Der Spiegel Nr. 37: Und morgen das ganze Land?

Die AfD ist laut einer aktuellen Umfrage in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt bereits stärkste Partei. Erfahre ich im Spiegel, warum das so ist? Keineswegs.

Die AfD ist laut einer aktuellen Umfrage in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt bereits stärkste Partei. Erfahre ich im Spiegel, warum das so ist? Keineswegs. Und auch die im Teaser gestellte Frage: „Was tun mit einer Bewegung, die in Teilen den demokratischen Konsens aufkündigt?“, ist eher rhetorischer Natur. In der Titelgeschichte „Radikale Mitte“ stochern Melanie Amann und 15 Kollegen unsystematisch im Nebel und konstatieren, dass die AfD „zu einer neuen Volkspartei heranwächst“, die dann die Groko-Parteien CDU und SPD vom Sockel stößt.

Melanie Amann und Michael Sauga suchen im Gespräch mit dem früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert „Jähes Entsetzen“ nach den Ursachen für den AfD-Erfolg und sehen diese vor allem in dem unionsinternen Streit zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer um die „Flüchtlingspolitik“. Für Lammert tragen die Grünen einen erheblichen Teil Mitverantwortung: „Wenn es damals (zu Beginn der letzten Legislaturperiode; erg.) nicht wieder eine schwarz-rote, sondern eine schwarz-grüne Koalition gegeben und die SPD in die Opposition gekonnt und gemusst hätte, wäre dies für eine vitale parlamentarische Auseinandersetzung sicher besser gewesen, zumal bei den beiden großen Aufregerthemen der vergangenen Legislaturperiode, der Griechenlandrettung und der Migration.“

Der ursprünglichen Anti-Euro-AfD von VWL-Professor Bernd Lucke, die lange Zeit die hochriskante Griechenlandrettung einte, spielte, nachdem dieses Thema aus der tagesaktuellen Diskussion verschwunden war, der Totalausfall beim „Flüchtlings”-Krisenmanagement in die Hände. Denn anstatt an staatspolitische Ziele zu appellieren, thematisieren diese Politiker Verlustängste, verwiesen auf Verteilungskämpfe und schürten Neid. Und fielen damit bei denen auf fruchtbaren Boden, die sich abgehängt fühlten, für die das Minus auf der Gehaltsabrechnung und das Plus bei der Mieterhöhung schwerer wiegte als staatspolitische Ziele.

Eine Idee zum Politikumbruch liefert das Magazin in dieser Woche in dem Beitrag „Dreck and the City“. Darin beschreibt der New-Yorker-Redaktionsleiter Philipp Oehmke den neuen Typus in der US-amerikanischen Politik: die Disruptoren. Und meint damit Quereinsteiger in die Politik wie etwa die Schauspielerin Cynthia Nixon – in der Serie Sex and the City spielte sie die Anwältin Miranda Hobbes –, die ganz neue Vorstellungen davon hätten, wie Politik zu gestalten sei. „Disruptoren wollen über Jahrzehnte gewachsene politische Verbindungen aufbrechen, sie wenden sich gegen die Angehörigen der eigenen Partei …“

Der Aufstieg der AfD hält unserer satten (West-)Demokratie den Spiegel vor. Das blendet die Spiegel-Redaktion seit Jahren aus, eine Redaktion, deren Grundprogramm genau das sein sollte. All die Routine, das abgegriffenen Vokabular, die Unfähigkeit die Lebensrealität der Wähler zu erkennen und entsprechend in den Parteiprogrammen darauf einzugehen, das Erziehenwollen, die immer im gleichen Duktus gehaltenen Statements, wo man vorher schon weiß, was gesagt werden wird und was nicht, Alt-Parteien und deren Spitzenpersonal, die von Werbeagenturen und Coaches so gleichförmig zugeschnitten sind, dass die Wähler keinen Lebenssaft mehr in den Adern sehen. Die Titelgeschichte zitiert den hessischen Spitzenkandidaten der AfD für die im Oktober anstehende Landtagswahl, Rainer Rahn: „Die Stimmung spricht für uns, wir brauchen eigentlich gar keinen Wahlkampf zu machen.“

Jan Fleischhauer schreibt in seinem Kommentar „Peergroup-Politik“: Es gebe „gute Gründe für die Annahme, dass es den Aufstieg der AfD ohne die Kanzlerin nicht gäbe. Frau Merkel scheint das egal zu sein. Sie macht auch keinerlei Anstalten, AfD-Wähler zurückzugewinnen. Sie scheint sich zu sagen: Ein Teil der Leute ist durch mit mir, aber ich bin auch durch mit denen.“

Ich stieß neulich auf den Satz von Erich Fromm: „Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man sich sehnt, dann gibt es auch kein Motiv, sich anzustrengen.“ Was bieten die Alt-Parteien den AfD-Wählern?

Manchmal kann auch Geld helfen. Denn staatliche Leistungen sind nicht nur geeignet, Zustimmung zu erkaufen (was immer wieder wohlfeil von vielen Seiten beklagt wird), vielmehr organisieren sie auch gesellschaftliche Teilhabe, wie Christian Reiermann in „Der Segen der Gießkanne“ ausführt.

In dem Beitrag „Freie Bahn für Erdogan“ berichten Dinah Deckstein, Maximilian Popp, Christoph Schulz, Gerald Traufetter und Severin Weiland, dass die Bundesregierung mit rund 35 Milliarden Euro das türkische Schienennetz sanieren will, weil angeblich drohe, dass ansonsten die Chinesen einsprängen und sich im Kaukasus festsetzten. Abwegig klingt das Ganze, wenn der Leser danach den Beitrag „Auf dem Abstellgleis“ von Tim Bartz, Christian Reiermann und Gerald Traufetter studiert, nachdem Bundesfinanzminister Olaf Scholz der Bahn für die dringend notwendige Digitalisierung und Sanierung die benötigten 5,6 Milliarden Euro verweigert. Irgendwo muss ja gespart werden – da spart Scholz anscheinend doch lieber zuhause.

Tim Bartz und Martin Hesse werfen einen Blick zurück auf die Pleite von Lehman Brothers vor zehn Jahren, die Folgen für die Weltwirtschaft bis heute und die Fehler von Politik und Banken in der Krisenbewältigung. „Die Amateure“. Lesenswert!

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Kommentare ( 70 )

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Die Griechenland-Rettung ist aus der tagesaktuellen Diskussion verschwunden? Warum eigentlich? Herr Boehringer hatte kürzlich bei einer AfD-Wahlkampfveranstaltung aufgezeigt, dass umgerechnet täglich weiterhin eine Milliarde nach Griechenland fließt! Wer meint in dieser Causa sei irgendwas gelöst, der irrt gewaltig! Und von Italien will ich gar nicht erst reden…

Melanie Amann? So eine Art weiblicher Georg Restle. Das genügt als Info. Ich weiss bescheid ….

Wenn der TE-Artikel dazu beiträgt, die Leserzahlen des SPIEGEL noch weiter zu dezimieren… bitte! Ansonsten kann ich nicht verstehen, warum sich TE immer wieder mit diesem leidigen und ohnehin sterbenden Blatt befasst. Dadurch, dass sich TE mit dem SPIEGEL beschäftigt, wird dieser doch nur noch geadelt. Ich lese schon seit Monaten bzw. Jahren keinen Spiegel, keine SZ, keine FR und keine TAZ mehr. Mir selbst geht es seitdem viel besser und die Infos bekomme ich auch von anderswo, wo es deutlich seriöser zugeht als in diesen Hetz- und Lügenblättern, die ganze Nachrichten weglassen, andere verfälschen und als angebliche Fachleute irgendwelche… Mehr
Der Spiegel tut nur das was man von ihm erwarten wuerde. Er ist von Linken gegruendet worden um linke Ideen unters Volk zu bringen. Daran finde ich absolut nichts erstaunliches. Was ich erstaunlich ist die Tatsache dass es Millionen Waehler in Deutschland gibt die es komplett normal finden dass der Grossteil der Presse sich damit beschaeftigt die einzige Oppositionskraft zu kritisieren. Alle sind pro-Regierung. Nicht nur der oeffentliche Rundfunk. Und das finden die 85% der Waehler voellig normal. Von diesen 85% moegen vielleicht 25% direkte Gewinner der Regierungspolitik sein. Aber der Rest sind einfach nur Leute die ein Demokratieverstaendnis haben… Mehr

Der Werbespot, im WDR 2 Hörfunk in der Woche vor dem Verkauf dieses Exemplars täglich mehrmals verbreitet, ging so: „Sachsen driftet immer mehr nach rechts. Bald auch die ganze Republik? Spiegel. Keine Angst vor der Wahrheit!“
Wahrheit heißt doch auf russisch Prawda, oder? Ein Hohn.

Der AfD Artikel kann als eine Art Dankschreiben für die vielen ganzseitigen Anzeigen von ARD, ZDF (neo) und DHL verstanden werden.

Ziemlich viele Behauptungen drin, die man kaum nachvollziehen kann. 2500 krumme Hunde in der Demo gezählt ( ich habe früher mal an einer Verkehrszählung teilgenommen – das ist ziemlich anstrengend. Und dann noch 2500 Gesichter erkennen …. ) , ein langjähriger Verfassungsschützer meint:“ganz schön hardcore“ ( zuvor wurde sich über das Beratungsgespräch des VS mit der AfD Fraktion beschwert ) usw usw.

Aha, eine Partei, die als einzige Volksabstimmungen fordert und die von allen anderen Parteien ohne Argumente ausgegrenzt wird, kündigt also „teilweise den demokratischen Grundkonsens“. Diese stalinistische Logik ist ja leider nichts neues mehr beim Spiegel.

Was im gedruckten „Spiegel“ steht ist irrelevant. Wer kauft eigentlich noch Papierzeitschriften? Sehr relevant dagegen ist, was im SPON steht. Das ist es, was dem Volk vom Smartphone in’s Hirn dringt. Die zehn Sätze bis zur Bezahlschranke.

Die Stärke der AfD ist die Schwaeche der anderen Parteien…und Merkel hat die anderen Parteien alle geschwächt… Merkel macht die AfD von Mal zu Mal immer stärker!

Lammert hat recht, zu einer Regierungsfraktion im Parlament gehört immer auch eine starke Opposition. Jeder Form von GroKo ist der Tod des Parlamentarismus und der Demokratie. Und wenn die Medien sich selbst auch noch auf Stromlinienform bringen ist die Demokratie tot. Die Schleimer und Nutznießer, die Opportunisten werden alles versuchen um nicht von den Fressnäpfen vertrieben zu werden. Solange eine Mehrheit der Propaganda glaubt und weiter schläft sind die Posten sicher. Aber wehe wenn die Bürger aufwachen. Frau M geht es nur um ihre Macht, das Land ist ihr Sche…..egal. Ihr Vorbild soll, so hört man, Katharina die Große sein.… Mehr
Ach der Spiegel – was für eine traurige Truppe. Wenn man überlegt, dass Rudolf Augstein mal 103 Tage! in den Knast ging, um gegen eine unionsgeführte Regierung zu kämpfen, die die Pressefreiheit des Grundgesetzes nicht achten wollte. Und jetzt, wo Regierung und der nicht-AFD-Teil der Opposition die Landesverteidigung bzw. Grenzsicherung quasi aufgegeben haben, trauen sie sich nicht, für diesen Teil des Grundgesetzes zu kämpfen. Ja, darüber hinaus, trauen sie sich jetzt nicht mal mehr einen kritischen Blick auf die Groko werfen und die wahren Ursachen für das Anwachsen der AFD benennen. Kein einziger Reporter würde dafür in den Knast kommen… Mehr

Es gab Zeiten, da habe ich den Spiegel gerne als Informationsquelle genutzt. Die seit Jahren immer weiter sinkenden Auflagen von Spiegel und Stern scheinen mit den Qualität zu korrelieren. Inzwischen würde ich den Spiegel nur noch gegen Zahlung von Schmerzensgeld lesen.