Almanach des Schwachsinns 2017. Fünfte Lieferung.

Die USA taugen gegenwärtig nicht mehr als Fundament des Westens, weil ihre Gesellschaft mit sich selbst überfordert ist. Dafür ist Trump das Symptom, aber nicht die Ursache.

Trumps Gipfelsturm im Alleingang in den Sandalen eines Volkstribunen und ohne Sauerstoff wird in die Geschichtsbücher eingehen. Schon ist der Mann, der zwischen Triumphator und Trampeltier schillert, unsterblich. So unsterblich wie Herostratos, der den Tempel der Artemis in Brand steckte, um unsterblich zu sein.

I.

Nein, liebe Trump-Versteher, Trump-Erklärer, Trump-Flüsterer, Trumpkirche-im-Dorf-Lasser: Ihr irrt. Und ihr irrt besonders da, wo ihr Recht habt. Wenn Fritz Goergen Trump richtig deutet, woran zu zweifeln mir fern läge, wäre Trump die größte Gefahr für die Demokratie in Amerika. Selbst die, die ihn noch immer ihr aufgekratztes Wohlwollen schenken, können nicht übersehen, wie seine executive-order-show gemacht ist. Reality very badly scripted. Executive desaster. Trash-TV. Goergen meint: Alles Absicht, einschließlich der einkalkulierten Korrekturen danach. Trump lenke damit nur ab von seinen infamen Absichten, dem Totalabbau der demokratischen Strukturen. Wer also nicht ganz besoffen ist davon, wie durchtrieben da einer das Establishment am Nasenring durch die Manege zieht, muss Trumps kaltschnäuzige Cleverness als zynische Zerstörungswut begreifen. Also als Irrsinn.

II.

Trump darf doch nicht daran gemessen werden, wie geschickt er seine Macht nutzt, sondern daran, was er damit anrichtet. Kein Präsident sollte bloß seine Anhänger beglücken. Aber wer Politik als Teil der Populärkultur begreift, kann wohl nicht anders als Trump. Er misst seinen Erfolg an Klicks und Quoten, an der Amplitude der Aufregung. Er ist der passende Präsident einer Gesellschaft, die ohne ein solides Fundament an Bildung auskommen muss und die Erziehung des mündigen Bürgers den Verblödungsanstalten der Massenmedien überlassen hat. So ungebildet wie ungehobelt, verachtet Trump die Werte seines Landes, ignoriert dessen Geschichte, ist auch nicht an der Realität interessiert, außer an seiner eigenen. Damit ist er das schiere Gegenteil eines Konservativen – ja, sein Feind – und noch nicht einmal ein Patriot.

III.

Vom Patrioten zum Idioten ist es nicht weit, wenn der seinem Vaterland schadet, das Land nicht besser schützt, sondern isoliert, dessen Feinde stärkt statt entwaffnet. Es kann nicht in Amerikas Interesse liegen, innerhalb weniger Tage sein Ansehen in der Welt zu ruinieren. Trumps Amtsführung ist nicht damit zu rechtfertigen, dass er es mit mächtigen Gegnern zu tun hätte, mit der Rache der Clintons, der Medien und des Washingtoner Apparats. Er hat aus Effekthascherei Abertausende beleidigt. Am meisten aber beleidigt Trump sein eigenes Land. Trump first ist etwas anderes als America first.

Die wahren Patrioten sind die, die nicht aus Opportunismus oder Dummheit Hurra schreien, sondern Zivilcourage beweisen, lieber ihren Job opfern als ihre Gesinnung. Die versuchen, den Schaden, den Trump anrichtet, zu begrenzen. Je schneller Trump isoliert wird, desto schneller endet die Selbstisolierung der USA. Es wird länger dauern als erhofft.

IV.

Die USA taugen gegenwärtig nicht mehr als Fundament des Westens, weil ihre Gesellschaft mit sich selbst überfordert ist. Dafür ist Trump das Symptom, aber nicht die Ursache. Und es ist nicht so, dass uns dieses Schauspiel kalt lassen könnte. Mitbezahlen müssen wir es allemal. Trump bedroht unseren Wohlstand. Das ist das eine. Das andere: Er hat der Debatte um Migration, Integration und Islam eine Schlagseite versetzt. Haltlose Übertreibung und Vergröberung ist kontraproduktiv für die allmählich offene Debatte bei uns. Trumps Unvernunft schadet den Argumenten der Vernünftigen. Wie also können Leute, die sich für deutsche Patrioten halten, dem Amoklauf dieses Möchtegern-Cäsaren applaudieren? Und reaktionär mit konservativ verwechseln?

V.

Schon möglich, dass Trump ein Revolutionär sein will, der nicht an der Spitze einer Demokratie steht, sondern einer Bewegung. Dann aber wäre seine Amtsübernahme nicht Machtübernahme sondern Machtergreifung. Jedenfalls eine Mixtur aus Sendungswahn und Größenwahn. Trump ist nicht in der Lage, sich selbst zu prüfen, ehe er agiert. Er schlägt zu, und hält den Schlag für das Entscheidende, nicht das, was er getroffen hat. Er tickt nicht viel anders als ein geistiger Selbstmordattentäter. Sprengt sich über kurz oder lang selbst in die Luft. Und wird sich dann für einen Märtyrer halten wollen, der in die Hall of Fame der Nation einzieht, umsäuselt von 70 bekifften Fox-Moderatorinnen. Trumpismus: schon jetzt ein Begriff für die Nachwelt.

VI.

Auch wenn gerade alle Welt auf Trump starrt: Dies darf nicht untergehen. Roland Pofalla war ein talentfreier CDU-Generalsekretär und ein lausiger Kanzleramtsminister. Ein infamer Intrigant, Strippenzieher und Handlanger Merkels. Am Ende (Abhöraffäre) weggelobt, belohnt mit dem Zweieinhalb-Millionen-Job des Chefs der bundeseigenen Bahn am Ende einer lukrativen Zweitkarriere als Dank für Nibelungentreue. Schon dies ein erstklassiger Skandal. Der überraschende Rücktritt des bisherigen Bahnchefs Rüdiger Grube erscheint so in einem besonderen Licht. Es glaubt kein Mensch, dass einer, der genug Millionen verdient hat, mit 65 hinschmeisst, weil ihm nur noch zwei statt drei Jahre Verlängerung angeboten werden. Da muss etwas anderes dahinter stecken. Wahrscheinlich dies: Pofalla soll schneller an die Spitze als geplant. Denn niemand garantiert, dass Merkel 2020 noch ihre Hand über den Vasallen halten kann? Grube raus, Pofalla rauf lautet das Bubenstück. Immerhin: Ein Machtspiel mit Risiko. Entweder wird der als eigenständig denkender Manager nicht aufgefallene Ex-Schlappen-Schammes gleich Boss oder nie. Hoffentlich hat Pofalla sich diesmal verzockt. So mit der Bahn umzuspringen, haben Steuerzahler und Bahnkunden nicht verdient. Auch dieser Schwachsinn geht auf Merkels Konto.

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