Italien will CO2-Ablasshandel nicht mehr mitmachen

Italiens Regierung stellt sich offen gegen Brüssel: Rom fordert die Aussetzung des EU-CO₂-Systems und attackiert damit das Herzstück der EU-Klimapolitik. Sollte sich Italien durchsetzen, würde dies das seit zwei Jahrzehnten bestehende System des Emissionshandels erschüttern.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Geert Vanden Wijngaert

Im Zentrum der Kontroverse steht das Emissions Trading System (ETS), das seit 2005 Kraftwerke und Industrieanlagen verpflichtet, für jede ausgestoßene Tonne CO₂ ein Zertifikat zu erwerben. Das Prinzip scheint klar: Wer mehr verschmutzt, zahlt mehr. Der steigende Preis für Emissionen soll Investitionen in saubere Technologien fördern und fossile Energien Schritt für Schritt unattraktiver machen.

Doch eine der größten Volkswirtschaften Europas will dieses Instrument nun aussetzen, berichtet Politico: Italiens Industrieminister Adolfo Urso bezeichnete den Emissionshandel als „nichts anderes als eine Steuer“ auf energieintensive Unternehmen – was wiederum die Preise für alle Endverbraucher erhöht. Um eine grundlegende Reform vorzubereiten, müsse das System zunächst pausieren, forderte er am Rande eines Treffens der EU-Wirtschafts- und Industrieminister.

Märkte unter Druck

Die politischen Signale aus Rom und anderen Hauptstädten haben unmittelbare Folgen für die Märkte. Anfang des Monats hatten scharfe Industrieproteste sowie ein Vorstoß des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, das ETS abzuschwächen, den CO₂-Preis binnen weniger Tage von 81 auf 72 Euro abstürzen lassen. Nach Ursos jüngsten Äußerungen fiel der Preis weiter auf etwas über 70 Euro. Händler sprechen von wachsender Nervosität und hoher Volatilität im Vorfeld der für dieses Jahr geplanten Reform des Systems.

Italien geht dabei weiter als andere Staaten, die zuletzt ebenfalls Zweifel am CO₂-System äußerten. Während vielerorts Anpassungen diskutiert werden, verlangt Rom eine vollständige Aussetzung – ein drastischer Schritt, der den europäischen Klimakonsens sichtbar erschüttert.

Streit um den EU-Kurs

Parallel zur Forderung nach einer Pause des Emissionshandels plant die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Betreiber von Gaskraftwerken für ihre Ausgaben für CO₂-Zertifikate zu entschädigen. Kritiker sehen darin eine faktische Entwertung des Systems: Wenn der Staat die Kosten übernimmt, entfällt der zentrale Anreiz, Emissionen zu senken.

Adolfo Urso verteidigt den Schritt mit Verweis auf die Krise der europäischen Chemie- und Stahlindustrie: Man könne nicht auf langwierige EU-Verhandlungen warten, während ganze Industriezweige unter Druck stünden. Zudem argumentiert die Regierung, niedrigere CO₂-Kosten für Gaskraftwerke würden indirekt auch den Preis erneuerbarer Energien senken. Hintergrund ist das europäische Strommarktdesign: Meist bestimmt das teuerste Kraftwerk – häufig ein Gaskraftwerk – den Preis für alle Anbieter.

Klimaschützer sehen das anders: Das ETS regelt etwa die Hälfte aller Emissionen in der EU und gilt als Fundament der europäischen Energiewende. Chiara di Mambro vom italienischen Thinktank ECCO warnt, eine Aussetzung oder Subventionierung fossiler Energien sende das falsche Signal: Statt Investitionen in saubere Technologien zu beschleunigen, drohe eine Verlängerung der Abhängigkeit von teurem Gas.

Tatsächlich zählt Italien zu den Ländern mit den höchsten Strompreisen Europas – nicht zuletzt wegen seiner starken Abhängigkeit von Gaskraftwerken, die 44 Prozent des Energiemixes ausmachen. Kritiker argumentieren, das Problem liege weniger im CO₂-Preis als in der strukturellen Energiepolitik des Landes.

Politischer Druck auf Brüssel

Unterstützer Melonis in Rom sprechen offen davon, mit nationalen Maßnahmen Druck auf die EU-Kommission ausüben zu wollen. Raffaele Nevi, ein führender Parlamentarier aus der Mitte-Rechts-Koalition, bezeichnete die Entschädigung für Gaskraftwerke als „Katalysator“ für eine rasche Reform des CO₂-Marktes.

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Kommentare ( 99 )

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Diogenes
27 Tage her

Italien lebt zwar von dem Geld, das deutsche Menschen in Dekaden erarbeitet haben, aber das ist nun mal wunschgemäß durch das Brüsseler Monster so geschehen.
Es war vielleicht noch der sinnvollste Teil der deutschen Zwangsabgaben, weil die jetzige italienische Bevölkerung sinnvoll damit umgeht und „was draus‘ gemacht hat“.
Meloni ist zu loben und auch ihre internationale Reputation ist tadellos. Ihr würde beispielweise die Position „Präsidentin der Europäischen Kommission“ zustehen, aber das wäre ja ein krasser Rückschritt und würde ihre Fähigkeiten bei weitem unterfordern.

Hueckfried69
29 Tage her

Wenn Sie mich fragen, nimmt Italien diesbezüglich eine Sonderstellung ein…😉

Nibelung
1 Monat her

Wenn die Italiener aussteigen hätten sie klare wirtschaftliche Vorteile, denn wer bezahlt schon über einen Ablaßhandel zur Vergebung der Sünden was schon damals Schwachsinn und Raffgier war und heute wieder so ist, nur mit anderen Mitteln und man es begreifen sollte, bevor man sein Geld zum Fenster rauswirft.

Nur das dümmste Kalb erkennt nicht den eigenen Metzger und sie sollen doch nicht von fortschreitender Intelligenz reden, wenn der Grundtenor immer noch der alte ist uns sich damit nichts, aber auch garnichts verändert hat.

Icarus
1 Monat her

Die CO2-Steuer soll natürlich nicht „DAS KLIMA“, sondern nur noch die desolaten Staatsfinanzen retten. Dabei wird jedoch ignoriert, dass die perverse Besteuerung der Luft den Niedergang der Industrie und damit auch der Staatsfinanzen nur noch beschleunigt. Meloni hat dies erkannt, aber ob die Betonköpfe in Schland dies auch erkennen, ist mehr als zweifelhaft.

Last edited 1 Monat her by Icarus
Habakuk06
1 Monat her

Hoffentlich geben die nicht auf.

Ralph Martin
1 Monat her

Das passiert wenn man Politik für das Land und die Menschen macht.
In Deutschland undenkbar und laut Wahlergebnissen auch nicht gewünscht.

FrankF.
1 Monat her

Deutschland wird Italien für die Kosten entschädigen bzw. deren Anteil übernehmen. Dann wird es noch heißen, Italien reduziert seine Emissionen nicht ausreichend und dies muss Deutschland zusätzlich reduzieren. Wir werden es wie immer voll aufgedrückt bekommen. Aber der Michel wehrt sich auch nicht, BaWü wird es am Sonntag eindrücklich zeigen.

Last edited 1 Monat her by FrankF.
Juergen P. Schneider
1 Monat her

Die grüne Transformation, die die Bürokratendiktatur in Brüssel mit tätiger Mithilfe Berlins vorantreibt, ist dabei, das größte ökonomische Fiasko anzurichten, das es nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa gegeben hat. Je eher dieser suizidale Wahnsinn endet, umso besser.

MalerKoeln2
1 Monat her

Was ist das Problem ? Der CO2 Wahn läuft perfekt. Für China. Die Industrie migriert nach China.

Deutsche wählen Deutschmaoisten, die offen Deutschland hassen.

Insofern alles in bester Ordnung.

RA.Dobke
1 Monat her
Antworten an  MalerKoeln2

Nein, Merz & Cie. sind gewählt! Das sind widerliche Vertreter des Großkapitalismus und keine „Maoisten“ … ! Da liegt der Löwenanteil der Schuld der Abwanderung des „vagabundierenden“ Kapitals, das sich aus seiner sozialen Verantwortung stiehlt. Die GRÜNEN ekennen in ihrer Dummheit nicht, daß sie Mittel zum Zweck sind !!!

schmittgen
1 Monat her

Achtung Platitüde: Der ganze Dreck mit dem Klimaschutz gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.
Die Gangster da oben haben uns lange genug damit ver… äppelt.
Drill, Baby, drill.