Das Gesellschaftsspiel mit Namen „Faschismus“

Die Wörter „Faschist“, „Rassist“, „Nazi“, „Rechtsradikaler“ und „Populist“ werden massenhaft gebraucht. Was ist „Faschismus“? Und wo versteckt er sich überall?

© Kursat Bayhan/Getty Images

Sind Donald Trump, Angela Merkel, Geert Wilders, Sigmar Gabriel und Co. „Faschisten“? Sind Marine Le Pen, Barack Obama, Frauke Petry oder Katrin Göring-Eckart o.a. „Faschisten“? Was ist „Faschismus“? Was oder wer ist ein „Faschist“? Sind die etablierten „Faschisten“-Jäger die „Faschisten“? Oder sind es die Gejagten? „Faschisten“ sind das allerletzte, so viel scheint im Angesichte des öffentlichen Diskurses festzustehen.

Der Westen wird von einem absolut undiskursiven „Faschismus“-Gerede geschüttelt. Allein: Es gibt mitnichten eine klare Definition, was „Faschismus“ ist. Geschweige denn, dass es eine rechtstaugliche Diskussion über diese Vokabel gibt. Fest steht nur eine Inflation der Begriffe.

Wo ist das „faschistische“ Element hingewandert?

Sind die Konservativen, sind die Linken „Faschisten“? Die Sozialen, die Liberalen? Sind die Grünen die „Faschisten“? Sind es die Klerikalen, die westlichen Demokratien? Sind es die westlichen Medien? Oder Theokratien? Ist das kommunistische Nordkorea „faschistisch“? Oder ist die südkoreanische Demokratie? War die DDR „faschistisch“, die Bundesrepublik? Sind Unternehmen faschistisch? Sind Facebook, Google oder Twitter „faschistisch“? Sind Fleischesser „faschistisch“? Oder sind die Vegetarier oder die Veganer „Faschisten“? Wo versteckt sich das „Faschistische“? Sind die größten „Faschismus“-Schreier in den Medien „Faschisten“? Oder sind diejenigen, die „Hassmails“ bekommen welche? Sind die Antifagrüppchen „Faschisten“? Sind die „Faschismus-Experten“- und Forscher „Faschisten“?

Sind die westlichen demokratisch verfassten Staaten „faschistisch“?  Und was taugen die westlichen Verfassungsdemokratien mit ihrer verfassungsrangig festgeschriebenen Pressefreiheit in ihrem „Kampf“ gegen „Faschismus und Faschisten, Rassisten und Populisten“?

Fragen über Fragen und der Fragen gibt es über die hier gestellten hinaus noch viele, viele wichtige.

Man würde doch denken, dass 1,2 Milliarden plusminus X im Geiste der Aufklärung gebildeten Westmenschen, die nahezu 100 % der entscheidenden Nobelpreise produzieren, nicht nur die Notwendigkeit einer Definition von „Faschismus“, von „Faschisten“ usw. erkannt, sondern auch längst eine solche konsensfähige Definition zustande gebracht brächten.

Da jede taugliche Definition fehlt, folglich auch jede Subsumption unter eine solche taugliche „Faschismus“-Definition fehlt, kocht jeder dafür anfällige Schreihals sein eigenes Süppchen, das er als seinen antifaschistischen Kampf feilbietet.

Die Realität sieht ziemlich „faschistisch“ aus

Da holzen nämlich Unzählige nach ihren Kräften und ihrer Position mit „Faschismus“-Vorwürfen gegen andere herum, durchsichtig bis zum Anschlag und fast immer mit dem erkennbaren Ziel, sich selbst ins bessere Licht zu rücken. Mit der Kampfparole, „du bist ein Faschist, Nazi, rechtsradikal“ o.Ä., ist man eben fein raus, wenn man der erste ist, der diesen „Vorwurf“ gegen jemand anderen erhebt. Andere mit einer bloßen Vokabel wie „Faschist/Rassist/Nazi“ womöglich in ihrer Existenz vernichten zu können, das scheint für „Faschismus“-Sager ein unwahrscheinlich verlockendes Spiel geworden zu sein.

Die giftige Romantik des Ausnahmezustands
"Der Faschismus lebt“ – Über Ängste der Anti-Rechtspopulisten
Das Gesellschaftsspiel, „du bist „Faschist“, ene mene mu und raus bist du“, hat sich in herrlicher, „faschistischer“ (?) Weise verselbstständigt. Das Spiel selber ist „Faschismus“, aber das fällt den geblendeten Gruppenspielern nicht auf und wird ihnen nicht auffallen, solange die Gesellschaft so konditioniert ist, dass sie medial obsiegen. Ein „Faschist“ gibt niemals auf, er muss durch die Realität gestellt werden. Gegen Einsicht sind „Faschisten“ immun. Die Droge „Faschismus“-Vorwurf, die Droge des Sieges ohne jeden Aufwand, die Droge Blut geleckt zu haben, ist übermächtig.

Klar scheint soviel, „faschistisch“ sind immer die Anderen. Das zeichnet den modernen „Faschisten“ aus, dass er die modernen Kommunikationsmittel missbraucht, um mit dem isolierten, abstrakten und regelmäßig an der Realität vorbei aus der Luft gegriffenen „Faschismus“-Vorwurf herum zu hantieren, so wie Waffennarren mit ihrem Finger leichtfertig am Abzugshebel ihrer Kanonen herumspielen.

Ist Erdogan ein „Faschist“ oder ist Donald Trump ein „Faschist“? Sind beide „Faschisten“ oder ist es keiner von beiden?

„Faschistische“ Umwelten produzieren bekanntlich aus dem Stand heraus ebensolche Umwelten. War Mao Tse Tung, der Gott der Westlinken einer, waren seine Kulturrevolution, sein großer Sprung nach vorn prototypische Inkarnationen von „Faschismus“?

War Karl Marx ein „Faschist“? Immerhin: Revolutionen, Mord und Totschlag als notwendiges Durchgangsstadium zum atheistischen, irdischen Paradies?

Donald Trump zwingt seine europäischen Partner erfolgreich ins Obligo. Diese hatten sich perfekt eingerichtet in ihrem höchst etablierten kulturellen Anti-Amerikanismus und darin, den Amis die militärische „Drecksarbeit“ überlassen, das eigene Militär permanent zu diskreditieren und kaputt zu sparen und das Geld für die eigene Sicherheit, die man von den Amerikanerin „zockt“, schlicht zu sparen. Jetzt müssen die Europäer eigenes Geld für die gemeinsame Sicherheit des Westens in die Hand nehmen und sich plötzlich – welch Kulturschock –  zur eigenen, auch militärischen Sicherheit aufraffen. Und das nachdem es jetzt fast fünfzig Jahre lang aus vielen Politikermündern und vielen Medien tönte: Nato abschaffen, Bundeswehr abschaffen und stattdessen zig tausende Spielplätze und Schulen bauen, die allerdings in der Anzahl nie gebaut wurden.

Ist also auch der Druck auf die Natopartner ihre vertraglichen Verpflichtungen bezüglich der Finanzierung des Bündnisses nachzukommen, „faschistisch“?

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Kommentare

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  • Fritz Goergen

    Sorry, aber das ist zu vereinfacht.

  • Sehr kenntnisreicher Kommentar, der aber auch ein wenig aufscheinen lässt, wieso sich der „Faschismus“-Vorwurf so hartnäckig als unscharfer Vorwurf an wen auch immer nutzen lässt – natürlich besonders von solchen, auf die der Begriff in seiner Unschärfe selbst zutreffen könnte.

    Es gibt ja ein Bataillon an „Faschismustheorien“, die die Begriffsunschärfe teilweise als perfekte Prämisse für weitere Ideologisierungen und Verwackelungen nutzen, so, dass kein Mensch mehr durchblickt.

    Heute ist „Faschismus“ ein mythologisches Szenario, das metaphorisch überall „entdeckt werden zu können“ scheint.
    Man fürchtet sich vor dem „Faschismus“ in Steinen, Bäumen, Kirchen, Schnellzügen, Importartikeln und Softdrinks, scheinbar „antifaschistischen“ und halt doch ach so unverkennbar faschistischen Menschen … um nur ein paar Beispiele zu nennen. Der Faschist ist darüber hinaus stets unter dem Verdacht des Schadenszaubers. Huuuu…

    Ja, „der Faschismus“ belebt animistische Neigungen im postmodernen Menschen. Und natürlich gibts auch immer ein paar, die „findens geil“, nun gerade erst recht Faschisten zu werden, eine Art zeitgenössischen Polit-Satanismus zu zelebrieren. Vielleicht werden wir es auch noch ereben, dass Faschisten ein eigenes Fastnachts-Häs entwickeln und eigene LARP-Spiele.

  • Stephan Kurz

    Nee, sind sie (Die Linken) nicht, sie sind die Nachfolger und Erben der Bolschewisten in Russland und des Rotfrontkämpferbundes in Weimar, bzw. der Stasi und des DDR-Regimes.
    GENAU SO müssen sie benannt werden.
    Ich habe ja nun mehrmals meine Argumentation aufgezeigt, Sie können ja auch nochmal drüber nachdenken.
    Ansonsten, denke ich, lassen wir es.

  • Stephan Kurz

    Die Linke sieht sich damit aber nicht als getroffen, da sie aus ihrer (die der Linken) Sicht, definitionsgemäß schon garnicht gemeint sein kann.
    Und Sie bzw, jeder der Faschismus so indifferent verwendet tut diesen einen Gefallen, – auch deswegen weil man ihren (den der Linken) Kampfbegriff verwendet !
    Linker Totalitarismus, Stalinismus, oder wie immer Sie möchten, muss das Kind bennannt werden … nur Faschismus ist es nicht.
    Totalitarismus ist keinesfalls unspezifisch und ja das linke, sog. kommunistische Nordkorea lebt auch in einer Form davon.
    Das, was Sie als faschistisch versuchen zu definieren ist das Totalitäre. Und der Faschismus ist eine vorwiegend rechte Ausprägung davon. Sorum wird ein Shuh draus 🙂

  • Stephan Kurz

    Habe ich ja schon öfter: Totalitarismus.
    So heisst das Ding.
    Das mit der exemplarischen Vorführung, stimmt eben nicht. Sachlich dann schon, – nur exemplarisch ZUERST vorgeführt hat es die Linke mit dem Bolschewismus (Ab 1917).
    Faschismus ist der Kampfbegriff gegen rechts bzw. heute Alles, was Linken und fehlgeleiteten Bürgerlichen als rechts erscheint.
    Deshalb reite ich da auch so drauf rum.
    Mit totalitär kriegt man sie defininionsgemäss Alle – die Linksextremisten, – die Rechtextremisten und Fundamentalisten jeglicher Art und Religion, – OHNE den Linken auf den Leim zu gehen, indem man sie quasi aussen vor lässt.

  • ZurückzurVernunft

    Man kann übrigens nach „Hofstätter“ den IQ der Menschen abschätzen, die ständig für ihre Vergleiche Begriffe wie „Nazi“, „Rassist“ und „Faschist“ heranziehen.

    Nach Hofstätter ist Intelligenz die Fähigkeit durch Abstraktion Analogien zu entdecken.

  • Stephan Kurz

    Ja, gut. Der Punkt daran ist aber, dass das eben eine US-amerikanische Interpretation der FASCES ist und keine faschistische.
    Was die verschiedenen, dem Faschismus zugeordneten Bewegungen von der USA halten oder gehalten haben ist ja klar: Nichts.