Elfenbein-Rebellin aus Großvaters Henkeltöpfchen

„Steinblaue Schönheit“, „Dezente Opulenz“, “Hüterin der Freiheit“, „Befreiter Feuervogel“, „Melodie der Anmut“, „Erde des Südens“ oder „Tanz der Sehnsucht“ – darunter macht es das gute alte Alpina von 2016 nicht mehr. Ein Besuch im Baumarkt.

Um mal aus dem Nähkästchen zu plaudern: Mitunter kann so eine Hinleitung zum eigentlichen Thema schon so raumfordernd geraten, dass die geplante Story droht, auf der Strecke zu bleiben. Versuchen wir mal, den Bogen noch zu bekommen. Die Geschichte beginnt so: Bei vier Kindern stand der Umzug der Eltern in den Keller an, weil für den Jüngsten das elterliche Schlafzimmer zum Jugendzimmer umgestaltet werden sollte. Darüber könnte man nun lange streiten: Warum der Junge nicht in den Keller geht, warum sich die Kinder nicht wie früher ein Zimmer teilen könnten usw.

Aber dann geht’s schon schnurstracks in den Baumarkt. Und hier droht schon wieder der nächste erzählerische Abschweifer hin zu „Männer im Baumarkt“. Männer in ihren letzten Rückzugsreservaten. Hunderte Hochregale entfernt von Menstruation und Co. Fern von hormonellen Schwankungen und diesen ewigen Unergründlichkeiten. Männer ganz bei sich könnte man also meinen. So ein Baumarkt ist tatsächlich das Friedenszeiten-Pendant zur Waffenkammer bei der guten alten Bundeswehr oder zum Autogebrauchtwagenmarkt am Sonntagvormittag nach dem Kirch- und noch vor dem Kneipengang.

Was aber, wenn man mit Frau und Tochter in den Baumarkt geht? Katastrophe? Nein, wenn man es geschickt anstellt, kann das kann sogar noch einmal die Steigerung des männlichen Begehrens sein. Nämlich dann, wenn die Damen freiwillig – quasi hypnotisiert von diesen für die weibliche Seele so befremdlich kühl durchorganisierten Regalen und Systemen – den anwachsenden Werkzeug-, Schrauben-, Nägel- und Latteneinkauf schleppen, während Mann geradezu osmanisch gelassen mit leeren Händen vorweg marschiert. Denkend. Planend. Eben auf seine typische Art vorausschauend.

Im Baumarkt ist der Mann noch ein Mann

Schnitt. Wir sind nun in der Farbenabteilung (großer Deckenhänger im Gang: „Farben“) vor einem Sonderregal angekommen. Eigentlich ging es an dieser Stelle nur um den gezielten Griff im Vorübergehen nach dem obligatorischen Eimer weißer Innenfarbe. Das 10-Liter-Gebinde. Früher, also noch zu Wohngemeinschaftszeiten in den 1980/90ern, griff man ja quasi im Schlaf nach Alpina, wollte man die Rauhfaser des WG-Zimmers zum x-ten Male überstreichen. Heute tut es längst auch die viel preiswertere Baumarkt-Eigenmarke. Dazu noch eine Tube Vollton-Abtönfarbe, die man wie früher einfach ins Alpina goss, hoffend, dass so schon irgendein annehmbarer Pastellton entstände, der zumindest so gut verrührt war, das später die Rauhfaser nicht aussah, wie marmoriert. Was sie dann aber meistens doch tat.

Da steht also besagtes Sonderregal. Ein Alpina-Sonderregal. Markenkommunikativ durchorganisiert wird eine Neuentwicklung bereits fertig angemischter Wandfarben präsentiert. Annährend drei Dutzend unterschiedlicher Farbmischungen in 2,5 Liter Henkel-Blecheimern wie früher. Großeltern-Eimerchen. Der archaische Henkelgreifreflex soll noch von einer Sammlung von Postkarten ausgelöst werden. Solche, wie man sie aus diesen immer so unordentlichen freecard-Ständern aus alternativen Gastronomien kennt. Und von denen man sich immer fragt, wer die warum überhaupt mitnimmt – oder sogar mit Briefmarke beklebt und an sich selbst verschickt.

32 Postkärtchen, durchnummeriert von No. 01 bis No. 32. („No.“ statt „Nr.“ – eine nostalgische Analogie zu den Bleicheimern?) Kein Witz: Jede einzelne ist eine Visitenkarte für eine bestimmte henkelvertopfte Mischfarbe. Mann liest, während die vollgepackten Frauen schon von hinten drängeln. Und tatsächlich kapiert man es schon nach dem zweiten, dritten Kärtchen: Hier im Baumarkt hat man am neuen Alpina-Regal den Innenausstatter der politisch korrekten Gesellschaft mit heruntergelassenen Hosen erwischt. Ein mediterraner Mittelschichttraum in Text. So etwas Wunderbares muss man sich erst einmal einfallen lassen. Ein helles Pastellgelb im Eimer heißt hier zart hingehaucht „Elfenbein-Rebellin“, Unterzeile: „Zurückhaltendes Pastellgelb“. Und auf den Kartenrückseiten wurden jeder dieser „edelmatten Wandfarben für Innen“ noch ein paar persönliche Zeilen hingeschrieben. Liebesbriefe an die Farbe.

Alpina_1Bei No.02, „Nebel im November“, einem melancholischem Mittelgrau, wie die Unterzeile erklärt heißt es da beispielsweise „Das neblige Grau das Novembers besitzt trotz – oder wegen – des Hauchs von Melancholie eine ganz eigene ästhetische Kraft, die innehaltende Ruhe und Stille in sich trägt.“ Das erinnert in seiner suggestiven Sprache mindestens an diese soghafte impressionistischen Texte moderner Lyriker, wie Stéphane Mallarmé einer war.

Die Farbinspiration des „Sanfter Morgentau“, was ein „blasses Graugrün“ sein soll, wird so beschrieben: „Der Morgentau offenbart eine Ästhetik aus Millionen Wassertropfen, die mit ihrem sanft silbrig schimmernden Schleier aus gläsern-fragilen Tauperlen Gräser und Blätter benetzen. Diese elegante, zarte Nuance ist so sanft wie ein friedvoller Tagesanbruch, der seine subtile Schönheit enthüllt und die perfekte Ausgewogenheit von Wärme und Kühle besitzt.“

Tatsächlich ein Offenbarung. Ehrlich, wer hier nicht innerlich vibriert, dem ist nicht mehr zu helfen. Der Kerl, der auch hier nicht seine weibliche Seite entdeckt, der hat nie bei Pretty Woman ins Taschentuch geschneuzt oder bei Brokeback Mountain mit Heath Ledger um Jack Gyllenhaal eine Träne verdrückt, als dieser einen Knopf der Jacke des Verstorbenen schließt und mit Tränen in den Augen sagt: „Jack, ich schwör’s dir …“.

Nein, den Alpina-Feine-Farben-Farbton „Brokeback Mountain“ gibt es noch nicht, könnte es aber! Dafür dann No.28, „Vers in Pastell“, ein „Liebevolles Apricot“. So sehr apricot sogar, dass es dort heißt: „Diese pudrige Apricot-Nuance zeigt sich klassisch und natürlich, bringt ihre schönste Seite, ihr weiches Naturell zum Vorschein. Feminin und elegant, jedoch nicht „mädchenhaft“. Nein klar, das ginge ja auch zu weit in so einem Brokeback-Mountain-Bubenbaumarkt.

„Steinblaue Schönheit“, „Dezente Opulenz“, “Hüterin der Freiheit“, „Befreiter Feuervogel“, „Melodie der Anmut“, „Erde des Südens“ oder „Tanz der Sehnsucht“ – darunter macht es das gute alte Alpina von 2016 nicht mehr. Ein Adjektivregen wie ein sanfter warmer Niesel am Abend, wie eine nie enden wollende blaue Stunde, wie .. ach je, die Sache wirkt über die Maßen ansteckend.

Wie Politiker streichen könnten

Und man beginnt schon zu fabulieren, wer denn nun welche Farben kaufen könnte. Sigmar Gabriel würde die „Dezente Opulenz“ sicher umgehen, dafür aber vielleicht bei der „Ruhe des Nordens“ zugreifen. Kathrin Göring-Eckardt kann man sich so gut im aus dem „Hüterin der Freiheit“-Blecheimer gestrichenen Frühstückszimmer vorstellen – nicht weniger, als ein „edelmütiges Patinagrün“.

Ach was, nicht gestrichen! Diese Farben dürfen maximal irgendwie an die Wand gehaucht werden. Oder getupft vielleicht mit den neuen Alpina-Dauerwattebäuschen. Es ist so anrührend fertig angerührt. Es macht so wohnstolz wie das „Licht der Gletscher“ oder der „Stolze Wellenreiter“, ein tiefes Azurblau, das so gut zu … na klar, zu Angela Merkel passen würde: „Das kraftvolle Azurblau verströmt Inspiration und Eleganz, ist tiefsinniger Freigeist und Abenteuer. Und es ist sich bewusst, es mit anderen Tönen aufnehmen zu können.“

Wir lesen uns nun gegenseitig die Karten vor. Jede neue Zeile schöner als die andere. Alpina-Feine-Farben im Hörbuchmodus. Die profanen Latten, die Schrauben, Nägel, der Zuschnitt, die Gartenecke – alles ist jetzt nichts. Wir schweben durch die Hochregale. Und wir dichten weiter. Wir sind fast schon bereit, die 35 Euro für so ein lyrisches Blecheimerchen zu bezahlen, können unser aber partout nicht auf eine dieser Feen- und Elfenstäubchen einigen und nehmen stattdessen alle Karten mit für zu Hause. Zum immer wieder Nachlesen!

An der Kasse bezahlen wir unsere schnöden Latten und den ganzen anderen so langweiligen Schlafzimmerumbau-Kram. Wir fragen aber noch die Kassiererin, so eine resolute Mitfünfzigerin in Baumarktorange. „Werden diese feinen Farben denn schon viel gekauft?“ Die Hochsteckfrisur mit lila Akzenten schaut nur kurz auf den viel zu dicken Stapel Kärtchen, schaut noch mal und meint dann grinsend: „Dieses Latte Matschiato und Kackbraun? Nö, das hat bei mir noch keener jekauft.“

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