Hoher Sieg für Mitsotakis und die neue Niederlage der Demoskopie

Überraschend konnte der griechische Premier Kyriakos Mitsotakis seinen Stimmenanteil bei den Parlamentswahlen am Sonntag stabilisieren. Wieder einmal irrten sich die Demoskopen, diesmal gewaltig. Zehn Prozent schmierte der linke Syriza gegenüber ihren Umfragen ab. Das beweist schlüssig, worin die Blindheit der Epoche besteht.

IMAGO / NurPhoto

Vielleicht lohnt sich doch eine Rückkehr zu den alten Zeiten, was demokratische Wahlen und die Berichterstattung darüber angeht. Ein altgedienter Journalist erinnerte sich nun im griechischen Fernsehen an die Wahlen, mit denen seine Arbeit auf diesem Feld Mitte der 1980er-Jahre begonnen hatte. Damals gab es weder Exit-Poll-Umfragen noch Prognosen. Stattdessen versuchte man, von Parteiversammlungen ausgehend zu schätzen, wieviele Personen wohl auf einen Quadratmeter passten, um daraus die Popularität der Parteien und Kandidaten zu errechnen. Mehr Leidenschaft gab es damals gratis dazu. Über der Urne flogen schon einmal die Fäuste, wenn ein Parteimann glaubte, der andere habe betrogen.

Der griechische Wahlabend brachte nun einige Überraschungen mit sich, über die man sich in der alten Zeit wohl weniger gewundert hätte. Die konservative Nea Dimokratia (ND), die seit 2019 regiert, verlor nicht im Vergleich zu den letzten Wahlen, konnte sogar leicht zulegen auf 40,8 Prozent und 145 Sitze, also zehn von der Mehrheit entfernt. Das kann sich auch der Premier Kyriakos Mitsotakis persönlich zuschreiben. Seine Politik ist damit bestätigt, auch wenn er – bei dieser Wahl wie 2019 – keine absolute Mehrheit errang.

Dagegen hat das radikale Linksbündnis Syriza des Ex-Premiers Alexis Tsipras deutlich verloren (20,1 Prozent) und ist der eine große Verlierer des Abends. Der andere Verlierer sind einmal mehr die Demoskopen und Umfrageinstitute, die durch die Bank falsch lagen mit ihren Einschätzungen. Der Abstand ND – Syriza lag am Ende nicht bei sechs oder sieben, sondern bei runden 20 Prozentpunkten. Überschätzt wurden vor allem die Parteien der radikalen Linken, so auch die Partei Mera25 von Ex-Finanzminister Gianis Varoufakis, die nun außerhalb des Parlaments gelandet ist. Und dabei hatte Varoufakis noch von einem „magischen Moment“ hinter dem Wahl-Paravent gesprochen. Nun wurde er selbst zum weggezauberten Kaninchen.

Vermutlich ist eine Variante der Schweigespirale an der verzerrten Demoskopie schuld: Weil es viel trendiger ist, zu sagen, dass man eine linksradikale Partei wählt, werden konservative, rechte und inzwischen sogar althergebrachte sozialistische und kommunistische Mitbewerber tendenziell abgeblendet. Eine bedenkliche Folge einer perversen Form der Cancel Culture, die in diesem Wahlergebnis so deutlich wie selten sonst zum Ausdruck kommt. Viel war auch in dieser Kampagne von „toxischen“ Verhaltensweisen die Rede, die man allerdings auch als gesunden politischen Streit entlang den Interessen der einfachen Bürger (vulgo: Populismus) beschreiben kann. Die Rede von toxischen Diskursen scheint dieselben erst richtig gründlich zu vergiften.

Sozialist Androulakis wittert schon wieder Morgenluft

Nikos Androulakis, der Vorsitzende des Pasok, hat vielleicht etwas zu viel Morgenluft gewittert. Auch seine Partei wurde von den Demoskopen leicht unterbewertet. Die griechischen Sozialisten haben die Zehn-Prozent-Grenze von unten überschritten, sind aber damit noch nicht die wichtigste Partei links der Mitte geworden. Der Kreter Androulakis sieht seine Partei als „echten Gegenspieler“ der Konservativen. Er hofft, verständlich für die langjährige Regierungspartei Griechenlands, das die Wähler nun in Scharen zurückkehren werden und ebenso die alten Zeiten. Aber das ist alles andere als sicher. Es sieht derzeit noch nicht einmal wahrscheinlich aus.

Der Wahlabend brachte auch das erste Telephonat zwischen Androulakis und Mitsotakis, die immerhin die kretische Herkunft miteinander teilen. Allerdings hatte sich ihre Beziehung spätestens von dem Zeitpunkt eingetrübt, als herauskam, dass der Geheimdienst Androulakis in seiner Funktion als EU-Abgeordneter abgehört hatte. Nun hatte sich Mitsotakis die Aufsicht über den Geheimdienst 2019 persönlich zugelegt. Insofern bleiben zumindest Fragen, welche seine Rolle bei den vielfachen Abhöraktionen von Politikern und Journalisten war.

Auch das schwere Bahnunglück, bei dem im März 57 Menschen ums Leben kamen, zahlte nicht gerade auf die Siegeschancen der regierenden Konservativen ein, auch wenn die Desorganisation in diesem Bereich älter ist als die aktuelle Regierung. Auch die steigende Inflation zahlte nicht ein. Umso mehr darf also dieser Sieg der ND erstaunen, was sicher zunächst auf die greifbaren Erfolge der Regierung in der Wirtschaftspolitik und beim Grenzschutz zurückzuführen ist. Die touristische Saison dieses Jahres gilt übrigens schon jetzt als Erfolg, allein weil die staatlichen Beschränkungen weggefallen sind.

Bürgerpartei von 2019 kommt auf sechsten Platz

Man könnte nun sagen, dass die einstige Schuldenkrisen- und Protestpartei Syriza logischerweise drastisch verlor, nachdem Griechenland sein Krisenprogramm (zusammen mit allen Verpflichtungen) auch offiziell beendet hat. Vielleicht ist das der Grund, dass zunächst keine Personaldiskussion um den Syriza-Chef Tsipras entstehen wollte. Oder es lag am Schock. Auch die doktrinäre KP Griechenlands konnte hinzugewinnen, vielleicht weil sie dazu aufrief, durch eine Stimme für sie das griechische Volk zu stärken – nicht andere Völker wie der Syriza.

Bis auf einen sind alle Wahlkreise der ND zugefallen. Die ND bleibt mit gut 40 Prozent auch die größte Mitte-rechts-Partei Europas. Das liegt allerdings auch daran, dass sie bis heute der Meinung ist, dass keine wesentlichen Bewegungen „rechts von ihr“ bestehen sollen. Es gibt sie freilich, aber nur eine Partei wird dieses Mal sicher ins Parlament einziehen, die national-konservative Partei „Griechische Lösung“ (Elliniki Lysi). Sie wurde vor allem am Evros und auf einigen Inseln stärker gewählt.

Daneben errang die erst 2019 gegründete Bürgerpartei Niki („Sieg“) aus dem Stand beachtliche 2,9 Prozent der Stimmen, verpasste aber einigermaßen knapp den Einzug ins Parlament. Niki duldet keine ehemaligen Abgeordneten in ihren Reihen und versteht sich als authentische, patriotische Stimme des griechischen Volks, die sich weder rechts noch links einordnet und sich vor allem auf christliche Werte stützen will. Ganze 16 Prozent des Wahlergebnisses fallen auf Parteien, die wegen der 3,5-Prozent-Hürde nicht ins Parlament einzogen. Das ist schon der erste Bonus, der aus der Zerstrittenheit oder der hohen Individualität der griechischen Wähler resultiert.

So lange wählen lassen, bis das Ergebnis brauchbar ist?

Kyriakos Mitsotakis, der die diesbezügliche Abneigung vieler Griechen zu teilen scheint, hat bisher keine Koalitionsverhandlungen angekündigt. Stattdessen gilt als ausgemacht, dass es zu einem zweiten Wahlgang am 25. Juni kommen wird, damit erneut ein Bonus für die größte Fraktion zur Anwendung kommen kann, denn die ND in der verflossenen Legislatur mit einfacher Mehrheit beschlossen hat. Das hat in der Tat ein Geschmäckle von „so lange wählen lassen, bis das Ergebnis passt“, wie sogar der kaderförmige KP-Chef Koutsoumbas kritisierte. Wenn sich das heutige Ergebnis noch einmal wiederholen lassen sollte, hätte Mitsotakis Ende Juni eine Mehrheit gewonnen, mit der er allein weiter regieren kann. So käme er um die Koalition mit dem ungeliebten Pasok herum. Mitsotakis’ Behauptung, die Wähler hätten eine Alleinregierung der ND verlangt, lässt sich freilich nicht bestätigen. Erst durch die Hinzufügung des Bonus werden seine 41 Prozent ja zur Mehrheit aus eigener Stärke.

Trotzdem bleibt die Frage, welche Politik Mitsotakis diese Stabilisierung eingebracht hat, die kaum einer traditionellen Volkspartei in Europa noch gelingen will. War es vielleicht doch der Vergleich mit dem „strongman“ Erdogan, der bald seinerseits wiedergewählt werden dürfte? Mitsotakis hatte in einer Rede kurz vor den Wahlen gesagt, dass der mutmaßliche Sieg des türkischen Präsidenten auch Griechenland vor das Erfordernis stellt, eine stabile und möglichst entschieden auftretende, standfeste Regierung zu besitzen. Das zielte natürlich auf seine eigene Partei ab, die aus der Standfestigkeit in außenpolitischen Krisen ein besonderes Merkmal gemacht hat. Die vorangehende Syriza-Regierung stand demnach für offene Grenzen zur Türkei und auf dem Balkan und eine generelle Schwäche gegenüber der Türkei, während die ND Griechenland erneut zum „Vaterland mit Grenzen zur See, auf dem Land und in der Luft“ gemacht habe, so der Premier.

Mitsotakis kann an dieser Stelle auch militärisch einiges vorweisen: den Erwerb von französischen Rafale-Fliegern und Belharra-Fregatten, dann die bilateralen Verteidigungsabkommen mit Frankreich und den USA, schließlich die Vereinbarung der ökonomischen Zonen mit Italien und Ägypten und damit einhergehend die Ausweitung der Seegrenzen auf zwölf Meilen von Korfu im Nordwesten bis Kreta im Süden. Symbolpolitik, mögen einige sagen, aber sicher handelt es sich auch um Signale der Stärke, die man auch mit dem fragilen Verhältnis zur Türkei in Verbindung bringen kann. Das soll nun angeblich auch besser werden, weil sich die beiden Länder in Sachen Erdbeben und Zugunglück unbürokratisch beigestanden haben. Man wird sehen, wie weit diese Entspannungssignale tragen, die der Außenminister Nikos Dendias noch kurz vor der Wahl aussandte.

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Kommentare ( 10 )

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Peter Klaus
1 Jahr her

Die Griechen haben wohl auch ein „Forsa-Institut“, welches blöderweise immer die „falschen“ Leute befragt.

Krixus
1 Jahr her

„neue Niederlage der Demoskopie“? Kein Wunder solange die Demoskopie noch eine andere als die globalisiert bewährte Wahlsoftware verwendet! Aber keine Bange: Der große Fortschritt ist nahe, und die die von der Wahl-Software noch zu erstellenden Ergebnisse werden vorab von der Demoskopie treffsicher vorausgesagt! Und kurz danach werden wir dann wahr und wahrhaftig wohl in der besten und demokratischsten aller Gesellschaften leben: wir werden uns nicht mal mehr in die Wahllokale begeben müssen weil die künstliche Inteligenz ja schon vorab viel besser wissen wird, was wir wählen sollen, also auch was wir wählen werden :-((

Klaus D
1 Jahr her

Was ich mich frags „Was wird uns deutschen das via EU zahlungen an griechenland kosten?“. Wenn ich lese „militärisch einiges vorweisen: den Erwerb von französischen Rafale-Fliegern und Belharra-Fregatten“ sollte uns deutschen klar sein das wir das maßgeblich finanzieren.

doktorcharlyspechtgesicht
1 Jahr her

Mitsotakis scheint vor allem ein braver Verbündeter der EU und ihren Forderungen. Auch hatte Griechenland unter ihm eines der härtesten Covid-Regime – was gleichwohl durch südländische Entspanntheit von den Bürgern teilweise unterlaufen wurde: Impfpflicht mit Strafgeldern auch für den 3. Stich und was derlei Sachen mehr waren. Die Wahlbeteiligung lag bei ca. 60% – kein Ruhmesblatt. Bei Mitsotakis kann man davon ausgehen, dass weitere Seuchenspielchen, Austeritäts- und Privatisierungsforderungen, NATO-Gerassel problemlos abgenickt werden. Tsipras und Varoufakis mussten sich noch derb beschimpfen und übel ausbooten lassen (samt griechenfeindlicher Faulheitskampagne), weil sie etwas nationalstaatliche Ehre retten wollten.

Thorsten
1 Jahr her

Vermutlich sind Wähler linker Parteien mit „gefestigten Weltbild“ unterwegs, während die Leute die sich trauen „rächte“ Parteien zu wählen, es weniger zugeben oder noch unentschlossen sind.
Man müsste auch nach der Wahl die gleichen Leute fragen. Und warum sie sich dann eventuell umentschieden haben.

DrRobertFord
1 Jahr her

Syriza kann man nicht mehr als radikal einstufen, nachdem Tsipras 2010 vor Brüssel das Knie gebeugt und sämtliche Austeritätsmaßnahmen akzeptiert hat. Es wäre aller Voraussicht nach für ganz Europa besser, wenn auch nicht ohne Risiko für Griechenland selbst gewesen, wenn die Regierung damals den Mut gehabt hätte, die Eurozone zu verlassen.

Eleftheria
1 Jahr her
Antworten an  DrRobertFord

Es war nicht 2010, das berühmte Referendum fand am 5. Juli 2015 statt. 61,31 % der Abstimmenden lehnten damals die Bedingungen der EU-Gläubiger ab und waren bereit, aus der EU auszutreten. Tsipras hat uns schmählich verraten. Hat er tatsächlich geglaubt, dass die Wähler dies vergessen? Während der Covid-Pandemie sprach er sich unter anderem sogar für die Zwangsimpfung aus, die Maßnahmen von Mitsotakis gingen ihm nicht weit genug!! Im Wahlkampf sprach er von einer „Presparisierung“ der Ägäis, in Anlehnung seiner Bemühungen um die Beilegung des Namensstreits zwischen Nordmazedonien und Griechenland. Diese „Beilegung“ wird ihm bis heute in Griechenland übel genommen und wenn… Mehr

Krixus
1 Jahr her
Antworten an  DrRobertFord

Entschuldigung, man mag ja zu Herrn Tsipras stehen wie man will, zur Rettung seiner Ehre sollte man sich aber doch daran erinnern, dass, so damals sein Finanzminister, ernicht vor Brüssel sondern vor seiner eigenen Armee in die Knie gegangen ist, die sich in nicht einer nicht vom griechischen Verteidigungsministerium angeordneten Alarmbereitschaft befunden haben soll, um im Fall des Falles „Griechenland zu retten“

Hundefan
1 Jahr her

Ach deswegen…ist plötzlich die Wahl in Griechenland komplett aus den deutschen,linken Käseblättern (Spiegel,Zeit,FR usw.) verschwunden…hatte mich heute morgen schon gewundert. Nun ist der Grund klar! 😀

fatherted
1 Jahr her

Bleibt zu hoffen, dass der Zaun zur Türkei weiterhin hält….die Boote aber wird man wohl, da die Presse sicher vor Ort sein wird, nicht zurückdrängen können. Mal sehen was passiert wenn die neue Flüchtlingswelle aus der Türkei nach Griechenland schwappt….