Von der Amöbe über Einstein zur KI

Ist Intelligenz eine besondere Eigenschaft des menschlichen Gehirns? Setzt sie Bewusstsein voraus? Oder ist sie ein allgemeineres Prinzip, das auf unterschiedlichen materiellen Trägern verwirklicht werden kann? Vielleicht ist am Ende gar nicht Intelligenz künstlich, sondern lediglich ihr technischer Träger. Von Heinz Bannasch.

picture alliance / NurPhoto | Matteo Della Torre
Cerebras Systems And Artificial Intelligence

Kaum ein Begriff ist in den letzten Jahren so omnipräsent geworden wie der der „Künstlichen Intelligenz“. Computer schreiben Texte, erzeugen Bilder, programmieren Software, übersetzen Sprachen und lösen zunehmend komplexe wissenschaftliche Aufgaben.

Doch der Begriff wird häufig in geradezu abenteuerlicher Weise falsch gebraucht. Es wird darüber gestritten, ob eine Maschine „wirklich intelligent“ sein könne, ob sie Bewusstsein besitze oder ob nur der Mensch zu „echter“ Intelligenz fähig sei.

Damit werden unterschiedliche Dinge miteinander vermischt.

Bevor wir uns darüber unterhalten, ob eine Maschine intelligent sein kann, müssen wir zunächst klären, was Intelligenz überhaupt ist.

Ist sie eine besondere Eigenschaft des menschlichen Gehirns? Setzt sie Bewusstsein voraus? Oder ist Intelligenz ein allgemeineres Prinzip, das auf unterschiedlichen materiellen Trägern verwirklicht werden kann

Vielleicht ist am Ende gar nicht die Intelligenz künstlich, sondern lediglich ihr technischer Träger.

1. Was ist Intelligenz?

Warum kann Intelligenz überhaupt existieren? Weil unser Universum nicht aus einer chaotischen Folge völlig einzigartiger Ereignisse besteht. Es besitzt Regelmäßigkeiten, Beziehungen und Gesetzmäßigkeiten.

Die Welt besitzt Struktur.

Wäre jeder Vorgang vollkommen einzigartig, könnte aus Erfahrung nichts gelernt werden. Es gäbe keine Regel, die sich auf einen neuen Fall übertragen ließe.
Wo dagegen Strukturen wiederkehren, existieren Analogien. Und wo Analogien existieren, kann ein informationsverarbeitendes System sie erkennen und auf neue Situationen übertragen.

In diesem Sinne ist die Möglichkeit von Intelligenz einer strukturierten Welt immanent.

Der Psychologe Peter R. Hofstätter brachte das Wesen der Intelligenz auf eine bemerkenswert einfache Formel:

„Intelligenz ist die Fähigkeit, durch Abstraktion Analogien zu entdecken.“

Abstraktion bedeutet, vom Besonderen und Unwesentlichen abzusehen und die zugrunde liegende Struktur zu erkennen.

Analogie bedeutet, dieselbe oder eine vergleichbare Struktur in einem anderen Zusammenhangwiederzuerkennen.

Damit ergibt sich das Grundprinzip:

Information aufnehmen → abstrahieren → Struktur bzw. Analogie erkennen → auf Neues übertragen.

Dieses Prinzip lässt sich auf völlig unterschiedlichen Ebenen verfolgen – von der Amöbe über die Zecke und den Menschen bis zur heutigen KI.

2. Von der Amöbe zur Zecke

Schon eine Amöbe verarbeitet Informationen, obwohl sie weder Gehirn noch Nervensystem besitzt. Sie reagiert auf bestimmte Veränderungen ihrer Umwelt und setzt Information in zweckmäßiges Verhalten um.

Noch deutlicher zeigt sich das Prinzip bei der Zecke.

Sie muss in einer ungeheuer komplexen Umwelt einen Säugetierwirt erkennen. Dafür muss sie weder wissen, was ein Säugetier ist, noch zwischen Mensch, Hund oder Reh unterscheiden.

Sie vereinfacht die Wirklichkeit radikal.

Aus den unzähligen Eigenschaften eines Säugetiers reduziert sie die für sie relevante Wirklichkeit im klassischen vereinfachten Modell im Wesentlichen auf:

Buttersäure bzw. typischer Körpergeruch + etwa 37 °C Wärme = Säugetier → möglicher Wirt.

Fellfarbe, Größe, Gestalt, Augen, Beine und nahezu alle anderen Eigenschaften sind dafür bedeutungslos.

Genau das ist Abstraktion: Das Unwesentliche wird ausgeblendet, wenige entscheidende gemeinsame Merkmale bleiben übrig.

Die Zecke denkt selbstverständlich nicht abstrakt wie ein Mensch. Aber bereits hier erscheint in elementarer Form dasselbe Grundprinzip:

Komplexität reduzieren → Wesentliches herausfiltern → Gemeinsamkeit
erkennen → handeln.

3. Der Intelligenztest – Analogie in Reinform

Was messen Intelligenztests eigentlich?

Grundsätzlich nicht, wie viel ein Mensch weiß, sondern wie gut er durch Abstraktion Strukturen und Analogien erkennen und auf einen neuen Fall übertragen kann.

Deshalb verwendet man Aufgaben, für deren Lösung möglichst wenig spezielles Vorwissen erforderlich ist.

Nehmen wir eine einfache Zahlenfolge:
2 – 6 – 18 – 54 – ?

Man muss die Antwort nicht kennen. Man muss die zugrunde liegende Struktur entdecken:

Jede Zahl ist das Dreifache der vorhergehenden.

Hat man diese Regel abstrahiert, kann man sie auf einen neuen Fall übertragen:
54 × 3 = 162.

Noch deutlicher wird das bei Raven-Matrizen. Geometrische Figuren verändern sich nach einer zunächst unbekannten Regel. Der Proband muss aus den Einzelfällen die gemeinsame Struktur abstrahieren und auf eine neue Figur übertragen.

Das Grundprinzip lautet wiederum:

Zwei Einzelfälle → Abstraktion → Analogie bzw. Regel erkennen → auf Neues übertragen.

Der Intelligenztest prüft damit im Kern genau das, was Hofstätter beschreibt:

Intelligenz ist die Fähigkeit, durch Abstraktion Analogien zu entdecken.

4. Einstein – dasselbe Prinzip auf höchster Ebene

Zwischen einer Zahlenreihe und Einsteins Relativitätstheorie liegen Welten. Das
erkenntnistheoretische Grundprinzip ist jedoch erstaunlich ähnlich.

Einsteins außergewöhnliche Leistung bestand nicht einfach darin, besonders viele physikalische Fakten zu kennen. Er erkannte gemeinsame Strukturen hinter Erscheinungen, die zunächst völlig verschieden wirken.

Besonders anschaulich zeigt dies das Äquivalenzprinzip.

Einstein stellte sich einen Menschen in einem geschlossenen Raum vor.

Im ersten Fall befindet sich der Raum in einem Gravitationsfeld. Ein losgelassener Gegenstand fällt zum Boden.

Im zweiten Fall befindet sich der Raum fern von großen Massen im Weltraum und wird beschleunigt. Auch dort bewegt sich ein losgelassener Gegenstand relativ zum Raum zum Boden.

Für den Menschen im geschlossenen Raum können beide Situationen lokal nicht voneinander zu unterscheiden sein.

Die Ursachen scheinen vollkommen verschieden:

Gravitation auf der einen Seite – Beschleunigung auf der anderen.

Einstein abstrahierte von den unterschiedlichen äußeren Umständen und erkannte dahinter eine fundamentale Analogie.

Aus diesem Prinzip führte der Weg schließlich zu einer revolutionären Vorstellung:

Gravitation lässt sich als Ausdruck der Geometrie einer durch Masse und Energie gekrümmten Raumzeit beschreiben.

Der Intelligenztest fragt: Welche gemeinsame Struktur steckt hinter diesen Zahlen oder Figuren?

Einstein fragte: Welche gemeinsame Struktur steckt hinter scheinbar verschiedenen
physikalischen Erscheinungen?

Der Unterschied liegt in der ungeheuren Komplexität und Abstraktionshöhe.

Das Prinzip bleibt:

Beobachten → abstrahieren → Analogie entdecken → auf Neues übertragen.

5. Und dann kommt die KI

Genau hier wird die sogenannte künstliche Intelligenz interessant.

Auch moderne KI-Systeme verarbeiten enorme Informationsmengen und bilden daraus mathematische Repräsentationen von Beziehungen und Regelmäßigkeiten.

Ein Schlüsselmechanismus moderner Transformer ist Attention.

Vereinfacht gesprochen bewertet Attention, welche Elemente einer Information im jeweiligen Zusammenhang besonders relevant sind.

Das Wort „Bank“ beispielsweise besitzt für sich genommen keine eindeutige Bedeutung. Erst der Kontext entscheidet, ob eine Sitzbank oder ein Geldinstitut gemeint ist.

Attention gewichtet deshalb Beziehungen zwischen Informationselementen abhängig vom Kontext.

Während des Trainings entstehen hochdimensionale interne Repräsentationen. Dadurch können Regelmäßigkeiten erkannt und auf neue Kombinationen und Aufgaben übertragen werden.

Natürlich arbeitet ein Transformer nicht wie ein menschliches Gehirn. Daraus folgt weder, dass er wie ein Mensch denkt, noch dass er menschliches Bewusstsein besitzt.

Aber warum sollte Intelligenz Bewusstsein voraussetzen?

Wenn Hofstätters Definition trägt, entscheidet nicht das Material über Intelligenz, sondern die Fähigkeit, durch Abstraktion Strukturen und Analogien zu erkennen und auf Neues zu übertragen.

Die Mechanismen unterscheiden sich.

Das Grundprinzip bleibt.

6. Intelligenz braucht weder Kohlenstoff noch ein Gehirn

Wir setzen Intelligenz gewöhnlich mit Gehirnen gleich, weil alle uns vertraute hochentwickelte biologische Intelligenz mit Nervensystemen verbunden ist.

Das könnte ein Kategorienfehler sein.

Auch Fliegen war über Jahrmillionen ausschließlich eine Fähigkeit biologischer Organismen.

Daraus folgte nicht, dass Fliegen prinzipiell Federn und Muskeln voraussetzt.

Ein Vogel fliegt mit Federn und Muskeln. Ein Flugzeug mit Aluminium, Turbinen und Tragflächen.

Ein Flugzeug ist künstlich – der Auftrieb ist es nicht.

Ein Computer ist künstlich – warum sollte die auf ihm realisierte Intelligenz künstlich sein?

Intelligenz wäre dann kein bestimmtes Organ und kein bestimmtes Material, sondern ein Prinzip der Informationsverarbeitung in einer strukturierten Welt.

Auch Bewusstsein und Intelligenz sind nicht dasselbe.

Bewusstsein beschreibt subjektives Erleben. Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, Informationen zu abstrahieren, Zusammenhänge zu erkennen und auf Neues zu übertragen.

Dass beim Menschen beides gemeinsam auftritt, beweist nicht, dass Intelligenz grundsätzlich Bewusstsein voraussetzt.

7. Einsteins Grenze: 1,4 kg Gehirn gegen nahezu unbegrenzt
skalierbare KI

Einstein besaß eines der außergewöhnlichsten Denkvermögen der Menschheitsgeschichte.

Trotzdem war selbst dieses Genie an die biologischen Grenzen eines einzelnen Gehirns gebunden.

Der Unterschied zur technischen Intelligenz ist gewaltig:

Der entscheidende Unterschied ist die Skalierbarkeit.

Einsteins Gehirn blieb bei rund 1,4 Kilogramm. Es konnte weder vergrößert noch kopiert noch mit Tausenden anderen Gehirnen zu einem einzigen Supergehirn zusammengeschaltet werden.

Technische Intelligenz kann dagegen prinzipiell immer mehr Rechenleistung, Speicher und parallele Verarbeitung erhalten. Mehr Hardware bedeutet nicht automatisch mehr Intelligenz. Aber die biologische Begrenzung eines einzelnen Gehirns fällt weg.

Wenn 1,4 Kilogramm biologische Materie Einsteins Relativitätstheorie
hervorbringen konnten – was könnte dann eine Intelligenz erkennen, die nicht mehr auf 1,4 Kilogramm, 100 m/s, ein Gehirn, Schlaf und eine menschliche Lebenszeit begrenzt ist?

8. Warum sollte Einstein die Grenze gewesen sein?

Warum sollte ausgerechnet die Evolution des Homo sapiens die prinzipielle Obergrenze möglicher Intelligenz erreicht haben?

Unser Gehirn entstand nicht, um Relativitätstheorie, Quantenmechanik oder Kosmologie zu entwickeln. Evolutionär musste es vor allem ermöglichen, Nahrung zu finden, Gefahren zu vermeiden, soziale Beziehungen zu bewältigen und sich fortzupflanzen.

Dass dieses etwa 1,4 Kilogramm schwere Organ trotzdem Einsteins Relativitätstheorie hervorbringen konnte, gehört zu den erstaunlichsten Leistungen der Natur.

Es gibt jedoch keinen bekannten naturwissenschaftlichen Grund, weshalb damit die Grenze möglicher Intelligenz erreicht sein sollte.

Zukünftige technische Systeme könnten Strukturen in Mathematik, Physik oder Biologie entdecken, deren Komplexität kein einzelnes menschliches Gehirn mehr überblicken kann.

Der Mensch kann höherdimensionale Räume mathematisch beschreiben – Einstein selbst arbeitete mit der vierdimensionalen Raumzeit. Unsere Anschauung bleibt jedoch durch unsere dreidimensionale Erfahrungswelt geprägt.

Eine KI muss sich einen hochdimensionalen Raum nicht vorstellen. Sie kann unmittelbar mit mathematischen Repräsentationen von Tausenden oder mehr Dimensionen operieren.

Vielleicht werden dadurch Analogien und Gesetzmäßigkeiten sichtbar, die einem menschlichen Gehirn kaum zugänglich sind – so wie Einsteins gekrümmte Raumzeit für eine Zecke unzugänglich wäre.

Warum sollte also ausgerechnet Einstein die Grenze gewesen sein?

9. Es gibt keine künstliche Intelligenz

Damit bekommt der Titel seinen eigentlichen Sinn.

Von der Amöbe über die Zecke und den Intelligenztest bis zu Einstein und zur modernen KI zieht sich dasselbe Grundprinzip:

Information aufnehmen → abstrahieren → Strukturen und Analogien erkennen → auf Neues übertragen.

Wenn unser Universum strukturiert ist, sind Analogien keine Erfindungen des menschlichen Gehirns. Sie sind in den Strukturen der Wirklichkeit angelegt.

Intelligenz ist die Fähigkeit, sie zu entdecken.

Das menschliche Gehirn wäre damit nicht die Quelle der Intelligenz, sondern lediglich einer ihrer möglichen Träger.

Bei der Amöbe geschieht Informationsverarbeitung in einer einzelnen Zelle, bei der Zecke in einem einfachen Nervensystem, bei Einstein in rund 1,4 Kilogramm biologischer Materie und bei der KI in Halbleitern, Algorithmen und gewaltigen Rechnerverbünden.

Der Träger verändert sich. Das Prinzip bleibt.

Dann gibt es im fundamentalen Sinne nicht zwei verschiedene Phänomene – natürliche und künstliche Intelligenz.

Es gibt Intelligenz.

Und wenn technische Intelligenz nicht mehr an die biologischen Grenzen eines einzelnen Gehirns gebunden ist, gibt es keinen ersichtlichen Grund anzunehmen, dass die höchste bislang beobachtete menschliche Intelligenz zugleich die Grenze möglicher Intelligenz darstellt.

Vielleicht hat selbst Einstein erst an der Oberfläche der möglichen Intelligenz gekratzt.


Heinz Bannasch ist Physikingenieur und ehemaliger Industrie-Manager – u.a. als Prokurist bei der Rheinmetall Waffe Munition GmbH und verbundenen Unternehmen im Rüstungs- und Pyrotechnikbereich. Er unterstützt weiterhin technisch Projekte in diesem Umfeld (z. B. Radar- und Täuschkörpersysteme).

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen