Coronabedingter Distanzunterricht bringt nichts

Schüler brauchen Präsenzunterricht, Präsenzunterricht und nochmals Präsenzunterricht! Zu realer Schule gibt es keine gleichwertige digitale Alternative.

IMAGO / photothek

Forscher der Frankfurter Goethe-Universität und der Universität Oslo haben mit Blick auf das Jahr 2020 insgesamt 601 Studien ausgewertet, die sie weltweit zu den Folgen der coronabedingten Schulschließungen fanden. Das Ergebnis ist keine Überraschung und dennoch frustrierend: Man fand heraus, dass der digital getragene, so genannte Distanzunterricht fast überhaupt keinen Lerngewinn brachte.

Besonders große Kompetenzeinbußen waren demnach bei Heranwachsenden aus bildungsfernen Elternhäusern zu beobachten, und dies um so mehr, je jünger die Schüler sind. Wörtlich heißt es in der Studie, die übrigens nur in englischer Sprache vorliegt, obwohl die Frankfurter Uni federführend war: The findings indicate a considerably negative effect of school closures on student achievement specifically in younger students and students from families with low socioeconomic status.“ Siehe

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Andreas Frey von der Uni Frankfurt/Main sagte darüber hinaus: „Die durchschnittliche Kompetenzentwicklung während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 ist als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen.“ Und weiter: Der Erfolg des Distanzunterrichts „liegt damit im Bereich der Effekte von Sommerferien“. Das ist – wohlgemerkt – eine interpretationsfähige Aussage, deren Brisanz sich Professor Frey offenbar gar nicht bewusst gemacht hat. Denn seit Jahren gibt es immer wieder Untersuchungen, die belegen, dass es während der Sommerferien zu einem gewissen Abfall des Intelligenz-Quotienten (IQ) kommt, weil die intellektuelle Stimulation fehlt. Und auch Lehrer wissen, dass sie zu Beginn eines neuen Schuljahres nicht auf dem Niveau aufbauen können, das die Schüler am Ende des vorausgehenden Schuljahres hatten.

Allerdings gebe es, so Forscher Andreas Frey, erste Anhaltspunkte dafür, dass sich die Online-Lehre vielerorts verbessert. Die Forscher aus Frankfurt und Oslo können von der (naiven) Vision einer Digitalisierung von Schule also nicht lassen. So als sei das das Allheilmittel. Die IT-Industrie wird es freuen. Dennoch: Es gibt keinerlei Studien, die auch einer noch so gut digital funktionierenden Schule irgendeinen nennenswerten Vorteil attestierte. Wenn Schüler seit Frühjahr 2020 – je nach Klassenstufe – bislang 600 bis 900 Stunden Präsenzunterricht nicht erhielten, ist das eigentlich durch nichts wettzumachen. 600 bis 900 Stunden – das entspricht weit mehr als einem halben Schuljahr. Besonders ausgeprägt dürften die Rückstände in den Grundschulen sein, weil dort im Beisein der Lehrerin (zu 95 Prozent sind es Frauen!) die Grundlagen der Kulturtechniken gelegt werden. Den geringeren Schaden hatten bislang Kinder bildungsbeflissener Eltern. Denn dort geben Mütter und Väter den Hilfslehrer. Am größten könnten die Versäumnisse in „bildungsfernen“ Häusern sein, zumal dort, wo die Eltern kaum Deutsch sprechen. 

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Bildungsnation im freien Fall
Nun, neu ist an dieser Studie jedenfalls nichts. Weniger noch: Die Studie berücksichtigt nur die kognitiven Entwicklungen, nicht die sozialen. Schließlich ist Schule neben reiner Stoffvermittlung innerhalb und außerhalb des Unterrichts vor allem auch ein Ort der Begegnung und des sozialen Lernens. Corona-Folge? An geschätzt 100 der knapp 200 Schultage pro Jahr hatten Schüler keinen „live“-Kontakt mit Mitschülern. Jugend- und Sportgruppen gab es nicht mehr. Also auch kaum noch Kontakte mit Gleichaltrigen, wenn man davon absieht, dass sich die Heranwachsenden privat teilweise mit nur einem (!) Altersgenossen treffen durften. 

Für die soziale, psychische und motorische Entwicklung hat das Folgen, die in unterschiedlichem Maße zum Tragen kommen. Kinderärzte und Kinderpsychologen beobachten jetzt schon bei bis zu 50 Prozent der Kinder Verhaltensauffälligkeiten. Bei diesen Kindern und Jugendlichen greifen Ängste, Apathie, Aggressionen, adipöse Entwicklungen, Depressionen, Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle um sich. Ein Teil der Kinder vereinsamt, zum Teil auch deshalb, weil sie sich noch mehr als zuvor im “Netz“ und am Bildschirm verlieren. Krankenkassen und Suchtexperten gehen davon aus, dass die Gaming- und Internetzeiten Heranwachsender mit „Corona“ bereits beim ersten Lockdown um bis zu 75 Prozent angestiegen sind. Man ist zwar in den „social media“ präsent, aber man wird zum digitalisierten Eremiten. 

Internationale Studie bestätigt
All dies sind Deprivationsfolgen. Mit Deprivationen (von lat. deprivare = berauben) sind unfreiwillige Entbehrungen gemeint: als soziale Deprivationen wegen fehlender Kontakte, als sensorische Deprivationen wegen fehlender Anreize, als motorische Deprivation wegen Bewegungsmangels, vor allem aber als emotionale Deprivation wegen des Fehlens an emotional geprägter Interaktion mit Gleichaltrigen. Das Ausmaß dieser Folgen hängt davon ab, wie umsichtig Eltern damit umgehen und inwieweit es ihnen gelingt, die Resilienz der Kinder zu stärken, das heißt, ihre psychische Kraft zu mobilisieren.

Ergo: Zu realer Schule und zum Präsenzunterricht gibt es keine gleichwertige Alternative. Deshalb müssen sich die politisch und medizinisch Verantwortlichen endlich ins Zeug legen, damit das Schuljahr 2021/22 wieder ein halbwegs normales wird. Die Sommerpause 2021 bietet Zeit, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Die aktuelle Sommerpause 2021 darf jedenfalls nicht wieder wie bereits die Sommerpause 2020 verschlafen werden.

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Kommentare ( 27 )

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Heinrich Wolter
1 Jahr her

Kürzlich ein Artikel in der NZZ: Keine Verbreitung des Virus durch Präsenzunterricht feststellbar. Die Schweiz hatte durchgehend Präsenzunterricht. Zu Anfang niedrige Infektionsrate. Am Ende der Studie lag die Infektionsrate bei 20%, was exakt der Rate in der allgemeinen Bevölkerung entsprach.

Maria Mgd.
1 Jahr her

Als ob es die politisch Verantwortlichen wirklich interessierte. Solange Moscheen offen bleiben dürfen, durften- auch in Zeiten einer (nächtlichen) Ausgangssperre, sogar quasi Sonderrechte haben, ihre Religion eben nach jener Sperre ausüben zu dürfen- Schulen aber in der Zeit geschlossen waren, kann mir keiner erzählen, dass hier gewollt ist, für das kommende Schuljahr- je nach „Bedarf“ (Lockdown, etc) irgend etwas zu ändern. Oben beschriebenes Szenario fand hier erst kürzlich noch statt. In Niedersachsen. Bei der zuhause Beschulung halte ich neben eigenen beruflichen Verpflichtungen, diesem und jenem „Problemchen“ – und dass Eltern eben Eltern sind, mit allen Ecken und Kanten, eben Menschen-… Mehr

Hieronymus Bosch
1 Jahr her

Ja, das sind doch alles nur Phrasen! Warum sollen Schüler, die schon im alltäglichen Unterricht vor Ort ständig Zuspätkommen, keine Hausaufgaben machen und den Unterricht stören, zuhause plötzlich ein anderes Lernverhalten zeigen? Keine Disziplin und kein Engagement im Unterricht setzen sich nahtlos zuhause fort. Zudem werden Videokonferenzen häufig gestört, Externe wählen sich mit geklauten Passwörtern dort ein, andere sitzen teilnahmslos hinter dem Monitor und lassen die Beschallung wortlos über sich ergehen. Digitalisierung ist ein inhaltsleeres Schlagwort, das bildungsferne Politiker auf die Tagesordnung setzen, wenn sie über langsames Internet reden, aber nicht über sinnvolle Lernkonzepte. Die gibt es nur in den… Mehr

Silverager
1 Jahr her

Die aktuelle Sommerpause 2021 darf jedenfalls nicht wieder wie bereits die Sommerpause 2020 verschlafen werden.“
Natürlich wird sie auch 2021 wieder verschlafen.
Die Schüler haben Ferien, die Eltern wollen mit den Kindern mal wieder Urlaub machen und selbstverständlich geht die Politik auch in die große Sommerpause.
Wer also sollte in diese Zeit, bitteschön, was machen? Alles ruht.

Politkaetzchen
1 Jahr her

Was haben die Leute denn erwartet? Der Distanzunterricht funktionierte seit zwei Jahrzehnten durch unnötigen Reformen und Ideologieverstrahlte Lehrer nicht mehr. Wieso sollte es im Distanzunterricht aufeinmal wuppen?

Die Deutschen sollten endlich mal aufhören Digitalisierung als das Zaubermittel gegen verfehlte Bildungspolitik zu betrachten und auf dem Teppich bleiben.

Mike
1 Jahr her

Nicht wirklich überraschend. Ein befreundetes Lehrerehepaar hier auf den Philippinen ist mit der Entwicklung digitaler Konzepte direkt befasst und hat mir von den katastrophalen Misserfolgen berichtet. Allein schon eine funktionierende Lernerfolgskontrolle ist praktisch modular nicht umzusetzen, weil Kinder individuell und unerwartet reagieren. Und kein Programm der Welt alle Reaktionen beantworten kann. Ein weiteres großes Problem ist die digitale Motivation der Kinder. Hier geht der geflügelte Witz. Eltern kinderreicher Familien haben kaum noch Zeit. Sie müssen jetzt den ganzen Tag Hausaufgaben machen. Sehen wir es positiv. Ich hab Kinder selten fröhlicher gesehen. Sie sind den ganzen Tag draußen und spielen. An… Mehr

bkkopp
1 Jahr her

Die Bildungsbürokratie, die Lehrer, die Elternverbände und selbst die Schülervertreter sollten zum Aufstand blasen damit gesundheitspolitisch, technisch, organisatorisch, personell und materiell der Präsenzunterricht nahezu vollständig aufrechterhalten kann. Dies selbst bei einem schlechteren Infektionsverlauf im September/Oktober als heute. Wenn man heute wieder nicht vorsorgt, dann kann man wieder nur bei ein paar positiven Tests hunderte Schüler in Quarantäne schicken und Schulen schließen – wie es schon im ablaufenden Schuljahr Usus war. Die Testregime haben nur bei einer kleinen Minderheit von Schulen effektiv funktioniert. Selbst Israel führt an bestimmten Schulen, wegen Delta-Variante, wieder Maskenpflicht ein. Bei uns zerredet man pausenlos, Masken, Testen,… Mehr

Felicitas21
1 Jahr her

In dem Artikel sind alle relevanten Punkte schon aufgelistet. Möchte nur noch ergänzen, dass gerade alleinerziehende berufstätige Mütter in dieser Zeit besonders belastet waren. Und mit einer guten leistungsfähigen Internetverbindung mangelt es in Deutschland ja auch mancherorts. Hoffentlich wird die Sommerpause dieses Jahr besser genutzt um Vorbereitungen zu treffen.

Marcel Seiler
1 Jahr her

Die moderne Welt hat sich angewöhnt, den Menschen als Maschine zu sehen. Aber Menschen sind in aller erste Linie Beziehungswesen. Sie lernen, jedenfalls in jungen Jahren, fast ausschließlich in Beziehungen. Und selbst als Student habe ich zum großen Teil gelernt, weil eine lebende Person (der Professor) vor mir den Stoff erklärt hat; bei Teilen meines Wissens kann ich heute noch den entsprechenden Professor geradezu vor mir sehen. Zoom ist kein Ersatz für die menschliche Präsenz einer Beziehungsperson.

Menschen leben in und von Beziehungen. Das ist eigentlich nicht so schwer zu begreifen – aber offenbar leicht zu übersehen.

moorwald
1 Jahr her
Antworten an  Marcel Seiler

Es paßt in die allgemeine Tendenz gewisser Kreise, persönliche Beziehungen so weit wie möglich zu kappen bzw. zu behindern.
Denn diese Beziehungen, getragen von Achtung, Wertschätzung, manchmal sogar Liebe, sind das beste Gegenmittel gegen Manipulation und Verführbarkeit.
Ein Beispiel waren die Sprachlabors – gibt es die noch?
Ich erinnere mich noch immer lebhaft an manche Lehrer, Professoren, die einfach Persönlichkeiten und nicht Unterrichtstechniker waren. Zur Sachkenntnis kam die „pädagogische Leidenschaft“ – ähnlich wie z.B. bei großen Musikern, die auch geben und teilhaben lassen wollen.

Ego Mio
1 Jahr her

Wahrscheinlich sind in dieser immer bildungsferneren Gesellschaft die Voraussetzungen für breitflächigen(!) Distanzunterricht schlichtweg nicht gegeben. Wahrscheinlich nehmen sie sogar immer weiter ab, je unterschiedlicher die Familienverhältnisse liegen.