Dem Focus bekommt der Sonntag nicht

Es ist nun mal so, dass ein Nachrichtenmagazin nach seiner Titelgeschichte beurteilt wird. Würden wir es beim aktuellen FOCUS so machen, könnten wir das Heft gleich wieder zur Seite legen. „Single. Die neue Lust aufs Leben. So funktioniert der Solo-Lifestyle.“

Weder ist bei dem Thema irgendetwas neu, noch funktioniert das Solo-Leben. FOCUS hätte das wissen können, denn die Redaktion interviewte den Soziologen Stefan Hradil, und der sagte es ihnen: die Singles „sind nicht mehr wie in den 80er- und 90er-Jahren das Leitbild…Aktuell ist das junge Paar mit Kind das erstrebenswerte Ideal“.  Und trotzdem wird seitenlang zusammengetragen, was man schon unendlich oft gelesen hat, oder das genaue Gegenteil. Ein bisschen Sex, ein bisschen Bedauern, das reicht nicht zu mehr, als zum Überblättern.

Cyberattacken und verschlafener Freitag

Da trifft es sich gut, das FOCUS die Titelgeschichte ganz weit hinten im Heft versteckt hat. Denn von vorne weg liest sich die Ausgabe ganz gut. Der Politik-Aufmacher dreht sich um Cyberattacken und das neue Gesetzt dagegen. Allerdings scheint die Redaktion die Änderung im Bundestag vom Freitag nicht mitbekommen zu haben, die das Gesetz auch auf Bundesbehörden ausdehnt. Merkels Nöte mit Griechenland ist eine Doppelseite wert, wobei geschickt die Weltpolitikerin (Nachklapp zum Elmau-Gipfel) und die Parteipolitikerin (geht die Union bei der Griechen-Rettung mit?) verbunden werden. Passend dazu ein Portrait des Premiers Alexis Tsirpas, das mit dem Hellenen nicht sehr freundlich umgeht: „Griechenlands Premier ist ein Hasardeur, ein Underdog, der es weit gebracht hat.“

…und das sind unsere Sonntags-Noten von 1 bis 6:

 

1  Sofort abonnieren
2  Sofort zum Kiosk und kaufen
3  reicht auch nächste Woche noch
4  ignorieren
5  Abo kündigen/kommt mir nicht ins Haus
6  Braucht man nicht

Auch Andrea Nahles mit ihrem Machtdiagramm kommt vor, und man weiß nicht so recht warum. Aufwühlend dagegen eine Reportage aus dem rechten Sumpf in Dortmund, wo nicht nur die Einwohner bestimmter Viertel bedroht werden, sondern sogar massiv Journalisten, darunter wohl auch der FOCUS-Reporter selbst.

Das Auslandsressort glänzt mit guten Beiträgen. Eine Reportage aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol zeigt den gespenstischen Alltag einer gespaltenen Stadt im Krieg. Ein Beitrag aus der Türkei nach der Wahl analysiert, wie viel Öcalan in der neuen Kurdenpartei HDP steckt. Das Pariser Büro besucht den Chefredakteur von Charlie Hebdo, Gérard Biard, und schildert einfühlsam die neue Stimmung der Satirezeitschrift zwischen Geldsegen, Psychotrauma und Polizeischutz – allesamt Folgen des Attentats.

Das liest sich alles ganz gut und man nickt, aber nichts ist zwingend, nichts wirklich neu oder überraschend. Die Tageszeitung vom gleichen Tag und noch mehr die Sonntagszeitungen sind viel aktueller, daher spannender. Da das Nachrichtenmagazin (ohne Nachrichten) FOCUS jetzt am Samstag erscheint, sieht es für den Wochenendleser eher blass aus, und hat noch nicht mal eine Rätselseite. Und ob ich mir das Magazin am Montag in der U-Bahn auf den Schoss legen werde, scheint doch fraglich. Dafür ist es dann doch viel zu alt. SPIEGEL und FOCUS waren früher auch nicht viel aktueller, als heute. Seit sie aber beschlossen haben, dass die Woche am Sonntag anfängt und nicht wie ehedem am Montag, geben sie nicht mehr den Takt an, erscheinen ihre Beiträge in einem anderen Licht, sie laufen hinterher.

Das gilt auch für den Aufmacher der FOCUS-Wirtschaftsseiten, der sich mit der Misere der Deutschen Bank beschäftigt. Aufsichtsratschef Paul Achleitner und der neue Mann für den Vorstand, John Cryan, kommen dabei nicht gut weg. Ein Loblied auf Vietnam („Das besser China?“), sowie ein Abgesang auf die 3-D-Drucker-Branche („Enttäuschte Hoffnung“) tragen zur Aktualität dieser Ausgabe nicht wirklich bei.

Oldtimer. High-Heels. Unterwasserkameras. Aha.

Immer ganz nett sind die populärwissenschaftlichen Beiträge der Rubrik „Wissen & Gesundheit“. Diesmal: Psychopathen. Und zwar die gute Seite an ihnen, Erfolgsmensch und so weiter, der „Psychopath in mir“ inklusive Schnelltest. Ich mogle immer ein wenig und bekomme natürlich eine Bestwertung (irgendwas zwischen hohem Durchsetzungsvermögen und ausgeprägter sozialer Kompetenz).

Keine Bestwertung vergeben für den oberflächlichen Blick auf den Kunstmarkt anlässlich der Messe „Art Basel“, mit dem der Kulturteil beginnt. Wer eine Ader für Betroffenheit hat, dem gefällt die Rezension des Transplantationsromans (Herz) der Französin Maylis de Kerangal, die der Schriftsteller David Wagner geschrieben hat. Er kann sich in den Stoff bestens hineinversetzen, verdankt er sein Leben doch einer fremden Niere. Ansonsten versucht man uns mit Oldtimern, High Heels, Unterwasserkameras  und Innereien (auf dem Speisezettel) zu beeindrucken. Für Klatsch und Tratsch sorgen Samuel L. Jackson, Rainer Langhans, der Schauspieler Thomas Heinze und viele kleine Puzzle-Meldungen.

Unter „Sport“ lesen wir von dem zehnjährigen Vincent Keymer aus dem rheinland-pfälzischen Saulheim, der im Schach schon Großmeister schlägt. Das könnte ein richtungsweisender Artikel werden, denn Vincent, so sein Trainer, wird bestimmt einmal Weltmeister.

Gesamtnote: Note 3reicht auch nächste Woche noch. Immerhin 1 Grad besser verglichen mit der Vorwoche.

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