Der Playboy – November 2015

Was macht frau bei einer länger andauernden Erkältung? Fröstelt frau über die angeblich zunehmende soziale Kälte in Europa – oder macht frau sich warme, wärmere, heiße Gedanken beim Anblick spärlich bedeckter Studentinnen-Nackedeis des Playboy? Arme Amis, die das bald nicht mehr dürfen - keine Bilder mehr in der originären US-Ausgabe. Warum?

Da ohnehin angeschlagen, fällt mir die Wahl heute leicht und so greife ich zur November-Ausgabe des Playboy. Der Titel verheißt bereits einen Frontalangriff auf den Lehrstuhl von Lan Hornscheidt an der Humboldt Universität Berlin: „Deutschlands schönste Studentinnen“ blinkt es mir da blank und barbusig mit eingeschalteter Frontbeleuchtung entgegen. Wer kennt das nicht, früh am Morgen reicht die Zeit kaum aus, um sich vernünftig oder vollständig anzuziehen und zuzuknöpfen. Ich denke an das Studentenleben, wo man das Waschen von Kleidungsstücken mit Wollanteil auch erst erlernen mußte – wie sonst erklären sich die kurzen Gürtelröckchen, die das Gesäß nur mehr offenlegen als bedecken. Es waren schöne Zeiten. Wir hatten nicht viel anzuziehen. Es ist nicht besser geworden.

Der November wird wärmer – gleich sieben Mal 

Der „Hochschulmädchenreport“ zeigt die „bezaubernden Studentinnen Zhanna, Svenja, Sophia, Viktoria, Stefanie, Tanja und Katrin“, die „ja eigentlich im Lernstress sind.“ Natürlich wird beim Besuch des Playboy an der Uni der Lernstress aber schnell zur Nebensache.

Dankenswerterweise, denn wer will schon Studentinnen im Norweger-Zopfstrick dabei zusehen, wie sie sich ungeschminkt mit einem Löffel Magerjoghurt über ihre Bücher beugen. So kann man die sieben jungen wohlproportionierten Damen beim lukullischen Picknick beobachten, wie sie sich gegenseitig füttern oder der anderen verlegen-verrucht am schon geöffneten Schulblazer herumnesteln.

Verdammt, der Playboy ist gut. Die Halsschmerzen werden tatsächlich weniger.

Stefanie Blust, 25, studiert in Karlsruhe Chemie-Ingenieurwesen und wird zitiert mit „Ich studiere in Karlsruhe, weil hier der Männeranteil so hoch ist. Da habe ich auf dem Campus die größere Auswahl.“ Wer da ein frivoles Studentenleben impliziert, könnte recht haben. Aber schön. Mit der Frau würde ich mich selbst gerne auf ein Bier treffen. Sie sieht sehr beweglich aus und wie jemand, der Freude am Leben hat.

Zhanna Schröder, 28, die BWL in Kiel studiert, hingegen „steht auf Männer, die mich ohne Worte verstehen und genau wissen, was ich mir gerade wünsche.“, scheint mit 28 noch nicht so weit wie Stefanie aus Karlsruhe. Wie soll ein Mann ohne Worte verstehen, was wir Frauen auch mit Worten oft über uns selbst nicht wissen. Na, sei’s drum.

Die Bilder machen wirklich viel Spaß, zeigen Deutschlands sexy Studentinnen von allen Seiten und aus jedem Blickwinkel. Die Fotos sind dabei stets ästhetisch und ansprechend. Manchmal nimmt man den Mädels eine gewisse Entrückung und Spaß bei den Bildern wirklich ab, eine authentische Spielerei zweier Studentinnen in selbstvergessenen Lernpause am Novembersonntag.

Initiationsriten auch bei Girls

Man sieht die sieben Studentinnen bei Initiationsriten wie einer Champagnerflaschendusche im Uni-Garten, bei kreativen Klettereien, um zum Unterricht zu gelangen, beim obligatarisch kecken Badminton-Spiel in der (hoffentlich) warmen Herbstsonne oder beim Herumtollen im Schilf des angrenzenden Universitäts-Teich.

Einziger Kritikpunkt: Im „Studentinnen Teil 2“ führt die kleinste Studentin ihre Hand an die Scham der körperlich größten – wodurch deren Hüften überpropotional groß erscheinen. So wirkt Katrin Weise, 19, TU Dresden, Lehramt (Religion, Physik) beinahe moppelig, was sie gar nicht ist. Da hat wohl jemand bei der Produktion geschlafen. Und bevor Sie jetzt sagen: „Na, das ist jetzt aber eine typisch weibliche Sicht. Wer denkt denn bei dem Anblick noch an… wie war noch mal die Frage?“ – drei männliche Probanden sind während des Durchblätterns genau an dem gleichen Punkt ins Stocken geraten und aus ihren Tagtraum-Phantasien gepurzelt Hah! Sowas ist nicht gut und kann einen Mann gut und gerne um ein paar Minuten zurückwerfen.

Der Uni-Check gibt Antwort auf die Frage, wo es sich in Deutschland, klar, „am lustvollsten lernt“. Die 15 Uni-Fächer mit der höchsten Frauenquote. Da möchte sich der geneigte Leser des Playboy aber nicht tot überm Gartenzaun wiederfinden. Und da ist dann auch sehr fraglich, ob in Studiengängen wie Schwerhörigenpädagogik solche Feger wie in der Strecke eingeschrieben sind. Wer seinen Studiengang und Studienort aber nach der Frauenquote ausrichten möchte, also eine Art Torten-Roulette betreiben möchte, wird in der aktuellen Ausgabe fündig. Unterbrochen werden die Hitlisten durch kleine Statisitk-Einschübe wie „Jede/r 3. Studierende in Berlin kann sich Sex-Arbeit als Nebenjob vorstellen.“

Das Interview mit Tommy Lee, dem Skandal-Drummer der Band Mötley Crüe, macht ebenfalls Spaß. Bisher kannte ich Tommy Lee fast ausschließlich als Weichteilhupenden Schiffskapitän und Ex-Ehemann von Pamela Anderson, bei dem ich oft entnervt abgewunken oder weitergeblättert habe. Das Interview erzählt von Sex, Drugs and Rock n Roll – und von sehr viel Freiheit. Die es ihm jetzt allerdings erschwert, seinen beiden Söhnen zu erklären, was sie besser zu tun und zu unterlassen haben. Das Interview hat es geschafft, mir dieses Enfant Terrible sehr sympatisch zu machen.

Der Sonntags-Vorleser will, dass Titel halten, was sie versprechen
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 44: Grenzfragen
Das Playboy 007 Special zum Start von SPECTRE ist ebenso mit einer Leseempfehlung versehen. Ein schöner Abritt durch die Jahrzehnte mit der Frauen liebstem Geheimagent 00LOVE. Vorgestellt werden – natürlich – die ehemaligen Darsteller. Dann geht es über einige der schönsten Drehort-Kulissen hin zu geheimdiensttauglichen und geschmackvollen Outfit-Empfehlungen. Auch an dieser Stelle nochmal ein Kompliment: Die modischen Empfehlungen im Playboy sind wirklich angetan für einen Mann, der denkt „was würde ich anziehen, wenn ich ein Kerl wäre“. Nicht wie in der GQ, wo es eher nach dem Prinzip funktioniert: „was würde eine Frau anziehen, wenn sie ein Kerl wäre“ (was in den allermeisten Fällen nach hinten losgeht).

Zu meiner Überraschung gibt es immer noch die Witzseite, eine Gemeinsamkeit zum Goldenen Blatt.

Eine weitere Gemeinsamkeit: EIN REZEPT! Aber hier kein Gourmet-Quatsch. Nein, hier gibt es eine waschechte männliche Linsensuppe. Mit einer hineingeschnittenen Mettwurst, die auf sämtliche Gesundheitswarnungen der WHO pfeift und einem wie ein echter Kerl schallend ins Gesicht lacht. Wußten Sie, dass eine Linsensuppe sexy sein kann? Nein? Ich auch nicht.

In der Kolumne von Ralf Husmann geht es um den Spion in den eigenen Reihen. Den spitzelnden Doppelagenten: die Freundin, die das Smartphone leihen will. Husmann, der für Schmidt, Ulmen und Stromberg geschrieben hat, beschreibt mit großem Wortwitz, wie er sich aus dieser Situation heraus manövriert hat.

Die Gestaltung und das Layout sind ansprechend, ohne ins schnörkelige und ins feminine abzugleiten. Beim Durchblättern und Lesen des „Handbuchs für den Mann“ steigt einem sogleich ein rauchig-honiger Duft von Cognac in die Nase. Wie die das geschafft haben? Sie sind eben gut.

Mein Fazit; Zwar sind fünf der sieben abgebildeten Hintern der Studentinnen kleiner als mein eigener, aber darüber möchte ich hier und jetzt einmal hinwegsehen.

Für Amis ist der Spaß bald vorbei

Wer in Zukunft auf geschmack- und niveauvollere Bilder nackter Frauen nicht verzichten möchte (ohne, dass man wie beim Hustler oder im Internet „richtig reinschauen“ kann (Zitat Captain Hero/Drawn Together), der wird sich auch in Zukunft über den Playboy freuen.

Wer weiß, wie lange süße Studentinnen denn noch so unbekleidet zu sehen sein werden. So schreibt Bernd Graff über die jüngsten Entscheidungen aus dem Hause Dinner-Jacket in der Süddeutschen Zeitung:

„So bricht nun eine echte Zeitenwende an: Das Magazin hat über seinen ewigen Gottvaterherausgeber, den Hochkultursammler Hugh Hefner, beschlossen, künftig keine nackten Frauen mehr zu zeigen. So der amtierende Playboy-Chef Scott Flanders gegenüber der New York Times. Jedenfalls nicht in der amerikanischen Ausgabe. Die deutsche hingegen, so deren Chefredakteur Florian Boitin, behält sich „redaktionelle Unabhängigkeit“ vor und stellt klar: „Auf die Ausrichtung des deutschen Playboy hat die Entscheidung der Amerikaner keinen Einfluss.“

Gut, die Amis halten es da ja eh etwas anders: Waffen – hui, Brüste – pfui.

Die Interviews und Portraits sind so unterhaltsam und informativ wie ihr Ruf. Den zweifelhaften Charme eines „Feigenblatts“ hat dieses Angebot nicht nötig, das würde auch ganz eigenständig und nicht ergänzend laufen können und wäre dabei tatsächlich besser als zahlreiche andere Angebote.

Alleine aus Gründen der nicht enden wollenden Aufregung einiger Weniger sollte die Linie exakt so beibehalten werden. Wer sich echauffieren will, echauffiert sich ohnehin und schafft das selbst über die kunstvoll umherfliegende Tüte in „American Beauty“ – „DAS IST JA PLASTIIIIIK!“

Auch, wenn man in Zeiten des Internets Nacktheit überall und jederzeit unter die Nase gehalten bekommen kann und das dann auch zu niedrigeren Verkaufszahlen beim Playboy führt: Nicht jeder Mann besucht gerne die dunkel-schwummrigen Ecken des Internets, um sich durch eine Vielzahl an großen, kleinen, spitz stehenden und (ohne jede Vorwarnung) hängenden Brüsten zu klicken. Und wir Frauen können dabei auch gleich ein bißchen „Feindbeobachtung“ betreiben.

Die Halsschmerzen sind übrigens weg und ich habe jetzt auch wieder ein Pin-up für meinen Kühlschrank. Danke, Playboy.

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Kommentare ( 1 )

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Toll geschriebener Text. Frauen sollten so über Frauen schreiben.. und auch über solche Phänomene wie den Playboy, der einfach schon ein Kultobjekt ist.

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