Die Bezeichnung „Christ“ kommt von Jesus Christus. Darum ist die zentrale Frage für jeden Christen und für jede christliche Kirche: Wie verstehen sie Jesus Christus? Was macht Jesus Christus so zentral, dass man sich nach ihm benennt? Im letzten Vorwort zum Sonntag nahm Pfarrer Zorn die politische Niveaulosigkeit der Kirche unter die Lupe, in diesem die theologische.
picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd
Ein Mitarbeiter der Missionsgesellschaft „Open Doors“, die sich weltweit für verfolgte Christen einsetzt, kommt als Gast in eine evangelische Kirche. Da nimmt ihn der Pfarrer vorab beiseite und sagt zu ihm: „Bitte reden Sie von Gott und nicht so viel von Jesus Christus, denn unsere Gemeinde ist spirituell nicht so einseitig festgelegt.“ Der Missionar ist sichtlich verwirrt: „Was könnte ich von Gott sagen, wenn ich Jesus Christus nicht kennen würde? Ohne Jesus Christus wäre ich Agnostiker oder Atheist.“
Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Kardinal Marx besuchen als Repräsentanten der beiden größten deutschen Kirchen 2016 die Klagemauer in Jerusalem. Beide haben ihr jeweiliges Bischofskreuz abgelegt. Seine christliche Grundhaltung sei nicht, das Kreuz „demonstrativ vorneweg zu tragen“ und dadurch „Zwietracht zu säen“, sagte Bedford-Strohm; „ich habe als Repräsentant einer Religion die Aufgabe, friedensstiftend zu wirken. Wenn ich das nicht tue, werde ich meiner Verantwortung nicht gerecht.“ Die jüdischen Gastgeber sind über diese Aussage sichtlich verwirrt und weisen zurück, dass sie das Ablegen des Kreuzes gewünscht hätten. Man wird kaum Frieden stiften und einen echten Dialog führen können, wenn man seine eigene Identität dermaßen ichschwach versteckt, wie das die beiden Bischöfe getan haben. Oder ist das die Identität der deutschen Großkirchen, Jesus Christus als Erlöser und als Zentrum des Gottesverständnisses hinter sich zu lassen, um sich ganz dem Frieden, der Ökologie, der Politik oder anderen Lieblingsthemen widmen zu können?
Neben solchen offensichtlichen Christusverleugnungen gibt es eine noch tückischere Art der Nichtung des christlichen Glaubens: Man hängt Jesus Christus als Zeitenwende zwar ins Schaufenster, aber de facto entthront man ihn, indem man ihn lediglich als Chiffre für allgemeingültige moralische Appelle missbraucht.
Thorsten Latzel ist Präses der zweitgrößten evangelischen Landeskirche in Deutschland. Bei seinem „Präsesbericht“ (16. Januar 2026) zu Beginn der Landessynode meiner Evangelischen Kirche im Rheinland zeigt er, wie eine solche Verdrehung des Glaubens aussieht:
Zu Beginn seiner Rede zitiert Latzel zentrale Christusbekenntnisse der Kirchengeschichte:
- 325 n.Chr. bekennen die Christen in Nizäa: „Jesus Christus ist Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott (…) eines Wesens mit dem Vater.“
- 1563 wertschätzen die Protestanten Jesus Christus im Heidelberger Katechismus: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich […] Jesu Christi eigen bin.“
- 1934 formuliert die Bekennende Kirche auf der Barmer Synode: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“
Ich war hocherfreut, dass mein Präses hier so klar und eindeutig Jesus Christus groß gemacht hat. Doch sogleich kam die bittere Enttäuschung. Bei seiner Auslegung dieses Christuszentrums geht Latzel Wege, die heute in der evangelischen Kirche weit verbreitet sind, die aber den Aussagen dieser altbewährten kirchlichen Bekenntnisse konträr entgegenstehen.
Latzel fragt nicht mehr wie der berühmte mittelalterliche Theologe Anselm von Canterbury: „Warum wurde Gott einmalig und einzigartig in Jesus Christus Mensch?“ Latzel fragt: „Warum wird Gott Mensch?“ Präsens! Und er kommt zu der erstaunlichen Aussage: „Meistens wird Gott ganz leise Mensch, wenn Menschen zu Menschen werden.“ Aus der einzigartigen Menschwerdung Gottes in Jesus Christus wird die Allerweltsmenschwerdung Gottes in jeder Mitmenschlichkeit. Es geht Latzel darum, dass „Menschen füreinander da sind“ und „mitgeschöpflich leben“. Überspitzt ausgedrückt: Die Einmaligkeit Jesu Christi wird ersetzt durch die Poesiealbum-Moral, dass wir alle nett miteinander sein sollen, dass es um die Bewahrung der Schöpfung geht und dass wir alle tolerant sein sollen; am Ende steht ein Moralglaube, der sein eigenes religiöses Herz amputiert hat.
Nach Latzel „wird“ Gott Mensch (wieder grammatikalisch das Präsens!), „damit wir das mit unserer Menschwerdung auf die Reihe bekommen“. Es geht Latzel offenbar nicht mehr zentral um Gotteserkenntnis, um Erlösung und Trost, um Befreiung von Sünde und Tod durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi, sondern um die Optimierung des Menschen. Es geht zentral um den neuen Menschen, der erst noch werden muss.
„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn für uns dahingegeben hat, damit wir nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16). In den biblischen Evangelien steht Jesus Christus im Mittelpunkt, der den Menschen aus seiner Verlorenheit erlöst und ihn beschenkt mit Liebe und ewigem Leben. Und das verändert alles, ohne dass die Veränderung des Menschen zum Zentrum des christlichen Glaubens werden darf. Denn was würde meine Tochter sagen, wenn ich ihr erzählen würde: „Ich liebe dich, aber nur damit du das mit deiner Menschwerdung auf die Reihe bekommst – wobei ich als Vater natürlich genau weiß, wie deine Menschwerdung auszusehen hat“? Ich hoffe, meine Tochter würde mir bei solch tückischer Liebe den Vogel zeigen.
„Seid Menschen!“ Passend zu seiner Menschwerdungstheorie endet Latzel seinen Präsesbericht mit dieser Aufforderung. Und Latzel meint natürlich genau zu wissen, wie diese Menschwerdung konkret auszusehen hat. Sein Präsesbericht trieft nur so vom politisch stromlinienförmigen rotgrünschwarzen Idealmenschen.
„Seid Menschen!“ – so Präses Latzel.
- Nicht mehr Jesus Christus steht im Zentrum als das klare Fenster in Gottes Herz hinein (so das Christusbekenntnis von Nizäa).
- Nicht mehr Jesus Christus steht im Zentrum als der große Trost im Leben und im Sterben, selbst wenn mir das mit der Menschwerdung völlig misslingen sollte (so der Heidelberger Katechismus, Frage 1).
- Nicht mehr Jesus Christus steht im Zentrum, der mir die Freiheit schenkt, gegen eine kirchliche Gleichschaltung mit einer parteipolitischen Ideologie zu kämpfen (so die Barmer Theologische Erklärung).
„Seid Menschen!“ – bei Latzel ist eine Ethik der Menschwerdung nach eigenen gesellschaftspolitischen Vorstellungen ins Zentrum des christlichen Glaubens gerückt.
Jesus Christus ist in manchen evangelischen Kirchen immer noch eine dekorativ genutzte Schaufensterpuppe. Aber im Laden gibt es oftmals nur noch Moral und Menschenkunde, Politik und Poesiealbum. Vielleicht wäre es für solche Kirchen ehrlicher und authentischer, das kirchliche Kreuz nicht nur an der Klagemauer in Jerusalem abzulegen.



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