Das Ergebnis des Referendums zur Justizreform in Italien zeigt: Melonis Mehrheit ist stabil, ihr politischer Spielraum jedoch nicht unbegrenzt. Zugleich wird deutlich, dass auch jene Bürger aktiviert werden müssen, die sich möglicherweise zu sicher fühlten und der Abstimmung fernblieben.
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Es ist kein Absturz, aber auch kein bloßer Kratzer. Das muss sich die Mitte-Rechts-Regierung eingestehen. Das klare „No“ zur Justizreform trifft die Regierung von Giorgia Meloni härter, als sie öffentlich zugeben wird.
Die 53,39 Prozent, die gegen die Reform gestimmt haben, sprechen eine deutliche Sprache, auch wenn das Ergebnis insgesamt knapp ausgefallen ist. Es ist ein Stoppsignal. Giorgia Meloni hatte im Vorfeld taktisch alles richtig gemacht: Sie erklärte das Referendum nicht zur Vertrauensfrage und betonte stets sachlich: „Die Entscheidung liegt bei den Bürgern.“
Ein Satz, der nun wie ein Schutzschild wirkt. Denn politisch ist klar: Dieses Votum hat Gewicht – zumindest nach Ansicht vieler Beobachter und insbesondere der Opposition, die nach Ansatzpunkten sucht, um moralisch Kapital daraus zu schlagen.
Meloni zwischen Kontrolle und Kontrollverlust
Meloni hat gekämpft – und sie hat diesen Kampf verloren. Nicht allein und nicht deutlich, aber dennoch sichtbar. Denn es ging nicht um ein Detailgesetz, sondern um den Kern staatlicher Macht: die Justiz.
Die Trennung der Karrieren von Richtern und Staatsanwälten – ein technischer Begriff mit politischer Sprengkraft. Meloni wollte ein System verändern, das viele Italiener als abgeschottet empfinden. Doch sie stieß an eine Grenze: die Grenze des Vertrauens.
Reformen, die den Kern der Justiz betreffen, sind in Italien nie neutral. Sie stehen stets unter Verdacht – dem Verdacht auf Kontrolle und Einflussnahme.
Die Opposition um Elly Schlein von den italienischen Sozialdemokraten nutzte genau das. Sie machte aus dem Reformvorhaben eine Machtfrage und aus dem Referendum eine Abstimmung über Meloni. Ein klassischer politischer Zug, der – nüchtern betrachtet – zumindest teilweise aufgegangen ist.
Salvini laut, Meloni leise – und das reicht nicht
Während Meloni staatsmännisch blieb, ging Matteo Salvini in die Offensive. In der Sendung „Cinque Minuti“ bei Bruno Vespa brachte er seine Position auf den Punkt: „Ein Sì ist eine Wahl der Freiheit.“ Klar, zugespitzt, wirkungsvoll – so dachte man offenbar in der Koalition. Doch möglicherweise war es zu einfach, zu plakativ. Italien scheint für solche einfachen Botschaften weniger empfänglich geworden zu sein.
War es nun ein Sieg der Opposition, eine eigenständige Entscheidung der Bürger oder lediglich eine Zwischenpause? Vieles ist noch offen, viele Bewertungen stehen noch aus. Zwar jubeln Ex-Premier Giuseppe Conte und Elly Schlein und reklamieren das Ergebnis für sich – vielleicht etwas überzogen, aber nach Monaten in der Defensive verständlich.
Doch dieser vermeintliche Sieg ist fragil, zumal Melonis Umfragewerte stabil bleiben. Zudem scheint Elly Schlein keine ernsthafte Gefahr darzustellen, im Gegenteil: Sie ist selbst innerhalb der eigenen, als „sozialistisch-woke“ beschriebenen Partei umstritten. Dieser Erfolg gründet weniger auf eigener Stärke als auf Skepsis gegenüber der Regierung – oder vielleicht gegenüber jeder Regierung. Ein Unterschied, der schnell wieder an Bedeutung verlieren kann.
Am späten Abend der Auszählung demonstrierte die Regierung Ruhe und Gelassenheit. Antonio Tajani von Forza Italia wurde mit den Worten zitiert: „Wir arbeiten ruhig weiter, auf Basis unseres Mandats.“ Keine Krise, keine Kursänderung. Auch Justizminister Carlo Nordio und Meloni selbst betonten übereinstimmend: „Das Volk ist souverän.“ Dieses Ergebnis werde akzeptiert.
Das wirkt routiniert, ist aber auch Ausdruck politischer Disziplin. Matteo Salvinis Herzensprojekt, das er über Jahre vorangetrieben hatte, ist gescheitert. Er selbst kommentierte: „Italien ist offenbar noch nicht bereit dafür, aber natürlich respektieren wir dieses Ergebnis.“ Bereits Tage zuvor hatte er öffentlich zwar kämpferisch gewirkt, intern jedoch nüchterner eingeschätzt, dass es möglicherweise nicht reichen würde – sogar mit einer erstaunlich präzisen Prognose des Nein-Anteils.
Am Ende formulierte Salvini zwei Wünsche: einen neuen Anlauf zur Reform – „mit mehr Zeit, mehr Überzeugungskraft und weniger Ideologie“. Und halb scherzhaft fügte er hinzu: Wenn schon kein politisches „Sì“, dann solle wenigstens sein Herzensverein AC Milan am Wochenende gewinnen – Italien brauche schließlich auch Erfolgserlebnisse. Das Team lieferte und holte drei Punkte.
Kein Beinbruch, aber eine Warnung
Dieses Referendum ist kein Beinbruch, aber eine Warnung – an Giorgia Meloni, ihre Koalition und auch an ein Land, das sich verändern will, jedoch nicht unter Druck. Meloni bleibt stark und verfügt weiterhin über Rückhalt.
Das Ergebnis zeigt: Ihre Mehrheit ist stabil, ihr politischer Spielraum jedoch nicht unbegrenzt. Zugleich wird deutlich, dass auch jene Bürger aktiviert werden müssen, die sich möglicherweise zu sicher fühlten und der Abstimmung fernblieben.
Politik bleibt damit ein dynamischer Prozess. Um die Gunst der Wähler und Sympathisanten muss ständig gerungen werden – fast wie im Fußball.


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Italien hat, wie Deutschland und alle Nationen der „alten“ EG vor 1990, eine strukturell linksliberale und rasch alternde Gesellschaft, die bei ihrer auf dem Kopf stehenden Gesellschaftspyramide eine deutliche Ausbuchtung bei der Generation der von 1950 bis 1970 Geborenen aufweist. Danach kommt dann nicht mehr viel, weil auch in Italien in den 1970er Jahren die Geburtenrate zusammenbrach und die vielen Gastarbeiterauswanderer oft nicht zurückkamen. Diese Massen gehen nun in Rente, in einem Land, in dem die Renten noch höher sind als hier und die Substanz der Jungen, aus denen sie bezahlt werden könnten, noch dünner. Ohne Milliarden aus Brüssel wäre… Mehr
Die Abstimmung zeigt etwas anderes. Nämlich, dass die Italiener keine Lust auf Duce II haben. Vermutlich haben sie gesehen, was mit solchen Justiz-„Reformen“ erreicht werden soll. Die Beispiele Polen und Ungarn kennt jeder, die USA sind ähnlich gelagert.
Gerade die Justiz wurde nach dem Krieg in Italien so designed, damit eine Machtergreifung eben nicht so einfach möglich ist.