Was der Kreml tun könnte, um die Ukraine wieder an Moskau zu binden

Die Sorge über einen russischen Angriff auf die Ukraine wächst. Aber wahrscheinlicher ist eine andere Entwicklung: Westliche Dienste erwarten, dass Moskau einen gesteuerten Umsturz in Kiew vorbereitet.

IMAGO / SNA
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Parteikonferenz am 4.12.2021

Die schon durch die Corona-Debatte getrübte Adventsstimmung könnte schon bald einen noch viel größeren Dämpfer erhalten. Verfolgt man die Meldungen über die sich zuspitzende Situation an der Grenze zwischen der Ukraine und Russland, so rückt eine Eskalation bis hin zu einem begrenzten Krieg in greifbare Nähe. Die westlichen Dienste beobachten eine beunruhigende Konzentration russischer Truppen direkt vor den Toren der von Separatisten beherrschten Ost-Ukraine. Die Regierung in Kiew selbst ist sogar überzeugt, dass eine Offensive von Putins Divisionen bereits beschlossene Sache sei und spätestens bis Ende Januar erfolgen werde. Äußerst besorgt sind auch die Regierungen der Nato-Partner Litauen, Estland, Lettland und Polen. Die USA reagieren bislang eher unaufgeregt. Noch sind keine westlichen Streitkräfte in einer Weise verstärkt oder gar US-Truppen in die Krisenregion verlegt worden. Für die nächsten Tage kommt es auf Wunsch des US-Präsidenten zu einem direkten Gespräch mit Wladimir Putin. Die Warnungen Washingtons und der EU, dass im Falle eines russischen Einmarsches in die Ost-Ukraine der Westen mit harten Konsequenzen reagieren würde, gehören immer noch in die Kategorie des üblichen Geplänkels in solchen Situationen.

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Noch mehr als sonst ist jetzt ein kühler Verstand notwendig. Dazu gehört zuallererst, das Für und Wider einer Invasion aus russischer Sicht einzuschätzen. Für diesen Schritt spräche die Hoffnung des Kreml, durch eine Welle der nationalen Begeisterung, Putins Beliebtheit im Lande wieder zu steigern. Die wirtschaftliche Lage der Mehrheit der Russen hat sich im Verlaufe der letzten Zeit ständig verschlechtert. In der Bevölkerung mehren sich aufgrund immer neuer Enthüllungen über die massenhafte Korruption im Lande Anzeichen von Bitterkeit und Frustration. Putin muss deshalb keine Aufstände befürchten, dazu ist das Regime mit seinen diktatorischen Mitteln viel zu stabil. Noch viel verheerender aber wäre ein Einigeln der Russen in der Mentalität des späten „Homo Sowjeticus“: einer Mischung aus Lethargie und Fatalismus, die einer Depression gleichkommt.

Es gibt in Moskau ernsthafte Zweifel, ob militärische Akte tatsächlich das Ansehen der Führung verbessern könnten. Eine Annexion der Ukraine – die Russen würden sie wohl als Heimkehr zu Mütterchen Russland bezeichnen – brächte neben den menschlichen und finanziellen Verlusten auch neue schwere Lasten mit sich. Zu seinen eigenen Problemen müsste Russland auch noch die eines Großteils der Ukraine schultern. Mit einer ernsthaften militärischen Reaktion muss Putin nicht rechnen. Auch hat er kein Interesse an einem Weltkrieg. Ganz davon abgesehen, dass die Bevölkerungen in den USA, aber auch in Deutschland einen solchen Krieg nicht unterstützen würden. Für Demokratien ein wichtiger Faktor.

Was wohl geschehen würde, ist eine massive Verschärfung der wirtschaftlichen Sanktionen, die Russland schon jetzt viel mehr treffen, als der Kreml es eingesteht. Auch das so lange ausgehandelte und für die Russen so strategische Gas-Pipeline-Projekt  „Nord Stream 2“ wäre dann wohl vollständig vom Tisch. Alles in allem scheint ein russischer Gewaltakt also eher unwahrscheinlich.

Das bedeutet freilich nicht, dass Putin seinen Traum von der Wiederherstellung der territorialen Dimension der alten Sowjetunion aufgegeben hätte. Aber die Risiken wären im Moment einfach zu hoch. Dennoch muss aus Moskaus Sicht verhindert werden, dass sich die Regierung der Ukraine mit der Bitte um Nato-Aufnahme oder eines ukrainisch-amerikanischen Beistands-Abkommens an Biden wendet. Das naheliegendste Mittel wäre ein von innen kommender Umsturz in der Ukraine. Eine Option, die auch die Nachrichtendienste im Westen, darunter auch der BND, für wahrscheinlich halten.

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Die Unzufriedenheit mit den Herrschenden ist auch in der Ukraine groß. Auch dort ist die Bevölkerung angesichts der Korruption der Eliten, die die Herrschenden immer reicher und das Volk immer ärmer macht, über die Lage im Lande erbost. Bei der Schürung innerer Unruhen kann Moskau fest mit der Unterstützung einer größeren Gruppe der tonangebenden Oligarchen in Kiew rechnen. Eine Moskau-hörige Regierung ist schnell in den Sattel gehoben – mit dieser könnte der Kreml anschließend einen ewigen „Freundschaftsvertrag unter Brüdern“ schließen, welcher die Zugehörigkeit zu westlichen Bündnissen ausschließt. Noch lieber wäre es Moskau freilich, die USA versprächen ihrerseits, die Nato nicht weiter nach Osten auszudehnen. Damit ist aber nicht zu rechnen, denn gemäß internationalem Völkerrecht obliegt die Entscheidung über derartige Allianzen immer der jeweiligen Nation und ihrer Führung.

Moskau weiß außerdem, dass West-Europa, und hier insbesondere Deutschland, innenpolitisch eine solche Entwicklung gar nicht durchhalten würde. Hier fehlt vielerorts ja schon der Wille zur Verteidigung – geschweige denn zu einem Angriff. Die USA selbst richten ihr Augenmerk vor allem auf China. Dem ordnet auch Biden alles andere unter. Blieben nur die Nato-Partner im Osten des Kontinents. Doch auch sie könnten ohne die USA nur protestieren und warnen. Eine ernstzunehmende Bedrohung Russlands wären auch sie nicht. Die wirklich Leidtragenden sind die Menschen in der Ukraine, die ein eigenes Land wollen, denn auf absehbare Zeit werden sie kein Dasein in friedlichen Verhältnissen erleben.

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Kommentare ( 41 )

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the NSA
8 Monate her

Auf Seite der Ukr kaempfen zw. 1100 und 3000 Jihadisten, seit 2014. Anfaenglich waeren es bekannte, ca 400 Chechens, seit 2017 kamen immer mehr Jihadi Groups aus dem IS Syria/Irak/Levant, z. Zt. sind dort ca 5700 Gotteskrieger, Bekannt davon sind namentlich, da sie auch auf ihren Channels Martyrs auflisten:  Ansar al Islam, Caucasus Emirate, Ahrar al-Sham, Suquour al-Sahm, Jamaat al Islamya, AlIzb al Islami al Turkistani (Uiguren)….. sogar die Gruppe Jama at Nasr al Islam)…. Interessantes Detail: vorallem die Chechens tragen keine Schutzwesten, da sie ganz offiziell, in einem Interview mit der BBC im Sommer 2018 aussagten, dass sie dort als… Mehr

libelle
8 Monate her

Wer nicht völlig mit polit. Blindheit geschlagen ist und die Ereignisse von 1989 im Gedächtnis hat, weiß daß die Sowjetunion und damit Russland seinerzeit die bedingungslose Kapitulation vor dem Westen vollzogen hat. Wieso hat ein Reich das seine Nachbarn mit Gewalt eingemeinden will, 1989 den Ausstieg aus seinem Imperium Allen die es wollten ermöglicht?  Jedem der die Geschichte seit 150 Jahren kennt, ist klar, dass es den USA seit 1989 nicht mehr um Russland geht sondern um Deutschland. Russland war wirtschaftlich nie ein Problem für die USA. Auch bekannt ist die USA Doktrin: Deutschlands Know How und Russlands Bodenschätze dürfen… Mehr

Moewe
8 Monate her

Ich denke, dass das ein Konflikt is zwischen Volksgruppen, die in dem Gebiet leben, das wir Ukraine nennen, und Russland – das sollen die unter sich ausmachen und das Letzte, was wir alle dabei gebrauchen koennen, sind Joe Biden und seine Hintermaenner.

Memphrite
8 Monate her

Sehr gut zusammengefasst. Doppelstandards sind nicht anderes als das gute alte „Recht des Stärkeren“.
Deshalb glaubt den Westen niemand mehr. Diese ganze Coronapolitk (logdown Impfapartheid) kostet dem „Westen“ den Rest an Glaubwürdigkeit.

Bernd Schulze sen.
8 Monate her

Erstens was soll Russland mit der heruntergekommenen Ukraine, von der einstigen Kornkammer zum Armenhaus. Russland wird eingreifen und seine Leute im Donbass oder wenn zum Angriff auf die Krim kommt verteidigen, daß ist sicher wie das Amen in der Kirche. Schließlich sind in den Gebieten schon über 90000 ukrainische Soldaten plus Kriegsgerät überwiegend Angriffswaffen stationiert so ein ukrainischen Militär und mit den Söldner und Neonazis Truppen wesentlich mehr sein. Sollte die Ukraine den Donbass angreifen und die Krim ebenso, so wird dies ein Holo…. an den dort leben Russen und das wird Moskau verhindern. Es sollte den Autor dann nicht… Mehr

bkkopp
8 Monate her

Die wirklich Leidtragenden der westlichen Ukraine-Politik sind die Ukrainer. Der Westen hat, voll von Illusionen, und Russophobie, völlig übersehen, dass es in Kiew, wie in Moskau und anderswo, nie eine Staats- und Wirtschaftselite gegeben hat, die bereit und in der Lage gewesen wäre, eine rechtsstaatliche Ordnung zu organisieren, die dann auch zu einer liberalen Demokratie nach zumindest annähernd westlichem Muster hätte führen können. Deshalb ist ein brutaler, ausbeuterischer Machtstaat, mit demokratischen Dekorationen, entstanden, der das Land zugunsten einer kleinen Clique von Oligarchen, ihren Günstlingen und Gehilfen, zu einer kleptokratischen Oligarchie organisert haben. Aus ca. $ 20 Mrd. Auslandschulden in den… Mehr

Wolfgang Richter
8 Monate her

Es war Weihnachten 1979, „Wir“ im Westen wachten auf und wurden mit dem russischen Einmarsch in Afghanistan überrascht. Es ist Weihnachten 2021, „Wir“ werden anstelle der jahreszeitlich üblichen Grippe politikseits mit einer als das Volk bedrohenden Seuche und den Bekämpfungsmaßnahmen beschäftigt, erleben sodann, daß die gut 120 000 russ. Soldaten samt Gerät an der Grenze zur Ukraine dort kein Manöver veranstalten. Statt seine eigenen Untertanen zu tyrannisieren, sollte ein Herr Söder ab und an über die Schulter nach Osten blicken und hoffen, daß das russische Militär beim Erreichen von Kiew sodann schnell genug bremst.

Wolfgang Schuckmann
8 Monate her

Als die Sowjetunion 1961-62 Raketen auf Kuba zu stationieren begann war der Aufruhr in den Staaten beispiellos. Die Staaten beschlossen eine Seeblockade um Kuba zu isolieren und drohten mt der Versenkung aller sowjetischer Schiffe, die Raketen nach Kuba bringen wollten. Als sich die Lage dramatisierte und man im TV die Frachter auf den Blockadering zufahren sah, dachte ich, damals 14 Jahre alt, ob am nächsten Morgen Atomkrieg sei. Dies hing an einem seidenen Faden. Moskau ließ abdrehen unter der Zusicherung Washingtons, von der man im Westen nichts erfuhr, dass die Amerikaner ihre Raketensysteme an der türkisch- sowjetischen Grenze abbauen würden.… Mehr

alter weisser Mann
8 Monate her
Antworten an  Wolfgang Schuckmann

Gorbatschow wird als der in die russische Geschichte eingehen, dessen Diplomatie zu fahrlässig blauäugig war, sich die einfachsten Garantien, vom Westen und den freigelassenen Sowjetrepubliken, geben zu lassen. Bei allem Verständnis, das holt keiner wieder auf.

giesemann
8 Monate her

Der Begriff Holodomor (ukrainisch Голодомор ‚Tötung durch Hunger‘, holod голод bedeutet Hunger) bezeichnet den Teil der Hungersnot in der Sowjetunion in den 1930er Jahren, der sich in der Ukraine abspielte. In dieser Sowjetrepublik fielen dem Hunger schätzungsweise drei bis sieben Millionen Menschen zum Opfer. Die Ukraine bemüht sich seit der Unabhängigkeit 1991 um eine internationale Anerkennung des Holodomors als Völkermord, doch ist diese Bewertung bis heute umstritten, https://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor
Da könnte Russland etwas machen.

alter weisser Mann
8 Monate her
Antworten an  giesemann

„Da könnte Russland etwas machen.“
Als „Verursacher“, der von der russischen Zentralgewalt gewollten Ruinierung des ukrainischen Volkes, nebst Russifizierung und Stalinisierung?

Wolfgang Schuckmann
8 Monate her
Antworten an  alter weisser Mann

Lieber “ alter weißer Mann“ , in der Entstehungsgeschichte um „Russland“ gibt es viele Dinge, die sehr wichtig sind zu wissen, will man das heutige Geschehen zwischen den Brudervölkern verstehen. Deshalb empfehle ich Ihnen sich Literatur zu beschaffen, bei der man noch davon ausgehen kann, dass sie sozusagen „ungefärbt“ berichtet über das, was man schlechthin als „Geschichte“ bezeichnet. Und so soll es ja auch sein, will man nicht Gefahr laufen, durch falsche, verfälschte Geschichtsschreiberei, aufs Glatteis geleitet zu werden. Ihr Buchhändler wird Ihnen gerne behilflich sein. Ausgaben im Stil Relotius sollten Sie meiden, damit man hinterher nicht als blamiert dasteht.… Mehr

giesemann
8 Monate her
Antworten an  alter weisser Mann

Ja, gerade als Verursacher. Chruschtschow war übrigens auch bei der Holodomor-Truppe um Stalin, er war gebürtiger Russe, der in der Ost-Ukraine aufwuchs. Womöglich aus schlechtem Gewissen hat er, als er Stalins Nachfolger geworden war, die Krim der Ukraine „geschenkt“, also verwaltungstechnisch Kiew unterstellt. In einer Wodkalaune vielleicht, mit Folgen bis heute. Auch da könnte Russland etwas anderes machen als das, was Putin für richtig hält. Usw.

Fritz Wunderlich
8 Monate her

Dass die Bevölkerungen in den USA, aber auch in Deutschland einen solchen Krieg nicht unterstützen, ist völlig unerheblich. Ein passender Anlaß ist leicht gefunden, die Medien sind kriegshysterienerpobt und wie man gesehen hat, hat die Ablehnung von Kriegen noch nie eine EU Regierung daran gehindert, ihre Bomber loszuschicken. Libyen, Irak und Afghanistan lassen grüßen.

Memphrite
8 Monate her
Antworten an  Fritz Wunderlich

Es ist aber ein Unterschied ob man „moderen Indianerkreige“ führt oder eine gute ausgerüstete Armee angreift.
Der „Westen“ kann angreifen aber nur wenn es keine eigenen Verluste gibt.
Und die würde es bei einem Krieg mit Russland definitiv geben.