Das Bonner Brückendesaster geht weiter

Die Bonner Nordbrücke ist so marode, dass nur noch der Abriss bleibt. Immerhin betont das Bundesverkehrsministerium, dass jetzt schnelles Handeln angesagt sei. In spätestens zwei Jahren soll die neue Brücke stehen. Was einst Fortschritt symbolisierte, steht heute für den Zustand der Republik.

picture alliance / Bonn.digital | Marc John
Pressekonferenz im Bundesministerium für Verkehr in Bonn: Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU), 19.06.2026

Das Brücken-Desaster in Nordrhein-Westfalen geht weiter: Die Vollsperrung der Bonner Nordbrücke bleibt weiterhin bestehen. Die Brücke muss neu gebaut werden. „Weitergehende Untersuchungen und ingenieurmäßige Bewertungen durch entsprechende Fachleute und Spezialisten“, so die zuständige Autobahn GmbH, hätten jetzt ergeben, dass ein neues Bauwerk errichtet werden muss. Die Brücke ist in einem solch maroden Zustand, dass sie nicht mehr weiter betrieben werden kann. Darüber informierte heute die Autobahn GmbH des Bundes im Lenkungskreis des Bundesverkehrsministeriums. Auch die Straßen unterhalb der Brücke müssen gesperrt bleiben.

Immerhin betonte das Bundesverkehrsministerium, dass jetzt schnelles Handeln angesagt sei. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder meinte, er wisse, „welche Belastung die Sperrung für die Menschen und Unternehmen in der Region bedeuten. Deshalb wollen wir keine Zeit verlieren und starten sofort mit den notwendigen Vorbereitungen. Schon Mitte Juli soll der Zuschlag für den Abbruch der alten Brücke erfolgen.“ Noch in diesem Jahr soll die Vergabe der neuen Brücke in Auftrag gegeben werden, und in spätestens zwei Jahren soll die neue Brücke stehen.

Dies betrifft wohlgemerkt nur die sogenannte linksrheinische Vorlandbrücke, nicht die eigentliche Strombrücke über den Rhein ebensowenig wie die rechtsrheinische Vorlandbrücke. Diese Rheinquerung ist ebenfalls aus Spannbeton gefertigt, ist nicht von den Schäden betroffen und wurde als standsicher eingestuft und soll die nächsten Jahre erhalten bleiben.

Da hat die Rheinschiffahrt noch einmal Glück gehabt: Der Schiffsverkehr unter der Strombrücke muss nicht gesperrt werden, so die Autobahn GmbH. Nicht auszudenken, dürften die Rheinschiffe längere Zeit nicht mehr unter der Brücke durchfahren.

Die bereits umgesetzten Maßnahmen – darunter ein Fahrverbot für Lkw über 7,5 Tonnen seit Anfang Februar 2026 sowie WIM-Anlagen (Weigh-in-motion), die das Fahrzeuggewicht während der Fahrt mithilfe von Sensoren messen – hatten nicht ausgereicht, um weitere Schäden zu verhindern.

Die Rheinbrücke Bonn-Nord musste plötzlich – wie TE bereits ausführlich berichtete – am 3. Juni 2026 um 15 Uhr sowohl für Autos, Lkw als auch Radfahrer und Fußgänger vollständig gesperrt werden.

Die bereits bekannten Risse hätten sich vergrößert, dazu seien erste Korrosionsschäden am Betonstahl und an Spanngliedern gekommen. Das ist bei einer Spannbetonbrücke besonders kritisch, weil diese Spannglieder nicht einfach „Bewehrung“ sind, sondern zentrale Zugglieder, die das Tragwerk unter Vorspannung halten. Wenn dort Korrosion oder Querschnittsverlust auftritt, sinken die Tragreserven erheblich. Die Autobahn GmbH betont außerdem, dass ein Teil der Schäden von außen nicht sichtbar ist und deshalb auch das Innere des Bauwerks überwacht und nachgerechnet wurde.

Die Friedrich-Ebert-Brücke wurde 1967 gebaut, am 28. Juni 1967 freigegeben und sollte als nördlichste Rheinquerung im Bonner Stadtgebiet und die linke Rheinseite mit Bonn-Beuel verbinden ebenso wie den innerstädtischen Bonner Verkehr entlasten.

Konstruktiv besteht der Brückenzug aus drei Teilen: der linksrheinischen Vorlandbrücke aus Spannbeton, der Strombrücke über dem Rhein und der rechtsrheinischen Vorlandbrücke. Sie galt damals mit ihren drei Teilen als bemerkenswertes Ingenieurbauwerk: Die Strombrücke ist als stählerne Schrägseilbrücke ausgeführt, dabei wurde ein Vielseilsystem mit zahlreichen harfenförmig angeordneten Stahlseilen verwendete – ein Symbol jener technischen Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre, heißt es schwungvoll bei Baukunst NRW: „Als wichtige Bestandteile der städtischen Silhouette und Verkehrsstruktur tragen die Bonner Rheinbrücken nicht nur zur Funktionalität, sondern auch zur Identität der Stadt bei.“

Aus dem Symbol des Aufbaus ist ein Symbol des Substanzverlustes geworden. Eine Brücke, die einst zeigte, was ein Staat bauen konnte, zeigt heute, was geschieht, wenn ein Staat seine Bauwerke, Straßen, Verwaltungen und Verantwortlichkeiten über Jahrzehnte verschleißen lässt. Oben die Erinnerung an die Ingenieurskunst der alten Bundesrepublik, unten der bröckelnde Spannbeton der neuen Berliner Republik. Einst Fortschrittssymbol, heute Sperrschild. Einst Verbindung, heute Umleitung. Einst Baukunst, heute Staatszustand.

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Kommentare ( 40 )

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depa
28 Tage her

Die Vorlandbrücke also. Wenn ich das also richtig verstehe ist das eine bessere Hochstraße. Kann man nicht einfach am Rheinufer eine Rampe anschütten und dann den Verkehr ebenerdig zum anderen Endedes Desasters führen, selbst wenn an querenden Straßen Ampels stehen würden?

Juergen Schmidt
28 Tage her
Antworten an  depa

Ich bin auch davon überzeugt, man könnte sicher so einiges machen, damit während der Bauarbeiten der Verkehr – wenn auch eingeschränkt – weiter die Brücke nutzen kann. Z.B. erst die eine Fahrtrichtung erneuern, dann die andere. Will man aber nicht.
Man will jetzt die radikale Verkehrsberuhigung für Bonn.

Last edited 28 Tage her by Juergen Schmidt
Juergen Schmidt
28 Tage her

Die Ankündigung, in spätestens zwei Jahren stehe die neue Brücke ist eine politisch motivierte Lüge. Es ist ein Täuschungsmanöver gegen die Bürger, damit diese sich hier und jetzt mit der weiteren Sperrung abfinden („Naja, die zwei Jahre gehen rasch vorbei, und dann haben wir ja eine neue Brücke.“). Natürlich wird diese in fünf Jahren noch nicht stehen.
Ziel ist bis dahin die Zerstörung des Güterkraftverkehres. Steuerung der individuellen Mobilität mit dem Vorschlaghammer.
Der zuständige GRÜNE NRW-Verkehrsminister Kriescher sitzt derweilen in Düsseldorf entspannt in seinem Büro und sieht zu, wie die Bundes-CDU in Bonn die Brücke sperrt.

Der Michel
28 Tage her

„Die Rheinbrücke Bonn-Nord musste plötzlich – wie TE bereits ausführlich berichtete – am 3. Juni 2026 um 15 Uhr sowohl für Autos, Lkw als auch Radfahrer und Fußgänger vollständig gesperrt werden.“ Wenn das Bauwerk so marode ist, dann hat man hoffentlich auch Taubengitter montiert – nicht dass am Ende ein Vögelchen, das sich unrechtmäßig aufs Geländer setzt, zum Einsturz führt!
Sorry – aber das ist wirklich nur noch mit Sarkasmus zu ertragen.

Emanreztuneb
28 Tage her

„Soll vergeben werden…“ Übersetzung: der Staat vergibt es an den billigsten Anbieter, nicht an das beste Unternehmen. Resultat: es wird länger dauern und wesentlich teurer werden als geplant.

Mausi
28 Tage her

Noch in diesem Jahr soll die Vergabe der neuen Brücke in Auftrag gegeben werden, und in spätestens zwei Jahren soll die neue Brücke stehen: Italien hat es „damals“ 2018 in dieser Zeit geschafft. 2020 zwie Jahre nach dem Einsturz wurde in Genua die neue Brücke eingeweiht. D? Tja….Wir sprechen uns in zwei Jahren. Termin vormerken.

Zhenmei Zutun
28 Tage her

In China 6 Monate max, eher drei. Für den Normalmichel ist es wichtiger, dass wir das Rentensysten in UA aufbauen

Audix
28 Tage her

Sind wir doof? Es gibt auch Brücken, die lange halten. Beispiele: in Budapest die Kettenbrücke von 1849 und die Elisabethbrücke von 1903. in USA die Broklyn Bridge von 1883 und die Golden Gate Bridge von 1937 und noch einige mehr. Die Pont Julien bei Bonnieux in der Provence aus dem Jahre -3 wurde erst 2005 für den Autoverkehr gesperrt.

Mausi
28 Tage her
Antworten an  Audix

Und die neue Brücke? Wie lange wird sie wohl halten? Wenn ich mir die Qualität in D ansehe, egal ob bei Kleidung, Lebensmitteln, Flughäfen, dann wird uns immer schlechtere Qualität verkauft. Die Berechnung der Inflation berücksichtigt „technischen Fortschritt“ wieso nicht als Gegenpol den Qualitätsverlust? Es fängt schon bei primitiven Waren an: Erbsensuppe in der Dose. Jetzt vegan zum gleichen Preis wie mit Speck und Würstchen. Ravioli jetzt mit weniger Ravioli. Mehr Tomatensoße wird dabei zu dünner Soße. Blusen? Haltbarkeit des Stoffes? Ist drastisch gesunken. Das ist Inflation. Und die wird nicht durch technischen Fortschritt bei Handies und Computern aufgefangen. Denn… Mehr

Last edited 28 Tage her by Mausi
fluffy_bird
28 Tage her

Mitte der 60er Jahre, also zur Bauzeit dieser Brücke, betrug der Bundeshaushalt nur ein Bruchteil des heutigen. Auch die Steuerlast und Abgabenlast der Bevölkerung lag nur bei einem Bruchteil des heutigen Wertes. Dennoch schaffte man es schnell, zuverlässig, sicher und für 60 Jahre haltbar eine Brücke zu bauen. Allerdings war natürlich der SozialEtat zur damaligen Zeit ebenfalls nur ein winziger Bruchteil des heutigen. Denn damals ging man schlicht noch davon aus, dass die Menschen in erster Linie selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen müssen. Danach sollten die Auffangsysteme der Familie, der Kirchen und anderer Verbände greifen und erst ganz am Ende… Mehr

ceterum censeo
28 Tage her

In spätestens zwei Jahren soll die neue Brücke stehen.“ RICHTIG! Und am Samstag gewinne ich im Lotto…. In zwei Jahren wird vielleicht, aber auch nur vielleicht der Bauantrag durch alle Ämter getragen worden sein. Um dann eine Ausschreibung zu erstellen um dann…

Lucius de Geer
29 Tage her

Verstehe ich das richtig? Die wollen binnen zwei Jahren nur die beiden Zubringerbrücken erneuern und die Hauptbrücke über den Strom erst einmal weiternutzen? Ist doch völlig irre, dann müsste es in absehbarer Zeit wieder eine Sperrung geben, wenn die Hauptbrücke fällig ist.

Joe X
28 Tage her
Antworten an  Lucius de Geer

Nein, die wollen nur eine der beiden Vorlandbrücke neu bauen, die linksrheinische. Das ist mit 660 m der längste der drei Teile und hat die Herausforderung, das er durch bebautes Stadtgebiet führt.
Ich denke, das ist auch sinnvoll, wenn man den Verkehr möglichst schnell wieder rollen lassen will, denn ein zusätzlicher Neubau der Strombrücke mit ihrer hohen Spannweite (aktuell als Schrägseilbrücke) würde vemutlich länger dauern. Ich fürchte allerdings, dass man bei einem schnellen Neubau, den diskutierten Ausbau auf 6 Spuren aufgeben wird.

Lucius de Geer
28 Tage her
Antworten an  Joe X

Das ist ja noch bekloppter, denn die rechtsrheinische Vorlandbrücke dürfte ja bald in ähnlichem Zustand sein und muss dann ebenfalls über kurz oder lang ersetzt werden. Soll dann wieder alles für mind. zwei Jahre gesperrt werden? Und dann wieder, wenn die Hauptbrücke fällig ist?

Kassandra
28 Tage her
Antworten an  Lucius de Geer

Tja. Das Geld geht an die Kostgänger – da muss man flicken, was das Zeug hält.
Noch nicht gemerkt, dass seit Merkel das Denken an die Zukunft und die Nachfolgegenerationen abgeschaltet ist?