Ach, Serena

Satire geht offenbar nur noch, wenn das Ironie-Objekt ein weißer Mann oder eine großflächig verhasste weiße Gruppe ist. Repräsentanten der Kunstform werden von Rassismus- und Sexismusvorwürfen irgendwann genug haben. Karikaturen werden zahm, Satire langweilig. Humor stirbt.

Sarah Stier/Getty Images
Serena Williams after smashing her racket during her Women's Singles finals match against Naomi Osaka of Japan on Day Thirteen of the 2018 US Open at the USTA Billie Jean King National Tennis Center on September 8, 2018

Gelegentliches Zerstören eines Tennisrackets oder frustriertes Herumgemotze auf dem Court ist kein Skandal. Das passiert den grössten Stars. Es geht um viel Geld, Prestige, teilweise haben die Sportler ihr ganzes Leben auf den einen Moment hingearbeitet.

Bei der vielleicht grössten Tennisspielerin aller Zeiten, Serena Williams, gehen die Ausfälligkeiten ein Stück weiter: 2009 drohte sie einer Linienrichterin: „Wenn ich könnte, würde ich verdammt noch mal diesen verdammten Ball in deine verdammte Gurgel stecken und dich umbringen. Hörst du das?“ 2011 fuhr sie die Schiedsrichterin an: “Sie sind eine Hasserin und haben ein unattraktives Inneres.“

Auch am Samstag bei den US Open hatte die 36-jährige weder das Racket noch sich selbst im Griff. Sie verlor die Nerven – und das Spiel. Zuvor hatte der Schiedsrichter sie dreimal verwarnt, irgendwann schrie sie ihn an: „Ich habe eine Tochter, ich betrüge nicht!“ Und: „Du schuldest mir eine Entschuldigung“. Sie nannte ihn „Dieb“ und „Lügner“ und zückte die Sexismuskarte: „Das ist nicht fair. Nur weil ich eine Frau bin.“ Bei der Siegerehrung wurde die Gewinnerin Naomi Osaka vom Publikum ausgebuht, weinte. Serenas Gezeter hat den glanzvollsten Moment ihrer Karriere ruiniert. Das ist unschön.

Wer sich so daneben benimmt, muss mit Konsequenzen rechnen, das gilt für Normalsterbliche wie für Superstars. In Serenas Fall war die Konsequenz unter anderem eine Karikatur in der australischen Zeitung The Herald Sun. Darin ist sie als zwängelndes Baby dargestellt. Es bildet ihr Benehmen treffend ab.

Die humorloseren Zeitgenossen unter uns empören sich darüber, das Bild sei rassistisch und sexistisch. Der Internetmob zog über den Karikaturisten Mark Knight her, forderte seine Entlassung, drohte ihm mit Mord. Er löschte seinen Twitter-Account.

Ich kann das Getöse um die Karikatur nicht verstehen. Satire IST überspitzt, Leute werden übertrieben dargestellt, Stereotype herausgearbeitet. Männer werden ständig mit stereotypen Merkmalen abgebildet – übergrosse Segelohren, schütteres Haar, Hängebauch und rote Nase – keiner schert sich drum. Ich wurde schon mehrmals karikiert, sogar mit nackter Brust auf einer grossen Laterne durch die Basler Fasnacht gezogen oder als „Telefasel“-Tussi mit riesen Zinken. Du meine Güte. Was soll an der Karikatur rassistisch sein? Äussere Merkmale sind übertrieben abgebildet: Gekräuseltes Haar. Üppige Lippen. Athletische Statur mit grossem Hintern. Wenn das nicht mehr zumutbar ist, muss Karikatur grundsätzlich verboten werden. Im Übrigen hat Serena ja auch kein Primaballerina-Figürchen. Das heulende Riesenbaby? Sie hat sich wie ein wütendes Baby aufgeführt. Der Karikaturist, der Tage zuvor einen männlichen Spieler als gereiztes Kleinkind darstellte, schrieb: „Es ist eine Karikatur über Verhalten. Es hat nichts mit Rasse zu tun.“

Die Besessenheit mit Identitätspolitik vergiftet die künstlerische Freiheit. Karikaturen erschaffen angesichts einer dauerdrohenden Guillotine in Medien und sozialen Medien – der Job wird dereinst so befriedigend sein wie ein Spaziergang durchs Minenfeld. Satire geht offenbar nur noch, wenn das Ironie-Objekt ein weisser Mann oder eine grossflächig verhasste weisse Gruppe ist. Künstler werden von Rassismus- und Sexismusvorwürfen irgendwann genug haben. Karikaturen werden zahm, Satire langweilig. Humor bleibt auf der Strecke. Was für eine traurige Gesellschaft.

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Kommentare ( 51 )

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…und zückte die Sexismuskarte: „Das ist nicht fair. Nur weil ich eine Frau bin.“

Und ihre Gegnerin, die war etwa keine Frau oder was? Das zeigt mir nur erneut, dass man speziell in der Unterhaltungsindustrie, in Film, Fernsehen und Sport zwar körperlich herausragende Leute hat, geistig sind sie aber den meisten unterlegen.

Weshalb ist der Artikel von Frau Wernli permanent auf der „Titelseite“? Ich wollte einen anderen Artikel später lesen, der aber nicht mehr angezeigt wurde und den ich über das Menü erst suchen musste.

Dieser Aggressivität muss sich niemand aussetzen. Karrikaturen bewirken da auch eher das Gegenteil, das man erreichen möchte. Die Aggressivität steigt. Ich kann mich an das wutverzerrte Gesicht von Klopp einem 4. Schiedsrichter gegenüber erinnern und damals habe ich Angst vor diesem begnadeten Trainer gehabt. Für den Fall, dass Leute zu übertriebener mentaler Stärke finden, sich nicht mehr wirklich im Griff zu haben scheinen, kann ich nur zu therapeutischer Abhilfe raten. Aggressivität ist kein Kavaliersdelikt und ich hoffe, dass die Spitzen von Gesellschaften darüber nachdenken. Da mag ich nun unseren Boris gerne und hoffe, dass er uns/dem Tennis erhalten bleibt. Gewaltige… Mehr

Autsch. Einfach nur autsch.

Leider wird hier nicht die Karrikatur über “ Serena Williams “ von “ Mark Knight “ in der “ Herald Sun “ aus Australien gezeigt. Ist bei “ you tube “ leicht unter den Stichworten in Anführungszeichen zu finden. Im Hintergrund sollte nicht die Sprechblase des Schiedsrichter übersehen werden. Deutsche Medien trauen sich offenbar nicht, solche Karrikaturen zu veröffentlichen.

Heißt die nicht eigentlich SIRENA? So wie die losgetönt hat?

Ich vermute, dass psychische Wirkungen des Dopings eine Rolle spielen. Denn dies steigert wegen der männlichen Hormone die Aggressivität. Doping gibt es im Hochleistungsport inzwischen überall; es wäre höchst seltsam, wenn es das Frauentennis nicht erreicht hätte.

Dachte auch daran. Sie ist aber eine starke Frau und vielleicht ganz alleine in der Lage, zu so einer Stärke zu kommen.
Kinder bedeuten meist einen gravierenderen Einschnitt im Leben, als man das selbst an sich bemerken kann.
Hoffentlich kündigt sich keine Krankheit an.

Das sich jemand, wenn ihm die wirklichen Argumente ausgehen, in Rassismus- oder Sexismusvorwürfen verliert, passiert nicht zum ersten Mal und wird auch nicht das letzte Mal sein – übrigens hüben wie drüben: Männlein wie Weiblein.
Wie Sie geschrieben haben – die Abnutzung der Begriffe ist schon in vollem Gange und einer Inflation der begrifflichen Verwendung geschuldet von beleidigten, dummen Menschen, die niemals die Schuld bei sich selbst suchen würden.

Ich bitte hier zu differenzieren. Bei der Siegerehrung buhte das Publikum nicht, weil Serena gebeten hatte, davon abzusehen. Hier diktierte der selbstgemachte Verlierer, wie der Sieger gefeiert werden sollte, was an Peinlichkeit nicht mangelte.

Alle dürfen gene ungestraft slawische [insbesondere katholische oder orthodoxe] Untermenschen kritisieren und verleumden – das ist durchaus zulässige freedom of speech, Fortschritt vom Feinsten, frische sahne fischfilet, die da singen schlagt sie tot !

Es scheint beliebt, wenn auch absolut unsportlich, bei Tennisspielern zu sein, beim eigenen Versagen den Tennisschläger zu demolieren. Alle Leute versagen mal, in dem Sinne, dass sie dem eigenen Anspruch nicht gerecht werden konnten. Komischerweise hab ich noch von keinem Geigenspieler gehört, der deshalb seine Geige zertrümmert hat. Kann es sein, dass diese Tennisleute ihr Instrument eigenlich hassen?