Dreimal nach Canossa. Wie die „neue Normalität“ selbst ohne Corona funktioniert

Berlin im geistigen Lockdown, der S.Fischer Verlag kapituliert vor dem Gruppendruck aus dem Juste Milieu, die SüZ bestellt beim Musikritiker Helmut Mauró eine Kritik des Pianisten Igor Levit und fällt ihrem Autor in den Rücken, Söder verrät für seine Karriereträume die Unabhängigkeit des Freistaats, eine Überdosis Neues Normal.

Vier höchst unterschiedliche Beispiele aus den letzten Tagen, große und kleine, zeigen, wie fundamental sich dieses Land verändert hat.

I.

Das zum Beispiel ist „neue Normalität“ in der Hauptstadt: Ich verlasse das Haus, um mit der U-Bahn zur Arbeit zu fahren. Die U-Bahn fährt nicht. Aber auf der Straße, die vor ein paar Tagen erst für Autos gesperrt wurde, hält die vom Senat betriebene Initiative „Volksbegehren autofreies Berlin“ gerade eine Pressekonferenz ab. Zugleich ist zu lesen, dass die Polizeipräsidentin der Stadt eine Kennzeichenpflicht für Fahrräder fordert. Es wäre einmalig auf der Welt. Früher hätte man gesagt: Dümmer als die Polizei erlaubt. Wer diese drei Dinge zusammen nimmt, kann nur zu dem Urteil kommen: Berlin ist längst von einem geistigen Lockdown erfasst. Die Stadt ist bereits hirntot. Corona ist gar nicht mehr nötig. 

II.

Zweites Beispiel: Monika Maron hat einen festen Platz in der Literaturgeschichte, spätestens seit sie vor vierzig Jahren die Umweltzerstörungen in der DDR in ihrem Roman „Flugasche“ geißelte. Von der DDR-Zensur verboten, veröffentlichte der westdeutsche S.Fischer Verlag das Buch. Jetzt will dieser Verlag von seiner berühmten Autorin keine Prosa mehr drucken. Die Begründung ist so scheinheilig wie vorgeschoben. Maron hat – keineswegs vertragswidrig – ein paar alte Texte nachdrucken lassen im Verlag Buchhaus Loschwitz ihrer Freundin Susanne Dagen. Der Kleinverlag hat keinen Vertrieb. Den übernimmt u.a. die Versandbuchhandlung Antaios des sehr rechten Höcke-Freundes Kubitschek. Dort kann man natürlich auch alle S.Fischer-Romane bestellen. Alle Verlage generieren durchaus nennenswerte Umsätze auch mit sehr rechten Versandbuchhändlern wie Antaios oder Kopp, die sich wiederum von Barsortimentern beliefern lassen. Es wird von den Verlagen nur schamhaft verschwiegen. Seit wann stinkt Geld! Monika Maron aber wird abgestraft.

In Wahrheit nicht dafür, sondern aus ideologischen Gründen. Ihre Romane behandeln zwar Themen, die in allen Gassen diskutiert werden – Islamisten, illegale Zuwanderung, Gender-Deutsch – aber eben nicht korrekt genug. Waren Widerborstigkeit, Unabhängigkeit und Unangepasstheit einstmals wichtige Sekundärtugenden in diesem Gewerbe, gelten sie heute schlicht als rechts. Früher wären nach so einem Rausschmiss Kolleginnen und Kollegen der Autorin auf die Barrikaden gestiegen. In der neuen Normalität rührt sich kaum eine Edelfeder. Das ist beschämend. Die Meinungsfreiheit wird nicht einmal von denen verteidigt, die davon leben. Im Gegenteil. Es ist anzunehmen, dass linke S.Fischer-Autor*innen, vielleicht auch eine einflussreiche Agent*in und/oder Mitarbeiter*innen des Verlags schon lange Druck machen auf die Verlegerin, die nun nachgibt, Maron entsorgt, sich zugleich aber dem öffentlichen Diskurs verweigert. Es sind Gruppen, „die ihre eigene Ethik, Moral und Ausschlusskriterien haben“, so der Schriftsteller Peter Schneider, kein S.Fischer-Autor und einer der wenigen Aufrechten, die Maron zur Seite springen. Wie solcher Druck funktioniert, war auch beim Rowohlt-Verlag zu sehen, als Autoren offen forderten, die Erinnerungen von Woody Allen nicht zu veröffentlichen. Der deutsche Verleger Allens hielt diesem Druck stand. Nicht aber die Verlegerin Siv Bublitz von S.Fischer. Gab es Heckenschützen im eigenen Laden? Die Antwort auf meine schriftliche Frage wurde verweigert. Warum ist von der Spitze des Holtzbrinck-Konzerns, zu dem S.Fischer gehört, zum skandalösen Anschlag auf die Meinungsfreiheit nichts zu hören? Weil der Gruppendruck aus dem Juste Milieu zur neuen Normalität in diesem Land gehört. 

III.

Das zeigt auch Beispiel drei. Da druckt die Süddeutsche Zeitung eine polemisch gepfefferte Kritik am Pianisten Igor Levit. Er spielt unentwegt grandios Klavier, sendet aber auch fortwährend schlichte politische Tweets in die Welt. Die Frechheit des Musikkritikers Helmut Mauró bestand darin, beides miteinander zu verquicken. Er hatte an beidem etwas auszusetzen, an der Anschlagskultur der Levit-Finger wie an der politischen Anschlagskultur des Bürgers Levit. Ja, so etwas soll möglich sein, auch wenn es nicht sonderlich fair ist. Das muss sich auch der Feuilletonchef des Blattes gedacht haben, der mit dem langen Artikel aufmachte. Und er muss auch gewusst haben, dass Levits Gemeinde einen veritablen Shitstorm veranstalten würde. Levit wird gerade deshalb verehrt, weil er politische Gesinnung und Klavierspiel zu einer einzigen Anschlagskultur vereint. Der unantastbare Tastenkünstler, der Böhmermann des (linken) Flügels, kann die Attacke aushalten. Und das langweilige SüZ-Feuilleton kommt endlich mal wieder ins Gespräch. Sollte man meinen. Doch die Sache wurde sofort ins Moralische verdreht. Levit ist Jude, also konnte die Kritik an ihm nur antisemitisch gewesen sein. Mindestens. Wahrscheinlich sogar menschenverachtend und rassistisch. Die einstmals liberale Zeitung und ihre Chefredaktion hielten dem Druck nicht stand. Statt ihren Autor für den doch absichtlich bestellten Artikel zu verteidigen, kroch sie in Sack und Asche gen Canossa, nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei mal hinter einander, angepeitscht zuletzt von ihrer eigenen Friedenspreiskolumnistin, der Tugendrichterin Carolin Emke, einem Wohlfahrtsausschuss auf zwei Beinen. Das Blatt entschuldigte sich bei allen für den Verstoß gegen das neue Weltgewissen. Ich möchte nicht in der Haut des Kritikerkollegen stecken, weiß ich doch aus eigener Erfahrung beim ZDF, wie das ist, wenn einem der Arbeitgeber in den Rücken fällt, wenn man die Gefühle des Mainstreams verletzt. Neue Normalität!

IV.

Viertes Beispiel: Föderalismus ist von Beginn an ein Grundpfeiler der politischen Freiheit in Deutschland. Früher hätte ein bayerischer Ministerpräsident eher die Unabhängigkeit des Freistaats erklärt, als mehr Berliner Zentralismus gefordert. Söder bringt es fertig. Und sei es auch nur deshalb, weil er sich schon als neuen Reichs-, pardon, Bundeskanzler sieht. In Zeichen von Corona splittert das Fundament der Demokratie. Und niemand rebelliert gegen Söder. Neue Normalität auch dies. 

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Kommentare ( 106 )

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Wolfgang Schuckmann
1 Monat her

Bravo Herr Herles, aus ihrem Beitrag entnehme ich, dass es doch noch ein paar Wackere gibt, die nicht auf die Folgen ihrer Einwürfe bei der Debatte schauen, sondern sich dem Gemeingut „Freiheit “ verpflichtet sehen. Dies ist meine einzige Hoffnung, wenn ich mir die momentane Verfasstheit unseres Staates betrachte. Es beschleichen mich düstere Vorahnungen wie das am Ende wohl ausgehen wird. Besser beschrieben wie der Weg dorthin aussieht, findet man da weit und breit nichts, was einem noch beruhigen könnte. Menschen, die sich nicht mehr trauen ihre originäre Auffassung zu verdeutlichen. Weder zu aktuellen noch historischen Ereignissen den Mut finden… Mehr

moorwald
1 Monat her

Cherchez la femme!

Den wahren Grund der Abschaffung hat der Initiator, der ehemalige Ständerat Philipp Stähelin (CVP), verraten:
Seine Frau hat sich immer geärgert, weil sie so lange in der Schlange der Vignetten-Käufer anstehen mußte.

Burkart Schramm
1 Monat her

Von 1893 bis 2011 bestand in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein eine Haftpflichtversicherungspflicht für Fahrräder; der Versicherungsnachweis erfolgte mittels einer jährlich zu erneuernden Klebevignette, die auf einem roten, reflektierenden Metallschild, der am Fahrrad montiert werden musste, anzubringen war. Per 1.1. 2012 wurde die »Velovignette« auf Lobbying der Versicherungsbranche abgeschafft. Argumentiert wurde mit »überflüssiger« Bürokratie. Tatsächlich ging es ihr darum, dass die Haftpflichtfälle über die Privathaftpflicht abgewickelt werden. Noch mehr aber darum, die lange Zeit viel zu tiefen Prämien derselben mit der Begründung, dass »neue Risiken« zum Leistungskatalog hinzugestoßen seien, kräftig anheben zu können. Klassiker. Allerdings steht die Wiedereinführung immer… Mehr

Carlotta
1 Monat her
Antworten an  Burkart Schramm

das mindeste wäre ein Kennzeichen, damit die Rowdys überführt werden können ob deren Raserei, um dann bei Ampelrot an der Kreuzung über den Gehweg zu spurten, damit sie auf der anderen Fahrbahn weiter rasen können, im Vertrauen darauf, Fußgänger springen zur Seite und die Vorfahrt habenden Autos achten auf diese aus dem Nichts auftauchenden Sprinter. Gerechter wäre, neben einem Nummernschild eine Fahrradfahrsteuer zahlen zu müssen, damit die unendlich vielen gegenwärtig gebauten Radwege in nahezu jeder Stadt in Deutschland von den Nutzern auch bezahlt werden, anstatt dass der KFZ-Steuer zahlende Autofahrer für die Kosten aufkommen muss.

reiner
1 Monat her
Antworten an  Burkart Schramm

na ja,wenn man 110% prozentrige überwachung will.. im deutsche fernsehen laufen ja schon die bewachungs und überwachungssendungen in sat 1 und& in dauerschleife..denken sie wirklich,dass risiko im leben gegen null gefahren werden kann?

Werner Geiselhart
1 Monat her

Söder ist also für mehr Zentralstaat.
Na toll, dann erklimmt endlich auch im Freistaat das Bildungswesen Bremer und Berliner Niveau. Da gibts dann ein cooles Gesetz für: „Das-gleiche-Bildung-für-alle-Teilhabe-Gesetz“
Ich vermute, Franz-Josef Strauß sieht demnächst keine andere Möglichkeit mehr, als aus seinem Grab wieder aufzuerstehen und nach dem Rechten zu sehen.
Seine erste Aktion wird darin bestehen, den Söder als Populismus-Beauftragten und obersten Grünen-** nach Berlin zu entsorgen.

Gerro Medicus
1 Monat her

Hören wir doch endlich auf, uns etwas vorzumachen und gegenüber diesen grausigen Weibern, die allenthalben das Regiment übernommen haben, noch ritterliche Rücksicht zu üben. Wir leben im Zeitalter des toxischen Feminismus, und die Gallionsfiguren dieser terrorisierenden Ideologie vergiften das gesellschaftliche Klima. Dabei wird Recht und Gesetz gebrochen oder auf den Kopf gestellt. bei #metoo reichte es, einen weißen Mann als Vergewaltiger zu denunzieren, ohne Beweise zu erbringen, idealerweise lagen die Vorfälle angeblich auch schon zehn bis zwanzig jahre zurück, schon war dieser weiße Mann vernichtet. Dann kam die Frauenquote, die massenhaft untalentierte, fähigkeitslose Weiber in hochdotierte und zum Teil auch… Mehr

Last edited 1 Monat her by Gerro Medicus
Gruenauerin
1 Monat her

Warum höre ich fast immer nur weibliche Namen, wenn von Tugendterror und von Einknicken die Rede ist. Ich habe es so satt, dass solche – ich will nicht Frauen sagen, weil das die wirklichen Frauen diskriminiert – unsagbaren Gestalt*innen das große Wort führen dürfen und zwar völlig hirnbefreit. Dazu passt immer wieder folgender Ausspruch: „Unterschätzt niemals die Feindseligkeit derjenigen, die die Empörung zu einer Tugend gemacht haben.“ Der Scriptschreiber für mein Spiel hat wirklich aus dem vollen Leben gegriffen.

Karina Gleiss
1 Monat her

Und es wird auch diesmal wieder schallen: „wie konnte es nur soweit kommen, keiner konnte so etwas ahnen!“ Vorausgesetzt, es wird in Zukunft noch die Möglichkeit einer Retrospektive geben, die die ehrliche Antwort auf die immer gleichen Fragen ermöglicht.

a.bayer
1 Monat her

Die „Tugendrichterin“ Carolin Ehmke; ein „Wohlfahrtsausschuss auf zwei Beinen“. Herrliche Formulierung! Nun ja, politische Tugendhaftigkeit ist heute eindeutig weiblich dominiert. Das ist, neben Corona, die zweite große Seuche dieses Jahrtausends!

Leonor
1 Monat her

Wer soll auch gegen Söder rebellieren.. Diagnose Hirntot und geistiger Lockdown.
Erschreckend.

Alban
1 Monat her

Die politischen Einstellungen des Herrn Levit interessieren mich nicht.
Als Pianist ist er eher durschnittlich und oftmals geradezu uninspiriert.
Es ärgert mich diesen Namen so oft zu lesen , da ich viele ( vollkommen unbekannte !) Pianistenkollegen mit höherem Niveau kenne .

moorwald
1 Monat her
Antworten an  Alban

Sie irren: Levit ist ein „Jahrhundert-Pianist“ – hat jedenfalls Eleonore Büning (ehemals FAZ) proklamiert. Nun, das Jahrhundert ist noch nicht alt…
Levit will laut eigener Ausage eher nicht mehr Klavier spielen, als sein „Engagemant“ aufzugeben. Kann man als Versprechen oder als Drohung auffassen…

Andreas aus E.
1 Monat her
Antworten an  Alban

Mangels „Ohr“ vermag ich Levits Klavierspiel nicht zu beurteilen, aber es ist wohl kaum anders, als in anderen Bereichen des Kulturbetriebs.
Da wird eher Durchschnittsware übern Klee gelobt, sofern von „Haltungskünstlern“ fabriziert, stets gern gepriesen auch homosonstwas, farbig, Mihigru, idealerweise weiblich, als daß es um das Kunstprodukt selbst geht.

Ich wette, daß, gäbe es Kunstblindverkostung, allermeistes Kulturpreisträgertum bestenfalls Trostpreis in der Kategorie Hobbykunsthandwerk oder Nachwuchspreis Schüleraufsatz bekäme.