politik wurden von der Bundesregierung, den Gewerkschaften und den Verbänden der Unternehmen beschlossen? Eine Agenda 2025 Politik mit umgekehrtem Vorzeichen soll nicht möglich sein? Frankreich ist das… Mehr

Cooper8
7 Jahre her

Wo ist der Bezug zu meinem Kommentar?
Empirisch nachweisbar (hatte ich ihnen bereits mit einem Link gezeigt) besteht eine hohe Korrelation zwischen einer angemessenen Entlohnung der Arbeitnehmer, in dem der Fortschritt in der Produktivität immer an die Arbeitnehmer gehen muss, und dem Wachstum des BIP.
Seit den 90 er Jahren sind die realen Löhne in diesem Land kaum gestiegen.
Das ist auch sichtbar in unserem Land. Das Durchschnittsalter der Autos ist ziemlich hoch. Das Wachstum der Discounter steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit den zu niedrigen deutschen Löhnen.

Johann Vetter
7 Jahre her

Ein verheirateter Lehrer in A 15 (realistisch am Gymnasium) erhält in Bayern nach Tabelle 2016 in der Endstufe sozialversicherungsfreie 6.090,15 Euro brutto (ohne Berücksichtigung weiterer Zuschläge für Kinder, etc.). Netto ergibt sich laut Netto-Rechner 4.789,27 Euro (ohne Berücksichtigung steuermindernder Werbungskosten, etc.).
Eine Friseurin erhält ca. 1.500 Euro brutto und ca. 1.100 Euro netto.