Stichwort: Biedermeier (zweites)

Modernste Technik macht es möglich. Aus der nicht allzu fernen Zukunft des Jahres 2115 wurde uns ein Wikipedia-Eintrag zugespielt, der sich mit der dann bereits historischen Epoche unserer Gegenwart befasst.

Als zweites Biedermeier wird die Zeitspanne von der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 bis zum Beginn der bürgerlichen Revolution im Jahr 2018 bezeichnet. Der Begriff spielt auf Biederkeit und Kleingeist großer Teile der Gesellschaft an, aber auch auf die vorherrschende politische Stimmung nach dem Ende der ideologischen Konfrontation während des Kalten Kriegs.

Wie bereits von der ersten mit dem Begriff des Biedermeier verknüpften Epoche (vom Ende der napoleonischen Herrschaft bis zur bürgerlichen Revolution 1848), ist auch von der zweiten Epoche dieses Namens ausschließlich in Deutschland die Rede.

Nach der Jahrtausendwende wurde der zunächst negativ besetzte Begriff Biedermeier positiv aufgefasst. Charakteristisch ist die Orientierung an Behaglichkeit und privater Gemütlichkeit. Die Epoche gilt als gesellschaftliche Ruhepause in einer Zeit tiefer globaler Umwälzungen. Historisch betrachtet, ist das Biedermeier also eine Zeit der Realitätsverweigerung.

Kennzeichnend ist die aus heutiger Sicht schwer verständliche Ablehnung fortschrittlicher Technologien. Die deutsche Bevölkerung lehnte beispielsweise das Aufkommen der Gentechnik in der Lebensmittelproduktion vehement ab, obwohl schon damals bekannt war, dass die Ernährung der wachsenden Erdbevölkerung und die Bekämpfung des Hungers nicht anders zu bewältigen sein würden. Auch die Weiterentwicklung der Kernenergie verweigerte Deutschland im Gegensatz zu den meisten anderen Staaten der Welt. Dies, obwohl die Verringerung der Schadstoffe aus der Verbrennung fossiler Energieträger weltweit als vorrangig angesehen wurde. Widersprüche dieser Art bestimmten die Politik des zweiten Biedermeier.

So ist in dieser Epoche auch eine schwer erklärbare Dialektik aus Hybris und Idyll auszumachen. Die meisten Deutschen glaubten an das Idyll eines weltoffenen, multikulturellen, gewaltfreien, sozial gerechten und ökologischen Miteinanders. Im Widerspruch dazu entwickelte sich in Deutschland dennoch eine neue Form des Nationalismus. Denn die meisten Deutschen teilten die Selbstüberschätzung, dass „am deutschen Wesen die Welt genesen“ könne. So zeigte sich der Nationalismus des zweiten Biedermeier zwar als friedlich, dennoch für den Zusammenhalt Europas als schädlich.

Der Begriff Biedermeier bezieht sich überwiegend auf die politische Kultur jener Epoche des Übergangs. Charakteristisch dafür war ihre Diskursschwäche. Die Deutschen legten höchsten Wert auf die strenge Einhaltung politischer Korrektheit. Die Formen des Dialogs interessierten sie mehr als deren Argumente. Sie lehnten politischen Streit generell ab. In den Parteien galten offene Debatten als schädlich und als Schwäche der jeweiligen Führung. Die Parteien links von der seit 2015 rasch aufgekommenen rechtspopulistischen AfD waren kaum noch voneinander zu unterscheiden. Der breite Konsens führte jedoch nicht zur entschlossenen Bewältigung der unübersehbaren Herausforderungen, sondern zum politischen Stillstand. Meinungen, die vom jeweils herrschenden Konsens abwichen, waren unerwünscht und wurden meist moralisierend abgelehnt.

Bemerkenswerte Phänomene der Alltagskultur waren etwa die Leidenschaft der Deutschen bei der Trennung ihres Hausmülls, ein deutlicher Trend zur vegetarischen Ernährung und die Möblierung ihrer Landschaften mit großen Windrädern. In Erinnerung bleiben Missstände der Infrastruktur. Die Züge der bundeseigenen Eisenbahn zum Beispiel fuhren nur in Ausnahmefällen pünktlich, das aber mit „grünem“ Ökostrom. Straßen und Städte verfielen. Großprojekte wie etwa der Bau eines Flughafens in der alten, neuen Hauptstadt Berlin scheiterten. Die moralische Unbedenklichkeit von Politikern und Managern galt den Deutschen als wichtiger als deren Sachkompetenz und Leistungsfähigkeit.

Auch das Schulwesen verkam im Biedermeier zusehends. Trotz messbar abnehmender Bildung, stieg paradoxerweise der Anteil an Abiturienten bei zusätzlich besseren DurchSchnittsnoten. Dieses Verfahren nannte man „Herstellung von Chancengerechtigkeit.“

Eine bedeutende Rolle spielte die Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine in der DDR aufgewachsene Politikerin, die wie keine andere Figur den Geist ihrer Zeit verkörperte. Sie setzte eine starke Einschränkung jeglicher politischer Betätigung durch, ohne dabei auf restriktive staatliche Maßnahmen zurückgreifen zu müssen. (Siehe auch Nudging und Postdemokratie). Auch auf Maßnahmen der Zensur (wie sie im ersten Biedermeier unter der Leitung des Fürsten Metternich das gesellschaftliche Klima bestimmte) konnte Merkel verzichten, weil die Selbstzensur der Massenmedien und die totale Ausrichtung auf den Mainstream der Meinungen jede staatliche Repression überflüssig machte.

Statt offenem Diskurs und vertiefter Information war nun Unterhaltung in allen Lebensbereichen gefragt, also eine Abkehr von den Idealen der Aufklärung. Während die Medien allein auf Quote (TV) und Klicks (Netz) setzten, waren für die politischen Kräfte nicht mehr Weltanschauungen ausschlaggebend, sondern die messbaren Stimmungen der jeweiligen Bevölkerungsmehrheit.

Das zweite Biedermeier ging nach Ansicht der meisten Historiker durch den Zustrom einiger Millionen Muslime aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Deutschland zu Ende. Die bis dahin für das Biedermeier charakteristische Konsenskultur zerbrach.

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