Hat die AfD ihren Zenit erreicht?

Nicht ihre politischen Themen bremsen die neue Volkspartei in Ost und West aus, sondern Personalquerelen, Streitigkeiten, schwaches Krisenmanagement, falsche Taktik und mangelnde Professionalität im Auftreten.

IMAGO

Eigentlich war der Wahlabend in Baden-Württemberg ein Heimspiel für die Alternative für Deutschland. Sie hat sich trotz Anti-AfD-Kampagnen nahezu verdoppelt. Doch statt in der Berliner TV-Runde live dabei zu sein, ließ sich Parteichefin Alice Weidel am Abend ihres Erfolges aus Stuttgart zur Wahlauswertung mit den Spitzenvertretern von CDU, SPD und Grünen nur hinzuschalten. Kann man machen, ist aber fern der Studiosituation nicht sehr geschickt.

Schließlich wirft Weidel dabei der SPD ihr katastrophales Ergebnis von nur noch 5,5 Prozent vor, das ist okay. Aber sie glaubt, so sicher zu sein, den bis dato unbekannten SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf persönlich anzugehen: „Ich habe Sie irgendwie noch nie gesehen. Aber ich glaube, Sie sind von der SPD, nicht wahr?“ Doch Frischling Klüssendorf von der schwindsüchtigen SPD kontert cool mit ihrem Wohnsitz in der Schweiz: „Wenn Frau Weidel ihren Wohnsitz in Deutschland hätte, dann würde sie mich vielleicht kennen.“ Patsch, das hat gesessen.

Die AfD leidet unter mangelnder Professionalität

Im Hochgefühl von Wahlsieg zu Wahlsieg geht den AfD-Spitzen oft Professionalität und Pflicht für die sie wählenden Bürger abhanden. Dabei müsste eine Partei, die unter Dauerfeuer vor einem antidemokratischen Schutzwall der Blockparteien von CDU, CSU, SPD, FDP, Grünen und Ex-SED-Linken steht, bedacht sein, ihren Gegnern nicht noch die Munition frei Haus zu liefern.

Doch das passiert in letzter Zeit immer öfter, ob verkorkste Wahlkämpfe, innerparteilicher Streit, falsche Taktik, Personalquerelen oder unprofessionelle Auftritte. Erfolg macht eben leichtsinnig. Dabei gerät die eigentliche Aufgabe der AfD, die Vertretung von Volkes nicht gehörter Stimme in den Parlamenten, zum Frust ihrer Wähler in den Hintergrund.

Denn die AfD-Themen wie Innere Sicherheit, Begrenzung der Migration, deutsche Leitkultur, Energie- und Wirtschaftspolitik mit Verstand statt Klimaideologie stehen bei den meisten Bürgern an erster Stelle. Dafür senden sie mit ihrer Stimme die AfD-Volksvertreter in die Parlamente.

Nur was erlauben sich die Spitzenkandidaten der Alternative? Statt in den letzten Tagen im Wahlkampf noch einmal alles zu geben, angesichts vieler unentschlossener Wähler, reiste Baden-Württembergs AfD-Spitzenmann Markus Frohnmaier einfach in die USA, weil der Abgeordnete Frohnmaier im Bundestag auch außenpolitischer Sprecher der Fraktion ist, und ganz nah an der US-Administration dran sein möchte. Das kann er sicher machen, aber nicht jetzt!

Man könnte sagen, er schwänzte einfach mehrere Tage in der Woche direkt vor seiner Landtagswahl und verpasste so auch noch den Wahlkampf-Abschluss. Die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla standen in Rottweil stattdessen ohne Spitzenkanditen allein auf der Bühne herum. Frohnmaiers Motto: Wählt mich, aber ich bin kurz mal weg.

Das ist höchst unprofessionell und ein politisches No-Go. Frohnmaier hat schließlich für seine Wähler da zu sein, die mit ihm eine Hoffnung auf Wandel verbinden. Mehr noch: Der Spitzenkandidat bleibt im Bundestag und geht nicht in den Landtag, weil er nur Ministerpräsident werden wollte. Was für eine krude Taktik.

Vielleicht verlor die AfD auf diese Weise wichtige Prozente, denn das Wahlergebnis wäre mit einem seriösen Auftritt sicher besser ausgefallen. Das wird inzwischen auch im Bundesvorstand so gesehen. Aber der hat ja mit Intrigen in Landesverbänden derzeit selber Probleme.

Zwar konnte die AfD sich bei der jüngsten Landtagswahl in Baden-Württemberg mit 18,8 Prozent fast verdoppeln im Vergleich zum Wahljahr 2021, aber ihr Topergebnis zur Bundestagswahl 2025 mit 19,8 Prozent war nicht mehr drin. Dabei hatten die Erfurter Meinungsforscher von INSA – meist ziemlich genau in ihren AfD-Prognosen – der Alternative für Deutschland eine Woche vor der Landtagswahl sogar 20 Prozent vorausgesagt.

Auch bei der kommenden Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 22. März kann die AfD laut Umfragen mit bislang 19 Prozent womöglich ihr Rekordergebnis zur Bundestagswahl Ende Februar 2025 von 20,1 Prozent nicht mehr erreichen.

Insofern war das persönliche Wegtreten von Spitzenkandidat Frohnmaier kurz vor der Wahl ein Fehler und amateurhaft für eine Partei, die von „unserer Demokratie“ mit allen Mitteln und dem Verfassungsschutz bekämpft wird.

Offensichtlich kann ein Teil des AfD-Personals mit dem Auftrag und der Hoffnung ihrer Wähler nicht anständig umgehen.

Auch bei jüngsten Kommunalwahlen im konservativen Bayern riss die AfD personell keine Bäume aus. Anders als im Osten kann sie nach den vorläufigen Ergebnissen der Kommunalwahl keinen Landrat, Oberbürgermeister oder ersten Bürgermeister in einer der großen Kommunen Bayerns stellen.

Bei den nun anstehenden Stichwahlen spielt die AfD keine Rolle mehr. In keinem Landkreis, keiner kreisfreien Stadt und keiner Gemeinde mit mehr als 10.000 Einwohnern landete ein AfD-Bewerber auf den ersten beiden Plätzen. Damit gibt es keine Teilnahme an Stichwahlen in der entscheidenden zweiten Runde.

Immerhin konnte die AfD die Zahl ihrer Mandate in den Stadt- und Gemeinderäten sowie in den Kreistagen vielerorts mehr als verdoppeln. Allein in Nürnberg kletterte ihr Stimmenanteil von 5,69 Prozent bei der Wahl 2020 auf nun 13,5 Prozent.
Bayernweit legte die AfD in den Landkreisen und kreisfreien Städten im Vergleich zur Wahl 2020 von 4,7 auf 12,2 Prozent zu. Ihr Rivale CSU hingegen kassierte das schlechteste Ergebnis (32,5 %) seit 75 Jahren. Ganz unten an der kommunalen Basis funktioniert offensichtlich der persönliche Auftritt.

Wo es nicht richtig funktioniert, ist immer noch der Landesverband Niedersachsen. Nach vielen Personalquerelen hat mit Parteichef und Fraktionsvize Ansgar Schledde ein machtbewusster Organisator das Zepter übernommen. Einige Zeit ging es gut, doch dieser Tage tobt ein schlimmer innerparteilicher Streit. Eine Rebellen-Gruppe um die Europaabgeordnete Anja Arndt wirft Schledde in einem Brandbrief an den Bundesvorstand ein finanziertes Terror-Netzwerk“, schwarze Kassen und parallele Organisationsstrukturen vor. Schon die Wortwahl „Terror“ zeigt, sachlich geht es in der AfD oft nicht zu. Niedersachsen ist schließlich nicht der Iran.

Der Landesvorstand wehrt sich daher vehement gegen die Vorwürfe von „frustrierten Mitgliedern“, die seien „haltlos“ und „bösartig“. Parteiordnungsverfahren gegen die Aufmüpfigen folgen. Die Anti-AfD-Medien verbreiten jedoch inzwischen genüsslich den Begriff „Schlammschlacht“. Doch all das ist hausgemacht.

Gut 13 Jahre nach ihrer Gründung liegt die bunt zusammengewürfelte Alternative für Deutschland mancherorts noch immer mit sich selbst im Clinch. Dabei müsste die AfD beim Bau des antidemokratischen Schutzwalls gegen sie – auch Brandmauer genannt – wie ein Mann zusammenstehen, getreu des bewährten Credos: Einigkeit macht stark.

Denn dem Wähler sind diese persönlichen Intrigen völlig egal, die AfD soll gefälligst ihre Interessen in Zeiten der Deutschland-Krise vertreten. Obendrein wollte die AfD anders oder alternativ als die etablierten Parteien sein. Im Streit untereinander holt sie jedoch die Anderen jetzt schnell ein.

Hinzu kommen Personalprobleme bei absoluten Spitzenkandidaten wie den talentierten Bewerber ums Ministerpräsidentenamt in Sachsen-Anhalt Ulrich Siegmund zur Unzeit. Dabei lehrt der smarte 35-Jährige studierte Betriebswirt und Familienvater mit seinem wortgewandten und intelligenten Auftreten den Blockparteien im Magdeburger Parlament gewaltig das Fürchten. Mit Spitzenkandidat Siegmund erreicht die AfD jetzt bis zu 40 Prozent in den Umfragen und das Ministerpräsidentenamt ist zumindest nicht völlig unwahrscheinlich.

Im Super-Wahljahr sind die Anti-AfD-Medien jedoch hellwach. So berichtete ZDF frontal Anfang Februar, dass Siegmunds Vater im Büro des AfD-Bundestagsabgeordneten Thomas Korell aus Sachsen-Anhalt für ein gutes Salär arbeite. In den Medien läuft das dann schnell unter „Verwandten-Affäre“. Rein rechtlich gibt es da nichts zu mäkeln, aber für einen Ministerpräsidenten-Bewerber sind solche Vorwürfe schädlich. Bei einem Hinterbänkler im Landtag wäre das wohl eine Petitesse, doch für einen Spitzenkandidaten ist das ein politisches No-Go.

Einziger Vorteil für Siegmund: Der Fall ist gleich zu Beginn des Jahres bei den Medien durch. Allerdings wird er sicher vor Sachsen-Anhalts Wahlen am 6. September von politischen Gegnern und Medien wieder in Dauerschleife aufgewärmt. Auch dieser Fall zeigt, unprofessionelles Verhalten führt zu dummen Fehlern und liefert den Gegnern die Munition im Kampf gegen die AfD frei Haus.

Obendrein bleibt die Personalauswahl ein Problem. Wer so unter Dauerfeuer wie die AfD steht, muss oft Bewerber nehmen, die erst einmal bereit sind, überhaupt für die Partei zu kandidieren. So gibt es in den Parlamenten oft gleich nach Wahlen fragwürdige Mandatsträger, die verärgert über zu den Personalstreit wieder aus der AfD austreten und als Fraktionslose dann gescheitert in den Parlamenten sitzen. Warum eigentlich? Für welche Themen die AfD steht und sie eintritt, weiß doch fast jeder Wähler. Weshalb nicht die Kandidaten? Dennoch bleibt ein zerrissener Eindruck, den die Medien dann gerne verbreiten.

Hinzu kommen in verschiedenen Landesverbänden so genannte Überkreuz-Anstellungen von Angehörigen, die zwar erlaubt sind, aber ein Geschmäckle haben. Die CSU hatte hier schon früher damit Schlagzeilen verursacht.

Der AfD fehlt immer noch der politische Instinkt

Ein gesunder Instinkt mit dem Umgang von Medien, wie ihn Helmut Kohl hatte, scheint bei AfD-Spitzen auch noch nicht richtig vorhanden. So plauderte AfD-Chef Tino Chrupalla beim Medienempfang im Bundestag ziemlich leuchtselig mit der Hauptstadtpresse, die ihm mit Sicherheit nichts Gutes will, sondern nur neue Munition gegen die AfD sammelt. Ein Versprecher hier und ein vermeintlich schlimmes Wort da, wer weiß, wann das wieder verwendet werden kann. Bundeskanzler und CDU-Chef Helmut Kohl, von der „linken Kampfpresse“ ständig attackiert, wie sie sein Umfeld damals nannte, ignorierte konsequent die „Magazine“ aus Hamburg, weil Spiegel und Stern im ständigen Kampfmodus gegen ihn arbeiteten. Überzeugen konnte er die rot-grünen Journalisten ohnehin nicht mit seinen Argumenten. Also ließ er sie links liegen.

Alles, was sie sagen, kann gegen sie verwendet werden!

Eigentlich müsste die AfD aus dem politischen Alltag anderer Parteien lernen, die von Medien mitten im Wahlkampf mit vermeintlichen Affären und Fehltritten an den Pranger gestellt werden.

Linksgrün orientierte Medien vor allem die Öffentlich-Rechtlichen tun alles, um Kandidaten und Politiker rechts der Mitte zu bekämpfen. Ja, da wird gekämpft und nicht mehr journalistisch gearbeitet. So ist es den Medienaktivisten auch gelungen den grünen Spitzenkandidaten Cem Özdemir in den Wochen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg nach oben zu senden und zu schreiben. Lediglich ein von einer Grünen-Politikerin verbreiteter acht Jahre alter Videoschnipsel im Netz von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel, der über „rehbraune Augen“ einer Schülerin schwärmt, reichte, um ihn die Prozente fürs Ministerpräsidentenamt zu rauben.

Auch FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle wurde vor der Bundestagswahl 2013 vom Stern eine angebliche wie lächerliche verbale Sexismus-Äußerung gegenüber einer Reporterin mit einem Jahr Verspätung angehangen.
Die Folge: Es fehlten der FDP 0,2 Prozent für den Wiedereinzug in Bundestag und um in der Regierung zu bleiben, denn Schwarz-Gelb hätte weiter eine Mehrheit gehabt.

Früher mussten vor allem FDP-Spitzenpolitiker wie Guido Westerwelle ständig vorausdenken. Vor der AfD gehörte die FDP regelrecht zum Hassobjekt vieler Journalisten. Selbst dem großen Rhetoriker Westerwelle geriet mancher Satz außer Kontrolle, obwohl er wusste: „Alles, was sie sagen, kann gegen sie verwendet werden!“

Allein aus diesen Erfahrungen müssten AfD-Politiker wissen, persönlichen Leichtsinn und unprofessionelles Handeln, können sie sich ganz und gar nicht leisten. Die AfD muss sich klar werden, dass sie ein Volkspartei und keine Randgruppe mehr ist. Oft fehlt der AfD noch der politische Instinkt, obwohl sie lange genug im politischen Geschäft arbeitet. Wenn sie jedoch als Volkspartei weiter wachsen will, muss sie sich wieder der Verantwortung für ihre Wähler bewusst werden, und professionell deren Interessen in den Parlamenten vertreten, anstatt sich innerparteilich zu streiten oder sich öffentlich zu blamieren.

Ansonsten hätte sie jetzt ihren Zenit erreicht. Wichtige Veränderungen wären dann nicht mehr in Sicht. Es bliebe nur noch ihre Aufgabe mit jeder Stimme für die AfD den Verantwortlichen für die schlimme Lage Deutschlands, den selbst ernannten demokratischen Parteien, Mandate, Geld und Einfluss in den Parlamenten zu entziehen.

Denn Volkes Wille tangiert die sogenannten Demokraten nur äußerst peripher.

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