DER SPIEGEL Nr. 31: Die Lage der Nation

Ein Heft über Gerechtigkeit, das Wahlkampfthema der SPD, das einfach nicht zünden will. Muss diese Wahlkampfhilfe eigentlich als solche ausgewiesen werden? Wir haben schon mal die spendenwirksame Leistung ausgerechnet.

Der SPIEGEL überlässt die Debatte zur „Lage der Nation“ nicht mehr dem Bundestag. Es könnten ja unpassende Fakten und Meinungen dabei zur Sprache kommen. Nein, der SPIEGEL nimmt die Verortung des Landes selbst vor, ändert dazu das Heftschema, bricht aus den Ressorts aus und sortiert die Beiträge nach den Themen: „Wertarbeit“, „Verfassung“, „Landsleute“, „Welcome“ und „Brauchtum“; und alles Übrige findet sich unter der Rubrik „Diese Woche“.

Rot-Weiß-Essen wollte niemals Bayern München sein

Ich habe mich von hinten nach vorne vorgearbeitet, bin beim Brauchtum und Rot-Weiß-Essen, kurz, eingestiegen. Selbst in der Hafenstraße geboren und aufgewachsen, in der anderen, der auf der Nordseite des Rhein-Herne-Kanals, in Bottrop, ist der Essener Arbeiterclub natürlich immer schon „mein“ Verein gewesen.

Dass RWE das Bayern München der 1950er Jahre gewesen sein soll, wie Jörg Kramer in „Woanders is auch scheiße“ schreibt, ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Wir waren schon froh, wenn „wir“ am Ende der Saison einen Punkt vor Schalke lagen. RWE hat es nicht nötig, mit dem 1. FCB verglichen zu werden, um für die echten Fans ganz groß zu sein. Der Hamburger Blick schielt am Rest vorbei.

Nachdenken über Deutschland und die Deutschen, über die möglicherweise gefährdete Wirtschaftsentwicklung, über politische Herausforderungen, echte Skandale und meinungsrelevante Schrulligkeiten. Da passt alles rein: vom Autobauerkartell über Mülltrennung, von Wirtschaftszahlen und anderen Statistiken und denjenigen, die sie von Amtswegen machen über innere Sicherheit, das Ein- und Auskommen der Mittelschicht und die „Ossis“ mit ihren Erschöpfungen, die Rentner, alte und neue „Gastarbeiter“ wie die vier Deutschlandkorrespondentinnen ausländischer Medien, deren Beschreibungen „Deutsche sind …“ den britischen Illustrator Nishant Choksi zu den in den sechs Titelbildern verwendeten Zeichnungen animierte. Dasjenige, bei dem Merkel Trump den Fußball in die Fresse tritt zeigt die Verfassung des SPIEGEL: Infantil, kein differenzierter Blick, die Kanzlerin ist die Größte und reale Machtverhältnisse gibt es nicht. Bildsprache ist verräterisch, man hört das Aufkichern und Seufzen, dass es da einer dem Bösen gegeben hat und die Freude über das eigene Gutaufgehoben-Sein.

Immer dieses Wir

Und überall menschelt es, dass es schon peinlich wird. Im Statistischen Bundesamt gibt es doch tatsächlich Menschen, die Wörter benutzen wie: „Ui“! Oder Sätze sagen wie: „Herrgott noch mal“! Nur bei der Kanzlerin menschelt es nicht. „Eine Frau aus Bernstein“ titelt Alexander Osang, die immer undurchdringlicher werde, wie man es sonst „nur von Sphinxen, Diven und Königinnen kennt“.

Einen Versuch war es wert. Wenn Chefredakteur Klaus Brinkbäumer in Hausmitteilung und Vorabmeldungen die Frage, ob es in Deutschland gerecht zugeht, breit anteasert, dann verspricht es mehr, als das Heft hält. Und dann dieses „Wie wir leben, wie wir denken“. Das kannte man bisher von BILD, wo Wir Papst wurden, wenn auch nur kurz, und von Brigitte. Dabei hat es sich längst ausgeWIRt. Bemerkenswert, wo sich der SPIEGEL selbst andockt. Im Laufe der kommenden Woche soll SPIEGEL Online beim großen WIR  nachziehen. Fragt sich, ob mit eigenen Artikeln oder mit Recycling der aktuellen Ausgabe, was schon in der zurückliegenden Woche verschärft zu beobachten war. So kommt man über die Sommerflaute.

Wahlkampfhilfe

Soziale Gerechtigkeit: das SPD-Wahlkampfthema, das nicht zünden will. Vielleicht ist es kein Thema, das die Menschen bedrückt, die alte Leier mit der Vermögenssteuer? Der SPIEGEL horcht auf seine Sympathien und gibt Wahlkampfhilfe. Nehmen wir die Beiträge, die direkt auf das Thema soziale Gerechtigkeit einzahlen, dann habe ich 24 Seiten gezählt. Bei einem durchschnittlichen Seitenpreis von 66.425 Euro (freie Platzierung im Innenteil) beträgt der Äquivalenzwert 1.594.200 Euro. Spannende Frage: Wird das SPD-freundliche Wahlkampfgetöse als Wahlkampfspende ausgewiesen?

Glücklicherweise entscheiden die Bürger im September selber, wem sie zutrauen, ihre Interessen besser zu vertreten. Die Hamburger können noch so laut trommeln: Sie werden die Wahl nicht entscheiden.

Entlarvend finde ich den Beitrag „Wir spinnen, wir Deutschen“ von Ullrich Fichtner. Wer sich um den Staatshaushalt sorge – wie die Deutschen es täten – verhindere angeblich gute Politik. Die großen Zeiten der 1970er Jahre müssen herhalten, in denen es Aufbruchstimmung gab, weil der Staat plötzlich das Füllhorn ausgoss über das Land. Dieses süße Gift wird jetzt wieder heraufbeschworen, um Fahrt in den Wahlkampf zu bringen. Leider fehlt die Analyse darüber, wie anschließend die Generation Kohl, ob Bürger oder Politiker, den Schuldenberg wieder beherrschbar gemacht hat. Nachhaltigkeit ist die Sache Fichtners nicht, nur aufgeregter Hurra-Journalismus für den Effekt.

Dirk Kurbjuweit erklärt uns im Beitrag „Das Politikwunder“, warum es in Deutschland keinen Trump geben kann. Ja?

Das Highlight der Woche steht für mich aber im FOCUS. Dort befragt Autor Wolfgang Reuter den Spieltheoretiker Marcus Schreiber zum Ablauf der Brexit-Verhandlungen. Schreiber sieht die EU-Verhandler klar im Vorteil. Um aber das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, müsse man Angela Merkel und Emmanuel Macron am besten nach St. Helena schicken, damit von dieser Seite keine „vernünftigen Kompromisse“ auf den Tisch kommen. Klingt logisch. Ein lesenswertes Interview. – Allerdings könnte Macron den Brexit-Verlauf ganz allein bestimmen an Merkel und Juncker vorbei – wie bei den Hotspots in Libyen.

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Kommentare ( 10 )

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Er macht nach wie vor Meinung …

dieses Titelbild zeigt das unterirdische Niveau,
auf dem der Diskurs in Deutschland angekommen ist
bzw.
da versteht man, warum es keinen mehr geben kann…
…und das Titelbild – als Spiegelbild der Macher und Genehmiger –
zeigt, warum es zu den Exzessen in HH kommen konnte:
keine Argumente, nur noch Zuschlagen.

Die deutsche Presse ist gar nicht gleichgeschaltet, sagt meine Frau.

Wenn dem so wäre, hätte sie es sicher im Stern oder Spiegel gelesen.

Mancher Deutsche liebt die Konformität; die gesunde Skepsis überlässt er den Angelsachsen. Also passt er seine Meinung an den Mainstream an und konsumiert nur Medien, welche ihn in seiner Meinung bestärken.

Man will ja Teil einer Gemeinschaft sein, die die Welt mit Gutem überzieht. Das dritte Mal in hundert Jahren.

Ich gehe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, das die allerwenigsten Arbeitslosen, Harz IV, sozial Schwachen oder einfach die welche so richtig um ihr gesellschaftliches Überleben kämpfen müssen Schmonzetten wie Spiegel, SZ, Zeit, TZ etc. lesen. Mit anderen Worten, es geht einigen noch viel zu gut.

Äh, na ja war vielleicht etwas langatmig, sie wissen schon Geheimbund des Guten mit Siegel und so.

Ich weiß warum ich seit Jahren einen Riesenbogen um dieses Blatt und seinem geistig in einer Ecke verbliebenen Solonsozi.
Sollte ich mal beim Arzt sitzen und habe die Wahl zwischen Goldenem Blatt und Spiegel, wähle ich eher das Goldene Blatt.

Entlarvend finde ich den Beitrag „Wir spinnen, wir Deutschen“ von Ullrich Fichtner. Wer sich um den Staatshaushalt sorge – wie die Deutschen es täten – verhindere angeblich gute Politik.

Ich sorge mich definitiv nicht um die Finanzen des Spiegels (indem ich ihn weder [sogar beim Arzt] lese, noch kaufe) und verhindere damit die Finanzierung schlechter, tendenziöser Berichterstattung. Was ich von Augstein höre erzeugt sofortigen Ohrenkrebs.

Ich denke es ist Zeitverschwendung (die Lebenszeit ist begrenzt) sich mit dem Zerr-Spiegel zu beschäftigen.

„Dass RWE das Bayern München der 1950er Jahre gewesen sein soll, wie Jörg Kramer in „Woanders is auch scheiße“ schreibt, ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Wir waren schon froh, wenn „wir“ am Ende der Saison einen Punkt vor Schalke lagen. RWE hat es nicht nötig, mit dem 1. FCB verglichen zu werden, um für die echten Fans ganz groß zu sein. Der Hamburger Blick schielt am Rest vorbei.“ Vielleicht hätte sich Herr Kramer mal richtig mit dem Fußball der 1950er Jahre beschäftigen sollen – oder einfach nur mit der Geschichte der Oberliga West. Da gibt es viele… Mehr