Amtliches Gütesiegel für irreführende Geld-Tipps

Die deutsche Finanzaufsicht steht für ein Geld-ABC gerade, das vor Ungereimtheiten und Fehlinterpretationen nur so strotzt. Schon eine überschlägige Analyse zeigt, dass da Geld-Laien am Werk waren.

Screenprint: BaFin

Ein Kreis, darin zwei große L, ein nicht ganz so großes A und eine 2. Das Ganze steht für „Leicht Lesen“ und „ist ein Gütesiegel“. Behauptet jedenfalls die Finanzaufsicht BaFin und fügt gleich hinzu: „Texte mit diesem Gütesiegel sind leicht verständlich.“ Dadurch neugierig geworden, greife ich zum LLA2-Heft mit dem verheißungsvollen Titel: „Das kleine ABC der Geld-Anlage in Leichter Sprache“, herausgegeben von der BaFin. Jawohl, Leichter statt leichter, wie es richtig wäre. Doch Schwamm drüber, die deutsche Sprache ist halt nicht jedermanns Sache.

Konzentrieren wir uns also – um eine beliebte Floskel der GroKo zu verwenden – auf die Inhalte. Die überraschen uns gleich auf Seite 7 mit einem denkwürdigen Satz: „Bei einem Anlage-Berater bekommen Menschen Tipps, wie sie ihr Geld anlegen können. Geld anlegen bedeutet: Man gibt sein Geld zu einer Stelle, wo es mehr werden soll.“ Also begebe ich mich gleich auf die Suche nach dem Tippgeber und habe damit auf Seite 14 tatsächlich Erfolg: „Ein Anlage-Berater kann eine Person sein, oder auch ein Computer.“ Merkwürdig, mein Computer hat mir noch nie einen Anlagetipp gegeben.

Vernarrt in Sparbücher

Nun hat mich der Ehrgeiz gepackt, ich will mehr wissen – und lande beim Stichwort Aktie. „Wenn jemand Aktien von einer Firma besitzt, sagt man zu dieser Person: Aktionär“, schlägt es mir entgegen. Das hier überflüssige Wort „von“ fällt zwar nicht unbedingt auf, aber es wird uns noch an zig Stellen bis zum Schluss penetrant begleiten. „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, wusste einst schon Buchautor Bastian Sick zu berichten.

Aber lassen wir solche Kleinigkeiten beiseite, konzentrieren wir uns lieber auf Texte von LLA2-Qualität. Beispielsweise zur Sicherheit von Anlagen. Und siehe da, wir lesen und staunen: „Weniger sichere Anlagen sind zum Beispiel Aktien. Zu den sicheren Anlagen gehören zum Beispiel Sparbücher.“ Dies auf Seite 15. Die Autoren haben jedoch so viel für das Sparen wie zu Großmutters Zeiten übrig, dass sie gleich an weiteren Stelle nachlegen, etwa auf Seite 30: „Ein Sparbuch ist eine sichere Geld-Anlage.“ Oder auf Seite 61, dort sogar mit der Begründung: „Ein Sparbuch ist eine sichere Geld-Anlage, weil Sparbücher bis 100 Tausend Euro durch ein Gesetz geschützt sind.“

Kampf gegen den Fondsdschungel

Nachdem wir erfahren haben, dass Fonds ein französisches Wort ist, das man „foo“ ausspricht, verheddern sich die Autoren im Fondsdschungel: „Es gibt Firmen, die Fonds zusammenstellen. Bei diesen Firmen können Kunden Anteil-Scheine an den Fonds kaufen.“ Hoffentlich haben sie eine Machete dabei, um sich durch den Dschungel zu kämpfen. Denn um was für geheimnisvolle Firmen es sich handelt, bleibt offen.

Dann wird es dubios: „Weil in einem Fonds so viele verschiedene Vermögens-Werte sind, ist er meistens sehr viel Geld wert.“ (Seite 18) Um das zu bekräftigen, heißt es dann auf den Seiten 37 und 42 unisono: „Ein Fonds ist meistens sehr viel Geld wert.“ Auch nach mehrfachem Lesen erschließt sich der Wert-Sinn immer noch nicht.

Klöpse am laufenden Band

Die Börse hat es den Autoren besonders angetan – das heißt, sie haben von ihr seltsame Vorstellungen. Kostprobe: „Börse sagt man auch zu dem Gebäude, in dem die Menschen mit Anlage-Produkten handeln.“ Das war tatsächlich mal so, ist es aber längst nicht mehr. LLA2 hat deshalb auch zum modernen Börsenwesen etwas beizutragen und holt dazu weit aus: „Eine Plattform ist ein bestimmter Bereich, wo Menschen sich treffen können. Eine Handels-Plattform ist wie ein großer Marktplatz. Dort treffen sich Menschen, die Sachen kaufen oder verkaufen wollen. Eine besondere Handels-Plattform ist die Börse.“ Geschafft, in der Gegenwart angekommen. Aber auch bei Anlegern? Nach derlei Plattitüden wohl kaum.

Zu vielen Ungereimtheiten gesellt sich obendrein noch so mancher Klops. Etwa wenn es heißt: „Emittent sagt man zu Firmen, die Wertpapiere ausgeben“, und wenn anschließend auf die Frage, wer Emittent sein kann, diese Aufzählung folgt: Firma, Bank, Fonds-Gesellschaft, Staat, Bundesland, Gemeinde. Also von wegen nur Firmen. Zumindest klopsverdächtig erscheint dann noch dieser Satz: „Für viele Wertpapiere kann man Informationen über die Volatilität in der Zeitung oder im Internet finden.“ Dann viel Spaß bei der Suche! Der Flash Crash vom Februar ließ bekanntlich die Volatilität in die Höhe schießen. Weder eine Zeitung noch das Internet hatten rechtzeitig entsprechende Informationen parat.

Gut gemeint, schlecht gemacht

Das Schlimme an LLA2 ist: Dieses nach eigenem Bekunden „kleine ABC“ hinterlässt den Eindruck, als sei es von Anlagelaien verfasst worden, die sich vergeblich um eine populäre Sprache bemühen, mit der sie ihr Wissensdefizit zu kaschieren versuchen. Das artet immer wieder ins Lächerliche aus. Oder um es milder zu formulieren: gut gemeint, also das Gegenteil von gut. Zumal wichtige Begriffe zur Geldanlage aus aktueller Sicht entweder nicht die ihnen gebührende Erwähnung finden oder erst gar nicht vorkommen. Zum Beispiel: Bargeld, Bilanz, Chart, Crash, ETF, EZB, Geld, Geschäftsbericht, Inflation, Kredit, Riester-Rente, Sparer-Pauschbetrag und so weiter. Schade um das auf dem Umweg über die BaFin letzten Endes zulasten der Steuerzahler verschwendete Geld. Hoffentlich bleiben uns weitere LLA2-Hefte erspart.


Manfred Gburek ist Wirtschafts- und Finanzjournalist, er schrieb mehrere Bücher zu verschiedenen Geldthemen. Sein erfolgreicher Ratgeber Besiege die Inflation ist in überarbeiteter Neuausgabe ist in unserem Shop erhältlich: www.tichyseinblick.shop

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Kommentare ( 57 )

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Vielleicht hilft dieses YouTube-Video zum Verständnis von Leichte Sprache – und warum der vorliegende Artikel so richtig daneben ist:
https://youtu.be/T2binsJ1iQ0

Ob sich die Bundesanstalt für FINANZDIENSTLEISUNGS-Aufsicht wohl darüber im Klaren ist, wen sie – zumindest ihrem Namen nach – zu beaufsichtigen hat? Oder schwingt sie sich jetzt zur BaFiM auf – Bundsanstalt für Finanzdienstleistungs-MARKETING – mit dem Ziel, Lieschen Müller und Opa Krause in „leichter Sprache“ wiedereinmal kurz vor dem Platzen der Blase die Investion des Gesparten in „Produlke“ nahe zu bringen, die noch heikler sind als der Sparstrumpf? Hatten wir das nicht um die Jahrtausendwende schon einmal (Volksaktie Deutsche Telekom etc.)? 2009, als man praktisch in jede jede Aktie gewinnbringend hätte investieren können, wurde jedenfalls nicht dafür GEWORBEN, schon… Mehr

Ein Banker sagte mir einmal, dass es Absicht sei, dass Allgemeinwissen über Grundlagen des Geldwesens NICHT als Schulstoff vermittelt werden sollen. Warum wohl?

„Leicht Lesen – Gütesiegel“. Ist das ein Piktogramm für Menschen mit Leseschwäche oder der deutschen Sprache nicht mächtig? Also ich könnte in einem fremden Land mit fremder Sprache, die ich nicht beherrsche auch dieses LALALA nicht verstehen. Ein Gütesiegel für Sprachchaos im Zahlungsverkehr. Passt doch.
Danke Herr Gburek. Glücklicherweise konnte und kann ich als Finanzlaie Ihre Sprache einigermaßen so gut gut verstehen, dass ich weiterhin als eher risikoarm eingestuft bleibe. Da das Angesparte täglich mehr enteignet wird, ist es allerdings von Vorteil, wenn man sich gerade jetzt ein wenig auskennt.

Da macht sich die Finanzaufsicht echt lächerlich mit dieser Kindergartenbroschüre. Wahrscheinlich alles beabsichtigt. Wen wundert es, wenn man bedenkt, dass die Bafin mit Lobbyisten aus der Finanzindustrie durchsetzt ist. Das fängt bereits ganz oben in der Hierarchie an.

Wenn jemand noch mehr lachen möchte:
Audf den Webseiten unserer Regierung wird in leichter Sprache z.B. unser Wahlsystem (v)erklärt. Und einiges mehr..

Das hat zwar nichts mit der Realität zu tun (jeder darf den Bundeskanzler wählen , etc..),
aber, falls man sich bisher noch nie traute Nägel mit dem Kopf in die Wand zu schlagen, würde man das nach der Lektüre sicherlich noch als angenehme Entspannungstherapie empfinden.

Leichte Sprache ist sowieso Blödsinn, denn leicht oder schwer kann nur etwas sein, das mit Masse behaftet ist, z.B ein Körper. Sprache ist schwierig oder einfach, aber niemals leicht. Am Ende ist sie so leicht, dass sie davon fliegt. 🙂

Diese leichte Sprache liest sich, als wäre sie von Kindergartenkindern verfasst worden. Noch dazu in schlechtem Deutsch. Eine Vergewaltigung der deutschen Sprache nenne ich das, aber da das ja gesetzlich festgeschrieben ist, dass Behinderte eine Anrecht auf leichte Sprache haben, wird da schon wieder eine Riesenindustrie eröffnet, die mit sowas Geld verdienen kann. Wie entwürdigend und herablassend ist das bitte, wenn einem so ein Text vorgelegt wird?
Mal abgesehen von der Tatsache, dass man sowieso die Finger von Geldanlagen lassen sollte, wenn man auf Erklärungen in leichter Sprache angewiesen ist.

Vorab: ich möchte mich nicht zum Verteidiger genau dieser Broschüre aufschwingen, aber beim (zunächst wohlwollenden) Lesen des Artikels beschlich mich zunehmendes Unbehagen. Schlussendlich fand ich den Artikel-Tenor ziemlich kleinkariert, zumal sich die Kritiken an Harmlosigkeiten erschöpfen.

Ging mir genauso, siehe mein ausführlicher Kommentar. Aus meiner Sicht ist der Artikel Zeitverschwendung.

Der Fachkräftemangel macht vor keiner Institution halt. Meine Erfahrung zu diesem Thema: Selbst sachkundig machen. Es gibt hierzu gute Literatur und Foren.