Vom Fischbrötchen in Richtung Fünf-Prozent-Hürde

Die CDU Mecklenburg-Vorpommern fällt von 13,3 Prozent ab Richtung historisch schlechten fünf Prozent. Daniel Peters wollte den großen Fragen dieser Zeit mit Fischbrötchen und „Politik in lecker“ begegnen. Am Wahlabend zeigt sich eine ehemalige Volkspartei in Trümmern.

picture alliance/dpa | Daniel Bockwoldt

Lange Gesichter in der CDU-Zentrale, betretene Mienen bei den Wahlkämpfern in Schwerin: Der Abend begann für die Christdemokraten mit einer Demütigung historischen Ausmaßes. Ein Landesverband, der Mecklenburg-Vorpommern über Jahrzehnte mitgeprägt und zeitweise den Ministerpräsidenten gestellt hatte, blickte auf Zahlen, bei denen selbst die schwachen Umfragen der letzten Wochen beinahe freundlich wirkten.

Die CDU Mecklenburg-Vorpommern erlebt am Sonntag, dem 20. September, bei der Landtagswahl ihren tiefsten Absturz seit Bestehen des Landesverbandes. In der ersten ARD-Hochrechnung erreichte sie unter Spitzenkandidat Daniel Peters 5,4 Prozent, das ZDF sah sie bei 5,1 Prozent. 2021 waren es bereits dürftige 13,3 Prozent gewesen. Damit verliert die Partei mehr als die Hälfte ihres damaligen Stimmenanteils und bewegt sich über Stunden in jenem Bereich, in dem wenige Zehntelprozent über den Einzug in den Schweriner Landtag entscheiden.

Das vielleicht passendste Bild zu diesem Wahlkampf aus der Hölle ist Peters und ein Fischbrötchen.

Die CDU machte es zum Leitmotiv ihrer Kampagne. Auf Plakaten prangte ein riesiges Fischbrötchen über dem Satz „Die Mitte ist das Beste“. Dazu kamen sinnentleerte Formulierungen wie „Politik in lecker“. Mehr fiel den Funktionären wohl einfach nicht mehr ein. Peters ließ sich mit dem Brötchen fotografieren, trug es auf seinem Tinder-Profil durch die Gegend und erklärte beim Besuch von Friedrich Merz in Kühlungsborn, das Fischbrötchen sei schließlich auch „Wirtschaftskraft für Mecklenburg-Vorpommern“: Rund 40 Millionen Stück würden jährlich an mehr als 800 Verkaufsstellen im Land verkauft. Eine regelrechte Fischbrötchen-Industrie.

Dafür kann das arme wie verdienstvolle lokale Fischbrötchen selbst allerdings nichts. Vielleicht hat die Fokussierung auf das Fischbrötchen am Ende auch genau dafür gesorgt, dass die CDU dann doch nicht aus dem Landtag fliegt.

So kann Wahlkampf aussehen, wenn eine ehemalige Volkspartei ihre politische Existenzfrage in Remoulade wickelt. Peters hatte ganz reale Probleme im Bundesland en masse, über die er reden konnte. Mecklenburg-Vorpommern hat das niedrigste Medianentgelt aller Bundesländer, liegt bei Start-up-Gründungen pro Kopf bundesweit am Ende, kämpft mit Problemen in Schulen, Verwaltung, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur. Der CDU-Spitzenkandidat sprach darüber durchaus, forderte weniger Bürokratie, eine stärkere Wirtschaftspolitik, eine bessere Ausstattung der Polizei und Entlastungen für Bürger und Unternehmen. Der NDR stellte allerdings schon Wochen vor der Wahl fest, dass die CDU die Legislaturperiode kaum zur eigenen Profilierung genutzt habe und im Zweikampf zwischen SPD und AfD politisch kaum vorkomme.

Genau dort lag das Problem, das kein Fischbrötchen lösen konnte. Die CDU war für den entscheidenden Konflikt dieser Wahl kaum noch eine der beiden Hauptparteien. SPD und AfD kämpften um Platz eins und lagen am Wahlabend jeweils weit oberhalb von 30 Prozent. Peters kämpfte gegen die Fünf-Prozent-Hürde. Der Abstand war so gewaltig, dass der Spitzenkandidat einer Partei, die Mecklenburg-Vorpommern über Jahrzehnte mitregiert hatte, im Wahlkampf selbst von einem „Existenzkampf“ sprach.

Dabei kam dieser Absturz keineswegs überraschend. Noch zwei Jahre vor der Wahl lag die CDU in Umfragen bei 21 Prozent. Im Juli 2026 waren es neun Prozent, im August zehn, Anfang September acht, wenige Tage vor der Wahl sieben. Der Weg führte über Monate kontinuierlich nach unten. Ein Radiospot wurde mit der Stimme von Manfred Lehmann produziert, der deutschen Synchronstimme von Bruce Willis. Auf Tinder warb „Daniel, 45“ um politische Aufmerksamkeit. Beim Endspurt auf einem Edeka-Parkplatz gab es CDU-Sonnenschirme, Seifenblasen für Kinder und Taschen mit Fischbrötchen-Motiv.

Fünf Tage vor der Wahl kam noch ein „Spritpreis-Joker“ hinzu. Peters forderte eine Entlastung um 25 Cent je Liter und versuchte damit ein Thema zu besetzen, das in einem Flächenland erhebliche Bedeutung besitzt. Zu diesem Zeitpunkt lag seine Partei in den Umfragen bereits im Bereich von sieben Prozent. Der Wahlkampf bekam damit in den letzten Tagen etwas von einer politischen Grabbelkiste: für jeden irgendwas dabei. Vieles davon sollte Aufmerksamkeit erzeugen, eine erkennbare Erzählung darüber, weshalb ausgerechnet diese CDU Mecklenburg-Vorpommern künftig führen sollte, wurde daraus kaum.

Hinzu kam die riesengroße Hypothek Friedrich Merz. Als der Bundeskanzler am 31. August zum Wahlkampf nach Kühlungsborn kam, begleiteten Buh-Rufe und Pfiffe seinen Auftritt. Der Ort war für einen solchen Besuch besonders gewählt: Im CDU-Stadtverband Kühlungsborn hatten im Frühjahr 2025 mehr als 20 Mitglieder die Partei verlassen, ausdrücklich aus Unzufriedenheit mit der Politik von Merz. Peters führte den Kanzler trotzdem ran ans Fischbrötchen. Der Bundesvorsitzende biss hinein, Peters erklärte ihm dessen ökonomischen Wert, die Kameras bekamen ihr Bild. Und weiter ging’s für Merz nach Sachsen-Anhalt.

Die Bundespolitik wurde für den Landesverband längst zum zusätzlichen Senkblei. CDU-Wahlkämpfer beklagten gegenüber dem NDR offen, dass das schlechte Bild der schwarz-roten Bundesregierung ihren Landtagswahlkampf überlagere. Der stellvertretende Landesparteichef Tino Schomann ging nach der Niederlage der CDU in Sachsen-Anhalt noch weiter und forderte den Rücktritt von Merz, Peters selbst musste sich zuvor mehrfach von Positionen des Kanzlers absetzen. Die Kampagne versuchte also gleichzeitig, den Bundesvorsitzenden als prominenten Unterstützer einzusetzen und sich gegen die Folgen seiner Politik abzuschirmen. Ein Spagat, der niemandem gelingt.

Am Wahlabend benannte Merz das Ergebnis selbst mit einem Wort, das für die CDU Mecklenburg-Vorpommern schwer zu übertreffen ist: „Desaster“. Die Partei, die 1990 bei der ersten Landtagswahl noch 38,3 Prozent erreicht hatte und danach über Jahrzehnte eine tragende Kraft der Landespolitik blieb, steht 36 Jahre später bei etwas mehr als fünf Prozent. Selbst ihr bisheriger Tiefstand von 13,3 Prozent aus dem Jahr 2021 wirkt daneben beinahe komfortabel.

Für Daniel Peters kommt zu dieser Entwicklung noch eine bittere persönliche Ironie. Im Wahlkampf erklärte er immer wieder, die CDU sei jene Kraft, an der vorbeikomme, wer „bürgerliche Politik“ wolle. Gleichzeitig hatte seine Partei ihren politischen Raum schon vor der Wahl fast vollständig eingebüßt. Bei der Wirtschaftskompetenz sah der NDR die CDU in Umfragen bereits deutlich von der AfD überholt; im öffentlichen Wahlkampf dominierten Schwesig und die AfD-Kandidaten die Auseinandersetzung um die Regierungsführung. Peters hielt sich dazwischen zerrieben an seinem Fischbrötchen fest.

Gute Nacht, CDU.

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Kommentare ( 28 )

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Bronstein
17 Tage her

Bei funktionierender Demoskopie hätte man das schon eher gewusst. Dann hätte die Diktatur-Partei vielleicht noch weniger Stimmen bekommen.

Manfred_Hbg
17 Tage her

Zitat 1: „Dazu kamen sinnentleerte Formulierungen wie „Politik in lecker“. Mehr fiel den Funktionären wohl einfach nicht mehr ein.“ > Mit Blick auf all die anderen Wahlen der letzten Zeit und Jahre, da sieht es doch auf den Wahlplakaten mit den „sinnentleerten Formulierungen“ nicht anders und besser aus. Auch da war und ist doch schon längst nichts mehr zu sehen und lesen was irgendwie Zukunft, Fortschritt, Visionen uäm am ausstrahlen ist und der Wähler bekommt nur noch nichtssagende und blöde Texte und Sprüche nach Art von „Sie kennen mich“ geboten. Und dabei gäbe es so vieles was im Land Veränderung… Mehr

Harry Hirsch
17 Tage her

Ein Fischbrötchen kostet inzwischen mehr Euro, als die CDU Wahlprozente einfährt.

taliscas
17 Tage her

Wenn man aber auch den Menschen die Politik nicht richtig erklärt!

Hueckfried69
17 Tage her

Schreiben Sie die Union nicht ab! Ich schlage das Modell CDU/CSU/FDP vor; man könnte damit im Bund 2029 locker auf 7-8% kommen.

hoho
17 Tage her

Ich habe gerade (22:54) bei Welt online geschaut – da ist AfD klar vor SPD und CDU bei 4.9. In dem Landtag sitzen dann also nur AfD und die rot-tiefrot-grün. Farbenlehre nach – ist also Blau gegen tief Braun.

Der Winzer
17 Tage her

Tja – aktuell sind es jetzt um 22:40 Uhr 4,9 %.
Parteiensterben der schöneren Sorte.

Johann P.
17 Tage her

Die cdu nach neuester Hochrechnung in MV unter 5 Prozent. Na also, geht doch!

Logiker
17 Tage her

Interessant, dass Merzens Aktentaschenträger Frei die verbale Heißluftdüse offensichtlich nicht mehr bedienen darf, sondern seit Tagen nur noch der neue Schatzmeister die Kommunikation übernommen hat.

Fakt ist, merz hat keinen Plan.
Und seine Adjudanten müssen das als Erfolg verkaufen.
Scheiß Job – aber: Augen auf bei der Berufswahl.
Die Diäten und Entschädigung der Bonzen sind zu hoch – das macht schmerzfrei.

Fazit:
Deutschland hat seit der BT-Wahl 2025 weitere 1 1/2 Jahre verloren hat.
Das Aufholen der Verluste dabei dauert immer mind. doppelt solange.

Last edited 17 Tage her by Logiker
Edwin
17 Tage her

Wie eine SPD dort noch über 30% bekommen kann ist mir schleierhaft! Hatte Mecklenburg-Vorpommern nicht mal eine bedeutende Werftenindustrie? Alles platt gemacht durch die neidige ökosozialistische Politik. Keine Kreuzfahrtschiffe mehr wegen des verlogenen CO2 gemachten Klimawandels! Nur EIN Beispiel! Leute, wie lange braucht ihr zum Aufwachen! Unglaublich!

fluffy_bird
16 Tage her
Antworten an  Edwin

Das hat wahrscheinlich zwei Gründe: einmal ist es die Spitzenkandidatin. Sie ist schlicht und einfach im Land beliebt. Sie sieht nett aus und hat unzweifelhaft ein gewisses Charisma. Und das mag zwar oberflächlich klingen, ist aber nun mal eine Realität. So etwas spielt bei Wahlen eine nicht unerhebliche Rolle. Ihr männlicher Gegenpart befindet sich in Sachsen-Anhalt. Und da hat auch dieser aus den gleichen Gründen sicherlich der AfD etliche Punkte mehr geholt, als sie ohne ihn bekommen hätten. Und zum anderen hat sich in Mecklenburg-Vorpommern der Lagerwahlkampf zugespitzt. Das hat die nun nicht mehr im Landtag sitzende CDU durchaus richtig… Mehr