Beruhigungspille Gewöhnung

Geht es nach dem Mix der Beiträge in Sonntagszeitungen, die Roland Tichy und Fritz Goergen für Sie gelesen haben, könnte man meinen, die Lage beruhigt sich, aber in Wahrheit wirkt wohl nur die große Beruhigungspille Gewöhnung.

„Es wird nicht lange dauern, bis Teile unserer Partei Martin Schulz unter Druck setzen werden“, ztiert Daniel Friedrich Sturm, den die WeLT AM SONNTAG zu einem Reality-Check ausgeschickt hat, einen „SPD-Politiker vom konservativen Flügel“ in seinem Stück „Richtungsstreit nach dem RAUSCH“.

Noch gelte Schonfrist, weil die Umfragewerte stimmten. Viele in der Partei dächten erstmal an sich selbst: „Bis vor kurzem musste noch jeder Dritte der 193 SPD-Abgeordenten damit rechnen, nach der Wahl … sein Büro am Reichstag räumen zu müssen. Auf der Basis der letzen 30-Prozent-Umfrage … kann die SPD nun mit einem Plus von 27 Sitzen rechnen … Mit einem Wahlsieg locken gar zusätzliche Mandate und Posten: für Minister, Staatssekretäre, Büroleiter Referenten. Es geht um Jobs in Regierung, Fraktion, Partei. Das stimmt auch die schärfsten Schulz-Gegner milde. Vorerst.“

Früher mal machten Parteien ein Wahlprogramm, dann wählten sie in innerparteilicher Demokratie den passenden Kandidaten: „Die Verabschiedung des SPD-Wahlprogramms hat er (Schulz) von Ende Mai auf Juni verlegt.“ Das macht doch Lust zu fragen: in welchem Jahr?

Wolfgang Büscher hat die WamS zu Schulz-Auftritten geschickt. Bei Nackensteak vom Grill klärt Schulz Büscher auf: „Er sei im Lande unterwegs …, um sein Wahlprogramm zu erarbeiten.“ Ein echter Volkstribun? Jedenfalls sagt Schulz: „Erst zu den Leuten gehen, gucken, was los ist, dann das Programm schreiben. So mach ich’s.“ Wie war das bei Luther? Auf’s Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden. Ob Schulz das andersrum versuchen will?

Es sei nicht verschwiegen, dass die WamS Annegret Kramp-Karrenbauer auf fast einer ganzen Seite interviewt hat. Das Revolutionärste darin zur Frage, ob das Asylrecht angepasst werden müsste: „Dass zum Beispiel jemand in Deutschland Asyl beantragt und als Erstes auf Familienbesuch in das Land zurückreist, in dem er verfolgt wurde, das geht nicht.“ Titel des Interviews ist „Der SPD fehlt eine HALTUNG“ – nur der SPD?

Nein die Titel-Story „Träum WEITER!“ handelt nicht von Politikern, sondern von den Lösungen für „Eltern mit den Nerven am Ende“, weil das Baby nachts ständig aufwacht, von Ratgebern, „Schreiambulanzen und Schlafcoaches“: ein nachdenklich machender Beitrag.

Die Frankfurter Allgemeine SONNTAGSZEITUNG erleidet an diesem Wochenende das Schicksal, das im Journalismus so oft vorkommt: Keine Spannung im Blatt, keine Hitze. Das geschieht in den aufgeregtesten Zeiten – irgendwie kriegt man sie nicht in Buchstaben gefasst. Die Hotelkette Maritim vergibt Betten und Säle nur noch nach Gesinnungsprüfung; die FAS vermutet, dass möglicherweise nicht mit prekären Antifas Geld verdient wird, sondern mit Menschen, die trennen zwischen Geschäft und Gesinnung. So kommt zum Boykott der Gegenboykott. Mal schauen, wer mehr boykottieren kann.

Doch halt. Nichts ist so langweilig, dass es nicht ein kleines Twitter-Stürmchen auslösen könnte. Hier die bösen Sätze über den in der Türkei festgesetzten Welt-Korrespondenten Deniz Yücel. Der FAS-Athen-Korrepondent Michael Martens schreibt, die Vorwürfe gegen Yücel „sind absurd. Man kann nur hoffen, dass es gelingt, ihn bald aus der Haft und der Türkei zu befreien. Aber vielleicht sollte man auch darauf hoffen, dass deutsche Verlage ihre Entsendungspolitik überdenken und neu überlegen, welche Korrespondenten sie in welches Land schicken. Denn gerade im Fall der Türkei beugen sich manche Häuser indirekt dem Nationalismus des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: einmal Türke, immer Türke … Aber Migrantenkinder, die nur über Migration schreiben? Gähn! Solange der Eindruck vorherrscht, dass ein ‚Türke‘ nur Türkei ‚kann‘, müssen sich die Leser auf den Arm genommen fühlen. Die Verlage schulden den Lesern Journalisten, nicht Türken vom Dienst, eingezwängt in das Prokrustesbett ihrer Biographien.“

„Infam“, nennt Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer den Text.

Da prallen zwei Welten aufeinander: Yücel muss freikommen, keine Frage. Die Türkei duldet keine kritischen Journalisten; und sie verfolgt einen nationalistischen Ansatz: Sie entlässt ihre Bürger nicht aus ihren Fängen; einmal Türke, immer Türke ist infam, aber Politik Erdogans, des großen Merkel-Freundes.

Einmal Türke, immer Türke, das ließ sich auch auf der Oberhausener Erdogan-Sause beobachten, wo sein Ministerpräsident vor tausenden türkischer Fahnen die Diktatur hochleben und die Integration der hier lebenden Türken in Deutschland erneut zu bremsen versuchte, und zwar mit Erfolg: Einmal Türke, immer Türke, Doppelpass hin- oder her. Die deutsche Vorstellung von Multikulti wird halt von Erdogan und seinen Schergen nicht geteilt. Erdogan pickt sich jene Seite aus dem Doppelpass heraus, die ihm gerade gefällt, in diesem Fall die türkische. Das Privileg wird zur Falle, so wie in Oberhausen der türkische Nationalismus zur Waffe wird. Längst wird eben nicht nur bedroht, wer in der Türkei gegen Erdogan schreibt, sondern auch wer in Deutschland zu kritisch ist; schließlich sind die türkischen Imame der DITIB im Auftrag des türkischen Religionsministeriums ja Spitzel zur Überwachung der Türken in Deutschland.

Da hat die FAS eher zufällig nun doch ein spannendes Thema angerissen; allerdings eher unfreiwillig. Denn eine Lehre daraus könnte ja sein: Ein eindeutiges Bekenntnis zu Deutschland ist eines zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die geht in der Türkei schon länger den Bach runter, auch wenn das in Berlin gern beschönigt wird, weil Erdogan die Drecksarbeit in Merkels Migrationspolitik machen soll. Und das „schöne Völkersterben“, das Yücsel erfreut, wenn endlich die Deutschen verschwinden, wird vielleicht noch etwas aufgeschoben, bis Yücsel befreit ist.  Dann haben wir doch noch was Gutes geleistet in der Geschichte.

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