Zyprioten bald Minderheit auf eigener Insel?

Die Zyprioten sehen die eigene Zukunft in Gefahr, die Demographie der Insel kippt durch den Migrationsdruck aus dem Norden und Boote aus dem Libanon, die Migranten aus Nahost direkt in die EU tragen. Innenminister Ioannou will den Sicherheitsstatus Syriens überprüfen.

picture alliance/AP Photo | Petros Karadjias
Migranten aus Syrien gehen in Richtung eines Flüchtlingslagers in Kokkinotrimithia, außerhalb der Hauptstadt Nikosia, Sept. 2017
Das kleine Zypern wird seit Jahren von Migranten überrannt, und zwar aus zwei Richtungen. Zum einen gibt es Boote, die vom Libanon aus starten und häufig reisende „Syrer“ enthalten, zum anderen ist die grüne Grenze zum türkisch besetzten Norden durchlässig. Beide Migrantenströme zusammen machten Zypern zuletzt zum EU-Land mit den meisten Asylbewerbern, gemessen an der Bevölkerung. Nun reicht es der zypriotischen Regierung offenbar. „Wir erleiden einen Angriff von morschen Booten“, erklärte Innenminister Konstantinos Ioannou mit einem gewissen Sinn für das Paradoxe der Situation. Mit anderen Worten: Damit sollte man doch eigentlich irgendwie fertigwerden. Doch die bisherigen Lösungswege versagen immer mehr. Sie haben außerdem nie das ganze Problem gelöst.

3.337 Migranten, die sich illegal in Zypern aufhielten, konnten in diesem Jahr abgeschoben werden. Das ist im Vergleich mit deutschen Bundesländern ein ganz guter Wert, steht aber noch immer in keinem Verhältnis zur Gesamtzahl der Asylbewerber auf der Insel. Nun ist sehr ernsthaft die Rede davon, dass die Zyprioten auf ihrer eigenen Insel zur Minderheit werden könnten.

Um das zu verstehen, muss man etwas ausholen. Bis 1974 lebten 78 Prozent Griechisch-Zyprioten, 18 Prozent Türkisch-Zyprioten und vier Prozent andere Gruppen auf der Insel. Es sind diese Bevölkerungsteile, für die sich die Republik Zypern bis heute verantwortlich fühlt, egal wo sie leben. Allerdings wurden seit der türkischen Besetzung des Nordens viele Türkeistämmige im Nordteil angesiedelt, laut der türkischsprachigen Zeitung Yeni Düzen bis heute insgesamt 240.000. Daneben leben heute 50.000 Russen und 15.000 Iraner dort. Der besetzte Norden steht aber darüber hinaus illegalen Migranten aus aller Welt (vor allem Nahost und Afrika) offen. Sie sammeln sich dort und wechseln bei passender Gelegenheit über die Grenze in den Süden der Insel.

Der Norden hat also schon heute eine Bevölkerung, die weitgehend nicht einheimisch ist, sondern den Inselteil in der Art einer Landnahme besetzt halten soll. Dasselbe passiert nun im Süden, wenn auch auf andere Art. Die Zahl der Asylbewerber ist inzwischen auf über 50.000 angewachsen. Anfang April waren in sechs Tagen 800 Migranten in Zypern angekommen, die meisten auf Booten vom Libanon her. Am Freitag wurde ein einzelnes Boot mit 80 Insassen von der Küstenwache aufgegriffen.

Migrationsströme im Mittelmeer beginnen wieder

Der Zustrom setzt sich fort und intensiviert sich. Doch die libanesische Regierung weigert sich, illegale Migranten zurückzunehmen, weil das Land schon zu viele „Syrer“ beherberge. Ob es wirklich immer Syrer sind, die sich als Flüchtlinge aus dem Land ausgeben, ist durchaus umstritten. Zypern hat ein Abkommen mit dem Libanon zur Rücknahme von illegalen Migranten geschlossen, aber das besteht teils nun nur noch auf dem Papier. Daneben flossen auch Millionensummen von der EU, allein letztes Jahr mehr als 108 Millionen Euro.

Im Südteil leben heute wohl etwa 750.000 griechischsprachige Zyprioten. In der Hauptstadt Nikosia konzentriert sich das Problem, und das zeigt sich besonders an der jungen Generation. Laut dem Schulverband der Hauptstadt sind dort mittlerweile 50 Prozent der Schüler Einwanderer, wie Brussels Signal berichtet. Schon 2021 waren laut Eurostat knapp ein Fünftel (18,8 %) der Bevölkerung Einwanderer. Die neu angekommenen Syrer verhalten sich dabei nicht immer friedlich, etwa wenn sie auf dem Kennedy-Platz in Paphos an den Beginn ihrer (islamistischen) „Revolution“ gegen Assad erinnern.

Niemand täuscht sich darüber, dass die Syrer ständig in ihre Heimat reisen, um dort Geld zu holen (oder es hinzubringen?) und Urlaub zu machen, wie der Präsident des zypriotischen Institutes für demographische und Migrationspolitik, Andreas Morphitis, gegenüber der Tageszeitung Simerini sagte. Morphitis wünscht sich daher auch eine „Störung“ der EU und deren Grenzschutzagentur Frontex, die doch gegründet worden sei, um die Außengrenzen zu schützen. Gemeinsam mit der Küstenwache müsse man die Boote zurückschicken, um ein Zeichen an Schlepper und Migranten zu senden.

Präsident Nikos Christodoulidis (ursprünglich von der christdemokratischen Demokratischen Sammlungspartei, die ihn vor seiner Wahl als unabhängiger Kandidat ausschloss) reiste eilends nach Beirut und nach Athen, wo er Ursula von der Leyen traf. Die Kommissionschefin soll den Präsidenten vielleicht zu einer zweiten Beirut-Reise begleiten, das gilt in Zypern als wertvolle Unterstützung. Der Zypriotenpräsident machte die Kommissionspräsidentin pflichtgemäß auf die „außerordentlich schwierige Situation“ seines Landes, aber auch der EU-Mittelmeerländer allgemein aufmerksam.

Auch andernorts haben sich warme Temperaturen eingestellt: Auf Lampedusa sind erneut über 1.500 Migranten in nur 36 Stunden angekommen. Vor der Südostküste Spaniens, bei Cartagena, starben vier Personen ungeklärter Herkunft auf einem Boot. Auf Chios in der Ägäis ist ein Boot mit einer unbekannten Anzahl Passagiere angelandet. Drei Mädchenleichen wurden an einer felsigen Küste gefunden. Daneben wurden 14 Personen von Rettungskräften aufgegriffen. Auch auf der kleinen Insel Gavdos häufen sich die Ankünfte. Die Insel südlich von Kreta ist das Ziel einer neuen Route von Libyen aus: in diesem Jahr gab es alleine hier schon mehr als 1.500 illegale Einreisen.

Zypern plant Erkundungsmission zur Sicherheit Syriens

Die EU schlittert schon heute mit großer Sicherheit in den nächsten Migrationskrisensommer hinein. In der Not kommt aber bekanntlich auch das Rettende. Die Zyprioten wollen nun versuchen, ein lange bestehendes Problem vor ihrer Haustür zu lösen, und haben daher eine Initiative gestartet. Zusammen mit Dänemark, Tschechien und Griechenland soll eine gemeinsame Einschätzung zum Sicherheitsstatus Syriens vorbereitet werden. Diese soll dann der EU-Kommission zugeleitet werden und könnte so eine ganz neue Art von Intervention der EU hervorbringen. Lässt sich die Sicherheit Syriens durch Beschluss der Kommission feststellen? Schaden könnte es wohl nicht. Im Hintergrund steht die Forderung Christodoulidis’, Syrer direkt in ihr Heimatland abzuschieben.

Innenminister Ioannou hat sich bereits mit dem dänischen Integrationsminister Kaare Dybvad Bek und dem tschechischen Innenminister Vít Rakušan getroffen, wie die Nachrichtenseite Philenews schreibt. Mit im Boot ist der griechische Migrationsminister Dimitris Kairidis. Auch die österreichische Regierung hat sich offen gezeigt. Konkret will Zypern nun zusammen mit Tschechien eine gemeinsame Erkundungsmission (fact finding mission) starten, um sichere Regionen in Syrien festzustellen. In diese Regionen – wie Tartus und Latakia, vielleicht sogar Hama und Homs – könnten dann Syrer abgeschoben werden.

Zypern und Griechenland haben schon 2021 ihre Botschaften in Damaskus, zunächst inoffiziell, wiedereröffnet und so eine wichtige Voraussetzung für Abschiebungen in das Land geschaffen. Dänemark schätzt schon seit Jahren, ähnlich wie Großbritannien, mehrere Regionen des Landes, darunter die Hauptstadtregion, als sicher ein. In Zypern wird die Beteiligung mehrerer „Nord-Länder“ dennoch als bedeutender Fortschritt angesehen.

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Kommentare ( 52 )

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Innere Unruhe
1 Monat her

Wie kann es sein, dass aus einem Nato-Mitglied, der Türkei, Menschen fleiehn? Wie kann es sein, dass ein Nato-Mitglied Menschenrechte nicht gewährt.
„Schon 1954 unterschrieb die Türkei die vier Jahre vorher in Rom feierlich unterzeichnete Europäische Menschenrechtskonvention.“
Wo ist das Problem, Menschen in die Türkei zurückzuschicken?
Sofern ich weiß, ist die Türkei bisher nicht ausgetreten und Menschenrechte sind dort in Kraft….

Wilhelm Roepke
1 Monat her

Tja, dann bleiben jetzt folgende Alternativen: Zypern akzeptiert Nordzypern völkerrechtlich, was faktisch eine Abtretung an die Türkei ist. Führt natürlich zu noch mehr Problemen, aber dann ist der Konflikt schon mal beendet. Die griechisch sprechenden Zyprioten im Südteil treten der Nato bei und erklären zeitnah den Bündnisfall oder fangen mit einem eigenen Küstenschutz hat und zwar tough. Ob Deutschland und die Türkei da mitmachen, wird die Frage sein. Die griechisch sprechenden Zyprioten wandern nach Griechenland oder sonstwo hin aus und überlassen den Immigranten die Insel. Sie akzeptieren einfach bewusst die feindliche Übernahme und werden zur Minderheit im eigenen Land und… Mehr

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  Wilhelm Roepke

Danisch beschreibt die Polizisten vor Ort, die mit solchem wie mit den in der Welle auf Zypern ankommenden Krawallmachern vorher nie konfrontiert waren, als eher hilflos.

BK
1 Monat her

Der einzig boomende Industriezweig ist die Flüchtlingsindustrie. Man sollte wenigstens Eintrittsgeld verlangen. 35.000 Euro für die Jahreskarte.

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  BK

Gute Idee. Bislang zahlen sie nur die Schlepper selbst – alles andere wird ihnen dann nachgeworfen – aber bald von uns eingefordert werden.
Imad Karims Doku berichtet über reiche „Flüchtlinge“, deren Schlepperkosten sich in D in Nullkommanix amortisiert haben, wie schon die ersten 10 Minuten des Films beweisen: https://www.youtube.com/watch?v=vZgSx-eWzCE&ab_channel=DavidEngels
Auch wird geschwärmt, was für Vorteile der bald erreichbare deutsche Pass für die Neubürger bedeutet – und dass das in die Gesamtrechnung der Flüchtenden aufgenommen ist.
Das wars. Die angeblich deutsche Regierung scheint zum Wohle fremder Mächte zu arbeiten. Nicht zu dem der Deutschen.

BK
1 Monat her
Antworten an  Kassandra

Genau, deshalb wäre es meine Empfehlung nur Leute einreisen zu lassen, die wenigstens 35.000 € auf der hohen Kante haben, um sich selbst zu versorgen. Wir sind schließlich nicht die Wohlfahrt.

Dellson
1 Monat her

Willkommen im Club! Die weltweit verbreitete Botschaft, die EU, speziell Deutschland hat ein landesweit staatsumfassendes Neubaugebiet ausgewiesen, mit gleichzeitig sozialer Vollversorgung, sowie eigener Nutztierherde zur Erarbeitung aller notwendigen Ansprüche ist angekommen. ( Polemik Ende) Der Anspruch, der Wunsch weltweit alle Opfer von Kriegen, Hunger, Verfolgung im eigenen Land versorgen zu wollen, muss mit der Gegenfrage betrachtet werden, gab es jemals in der Geschichte der Menschheit eine Zeit ohne diese Zustände? Und wer erpresst hier nun wen moralisch? Es gibt dazu in der Geschichte kein Beispiel, wo das Verdichten von unterschiedlichen Kulturen auf engem Raum ohne Konflikte, Unterdrückung und Vertreibung funktioniert… Mehr

egal1965
13 Tage her
Antworten an  Dellson

Nun, der Westen hat doch selber schuld und nun jammert man wegen der Flüchtlinge. Wer hat denn Libyen zerstört und instabil gemacht, wer hat denn in Syrien ein Umsturz angezettelt, der „leider“ dank Russland nicht geklappt hat, aber auch dieses Land „dank“ Sanktionen zum Shithole gemacht hat, wer hat denn den Irak platt gemacht, um diesen „Demokratie“ zu bringen? Entschuldigung, aber es ist diese Politik des Westens, insbesondere der USA und seine Vasallen, die gewollt Putsche, Umstürze und Revolutionen inszenieren und finanzieren, die dann zu Elend, Flucht, Bürgerkrieg und Krieg führen. Libyen, Irak, Syrien, Afghanistan, Jugoslawien, Ukraine, Georgien, Moldawien, die… Mehr

TschuessDeutschland
1 Monat her

Herr Erdogan nutzt „die Flüchtlinge“ immer gerne, wenn er Geld braucht. Und es funktioniert jedes Mal. Ausgehandelt hat den „Flüchtlingsdeal“ (=Knebelvertrag mit einem Mafia-Boss mit langfristiger Erpressungs-Garantie) eine gewisse Dr. Angela Merkel.

Martin Mueller
1 Monat her

Wie rutschte es einem Imam vor einigen Jahren in einer Talkrunde des MDR im Beisein von Herrn Bosbach (CDU) aus dem Munde: dass die Muslime, solange sie nur ein paar Millionen Menschen in Deutschland wären, ja gezwungen wären, nach den Regeln und Gesetzen der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu leben. Darauf Herr Bosbach: Das hieße dann ja wohl, wenn genug Muslime in Deutschland lebten, dass dies dann nicht mehr der Fall sein müsste. Und so ist das fast in der ganzen EU , natürlich auch auf Zypern. Wenn man sich die demographische Entwicklung anschaut , steuert das westliche EU-Europa dem kulturellen, erhinische,… Mehr

Juergen P. Schneider
1 Monat her

Auf Zypern kann man sehen, wohin auch bei uns die Reise geht.

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  Juergen P. Schneider

Wie von den Kanaren oder aus Griechenland ist der nächste Flieger mit der Aufenthaltsberechtigung der zu uns. Ob die auf Lampedusa anlanden woanders hin wollen ist fraglich.
Das wissen sogar Afghanen zu nutzen, wie man nebenbei erfahren kann: https://www.bild.de/news/inland/verwirrte-afghanin-45-vermisst-behoerden-erkannten-ihre-hilflose-lage-nicht-87870646.bild.html
Auch gut: die „Familie“ hat nicht aufgepasst – aber die Deutschen haben Schuld.

Martin Mueller
1 Monat her

Dauerhafte politische Dummheit und unkontrollierte Weltrettung fressen am Ende das Land der Einheimischen auf.

Innere Unruhe
1 Monat her

Wärend wir uns Gedanken um die Besetzung von Tibet machen, merken wir nicht, wie wir selbst übersiedelt werden.
EU und jeder Wähler in der Kabine täten gut daran, zuerst an sich selbst zu denken.
Es ist wie im Flieger – sorge, dass du selbst genug Luft hast, ERST DANN helfe dem Nachbarn.

Biskaborn
1 Monat her

Da könnte sich doch auch Deutschland beteiligen, außenpolitisch endlich mal etwas sinnvolles beitragen, oder?