WamS, BamS und FAS: Titelthemen sind Flaggensignale

Der Konflikt FAS gegen FAZ muss beide beschädigen - das Hauptblatt und die Sonntagsausgabe. Leser spüren instinktiv die Verkrampftheit und Unaufrichtigkeit einer FAZ, die jede Linie vermissen lässt. Der Kampf um die Linie geht schon länger, nun ist er öffentlich.

Beim Titel-Thema vom letzten Sonntag ist es bei der WELT AM SONNTAG geblieben. So wie Hitlers Schattenbild auf der Frontseite sagt, „ER war nie ganz weg“, wird auch das Thema Zuwanderung nicht so bald weg sein. Wenn es nicht mehr auf den Titelseiten  steht, haben wir uns eher daran gewöhnt, als dass die Hinzugekommenen integriert sind. Bei der Frankfurter Allgemeinen SONNTAGSZEITUNG ist es an diesem Sonntag schon so weit: Auf der Titelseite schrumpft das Thema, das die Nation bewegt, aufs Normalformat Koalitionskrach.

In der WamS bringt Dirk Schümer in „Deutschland, deine ÄNGSTE“ auf den Nenner, was anderswo noch lange nicht gegessen ist:

„Der Vorwurf, den Nazis in die Hände zu spielen, hat bei uns eine demokratische Auseinandersetzung über das Für und Wider der massenhaften Zuwanderung erledigt, bevor sie überhaupt beginnen konnte. Inzwischen bekunden vierzig Prozent der Deutschen, nur noch hinter vorgehaltener Hand oder besser gar nicht über dieses doch immerhin existenzielle Thema zu sprechen. Eigentlich undenkbar für eine offene Gesellschaft.“

Maulkörbe mutieren zu Lautsprechern

Wie es jenen ergeht, die wie Roland Tichy früh anfingen, diesen fatalen Maulkorb zum Thema zu machen, streift Schümer indirekt: „Ein ehemals legendärer Reporter, der sich ein Leben lang an seinem Nazi-Vater abgearbeitet hatte, sah in Kritikern des ‚Wir schaffen das‘- Mantras seiner geliebten Kanzlerin ‚Salonhetzer‘ am Werk – ein Wort, direkt aus dem Wörterbuch seines väterlichen Unmenschen.“ Mit dem ehemals legendären Reporter ist Cordt Schnibben gemeint. Er kann bei der Spiegel-Story 1964 über die „Braune Flut“ von Algeriern in Paris nicht dabeigewesen sein, dort hinzuschauen lohnt aber heute davon unabhängig wieder.

Bemerkenswerte Passage:  „Samuel Schirmbeck, früher ARD-Korrespondent in Algerien, hat die Lebenslüge der Linken in einem Essay beschrieben: Die Kultur der ökonomischen Verlierer in arabischen Gesellschaften harmoniert prächtig mit den ideologischen Verlierern in westlichen Gesellschaften. Möglich wird diese unheilige Allianz durch das höhere Ziel: Man kämpft ja gegen den Faschismus, der die Flüchtlinge latent bedroht.  Diese pubertäre Zweiteilung der Welt in ‚Antifa‘ und den bösen Rest, wie er das Denken gewaltbereiter Autonomer seit je beherrscht, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es ist so schön einfach: Wer sich, vor allem verbal, für Flüchtlinge einsetzt, gehört zu den Guten. Wer kritische Anmerkungen macht, zählt zu den Bösen.“

Die Titelstory – gute Pflicht, keine Kür. Der Wert der Begleitgeschichte über Pegida liegt für mich in der Information, dass der Verein mehr Fans im Ausland hat als zuhause. Dass Pegida-Bachmann eine eigene Partei vorbereitet, erinnert mich wieder einmal daran, dass in den ersten Deutschen Bundestag 12 Parteien einzogen.

Die Merkel-Geschichte „Ihre letzte CHANCE“: ordentliche Momentaufnahme. „Plötzlich reden alle drüber“: Nicht überraschend, aber nun öffentlich, alle Parteien haben das Volk vor Tatsachen schützen wollen, die ein schlechtes Licht auf Ausländer werfen können – alle misstrauen dem Souverän. Zur Hoffnung von Kanzlerin und Regierung, mit Hilfe der Türkei den Zuwanderer-Strom verkleinern zu können, trägt die Story über die Entwicklung nach dem Anschlag in Istanbul nicht bei: „Dunkle KRÄFTE und ein Mafia-Pate“. In „Keine Frage der EHRE“ geht Freia Peters der Frage nach, ob Rollenspiele jungen Arabern von Machismo befreien können. „Jeder ÜBERGRIFF ist einer zu viel“ setzt Manuela Schwesig  freundlich ins Bild.

Der Streit reicht bis in die Mitte der Gesellschaft – auch bis in Pressehäuser

In BILD AM SONNTAG dominiert die Frage: „IST MERKEL NOCH DIE RICHTIGE?“ die Frontseite. Bei der FAZ sehe ich einen regelrechten Hauskrieg. Zwei Politikteile leistet sie sich ja schon lange: einen im Buch Politik und einen im Buch Wirtschaft. Aber nun tritt die Front FAS gegen FAZ hinzu.

Wochenzeitungen haben die Aufgabe, das große Thema eben dieser Woche auf den Titel zu heben, die Reflektion zu ermöglichen. „Ist Merkel noch die Richtige“ (BamS) ist sicherlich das Titelthema schlechthin, wenn erstmals ihr Koalitionspartner SPD, nicht nur notorisch die Schwesterpartei CSU von ihrem Kurs in der Flüchtlingspolitik abweicht, die Umfragewerte sinken und selbst in der eigenen Partei sich massiv Widerspruch regt.

Wie anders die Frankfurter Allgemeine SONNTAGSZEITUNG: „Schatzi, Herzi oder Mausi“ lautet der Aufmacher, es geht, man kommt von alleine gar nicht drauf, darum, dass die „Vergabe von Kosenamen Privatsache“ sei. Das muss auf den Titel! Oder rechnet außer der FAS ernsthaft jemand damit, dass es ein staatliches Kosenamen-Register gibt? Fast möchte man meinen, es geht um die Frage, ob so viel Dummheit tatsächlich noch Privatsache ist oder wirklich gedruckt gehört. Ein kluger Kopf jedenfalls steckt nicht hinter dieser Zeile.

Jedoch im Innenteil durch alle Ressorts hindurch bemüht sich die Redaktion wacker, die sexuelle Belästigung von Frauen in vielen deutschen Großstädten zu trivialisieren. Die Herkunft der Täter sei so unwichtig wie ihre „Schuhgröße“; darauf kann wohl nur kommen, wer über ein Standesamts-Register für Kosenamen nachdenkt. In einem weinerlichen Singsang wird nach langem hin und her wenigstens zugestanden, dass sexuelle Belästigung „böse“ sei. Darauf sind andere auch gekommen, nicht aber darauf, dass wir es entschuldigen müssen, weil dem Täter „selbst Menschen Böses angetan haben“. Frauen, beklagt Euch nicht? Studiert nur die Opferakte eures Vergewaltigers und ihr werdet weinend von einer Anzeige absehen. Denn, so erfahren wir weiter: „Wer Böses tun will, tut es im Rahmen seiner Möglichkeiten und Bedürfnisse“. Wer die FAS liest, weiß nun auch: Wer so etwas schreibt, tut es im Rahmen seiner Möglichkeiten. Wie ein weiterer redaktionsinterner Krach liest sich die Überschrift: „Doofe Frauen ertrage ich nicht“. Es gibt ja noch einzelne kluge Köpfe in der Zeitung, auch wenn man sie immer seltener bemerkt.

Bei Jasper von Altenbockum lese ich im Politikteil der FAZ unter „Die Ironie der Schweigespirale“: „Nach Köln schießen Vorurteile erst recht ins Kraut, die doch unterdrückt werden sollten.“ Da begründet er sauber, wie die Sprech- und Informationsverbote ins Gegenteil umschlagen.

Am Sonntag kontert die FAS, dass nach Köln „die Rede von ´Denkverboten´ und ´Tabus´ zur Obsession“ werde. Aber um ins eigene Haus zu pinkeln, geht man an andere Beine. Das eigene Blatt ist gemeint, aber beschimpft werden und zwar mit gefälschten wie getürkten Zitaten andere Autoren – nicht zuletzt diese Site. „Überall nur noch Schwule, Feministinnen und Leute, die man nicht als Zigeuner nennen darf, weil das die Sprachpolizei verbietet“, phantasiert ein Autor namens Jost Kaiser Zitate herbei, die frei erfunden sind. Statt offen den Konflikt mit dem Mutterblatt auszutragen, werden andere geprügelt. Es ist eine Untertanenmoral, die daraus spricht.

Angela Merkel wird hier weiter nur als Problemlöserin dargestellt, keine Frage, wie ihre Lösungen aussehen, wie ihr Plan, den sie seit Anne Will nicht bekannt gegeben hat: Liebedienerisch verneigt sich die Redaktion vor den Mächtigen der Politik und deutet mit dem Finger auf andere, nur nicht auf die mächtigere Redaktion im eigenen Haus. Soviel Mut vor Königsthronen ist vermutlich zu viel verlangt. Dieser Konflikt muss beide beschädigen – das Hauptblatt und die Sonntagsausgabe. Leser spüren instinktiv die Verkrampftheit und Unaufrichtigkeit einer FAZ, die jede Linie vermissen lässt. Der Kampf um die Linie geht schon länger, nun ist er öffentlich.

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