Die Meinung bleibt frei

Journalisten sagen mit ihren Urteilen und Verurteilungen anderer Meinungen oft mehr über sich selbst als die Beurteilten.

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Ein langjähriger Parteifunktionär schreibt ein kritisches Buch über seine Partei und zugleich über die Fehlentwicklungen der Parteienlandschaft insgesamt. Mit dem Inhalt setzt sich eine Handvoll Rezensenten auseinander. Die meisten Journalisten lesen das Buch nicht, aber fällen ein Urteil: Da nimmt einer Rache. Sie schreiben ungeprüft nach, was die erste Vorab-Rezensentin formuliert. Dem Meinungsführer-Medium folgen heißt, mit den Kollegen in der warmen Stube Konformität sitzen und Arbeit sparen. Vor allem aber entspricht die Interpration Rache dem, wie man sich selbst verhielte.

Eine Publizistin schreibt ein sehr kritisches Buch: „Die Patin: Wie Angela Merkel Deutschland umbaut.“ Für den Inhalt interessieren sich wenige Journalisten. Welche persönlichen Motive die eine Frau hat, so über die andere zu schreiben, wollen sie wissen. Aber unterm Strich, wird das Buch im Jahr 2012 aus einem einzigen Grund negativ besprochen: Das Merkel-Bild der Autorin ist von dem der Meinungsführer-Medien zu weit entfernt. Das Bild ist den „Hauptstadtjournalisten“ zu radikal anders als ihres. Das tolerieren sie nicht. Dabei entgeht ihnen, dass sie damit mehr über sich selbst sagen als über die Autorin.

Pensionierte Journalisten werfen alten Kollegen vor, sich anders als sie der Linie der Meinungsführer-Medien nicht anzuschließen, sondern zu den Herausforderungen dieser Tage von Griechenland-Rettung über Euro und EZB bis zum Jahrhunderthema Migration, vom Nahen und Mittleren Osten über die Ukraine bis Russland eigene Meinungen zu vertreten. Mit diesen anderen Meinungen in der Sache befassen sie sich nicht, sondern unterstellen persönliche Motive wie Wichtigkeitsverlust. Die Damen und Herren merken gar nicht, dass sie von sich auf andere schließen. Die schärfsten Gegner der Abschaffung der Sklaverei sind seit jeher die privilegierten Sklaven. Den unbedingten Gehorsam vor Fürstenthronen verlangen die Höflinge. Um diesen Status fürchtet oft niemand mehr als der Höfling im Ruhestand.

Vor vielen Jahren musste ich meinen Oberen nachgeben und ein bekanntes Consulting-Unternehmen mit der Restrukturierung meiner Organisation beauftragen. Von dem Personal-Beurteilungs-System, das eingeführt wurde, hielt ich gar nichts, bis ich einen unschätzbaren Vorzug entdeckte. Über die Beurteilten erfuhr ich nichts neues, aber über ihre Beurteiler: Ihre unbewusste Selbstauskunft gab mir wertvolle Erkenntnisse. Beurteilen wir andere, geben wir mehr von uns preis, als uns lieb sein kann, meist Eigenschaften, die uns nicht bekannt sind und uns selbst erschrecken würden.

In den Kommentarspalten der Online-Ableger der klassischen Medien und in den Posts der Social Media beobachte ich das gleiche Muster. Dem Autor, der auf Tichys Einblick höchst kritisch über Putin schreibt, widersprechen etliche in der Sache, aber andere unterstellen ihm, US-gesteuert oder gar bezahlt zu sein. Wenn derselbe Autor dem Justizminister ankreidet, jenseits allen Rechts eine private Zensur zu installieren, passt das nicht in das Schwarz-Weiss-Schema. Solche Kommentatoren wollen, dass man zu 100 Prozent in allen Fragen zu ihrer Bekenntnis-Kohorte gehört oder hundertprozentig nicht.

Der Autorin über den Unterschied in der Bürgernähe von überregionalen Meinungsführer-Medien und Regional- und Lokalmedien stimmen viele zu. Aber einige erklären das für „mainstreamig“, weil in ihrer Gegend SPD-eigene Blätter die Berliner Meinung verbreiten. Über einen Regional-Journalisten, der sich kommentierend beteiligt, fallen sie her, statt in der Sache zu argumentieren. Auf Tichys Einblick sind wir ganz überwiegend mit fairen Argumenten und zivilisiertem Umgangston gesegnet – scharfe Positionen in der Sache sind herzlich willkommen. Beschimpfungen und Unflätiges akzeptieren wir nicht.

Von Meinungsfreiheit ist viel die Rede, aber sie ist ein höchst empfindliches Pflänzchen. Je höher in den Hierarchien von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Medien, desto kälter wird das Klima, desto weniger gedeiht das Freiheitsgewächs. Je weiter „unten“, desto  schärfer und oft inakzeptabel grob wird die Kommunikation, aber auch umso pluraler. Verschworene Gruppen und Truppen, in denen keine Argumente zählen, sondern nur „Bekenntnisse“, sind nicht die Regel. Land und Leute werden aus Streit und Debatte unserer Zeit reifer hervorgehen – allen entgegengesetzten Indizien zum Trotz.

Frohe Weihnachten und auf in ein neues Jahr der Läuterungen.

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Kommentare ( 28 )

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