Vier Jahre nach Beginn der russischen Invasion wird der Überlebenskampf für die Ukraine immer schwieriger. Im US-Magazin Foreign Affairs wird nun eine für alle Unterstützer der Ukraine traurige Wahrheit offen ausgesprochen: Die militärische Lage entwickelt sich nicht zugunsten Kiews.
IMAGO / ZUMA Press
Die neue umfassende Analyse des US-Politikwissenschaftlers Michael C. Desch, Professor für Internationale Beziehungen an der Univerität Notre Dame, kommt zu dem ernüchternden Schluss: Die Ukraine verliert den Krieg – und sollte ernsthaft über territoriale Zugeständnisse nachdenken, um einen dauerhaften Frieden zu erreichen.
Bereits im Herbst berichtete bekanntlich das US-Portal Axios über einen Entwurf eines 28-Punkte-Friedensplans aus Washington. Demnach sollte die Ukraine faktisch anerkennen, dass die Regionen Krim, Donezk und Luhansk unter russischer Kontrolle bleiben. Auch die von Moskau besetzten Teile von Cherson und Saporischschja sollten demnach bei Russland verbleiben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj lehnt solche Vorschläge bislang kategorisch ab: Für ihn steht die territoriale Integrität des Landes nicht zur Disposition. Doch die militärischen Realitäten könnten ihn nun zu einem Umdenken zwingen.
Russland kontrolliert mittlerweile nahezu 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets innerhalb der Grenzen von 1991. Besonders deutlich ist die Lage im Osten: 99 % von Luhansk unter russischer Kontrolle, 72 % von Donezk, 74 % von Saporischschja, 76 % von Cherson.
Zwar wurden die russischen Geländegewinne in den letzten drei Jahren langsam und verlustreich etrkämpft, doch selbst minimale Fortschritte summieren sich über Zeit. Allein zwischen Oktober 2024 und Oktober 2025 brachte Moskau weitere 1.703 Quadratmeilen unter seine Kontrolle.
Die ukrainische Gegenoffensive 2023 scheiterte an massiven Verteidigungslinien – insbesondere an der sogenannten „Surovikin-Linie“, einem dichten System aus Minenfeldern, Schützengräben und Artilleriestellungen.
Bei den Verlusten zählt der Faktor Gesamtbevölkerung
Die russischen Medienbeobachter von Mediazona schätzen die Zahl der russischen Gefallenen bis Ende 2025 auf 219.000. Die ukrainische Organisation UA Losses spricht von 87.045 bestätigten Gefallenen sowie 85.906 Vermissten auf ukrainischer Seite. Auf den ersten Blick scheint Russland höhere Verluste zu tragen. Doch der entscheidende Faktor ist die Bevölkerungsgröße: Russland hat 140 Millionen Einwohner, die Ukraine knapp 36 Millionen.
Im militärisch relevanten Alter (25 bis 54 Jahre) verfügt Russland über 30,2 Millionen Männer, die Ukraine über 9,5 Millionen. Selbst bei höheren absoluten Verlusten bleibt Russlands relative Belastung deutlich geringer. Hinzu kommt: Russland setzt überwiegend auf Vertragssoldaten. Die Ukraine hingegen ist stark auf Zwangsrekrutierung angewiesen. Berichte über das gewaltsame Einziehen von Männern von der Straße – unterstreichen die personellen Engpässe.
Auch bei schweren Waffensystemen ist das Kräfteverhältnis deutlich: Bei der Panzerwaffe ist Russland nahezu 5:1 überlegen, bei der Zahl der gepanzerten Fahrzeuge 3:1, bei der mobilen Artillerie 5:1, bei der Zahl der Raketenwerfer 10:1. Und bei den im Krieg eingesetzten Kampfflugzeuge verfügt Moskau über 163 Jets, die Ukraine hat 66.
Westliche Lieferungen – von Panzerabwehrraketen über Mehrfachraketenwerfer bis zu Patriot-Raketenabwehr-Systemen – konnten keinen entscheidenden Wendepunkt herbeiführen, schreibt Michael C. Desch. Lediglich Drohnen, insbesondere FPV-Modelle, veränderten das Gefechtsfeld spürbar. Doch auch hier produziert Russland mittlerweile schätzungsweise zehnmal so viele Systeme wie die Ukraine.
Die Wirtschaftskraft
Russlands Bruttoinlandsprodukt (kaufkraftbereinigt) lag im Jahr 2024 bei fast sieben Billionen Dollar. Die Ukraine kam auf 657 Milliarden – das sind weniger als zehn Prozent. Selbst wenn Kiew 30 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in die Verteidigung steckt, bleibt es deutlich hinter Moskau zurück. Zwar erhält die Ukraine massive westliche Unterstützung, doch diese ist durch politische Schwankungen unsischer und wirtschaftlich begrenzt. Russland dagegen verfügt über eine große eigene Rüstungsindustrie und erhebliche Reserven – trotz aller Sanktionen.
Strategische Ziele
Moskau verfolgt im Kern zwei Ziele: Esrtens die Kontrolle über den Donbas zu erlangen, und zweitens die Verhinderung eines ukrainischen NATO-Beitritts. Bereits 2014 annektierte Russland die Krim. Damals wurden mit den Minsker Abkommen die Kämpfe im Donbas eingefroren – ohne umfassende territoriale Forderungen. Erst kurz vor der Invasion 2022 erkannte Moskau die „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk offiziell an und annektierte später auch Cherson und Saporischschja.
Heute scheint der Kreml seine Ambitionen realistischer einzuschätzen: Ein vollständiger Sieg über die gesamte Ukraine würde Jahrzehnte dauern. Ein militärisch gesicherter Donbas hingegen erscheint erreichbar. Kiew hingegen hält an der vollständigen Wiederherstellung der Grenzen von 1991 fest – einschließlich der Krim. Doch angesichts der militärischen Kräfteverhältnisse wirkt dieses Ziel zunehmend unrealistisch.
Europa und seine Geschichte
Führende europäische Politiker wie Friedrich Merz, Emmanuel Macron und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnen eindringlich davor, Grenzziehungen durch Gewalt zu akzeptieren. Man dürfe nicht denselben Fehler machen „wie 1938 in München“. Doch der Vergleich mit dem Sudetenland greift möglicherweise zu kurz. Russlands Vorgehen gleicht keinem Blitzkrieg. Die Fortschritte sind langsam, teuer und begrenzt, analysiert dazu Michael C. Desch.
Was bringt ein weiteres Jahr Krieg?
Rein rechnerisch würde Russland bei der derzeitigen Geschwindigkeit mehr als 30 Jahre benötigen, um die gesamte Ukraine östlich des Dnjepr zu erobern. Doch um die restlichen Gebiete in Donezk einzunehmen, bräuchte es womöglich nur 18 Monate. Der US-Professor stellt dazu die Frage: „Was bringt ein weiteres Jahr Krieg für die Ukraine – und zu welchem Preis?“
Ein territorial beschnittenes, aber souveränes Ukraine-Projekt könnte überleben, vielleicht sogar gestärkt daraus hervorgehen. Schon vor 2022 verlagerte sich das wirtschaftliche Zentrum des Landes weg vom industriell geprägten Donbas in Richtung Westen.
Mit umfassenden Reformen, konsequenter Korruptionsbekämpfung und einer modernen Verteidigungsstrategie könnte ein verkleinertes Land langfristig stabiler und wehrhafter werden.
Die Alternative: ein fortgesetzter Abnutzungskrieg, der noch weitere tausende Menschenleben sowie Wirtschaftskraft kostet und die gesellschaftliche Substanz weiter erodiert – ohne realistische Aussicht auf eine Rückeroberung.
Die Analyse von Michael C. Desch ist unbequem, aber bewertet die Situation im Osten Europas so wie sie tatsächlich ist: Sie plädiert nicht für Kapitulation, sondern für strategischen Realismus. Ein schlechter Frieden mag bitter sein. Ein verlorener Krieg ist es umso mehr.

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