Anmerkungen zur Lage des deutschen Humors

Wir brauchen keine Satiriker, lieber Roland Tichy. Die erzeugen bloß internationale Verwicklungen. Wir schaffen das auch so.

Wir brauchen keine Satiriker, lieber Roland Tichy. Die erzeugen bloß internationale Verwicklungen. Wir schaffen das auch so.

I.

Drei klitzekleine Meldungen zur Lage der Nation aus den letzten Tagen vorneweg.

Zum Totlachen ist zum Beispiel die Nachricht, die Bundeswehr könne an NATO-Manövern nicht mehr vollständig teilnehmen, weil zu viele Überstunden anfallen. Der nächste Einsatz fällt vermutlich wegen Freizeitausgleich aus.

Vom Stuhl gefallen bin ich vor Lachen, als ich las, dass 10.000 Eidechsen den Bau des Stuttgarter Bahnhofs um mehr als 100.000.000 Euro verteuern und um mindestens ein Jahr verzögern. Die Tiere müssen einzeln mit Eidechsenlassos gefangen, psychologisch betreut und dazu überredet werden, den Wohnsitz zu wechseln. Sonst geht gar nichts mehr.

Rasend komisch ist, dass die Verantwortlichen des Berliner Flughafens ungestraft Milliarden verschwenden und Deutschland in der ganzen Welt zum Deppen machen dürfen. Gefeuert wird ein Pressesprecher, der leichtfertig darüber sinnierte, was wohl der genommen hat, der einen Fertigstellungstermin verspricht.

II.

Und dann haben wir ja noch unsere Kanzlerin. Wie witzig ist erst die! Einen Paragraphen scharf zu machen, den sie im gleichen Atemzug abzuschaffen verspricht! Statt den kranken Mann am Bosporus dem Gelächter zu überlassen, harkt sie ihm den Rechtsweg. In rasanter Vorverurteilung („bewusst verletzend“) schlägt sie sich auf dessen Seite und macht sich vor aller Welt lächerlich. Mehr als eine Woche hat sie gebraucht, um die falsche Entscheidung zu treffen. Den türkischen Antrag auf Majestätsbeleidigung nicht einmal zu ignorieren, wäre die einzig akzeptable Reaktion gewesen. Auf dem Gelände der Freiheit irrt Frau M blinder herum als Justizia. Die Solidarität der Potentatin gilt dem Potentaten. Sie hat in der Tätärä mehr gelernt, als wir zu ahnen glaubten.

III.

Und jetzt zu Böhmermann. Warum Erdogan? Weil den jeder gruselig findet. Wahre politische Satire pinkelt in den Mainstream. Böhmermanns Erdogan-Schmäh tut das nicht. Es ist völlig egal, ob Erdowahn sich von einem Herrn Böhmermann beleidigt fühlt. Der Witz besteht darin, dass sich die Bundesregierung und das ZDF selbst zum Narren gemacht haben. Ist Merkels Entscheidung Rache? Warum hat sich Böhmermann nicht gleich die heimische Ziege vorgenommen, die seit zehn Jahren nur über Gräblein springt, immer noch nicht satt ist, und sich von Herrn E. … mäh, mäh. War es Missbrauch? Wir haben das Wörtchen Nein nicht gehört. Missbraucht worden ist nur der Rechtsstaat. Und missbraucht worden ist das Amt des Bundeskanzlers. Von seiner Amtsinhaberin persönlich. Jetzt spürt das auch der naivste Merkelianer; womit die Sache ihr Gutes hat. Die Frau ist eine Schande für den deutschen Humor.

IV.

Die teutonische Gründlichkeit, mit der die Nation seit mehr als einer Woche eine intellektuell bescheidene Scherzattacke ins Grundsätzliche transponiert, das ganze Land in einen Weltkongress des Schmähologie verwandelt, ist Irrwitz. Die Mehrzahl der Experten ist nicht in der Lage, Quatsch als Quatsch zu nehmen. Das ist saukomisch. Offenbar stehen wir vor den Folgen eines Verblödungsprozesses, von dem die Verblöder – also Medien und Politik – selbst betroffen sind.

V.

Einen Unterirrwitz lieferte das ZDF selbst, das so wahnsinnig stolz ist auf die Hervorbringungen seiner politischen Comedians. Oft sind sie nur so witzig, wie Stinkbomben witzig sind. Politiker sind dumm, faul, korrupt. So in der Art. Stammtisch eben. Mainstreamhumor, der gefällt. Es ist Stammtisch für Jüngere, aber eben Stammtisch. Gefallsucht, jetzt, dank Merkel, auch mit Märtyrer-Geschmack. Das ist der größte Witz. Ein Irrwitz.

Also, verehrte Ex-Kollegen. Man hätte den Schmarrn ja nicht senden müssen. Er wurde vor der Sendung, wie es sich gehört, „abgenommen“. Und zwar in der Hauptredaktion Show! Das hat man davon, wenn zwischen Unterhaltung und Politik kein Unterschied mehr gemacht wird. Politischer Journalismus ist aus Quotengründen im ZDF großflächig unter die Räder des Entertainments geraten. Deshalb darf z.B. Herr Lanz sich mit Frau Wagenknecht blamieren. Es war also niemand da, der mit Herrn Böhmermann rechtzeitig über seinen Beitrag diskutieren konnte. Erster Fehler.

VI.

Zweiter Fehler: Was gesendet ist, kann man, soll man, darf man nach der Sendung nicht verstecken. Erst recht nicht, wenn man mitten in der Kritik um Regierungshörigkeit steht. Und weshalb hat sich der mit einer Türkin verheiratete Intendant ohne Zögern beim türkischen Botschafter entschuldigt, wenn er den Beitrag ein paar Tage später als juristisch zulässig, nur eben „einen Tick zu hart, einen Tick zu weit gegangen“ beurteilt? Das ZDF und seine Anführer eiern herum, weil sie selbst keine Maßstäbe und keine Haltung mehr haben. Dreht sich die Stimmung, dreht sich die Meinung.

VII.

Wie humorfest kann jemand sein, der vor dem kranken Mann am Bospurus in die Knie sinkt? Wir sollten es ausprobieren, Tichy! Her mit den saftigen Satiren über das gestörte Verhältnis der Kanzlerin zur Demokratie. Ob sie sich der Vorstandsvorsitzende der Axel-Springer AG auch juristisch zu eigen macht?

Unter früheren Kanzlern war die jährliche Rede zur Lage zur Nation vor dem Deutschen Bundestag Pflicht. Dafür hat Frau Merkel keine Zeit oder keine Lust mehr. Lieber liefert sie Beiträge zur Lage des Humors. Warum nicht? Durch die satirische Hintertür erfahren wir auch etwas über die Lage der Nation.

In diesem Sinne stets Ihr
Wolfgang Herles

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Kommentare ( 58 )

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