DER SPIEGEL Nr. 9 – Die Schulz-Debatte: Wie gerecht ist das Land?

Nach dem "Rechtspopulismus" jetzt Schulz mit "Linkspopulismus": Das klappte bekanntlich bereits in der Antike in Athen und Rom, wo die "Demagogen" das Volk mit dem Versprechen nach mehr Gerechtigkeit und mehr Brot aufwiegelten und Wähler gewannen.

Schwarz oder gold? Der SPIEGEL kommt wieder einmal mit seinem doppelten Cover daher. Und wer ganz genau hinschaut, sieht, dass es die Farbelemente der Deutschlandflagge sind. Schwarz oder gold? Gut oder schlecht? Ich finde solche Experimente und aufgeblasenen Titelversprechen einfach nur noch nervig. Die Frage, welches Titelbild ich vorfinden werde, ist dann auch fast schon das Spannendste der aktuellen Ausgabe.

Mein SPIEGEL an diesem Wochenende ist: schwarz. Durch und durch.

Pessimistisch, was das Deutschlandbild betrifft. Vielleicht habe ich es nicht verstanden: Gibt es auch verschiedene Titelgeschichten je nach Cover? Nein, ich habe nicht die Kioske rundum abgegrast, um eine Gold-Cover zu ergattern und das zu prüfen. Die Redaktion hat sich mit der Titelgeschichte „Geteilte Republik“ eindeutig positioniert. Den Deutschen geht es schlecht. Sie brauchen Martin Schulz, den neuen SPIEGEL-Liebling, der gegen den bösen „neoliberalen“ Mainstream agitiert und gegen Anwaltskanzleien, die Betriebsräte verfolgen.

Nach dem „Rechtspopulismus“ kommt jetzt Schulz mit dem „Linkspopulismus“. Das klappte bekanntlich bereits in der Antike, ob in Athen oder in Rom, wo es den Demagogen gelang, das Volk mit dem Versprechen nach mehr Gerechtigkeit und mehr Brot aufzuwiegeln und Wähler zu gewinnen.

Den Deutschen geht es schlecht. Und „die da oben“ stecken sich die Taschen voll. Da wird das Interview „Wir fordern Obergrenzen“ mit IG-Metall-Chef Hofmann zum Bumerang. Das ist die Faust aufs Auge, wenn ausgerechnet einer der bestverdienenden Gewerkschafter der Republik, der weiter weg ist vom Fußvolk als jeder Politiker, große Töne spricht über die Deckelung der Vorstandsvergütungen.

Erhellend wirkt dazu das Interview „An uns wird es nicht scheitern“ mit Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht, die kühl darauf verweist, „wenn die SPD der Überzeugung ist, dass befristete Arbeitsverträge zur Ausnahme werden sollten, könnte sie sofort ein Gesetz in den Bundestag einbringen. Unsere Stimmen hätte sie, da muss Schulz nicht bis nach der Bundestagswahl warten.“ Na los, Herr Schulz, worauf warten Sie noch?

Vielleicht ist das Cover ja auch ein ganz subtiler Hinweis: Schwarz, rot, gold. Wenn es weder Schwarz noch Gold sind, dann freut das Rot?

Ansonsten ist die Politikstrecke schnell erzählt:

♦ Sigmar Gabriel macht jetzt nicht nur den Außen-, sondern auch – gemeinsam-sind-wir-stark mit dem SPIEGEL – den Verteidigungsminister.

♦ Gesundheitsminister Hermann Gröhe lässt sich vor den Karren der Apothekerlobby spannen.

♦ Angela Merkel sucht vergeblich nach afrikanischen Potentaten, die für sie ein Auffanglager in Afrika einrichten.

♦ Die saarländische CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer geht gegen die neu erwachte Schulz-SPD als Putzfrau Gretel im Karneval und von Haus zu Haus wahlkämpfen.

Der Tiefpunkte des Heftes ist für mich erreicht, als mich der SPIEGEL in dem Beitrag „Mein Papa möchte eine Mauer bauen“ lesend in einen Meerbuscher Bungalow führt, um mich an einem vom SPIEGEL moderierten Mehrgenerationengespräch zwischen AfD-wählenden Eltern und deren „Gutmenschenkindern“ (darf man das noch schreiben?) teilhaben zu lassen. Die mögliche Faszination der Redakteure Fiona Ehlers und Alexander Smoltzcyk für dieses Experiment überträgt sich auf mich in keiner Weise.

Informativ, wenngleich wenig überraschend, wird es in dem Essay „Mythen der Migration“ von Hein de Haas, angekündigt als „Vorlesung in acht Kapiteln“.

Ebenfalls informativ ist der Aufmacher der Wirtschaftsstrecke „Digitale Panzerknacker“, sogar mit Nutzwert. Eigentlich ist das Stück über Internetkriminalität und Phishing von Bankdaten, PINs und TANs eine Selbstverständlichkeit. Angesichts der Vertrauensseligkeit allzuvieler Nutzer und der in immer kürzeren Abständen und immer perfekter getarnt kommenden Angriffe auf die Rechner ist es ein wichtiger Beitrag über ein Stück virtuelle Wirklichkeit.

Der Tübinger Kulturhistoriker Michael Butter gibt Cordula Meyer und Jörg Schindler in „Die haben keinen Humor“ eine unterhaltsame Einführung in den Siegeszug von Verschwörungstheorien. Welche Untiefen das Thema erreichen kann, zeigt Veit Medick mit „Der Informationskrieger“, einem Portrait über Alex Jones, laut SPIEGEL „Amerikas oberster Verschwörungstheoretiker“.

Einen spannenden Beitrag schreibt in dieser Woche Olaf Stampf mit „Die Sternenfrau und das Biest“ über die Bonner Astrophysikerin Stefanie Komossa, die im Weltraum schwarzen Löchern nachspürt, wie sie Sterne und deren Planeten fressen.

Nicht weniger missen möchte ich den Beitrag „Der erste Terrorist“ von Matthias Schulz, der kurz und prägnant die Geschichte der Assassinen erzählt.

Notiz am Rande: Der Leserbrief von Fabian Marquardt. Er fand das vom SPIEGEL in der letzten Ausgabe empfohlene Retortenfleisch nicht überzeugend und weist kühl darauf hin, dass man mit derselben Logik auch den Obstkonsum einstellen und künftig durch Vitamintabletten ersetzen könne.

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