Fussball-EM: Island deklassiert den Geld-Fußball

Die kleine Insel besiegt die große Fußballnation - und damit den kommerzgetriebenen Weltfußball. Das sollte auch ARD und ZDF zu denken geben, die mit immer neuen Geldspritzen aus der Gebührenkasse die Spiele der Millionäre subventionieren.

Der gigantische Fußballzwerg Island, der seine Nationalspieler aus einer Bevölkerung von 334.000 Menschen auswählen muss, hat gestern endgültig Fußballgeschichte geschrieben. Die fußballenthusiastischen Engländer haben den Rasen mit einer 2:1- Niederlage gegen die Nordmeerinsulaner deprimiert verlassen.

Gleichzeitig kann man es auch so lesen:

Die Engländer haben die portugiesische Nationalmannschaft mit ihrer 1:1-Niederlage gegen Island und mit ihrem etwas zur Selbstüberschätzung neigenden Superstar Christiano Ronaldo ein wenig, wenn auch ungewollt, rehabilitiert. Und auch die Österreicher mögen sich beim Lecken ihrer Wunden aus der 2:1 -Niederlage gegen Island etwas komfortabler fühlen. Schließlich ist es keine Schande gegen einen Englandbezwinger zu verlieren. Der EM-Neuling Island macht Furore. Ja, klar, es ist eine alte Fußballweisheit, dass etwa die Lichtgestalten der Bundesliga immer wieder gegen Zweit-oder Drittligisten nur eine beschränkt gute Figur machen; die Kleinen wären eben undankbare unangenehme Gegner, die man schließlich auch nicht so furchtbar ernst nähme.

Die Isländer hatten nun allerdings in der Qualifikation zu dieser EM auch schon die fußballstarken Holländer mit in die Wüste geschickt, die bei dieser EM gar nicht mehr auflaufen durften. Von reinem Zufall oder dem Glück des Dummen kann man angesichts einer solchen Statistik wirklich nicht mehr sprechen.

Schade, dass im Fußballeuropa nicht mehr Freude über die Siegesserie des kleinen Island aufkommen mag. Alle Kommentatoren sind sich einig, dass die Isländer technisch nicht die versiertesten wären, dass die Mannschaft nicht die jüngste ist und nicht den schönsten Fußball spielte. Was ist schön? Der Sieg ist schön. Und die Siegesbilanz der Isländer ist exorbitant, gemessen an ihrer Ausgangslage und gemessen an dem ihnen zur Verfügung stehenden Geld.

Die Isländer spielen Fußball, und sie sind keineswegs nur defensiv, sondern sie erzielen auch selber Tore. Wer seinen eigenen Kasten sauber halten kann und das gegnerische Tor trifft, kann irgendwie Fußball spielen. Sicher, die Chancen, dass Island der gleiche Coup gegen Gastgeber Frankreich gelingen wird – ich drücke den Isländern die Daumen – stehen nicht sehr hoch.

Der Geldfußball ist aus dem Ruder gelaufen

Sehr deutlich ist die Erkenntnis, die die Isländer dem Rest der Welt vermitteln, nämlich, dass der privilegierte Geldfußball oder der Kapitalismus-Fußball schon lange aus dem Ruder gelaufen ist. Die Isländer haben dem Geldfußball, dessen goldene, mit Brillanten besetzte, in Wahrheit aber etwas hässliche Maske, mindestens ein Stück weit, vom Gesicht gerissen. Das hat nur noch keiner gemerkt.
Die Bedingungen, unter denen eine isländische Nationalmannschaft entstehen muss und sich vorbereitet, sind mit dem Wort hinterwäldlerisch, provinziell und arm in Relation zu den Möglichkeiten der Unterhaltungsindustrie Fußball noch gut beschrieben. In der Hauptstadt Reykjavík leben 121 000 Menschen. Alle anderen leben über das Land verteilt. Die Bedingungen überhaupt 22 Mann auf einem ordentlichen Fußballfeld zu einem Profispiel zusammen zu bringen, sind hart. Leistung und Erfolg müssen aus Spielfreude und Siegeswillen und nicht mit Geld heraus generiert werden, so wie es eigentlich im Sport gedacht ist.

Wenn der Null-Geld- oder No-Budget-Fussball siegreich sein kann, was Island jetzt schon eine Weile ganz stabil vorführt, wirkt der Fußballzirkus etwas fade und aufgeblasen. Natürlich sind die Erwartungshorizonte der Fußballzirkus längst nicht mehr (nur) auf ein gutes Spiel auf dem Rasen ausgerichtet. Nein, Brot und Spiele, Ablenkung vom Alltag, zur Zeit Ablenkung vom grün-rot-schwarzen Politversagen in Deutschland, Ablenkung von der Euro-Krise, Ablenkung von der Krise der Einwanderungspolitik und auch natürlich Ablenkung von Terror und Gewalt, Ablenkung von der Bildungs-und Integrationskrise, Ablenkung von den falschen Rezepten gegen die drohende demographische Krise usw usf. , das alles will der Fußballkonsument.

In Ermangelung von adligem Pomp, die letzten noch existierenden Regenten in Europa haben mehr oder weniger abgewirtschaftet, will das Fußballvolk Ersatzkönige sehen und das sind dann eben paar hundert Fußballstars dieser Welt. Die sollen im Luxus schwimmen, die sollen das Geld verprassen, die sollen keine Steuern zahlen, die sollen gut aussehen, Muckis haben, Superfrauen haben, zum Weltjetset gehören. Dieser Fußball oder besser, das glamouröse Gesellschaftsspiel drumherum, wird maßlos überhöht und diese Überhöhung hat sich verselbstständigt.

Es geht nicht um Moralapostelei oder um einen sauertöpfischen Sportpurismus, sondern es geht darum, dass der Spitzenfußball, der Profifußball, der Nationalfußball die Gesellschaft regelrecht hysterisiert und massenverblendet haben.

Die Skandale des Weltfußballverbandes haben eine systemische Ursache
Die Skandale des Weltfußballverbandes, die Skandale nationaler Fußballverbände haben eine systemische Ursache. Es ist ein systemischer Fehler, wenn öffentlich-rechtliches, zwangsgebührenfinanziertes Fernsehen wie in Deutschland, private Konkurrenz aussticht und für Fußballübertragungsrechte nennenswerte Anteile der über eine steuerähnliche Gebühr eingenommenen Beiträge von jedermann, auch von jedermann, der sich für Fußball nicht die Bohne interessiert, für den Einkauf besagter Fußballübertragungsrechte aus dem Fenster herauswirft.

Keine Frage: Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft und ihr Trainer Jogi Löw sind alle furchtbar nett, furchtbar jung, furchtbar professionell, furchtbar doll Weltmeister und furchtbar geübt im Aussprechen vorkonfektionierter Sätze oder Interviews. Der Spaßfaktor ist riesig. Und alle sind überzeugt, so teuer muss es sein, soviel Geld muss in den Fußball investiert werden, von der Ausbildung und Nachwuchspflege bis zu den jeden Rahmen sprengenden Spitzeneinkommen der Profis und der Funktionäre.

Die Spirale hat sich, noch von der Weltmeistergeneration der Beckenbauers oder gar der Uwe Seelers, von einer satten Kuhwiese in den heutigen Einkommensolymp hochgeschraubt und dreht sich weiter. Und alle Profiteure sind daran interessiert, dass das so bleibt. Der Fußballzirkus muss sich keine Sorgen machen: Die Gesellschaft ist bereit jeden Preis für ihren Fußball zu zahlen. Und dann ist ja da auch noch die Vorbildfunktion für den Breitensport und den ganz kleinen Nachwuchs.
Nein, die Isländer mussten auch auf diese Vorbildfunktion des Profifußballzirkus verzichten: Es gab und gibt den Fußballzirkus in Island schlechterdings nicht. Die sportliche Leistung, das sportliche Vergnügen und auch das Vergnügen des gemeinsam zelebrierten Zuschauens in den Stadien, neuerdings vor den inflationär zunehmenden Leinwänden, auf den sogenannten Public Viewing-Veranstaltungen, ist viel weniger vom Geld in der Weise abhängig, als es sich die Gesellschaft angewöhnt hat zu glauben.

Aber was sollen denn nun die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten machen?
Sie wissen, dass viele Millionen ihrer Konsumenten die Weltmeisterschaft auf der Mattscheibe sehen wollen. Und die Übertragungsrechte kosten eben. Die Rechte würden nach allgemeinen Marktgesetzen natürlich gar nichts kosten, wenn Niemand dafür etwas zu zahlen bereit oder in der Lage wäre. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass die Weltfußballverbände auf eine Übertragung der Spiele in Deutschland verzichten würden? Eher als das würden die Rechte verschenkt.

Nur solange die Rechtevergeber überzeugt sein dürfen, dass sich auf jeden Fall jemand findet, der für Übertragungsrechte zahlt, können Sie den Preis auch hoch und sehr hoch und immer höher halten. Fußball ist auf diese Weise ein Wirtschaftsfaktor geworden, obwohl im Fußball kaum ein volkswirtschaftlichen „Urmehrwert“, wie ich es einmal nennen möchte, generiert werden kann. Fußball ist eine der schönsten Nebensachen der Welt.

Der Mehrwert des Fußballs liegt darin die Menschen zum Geldausgeben zu motivieren und ihnen Freude zu machen. Das soll hier überhaupt nicht in Abrede gestellt werden. Es geht hier, wie gesagt, mitnichten um Spaßverderberei, sondern darum aufzuzeigen, dass ein paar Isländer für nothing Spaß bereiten können, dabei die Giganten und ihre Fans piesacken  und Salz in die fade Suppe streuen.

Und es geht darum, dass es unschön ist, wenn eine Gesellschaft wie die deutsche, die eigentlich genug Geld verdient, die eben auch im Fußballzirkus Geld versenkt, plötzlich etwa für sozial schwache Menschen oder ganz neu auch für behinderte Menschen oft genug kein Geld mehr hat oder auch für das eigentlich wichtigste Zukunftsprojekt jeder Gesellschaft kein Geld mehr hat, nämlich zum Beispiel für Notrenovierungen und notwendige Modernisierungen von Schulen und Kindergärten. Geld für Straßen-und Brückensanierungen oder überhaupt für die Sanierung der Infrastruktur, zum Beispiel in Nordrheinwestphalen, aber nicht nur dort, fehlt oft genug. Und dann ist es in Wahrheit zu wenig, wenn die Menschen darauf verwiesen werden sich an einem Fußballspiel zu wärmen.

Der Fußball ist Werbeträger, der Fußball ist nationales Politikum der Nationen. Das ist alles schön und gut. Das Beispiel Island zeigt, wie es im alten Rom gewesen sein könnte, als damals irgendwann Schein und Sein nicht mehr zuverlässig auseinandergehalten werden konnten.

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Kommentare ( 41 )

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