Friedrich Merz kündigte seinen Auftritt groß für kurz nach 18 Uhr an, unmittelbar nach den ersten Hochrechnungen aus Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Viele erwarteten seine Rücktrittserklärung. Stattdessen trat der Umfragetief-Kanzler ans Mikro – und hielt seine nächste Silvesterrede.
picture alliance/dpa | Michael Kappeler
Am Sonntagabend, den 20. September, kurz nach Bekanntgabe der ersten Prognosen der Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommen und Berlin, trat Friedrich Merz im Konrad-Adenauer-Haus vor die Kameras. Der Zeitpunkt war ungewöhnlich früh und bereits Stunden zuvor groß angekündigt worden: Kurz nach 18 Uhr werde sich der CDU-Vorsitzende persönlich äußern. Das komplette Parteipräsidium hatte Merz für den Wahlabend in die CDU-Zentrale einbestellt. Seit Monaten, verdichtet letzten Wochen und Tagen wurde öffentlich über seine Zukunft als Parteichef und Bundeskanzler diskutiert.
Die Dramaturgie hätte kaum größer angelegt werden können. Zwei Landtagswahlen, die CDU in Mecklenburg-Vorpommern mit rund fünfeinhalb Prozent am Rand der parlamentarischen Existenz, in Berlin mit 20 Prozent weit unter ihren 28,2 Prozent von 2023, zwei Wochen zuvor die Zerschmetterung in Sachsen-Anhalt auf 17,2 Prozent. AP sprach nach den ersten Zahlen von schweren Verlusten für Merz‘ Partei; in Mecklenburg-Vorpommern bedeutete der prognostizierte Wert das schlechteste CDU-Ergebnis bei einer Landtagswahl in der Geschichte der Bundesrepublik.
Wer die Vorberichterstattung verfolgt hatte, konnte deshalb auf den Gedanken kommen, Merz werde diesen eigens angesetzten Auftritt endlich für den langersehnten Exit nutzen, dafür, um mitzuteilen, was über die üblichen Wahlabendformeln hinausging. Auch die Tagesschau hatte bereits am Vortag geschrieben, für den Kanzler gehe es bei diesen Wahlen „ums Amt“; für den Fall deutlicher Niederlagen wurde in der CDU eine Dynamik bis hin zu einem vorzeitigen Kanzlerwechsel diskutiert. Das Rumoren wich offenen Rückzugsforderungen der unteren Etagen. Öffentlich zum Rücktritt aufgefordert hatte ihn aus der Parteispitze zu diesem Zeitpunkt niemand.
Dann erschien Friedrich Merz. Und Deutschland bekam die nächste inhaltsleere Rede über den großen Aufbruch.
„Veränderungen kosten Kraft“, erklärte der Kanzler in seinem typisch sedierenden Blah. Er sprach über den Reformkurs seiner Regierung, über die Aufgaben der kommenden Monate und über die Notwendigkeit, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Die mit Spannung erwartete Erklärung enthielt keine personelle Konsequenz und keine konkrete Neubewertung seiner eigenen Position. Merz lenkte den Blick auf die weitere Regierungsarbeit und machte deutlich, dass er an seinem Kurs festhalten will.
Man musste dabei nicht einmal besonders lange kramen, um ein Déjà-vu zu haben. Acht Monate zuvor Silvester, auch damals war der „Aufbruch“ sein großes Wort. Das Jahr 2026 könne ein „Moment des Aufbruchs“ werden, erklärte er und warb für Reformen, Zuversicht und Vertrauen in die eigene Kraft. Die Bundesregierung werde das Land erneuern, die Ergebnisse benötigten Zeit, Deutschland könne aus eigener Kraft seine Herausforderungen bewältigen.
Am 20. September steht Merz nun im Konrad-Adenauer-Haus, die ersten Wahlzahlen liefen über die Bildschirme, und ein beträchtlicher Teil dieses Vokabulars hatte den Sommer offenbar schadlos überstanden. Wieder Aufbruch, wieder Reformen, wieder Kraft. Merz hatte seinen Auftritt exakt auf jene Minuten gelegt, in denen zwei Landesverbände seiner Partei ihre Verluste auf den Fernsehgrafiken betrachten konnten, und erklärte dem Publikum anschließend die politische Großwetterlage ungefähr in jener Tonlage, die Bundeskanzler normalerweise zwischen Weihnachtsbaum und „Dinner for One“ anschlagen. Er hätte genauso gut die Speisekarte des Grill Royal vorlesen können.
Merz hätte seine bekannten Reformformeln am Montag nach einer Präsidiumssitzung vortragen können. Er hätte sie am Dienstag in der Bundestagsfraktion wiederholen können. Er wählte den Moment der ersten Prognosen und ließ damit über Stunden eine Erwartung entstehen, die weit über einen allgemeinen Appell zur Fortsetzung der Regierungsarbeit hinausging. Quotenmeter hielt unmittelbar nach dem Auftritt fest, dass gerade die Ankündigung einer persönlichen Erklärung kurz nach 18 Uhr die Spekulationen zusätzlich angeheizt hatte.
Die CDU hatte sich auf diesen Wahlabend ohnehin vorbereitet wie auf eine Operation am offenen Herzen. Merz war bereits Stunden vor Schließung der Wahllokale im Konrad-Adenauer-Haus eingetroffen. Sein Präsidium tagte ab 17 Uhr. Acht CDU-Ministerpräsidenten hatten ihm wenige Tage zuvor öffentlich ein wenig Aufschub gegeben, ohne ihn in ihrer Erklärung überhaupt namentlich zu nennen. Man hätte auch „Zimmerfarn“ einsetzen können statt „Bundeskanzler“. Die Tagesschau berichtete aus der Partei von der Erwartung, dass bei einem schlechten Berliner Ergebnis und einem Absturz in Mecklenburg-Vorpommern „der Laden“ brennen könne. Ruhe wird hier definitiv nicht mehr einkehren, bis Merz weg ist.
Interessant wird deshalb nun weniger, wie Merz diesen Wahlabend selbst deutet, als wie lange seine eigene Partei bereit ist, dieselbe Deutung mitzutragen. Das nächste Treffen dafür steht bereits fest: Am Montag kommen die CDU-Spitzengremien erneut zusammen, am Dienstag folgt die Unionsfraktion im Bundestag. Merz hatte wegen der politischen Lage seine geplante Reise zur UN-Generaldebatte in New York abgesagt und ausdrücklich mitteilen lassen, seine Anwesenheit in Berlin sei erforderlich. Nachher wäre er bei seiner Rückkehr nicht mehr Bundeskanzler gewesen.
Bis Silvester sind es noch 102 Tage. Für die nächste Neujahrsansprache liegt damit zumindest ein beträchtlicher Teil des Wortschatzes bereits bereit.


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Der Rollator-Vandalismus, Zukunftsschreddern im Minutentakt:
Die Gerontokratie beweist heute eindrucksvoll, dass man auch ohne funktionierende Hirnströme das Land ruinieren kann.
Ein letzter, bösartiger Gruß aus dem Wahllokal:
Nach uns die Sintflut, solange die eigene Kiste erst nach dem Staatsbankrott schließt❗
Mir war vollkommen klar, dass Merz genau eine Weiter-so-Rede diese Art halten würde. Von wegen, er würde harte Forderungen an die SPD stellen (um so angeblich die Koalition zu sprengen). Von wegen, er würde zurücktreten – mindestens als CDU-Vorsitzender. Nein, er hält natürlich stur an seinem „Kurs“ fest und erzählt weiter seine Reform-Märchen. Ich bin absolut kein bisschen überrascht. Merz ist und bleibt völlig vorhersehbar bei seinen leeren Sprüchen. Wer auf etwas anderes gehofft hatte, der war einfach nur naiv. Merz klebt wie Patex an seinem Stuhl und wird jetzt noch stärker den Vorgaben von Klingbeil und Bas folgen, damit… Mehr
Die ganz einfache Erklärung, warum der Fritze seine Silvester- bzw. Neujahrsansprache vorgezogen hat: Er weiß selbst nicht, ob er die Phrasenmaschine noch einmal anwerfen darf!
Sehr gut.
Noch nie war die Lösung der Regierungs-/Wirtschaftskrise so einfach: Ende der Brandmauer und dem demokratischen Willen der Bevölkerung folgen.
Die Frechheit dieses Lügners übersteigt alles bisher Bekannte in der Politik.
Ja, ganz forsch, seine hingerotzte Rede nach der Wahl heute Abend. Die ersteFlasche Schampus scheint schon geköpft! Man denkt, fühlt und befürchtet, gegen zwanzig nach 0.00 Uhr im neuen, nächsten Katastrophenjahr „unserer Demokraten“ zu sein. Ein Schwätzer vor dem Herrn. Das Stichwort ist Reformen, die die Wirtschaft wieder voranbringen sollen, die von der CDU zusammen mit der SPD und den Grünen systematisch zerstört wurde und deren Zerstörung immer weiter getrieben wird. Reformen! – Der Rettungsring, Abbruch und Zerstörung das Programm, daß nun die Reformen bedingt, die sowieso wieder nur eine Luftnummer sind. Copyright CDU/CSU, SPD und Grüne. Was muß man… Mehr
Pff, als ob Merz von sich aus zurücktreten würde. Deutschland ist noch nicht völlig zerstört, also muss er noch sein Werk vollenden, wenn man ihn lässt. Friedrich der Große, so will er sich in den Geschichtsbüchern sehen. Nun ja, Einbildung ist auch eine Bildung und bei manchen die einzige.
Die Einzige, die an den sinnentleerten Chiffren des Kanzlers noch ihre helle, um nicht zu sagen riesengroße Freude entwickeln kann, ist die Redeblume. Wäre die eine Aktie, ihr Kurs schösse durch sämtliche Decken. Der Mann ist nicht zu bremsen, darin, auf der Glatze D (hier sei eine bekannte Redensart in Anspruch genommen) Locken zu drehen.
Wem dient dieser unmögliche Fritz? Dem deutschen Volk sicherlich nicht! In der CDU müssen die dümmsten Politiker Deutschlands versammelt sein. Was mich aber genauso ärgert, ist der Fakt, dass die „ MauerschützenPartei“ demnächst im verschmutzten Berlin „ re giert“! Das macht mich fassungslos! Wird jetzt die Gedenkstätte für die erschossenen Menschen an der Zonengrenze, beseitigt? Wäre ja nur konsequent… und Gysi lacht sich kaputt, hat er doch die Zeit von 1989 bis 2026 gut bis sehr gut überstanden.
Lieber Fritz, das klingt doch sehr dem Ruf nach der Armee Wenck, die einer deiner Vorgänger als letzte Hoffnung betrachtete.