Die Welt könnte vor dem Übergang von der bemannten zur unbemannten Kriegsführung stehen. Heinz Bannasch erklärt, warum nicht die Drohne kriegsentscheidend werden dürfte, sondern wer das Zusammenspiel aus Robotik, KI, Autonomie – und deren Abwehr – zuerst beherrscht.
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Drohnen werden Panzer, Artillerie, Flugzeuge und Soldaten nicht einfach ersetzen. Dennoch könnten wir an einem historischen Wendepunkt der Kriegsführung stehen. Das denkbare Spektrum reicht von Tausenden kooperierenden Flug-, Land- und Seedrohnen bis zu gemeinsam operierenden Robotersystemen.
1. Wenn neue Waffen Kriege verändern
Neue Waffen haben die Kriegführung immer wieder grundlegend verändert. So demonstrierte der englische Langbogen bei Crécy 1346 die Verwundbarkeit schwer gepanzerter Ritter. Das Zündnadelgewehr bei Königgrätz 1866 verschaffte Preußen einen entscheidenden Feuerkraftvorteil. Im Ersten Weltkrieg machte das Maschinengewehr traditionelle Massenangriffe extrem verlustreich und wurde zu einem Symbol des industrialisierten Stellungskrieges.
Ab 1986 veränderte die amerikanische Stinger-Flugabwehrrakete den Krieg in Afghanistan: Sie machte den sowjetischen Lufteinsatz erheblich gefährlicher und wurde zu einem wichtigen militärischen Faktor in der Endphase des Krieges.
Dies sind nur vier Beispiele aus vielen Jahrhunderten.
Heute könnte eine vergleichbare technologische Revolution stattfinden: die Drohne.
2. Deutschland – von der Ächtung der Drohnen zur Aufholjagd
Noch vor wenigen Jahren lehnten Linke und Grüne bewaffnete Drohnen für die Bundeswehr ab; die Linke forderte sogar ihre internationale Ächtung.
Inzwischen hat sich die Situation grundlegend verändert. Mit Helsing, Quantum Systems und STARK wuchsen deutsche Drohnen- und Defence-Tech-Unternehmen innerhalb weniger Jahre erheblich.
Ein Grund für diese Geschwindigkeit: Moderne Drohnen basieren zu einem erheblichen Teil auf COTS-Komponenten – „Commercial off the Shelf“. Das sind handelsübliche Bauteile wie Elektromotoren, Akkus, Kameras, Sensoren, Flugcontroller, Funkmodule, Antennen und Computerchips.
Viele Komponenten stammen damit nicht aus jahrzehntelanger Rüstungsentwicklung, sondern aus der zivilen Massenproduktion. Die eigentliche militärische Innovation entsteht zunehmend durch ihre Kombination mit Software, KI, Sensorfusion und autonomer Steuerung.
Dadurch lassen sich neue Systeme wesentlich schneller entwickeln und verändern als viele klassische Großwaffensysteme. Der Ukrainekrieg wurde zugleich zum gigantischen Entwicklungs- und Erprobungsfeld.
2026 schloss die Bundeswehr Verträge über Loitering Munition mit Helsing, STARK und Rheinmetall. Sie selbst spricht von einem möglichen „Gamechanger“.
3. Das Spektrum der Drohnen
„Drohne“ bezeichnet keine einzelne Waffe. Das Spektrum reicht vom wenige Kilogramm schweren FPV-Fluggerät bis zum tonnenschweren unbemannten Waffenträger.

Die Entwicklung reicht damit von Pilot → Funk → Drohne über GPS → Glasfaser → Bilderkennung → KI bis möglicherweise zu 1 Bediener → autonomer Drohnenschwarm.
4. Warum das revolutionär ist
Entscheidend ist nicht nur die Leistung einzelner Drohnen, sondern ihr Preis-Leistungs-Verhältnis.
Eine relativ billige FPV-Drohne kann einen millionenschweren Panzer bedrohen. Eine Shahed greift über große Entfernungen Infrastruktur an. Loitering Munition verbindet Aufklärung und Angriff in einem System.
Noch wichtiger könnte KI werden. Wenn Navigation, Zielerkennung und Koordination zunehmend automatisiert werden, sinkt der Personalbedarf.
Neben Reichweite und Sprengkraft wird damit eine neue Größe entscheidend: Wie viele intelligente Waffen kann eine Seite gleichzeitig einsetzen?
DIE DROHNENABWEHR
5. Erst finden – dann bekämpfen
Kleine Drohnen fliegen niedrig, haben eine geringe Radarsignatur und können Gelände oder Gebäude als Deckung nutzen.
Auch Funkortung reicht nicht mehr aus: Eine Glasfaserdrohne benötigt keine Funkverbindung, autonome Systeme können ihre Abhängigkeit von Funk und Satellitennavigation weiter reduzieren.
Moderne Abwehr kombiniert deshalb: Radar + Funkortung + Kamera + Wärmebild + teilweise Akustik.
Anschließend gibt es zwei grundsätzliche Möglichkeiten: Softkill oder Hardkill.
Softkill bedeutet, die Drohne nicht zu zerstören, sondern ihre Steuerung, Kommunikation oder Navigation elektronisch zu stören oder zu täuschen.
Ein Jammer ist ein Störsender. Er überlagert beispielsweise die Funkverbindung zwischen Pilot und Drohne oder das Satellitennavigationssignal mit Störsignalen.
Ein Spoofer täuscht dagegen falsche Signale vor. Der Drohne kann dadurch beispielsweise eine falsche Position vorgespiegelt werden.
Hardkill bedeutet, die Drohne physisch zu bekämpfen und zu zerstören – etwa durch Kanonen, Raketen, Abfangdrohnen oder Laser.
Jamming → Signal stören. Spoofing → Signal täuschen. Hardkill → Drohne zerstören.

Der technologische Wettlauf zeigt sich besonders deutlich: Gegen eine funkgesteuerte FPV-Drohne kann ein Jammer genügen. Die Glasfaserdrohne umgeht diese Abwehr; autonome Navigation reduziert wiederum die Abhängigkeit von GPS.
Dann muss die Drohne zunehmend physisch bekämpft werden.
7. Kanone, Abfangdrohne, Laser oder Mikrowelle?
Die klassische Kanonenflugabwehr nach dem Prinzip Gepard/Skyranger erlebt eine Renaissance. Moderne Radare, Feuerleitsysteme und programmierbare Munition machen sie für kleine Luftziele interessant.
Noch konsequenter ist Drohne gegen Drohne. Abfangdrohnen verfolgen Angreifer und zerstören oder rammen sie. Das deutsche Unternehmen Quantum Systems erhielt 2026 einen Auftrag über 15.000 Abfangdrohnen für die Ukraine.
Laser könnten die Kostenrechnung weiter verändern: Statt einer teuren Rakete wird Energie auf das Ziel konzentriert. Israel entwickelt mit Iron Beam ein Hochenergie-Lasersystem der 100-kW-Klasse. Grenzen bleiben Wetter, Sichtlinie, Kühlung und Energieversorgung.
Noch weiter gehen Hochleistungsmikrowellen. Während ein Laser meist ein Ziel nach dem anderen bekämpft, könnten elektromagnetische Systeme die Elektronik mehrerer Drohnen innerhalb eines Wirkbereichs beeinträchtigen.
Gerade gegen Schwärme wäre das von großer Bedeutung.
8. Die Ökonomie des Drohnenkrieges
Die Kosten werden mindestens ebenso wichtig wie die technische Leistungsfähigkeit.
Eine Angriffsdrohne für einige Tausend Euro mit einem Flugabwehrflugkörper für Hunderttausende oder Millionen Euro abzuschießen, kann militärisch notwendig sein – dauerhaft ist dieses Austauschverhältnis jedoch problematisch.
Deshalb sind Kanonen, Abfangdrohnen, Laser und Mikrowellen so interessant.
Beim Laser kostet ein zusätzlicher Schuss im Wesentlichen elektrische Energie. Mikrowellen könnten sogar mehrere elektronische Ziele gleichzeitig beeinflussen.
Der Wettlauf zwischen Angriff und Abwehr lässt sich vereinfacht so darstellen:
Funkdrohne
↓ Bekämpfung: Jammer / Störsender
Glasfaserdrohne
↓ Bekämpfung: Kanone / Abfangdrohne
Autonome Drohne
↓ Bekämpfung: Abfangdrohne / Kanone / Laser
Drohnenschwarm
↓ Bekämpfung: Laser / Hochleistungsmikrowelle / mehrschichtige Abwehr
Das Grundprinzip bleibt: Auf eine neue Drohnentechnik folgt eine neue Abwehr – und auf die neue Abwehr wiederum die nächste Drohnengeneration.
9. Der Wendepunkt zur unbemannten Kriegsführung?
Drohnen werden Panzer, Artillerie, Flugzeuge und Soldaten nicht einfach ersetzen. Dennoch könnten wir an einem historischen Wendepunkt der Kriegsführung stehen.
Was heute vor allem am Himmel sichtbar wird, breitet sich auf alle Räume aus:
Luft: Aufklärungs-, Kampf-, Abfang- und Schwarmdrohnen.
Wasser: unbemannte Über- und Unterwasserfahrzeuge.
Land: autonome Fahrzeuge und bewaffnete Bodenroboter.
Menschliche Gestalt: humanoide Roboter, die künftig bestimmte gefährliche Aufgaben von Soldaten übernehmen könnten.
Entscheidend ist die Verbindung von KI, Sensorik und Autonomie. Aus dem ferngesteuerten Gerät wird zunehmend eine Maschine, die ihre Umgebung wahrnimmt, navigiert, Ziele oder Objekte erkennt und sich mit anderen Systemen koordiniert. Welche Entscheidungen über den Waffeneinsatz Maschinen treffen
dürfen, bleibt eine zentrale rechtliche und ethische Frage.
Der Ukrainekrieg könnte rückblickend daher nicht nur als erster großer Drohnenkrieg erscheinen, sondern als Beginn des Übergangs von der bemannten zur zunehmend unbemannten Kriegsführung.
Das denkbare Spektrum reicht von Tausenden kooperierenden Flug-, Land- und Seedrohnen bis zu gemeinsam operierenden Robotersystemen.
Der technischen Phantasie scheinen kaum Grenzen gesetzt.
Vielleicht ist deshalb nicht die Drohne allein die neue kriegsentscheidende Waffe.
Kriegsentscheidend könnte werden, wer das Zusammenspiel aus Robotik, KI, Autonomie – und deren Abwehr – zuerst beherrscht.
Heinz Bannasch ist Physikingenieur und ehemaliger Industrie-Manager – u.a. als Prokurist bei der Rheinmetall Waffe Munition GmbH und verbundenen Unternehmen im Rüstungs- und Pyrotechnikbereich. Er unterstützt weiterhin technisch Projekte in diesem Umfeld (z. B. Radar- und Täuschkörpersysteme).

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