Warum Sorgen ein Grund zur Dankbarkeit sind und wie Dankbarkeit hilft, dass Sorgen lediglich Sorgen bleiben und uns nicht zersorgen.
Ich fahre mit dem Auto eine längere Strecke. Ich begegne über 1000 Autos, deren Fahrer vorbildlich und gemeinwohlorientiert fahren. Ein einziger fuhr wie eine „gesenkte Sau“, quengelte, riskierte eine brenzlige Situation und brachte mich und wohl auch andere Autofahrer in Gefahr.
Von welchem Autofahrer habe ich am Abend meiner Frau erzählt? Habe ich dankbar von den 1000 guten Autofahrern erzählt? Nein, ich habe natürlich von dem einen chaotischen Autofahrer erzählt.
Und das ist verständlich. Mein Gehirn gibt dem besondere Aufmerksamkeit, was mein Leben bedroht. Da ist mein Gehirn wie Klebstoff. Die Aufmerksamkeit haftet auf das Lebensgefährdende, damit ich gegensteuern und die Gefahr mindern kann.
Positive Erlebnisse sind schön und gut. Aber sie gefährden mein Leben nicht. Darum geht mein Gehirn nachlässiger mit diesen Situationen um. Da ist mein Gehirn wie eine Teflon-Pfanne, an der die positiven Dinge allzu leicht abperlen.
Diese Sicherheitsfunktion in meinem Gehirn ist klasse und ein Grund zur Dankbarkeit. Danke für mein Gehirn, das im Sommer Vorsorge betreibt, damit ich den Winter überlebe. Danke für meine Gehirn, das sich Sorgen macht, wenn andere sich danebenbenehmen und damit mein eigenes Leben gefährden. Danke für mein Gehirn, das sich über staatsgläubige Politik Sorgen macht, damit ich meinen Teil zur Stärkung bürgerfreundlicher Politik beitragen kann. Meine Sorgen sind Grund zur Dankbarkeit.
Wenn ich allerdings anfange, mich vor lauter Sorgen zu „zersorgen“ und aus dem Grübeln gar nicht mehr herauskomme, wird es Zeit, die Tücken meines Gehirnklebestoffs wahrzunehmen, der auf die Gefahren fixiert ist. Zwar fordert uns Jesus auf „sorget nicht“ (Matthäus 6,25-34), doch damit meint Jesus nicht weltfremd das Verbot der Fürsorge und der Vorsorge. Jesus will, dass wir unser selbstzerstörerisches Zersorgen zurückzufahren. Zersorgen tritt das erste der 10 Gebote mit Füßen, indem sich der Sorgengeist an die Stelle Gottes setzt und die Verantwortung Gottes auf seine eigene Schultern lädt. Die Stärkung meiner Dankbarkeit ist eines der Gegengifte gegen das Zersorgen.
Dazu will ich in Bezug auf die schönen Dinge im Leben die Teflon-Beschichtung in meinem Gehirn aufrauhen, damit die schönen Dinge in mir besser haften bleiben. Während sich eine brenzlige Situation innerhalb eines Augenblicks tief in die Seele eingebrannt hat, braucht die Betrachtung des Schönen eine längere Zeit, um in die Tiefe der Seele zu gelangen.
Bei einem Regenbogen möchte ich nicht nur kurz hinschauen oder meine Handy suchen, sondern eine Minute mal alles stehen und liegen lassen, innehalten, um ganz intensiv dieses Erlebnis auf meine Seele einwirken zu lassen, damit es sich bei mir verwurzeln kann.
Einen ansprechenden Text will ich vertiefend noch einmal lesen, um seine Kraft in mir zu stärken. Lieber weniger lesen und dafür das Gute mehrfach.
Ich will mir öfter mal die Bilder aus dem letzten Urlaub anschauen.
Mein Gehirn muss an diesem Punkt überlistet werden, weil es mir ansonsten meine Dankbarkeitsmomente zugunsten der klebrigen Sorgen hintenanstellt.
Das lateinische „meditari“ heißt, über etwas „nachsinnen“. Verarbeitungstiefe geht nur über „Meditation“. Das meint nicht unbedingt eine besondere meditative Auszeit, sondern eine sinnlich-nachsinnliche und achtsame Öffnung für die positiven Dinge mitten im Alltag. Jedes Essen, jeder Blick in die Natur und jedes Gespräch sind Möglichkeiten, meinen meditativen Lebensstil zu stärken. Hinzu befreit mich mein christlicher Glauben von allem Zersorgen um meine Identität, meine Lebenserfüllung und meine Zukunft; Gottes Freundschaft zu mir mit Ewigkeitsqualität hat diese Lebensbereiche bestmöglich erlöst. Dadurch werden psychische Ressourcen frei, die ich anderweitig einsetzen kann.
„Erntedank“ als Fest der Dankbarkeit macht Mut zu einem meditativ-sinnlich-achtsamen Lebensstil, damit im Konzert der inneren Stimmen die sorgenvollen Pauken und Trompeten ihren berechtigten Einsatz bekommen, aber nicht alles andere dominieren. Die Stimmen der Dankbarkeit dürfen als Kontrapunkt an Klangfarbe zulegen.
„Zersorgt euch nicht,
sondern bringt alle eure Anliegen im Gebet mit Bitte und Danksagung vor Gott.
Und der Friede Gottes, der alle menschliche Gedanken weit übersteigt, bewahre eure Herzen und euer Denken in Jesus Christus.“
(Philipper 4,6-7)

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