Der Vollzeit-Arbeiter ist der Dumme

Zur ganzen Wahrheit gehört, dass die Arbeitszeit-Minimierer Trittbrettfahrer der übrigen Beschäftigten sind, die mit ihren höheren Beitragszahlungen die Sozialkassen liquide halten.

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Die meisten Menschen wollen arbeiten. Doch viele wären über eine kürzere Arbeitszeit froh. Weniger Arbeit bedeutet mehr Zeit – für die Familie, für Hobbys, für ehrenamtliches Engagement, für sich selbst. Arbeitgeber und Gewerkschaften tragen dem Wunsch nach mehr freier Zeit zunehmend Rechnung. In der Metall- und Elektroindustrie, bei Post oder Bahn bieten die Tarifverträge die Möglichkeit, die Zahl der Arbeitsstunden zu reduzieren oder Tariferhöhungen in Freizeit umzuwandeln.

Von diesen Möglichkeiten wird rege Gebrauch gemacht. Dabei nehmen die Arbeitnehmer in Kauf, dass ihnen am Monatsende weniger Gehalt überwiesen wird. Manchem ist mehr Freizeit das wert. Andere nehmen das eher zähneknirschend in Kauf, weil die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Eltern ihnen wichtiger ist als ein höheres Haushalteinkommens.

Wer freiwillig weniger arbeitet als die in seiner Branche üblichen 38 oder 35 Stunden, der spart auch Geld. Denn Arbeitnehmern werden rund 20 Prozent ihres Gehalts an Beiträgen zur Renten-, Kranken- Pflege- und Arbeitslosenversicherung abgezogen – jedenfalls bis zur Beitragsbemessungsgrenze von monatlich 6.700 (Osten: 6.150) Euro bei der Renten- und Arbeitslosenversicherung und rund 4.500 Euro bei der Kranken- und Pflegeversicherung. Sinkt also das Bruttoeinkommen wegen der aus Sicht der Arbeitnehmer verbesserten „Work-Life-Balance“, entgehen den Sozialkassen Beitragseinnahmen.

Was der für mehr Freizeit optierende Beschäftigte heute spart, kostet ihn freilich Rentenpunkte und führt später zu niedrigeren Altersbezügen. Das ist bei entsprechend hohen Rentenansprüchen die Privatangelegenheit der Betroffenen. Sollte jemand später aber in die Grundsicherung fallen, muss die Allgemeinheit das ausgleichen, was er wegen seines erhöhten Freizeitbedürfnisses weniger in die Rentenkasse eingezahlt hat. In diesem Fall werden die Kosten der privaten Freizeitpräferenz an die Beitrags- und Steuerzahler weitergereicht.

Noch gravierender fällt die Belastung der Krankenkassen durch den gestiegenen Freizeitdrang von Angestellten und Arbeitern aus. Wenn jemand nach der Arbeitszeitreduzierung 1.000 Euro im Monat weniger verdient, sinkt sein Krankenkassenbeitrag; die Leistungen der Kasse bei Krankheit oder im Fall von Pflegebedürftigkeit werden aber nicht reduziert. Die Einnahmeausfälle müssen demnach von der Gesamtheit der Beitragszahler getragen werden, gegebenenfalls durch Beitragserhöhungen. Auch hier werden die Kosten des Deals „Freizeit statt Geld“ vergesellschaftet.

Die schönen neuen Möglichkeiten zur individuellen Verringerung der Arbeitszeit passen zu einer Gesellschaft, in der das Jammern über Überlastung und „burn out“ fast zum guten Ton gehört und in der Selbstverwirklichung groß geschrieben wird. Viele Tarifverträge und unzählige betriebliche Teilzeitmodelle erhöhen deshalb die Wahlmöglichkeiten der Beschäftigten. Ja, sie machen sie freier bei der Gestaltung ihres Lebens und erleichtern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das alles ist im Grunde positiv. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass die Arbeitszeit-Minimierer Trittbrettfahrer der übrigen Beschäftigten sind, die mit ihren höheren Beitragszahlungen die Sozialkassen liquide halten. Anders ausgedrückt: In der schönen neuen Teilzeit-Arbeitswelt ist der Vollzeit-Arbeiter der Dumme.

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Kommentare ( 115 )

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Ja aber hallo! In der Generation meiner Eltern hätte nie jemand darüber nachgedacht, Stunden zu reduzieren. Denn: Die Arbeit war nicht so auslaugend wie heute, so sinnlos wenn man sich anschaut wohin die Gelder fließen. Zu Hinz und Kunz nach China und Afrika aber nicht in die Schulen, Straßen, etc. Es hat sich damals einfach gelohnt mehr zu arbeiten. Freizeit war genug, die Frau hatte das Haus ja im Griff. Deutschland war „geil“ – hatte jemand Klassenkameraden deren Eltern kein Haus und Auto hatten, die nicht in Urlaub fuhren? Das war höchst unüblich. Und heute findet man die Doppeleinkommen-Akademiker mit… Mehr

Bis ich ins Rentenalter komme krieg ich eh nix mejr und muss weiterarbeiten also was solls

Seit 2015 reduziere ich rigoros meine Privatausgaben, sogar mit dem Rauchen hab ich aufgehört. Heute habe ich nur noch die Hälfte an Ausgaben und arbeite in Teilzeit.
Wenn man die Kommentare hier liest, dann empfinde ich große Freude und fühle mich bestätigt: „Wir sind mehr!“.

Das nationale Vermögen der Bundesrepublik ist das Eigentum der Staatsbürger. Der Staat erfüllt seit Jahren seine Verpflichtung als Treuhänder nicht, indem er Ausländern willkürlichen und leistungslosen Zugriff auf dieses Vermögen nur aufgrund ihrer Einreise gewährt und diesen dafür nicht einmal die Pflicht, sich auszuweisen, auferlegt. Solche Treuhänder gehören entlassen, bevor sie noch mehr vom Besitz anderer Leute veruntreuen. Wenn die Mehrzahl der faktisch Enteigneten sich zu dieser Kündigung nicht entschliesst, bleibt dem Einzelnen nur die individuelle maximale Einzahlungsverweigerung nach Vertragsbruch durch den Treuhänder. (Und unter Einzahlung fällt noch viel mehr als Arbeitsleistung und Steuerzahlen.) Es gibt hier aber genug Menschen,… Mehr

Ich finde, der Autor macht es sich zu leicht. Es werden zwar einige, aber lange nicht alle Punkte angesprochen, die dazu führen, dass das Sozialsystem ausgenutzt wird. Dass darauf kaum noch ein Vollzeit-AN Lust hat, kann man doch niemandem verdenken!
Ich, für meinen Teil, habe gestern meine Arbeitsstunden auch massiv reduziert. Ich sehe es nicht mehr ein, für Ali und Mohamed (und deren kompletten Sippe mit 50 Mitgliedern Minimum) zu zahlen, während meine Kinder nicht einmal den Schulbus bezahlt bekommen! Rente/Pflege bekomme ich eh sicher nicht mehr und krank darf man hier sowieso nicht werden. Also: so what?

Ist Herr MV dann auch für die Abschaffung der Kuenstlersozialkasse von der sein Berufsstand profitiert? https://de.m.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCnstlersozialversicherung

Hallo Herr Herles, bin heute wie jeden Tag an einer Bushaltestelle in der Nähe eines grossen Einkaufszentrum vorbeigefahren. Und da standen sie wieder. Zahlreich und unübersehbar. Die Facharbeiter aus dem Morgenland. Mit gesegneter Kinderschar und verschleierter Frau oder mehreren. Wer weiss das schon. Die leben auf unsere, auf Kosten der Idioten, die einem regelmässigen Job nachgehen. Und Sie sorgen sich wegen Leuten, die weniger arbeiten und später in Grundsicherung geraten? Die „Raketentechniker“ und „Architekten“ an der Bushaltestelle und deren Nachfahren werden i m m e r in Grundsicherung verharren“ Und wissen Sie was. Als hochbezahlter Ingenieur werde ich mich in… Mehr

Kann ich gut verstehen Aber kleine Korrektur: Ich glaube, es gibt nur noch ein Jahr Arbeitslosengeld 1 und das für ca. 65 (?) Prozent.

batman Ab 50 steigt die maximale Bezugszeit von 12 Monaten peu a peu an, und mit 60 besteht die Möglichkeit, 24 Monate Alg I zu beziehen, wenn man vorher langjährig gearbeitet hat. Das Alg I beträgt bei Kinderlosen 60% (Eltern mit volljährigen Kindern gelten auch als kinderlos), und bei Arbeitslosen (mit minderjährigen Kindern) 67%. Die Bezugszeiten von Alg I werden meines Wissens auf die Rentenanwartschaft angerechnet, allerdings weiß ich nicht, wie Kostanix auf die 80% kommt. Ich vermute mal, dass der Rentenanteil des Alg I bei ihm 80% der gesetzlichen Obergrenze beträgt, er also 0,8 Rentenpunkte/ a gutgeschrieben bekommt. Das… Mehr

Ü 60 = 2 Jahre.
60% + 7% bei Kind in Ausbildung. Und 80% des letzten Rentensatzes.
Bei 2 Punkten = 64€ sind das auf 2 Jahre 0,8 Punkte oder ca. 25 € weniger an Rente. Damit komm ich klar.

Wenn man bedenkt, dass von der Bruttoarbeitsstunde eines Handwerkers in Deutschland, die aktuell bei ca. 60 Euro liegt, dem Arbeitnehmer am Ende nicht einmal 10 Euro Nettokaufkraft bleiben, darf man sich nicht wundern. Nach Abzug von Mehrwertsteuer, Gewerbesteuer, Körperschaftssteuer, Lohnsteuer, Sozialabgaben, Büro- und Verwaltungskosten, diversen Umlagen, Abgaben, Gebühren, sonstige Bürokratiekosten und Rücklagen, indirekten Steuern usw. gehen fast 90% der Einnahmen direkt an den Staat oder halbstaatlichen Einrichtungen wie Kranken- oder Rentenkassen. Dafür erhält der Arbeitnehmer: – marode Strassen und ein zunehmend schlechteres Bildungssystem – keine Sicherheit, ob er sich am Ende noch das Dach über dem Kopf leisten kann –… Mehr

Ja, wie unsozial aber auch. Einfach weniger arbeiten, das geht ja gar nicht.
Was ist eigentlich mit den Hartzern? Wer zahlt da die Krankenkasse?
Und ich bin genau ein Zahler und genau ein Leistungsnehmer. Was ist mit der Großfamilie, wo Papa in der Krankenkasse ist und drei Frauen und zwölf Kinder sind mitversichert?
Außerdem, weniger Arbeit, weniger Klimaschaden, gelle? Wenn ich also auf der faulen Haut liege, rette ich die Menschheit! Das könnten Sie ruhig mal anerkennen, Herr Müller-Vogg.

Ich bin auch dabei, seit diesem Jahr: weniger arbeiten, damit Merkel und die Sozis weniger Geld haben. mit dem sie eh nur Unfug zu meinem Schaden treiben.
Der Streik, Ayn Rand