Venezuelas Nachspiel: Eintritt in eine dynamische Neuordnung der Welt

Die hitzige Debatte um die Zukunft Grönlands überlagert bereits die US-amerikanische Intervention in Venezuela. Dabei zeigt sich hier der Hauptstrang der sich abzeichnenden neuen Ordnung der Welt. Diese wird zwischen den USA und China entschieden. Europa bleibt derzeit nur die Rolle eines zunehmend nervös agierenden Statisten.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alex Brandon

Viel wurde in den vergangenen Wochen über die Hintergründe und die Folgen der amerikanischen Intervention in Venezuela am 3. Januar 2026 spekuliert. An der Oberfläche diskutieren das politische Kommentariat und Leitmedien vor allem über die Rolle und die Zukunft des venezolanischen Schweröls. Und ohne Frage: Sie haben recht. Gelingt es den Vereinigten Staaten, mithilfe ihrer eigenen Förderindustrie – insbesondere durch Konzerne wie Chevron, ConocoPhillips und Exxon – die zum großen Teil brachliegenden Kapazitäten wiederzubeleben, entsteht ein erheblicher geopolitischer Hebel.

Dieser Hebel verändert vor allem die Verhandlungsmatrix und ihre Verhandlungsdynamik zwischen Washington und Peking. China benötigt dieses Öl für seine maritime Expansion; die USA wiederum zur Auslastung ihrer Raffinerien im Süden des Landes, insbesondere in Texas. Die Kontrolle über den Export dieses Rohstoffs nach China könnte die amerikanische Verhandlungsposition im Bereich der Seltenen Erden stärken, die China zuletzt immer wieder, auch gegenüber europäischen Unternehmen als Druckmittel einsetzte. Möglicherweise eröffnen sich auch Spielräume, Druck auf Peking aufzubauen und die subventionierte chinesische Exportmaschine zu drosseln. Gewichtige Argumente, ohne Zweifel auf dem Weg zur Reindustrialisierung der USA.

Gleichzeitig wurde breit diskutiert, dass es der US-Regierung im Kern darum gehe, den chinesischen Einfluss auf den entscheidenden Rohstoffmärkten Südamerikas – ganz in der Tradition der Monroe-Doktrin – zurückzudrängen. Chinas Reaktion auf die Festsetzung Nicolás Maduros fiel erstaunlich verhalten aus. Neben der erwartbaren diplomatischen Protestnote sorgte vor allem die Reise des kanadischen Premierministers Mark Carney nach Peking für Aufmerksamkeit. Kanada nimmt als Rohstoffgigant zunehmend die Rolle des Gegenspielers zur Regierung von Donald Trump ein.

Alberta, Grönland und die stillen Verschiebungen

Carney sprach am Wochenende davon, mit der politischen Führung Chinas über eine neue Weltordnung diskutiert zu haben – über eine multipolare globale Ordnung, in der nicht mehr die Vereinigten Staaten im Zentrum stehen. Für China ist klar, worum es dabei geht. Kanada wurde durch die avisierte Wiedereröffnung der venezolanischen Ölfelder faktisch aus dem amerikanischen Raffineriegeschäft gedrängt. Das kanadische Schweröl ist von höchstem Interesse für China, das sich nun gezwungen sieht, alternative Märkte zu erschließen, um dem wachsenden Verhandlungsdruck Washingtons auszuweichen.

Eine kleine Randnotiz verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit. Neben der Debatte um die Zukunft Grönlands – die medial in Europa derzeit zu einer Existenzfrage der NATO hochgespielt wird, angesichts des Rohstoffreichtums der Insel und der strategischen Bedeutung der Seewege – zeichnet sich in den USA und in Kanada ein weiterer Debattenstrang ab: jener über die Zukunft der kanadischen Provinz Alberta.

US-Präsident Donald Trump wies mehrfach darauf hin und eröffnete damit indirekt den Spielraum für Sezessionsspekulationen. Könnte ein Referendum – wohlgemerkt, es bleibt Spekulation – am Ende dazu führen, dass Kanada den Zugang zu einem Großteil seiner Rohstoffe verliert, sollte sich die Bevölkerung Albertas für die Unabhängigkeit entscheiden? Diese Debatte sollten wir in den kommenden Monaten unbedingt verfolgen. Sie könnte tiefe Einblicke in die künftige Ordnung der Rohstoffmärkte und in Fragen geopolitischer Kontrolle geben.

Strategisches Metall Silber

Die Inhaftierung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro eröffnet den Vereinigten Staaten potenziell umfassende Einblicke in die Handelsbeziehungen Südamerikas mit China, insbesondere im Rohstoffbereich. Noch unklar bleiben dabei zentrale Fragen: Welche Rohstoffmengen wurden über Venezuela außerhalb offizieller Handelsbilanzen transferiert, um welche Rohstoffe handelt es sich konkret, und in welchem Umfang wurden bestehende US-Sanktionen umgangen? Diese Aspekte dürften in den kommenden Jahren eine entscheidende Rolle bei der Entflechtung der globalen Wirtschaft spielen.

Sollte sich die Vermutung bestätigen, dass Venezuela im Rahmen der Kooperation mit China strategisch wichtige Rohstoffe, etwa Silber, in großen Mengen nach China exportierte, würde sich die Lage nun grundlegend verändern. Die Kontrolle dieses Rohstoffumschlagsplatzes durch die Vereinigten Staaten könnte dann tatsächlich eine neue Machtdynamik innerhalb der globalen Rohstoffordnung entfalten.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage: Ging es bei der amerikanischen Intervention tatsächlich lediglich um venezolanisches Schweröl?

Bereits im Sommer des vergangenen Jahres erklärte die US-Regierung Silber offiziell zu einem strategisch wichtigen Metall. Der seither massiv gestiegene Silberpreis bestätigt den Verdacht, dass sowohl China als auch die Vereinigten Staaten dieses Metall in großem Umfang horten. Silber ist unverzichtbar – sowohl für den Aufbau der neuen Datenzentren-Industrie der künstlichen Intelligenz als auch für Elektromotoren.

Hinzu kommt eine monetäre Dimension, die man nicht übersehen darf: Der zunehmende Kontrollverlust über strategisch wichtige Edelmetalle durch deren physische Konzentration in den USA und China wird den Druck auf das europäische Währungssystem in naher Zukunft massiv erhöhen. Die Welt orientiert sich immer stärker in Richtung metallgedeckter Währungssysteme, Zentralbanken horten wachsende Bestände zur Bilanzreparatur. Die Bedeutung von Edelmetallen als stabilisierende Grundlage wirtschaftlicher und finanzieller Ordnung gewinnt global an Gewicht.

In China gilt inzwischen ein vergleichsweise strenges Exportregime für Silber. Gleichzeitig dürfte die industrielle Nachfrage in den kommenden Jahren weiter deutlich steigen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach den tatsächlichen Rohstoffströmen über Venezuela an Bedeutung, die weit über das Thema Öl hinausgeht.

Die Kontrolle zentraler Seerouten, die systematische Verdrängung der chinesischen Präsenz im Panamakanal und in den Häfen der amerikanischen Westküste sowie die Sicherung des Zugriffs auf strategische Rohstoffe – voraussichtlich einschließlich Grönlands, unabhängig davon, wie sich die europäischen Kontrahenten in diesem Fall positionieren – sind Elemente einer übergeordneten Strategie. Die Vereinigten Staaten erzwingen damit eine Bifurkation: eine machtpolitische Aufteilung der Welt in zwei große Einflusssphären, jene der USA und jene Chinas.

Im Grunde hatte sich diese Aufsplitterung der globalen Ordnung bereits über Jahrzehnte angedeutet, beschleunigt durch den Aufstieg Chinas. Historisch betrachtet ist diese Entwicklung kaum aufzuhalten, ohne erhebliche militärische Konflikte zu riskieren. Es steht zu viel auf dem Spiel. Die enge Koordination zwischen den USA und China bei dieser von beiden Seiten angestrebten Entflechtung der Weltwirtschaft ist daher ein entscheidender Aspekt, diesen Prozess möglichst konfliktfrei zu gestalten.

Bifurkation der Weltordnung

Die USA sind fest entschlossen, ihre Rolle in der westlichen Hemisphäre zu konsolidieren und sich – vermutlich koordiniert mit Peking und Moskau – schrittweise auf den eigenen, selbst definierten Machtbereich zurückzuziehen. Diese Rückzugsbewegung ist weniger Ausdruck von Schwäche als vielmehr das Ergebnis einer nüchternen machtpolitischen Kalkulation in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung.

Noch eine Bemerkung zur sogenannten Grönland-Krise: Die Europäische Union spielt in diesem globalen Kampf um den Zugang zu Rohstoffen faktisch keine Rolle mehr. Rund 60 Prozent ihrer Energie importieren die europäischen Staaten aus dem Ausland. Ihr verzweifeltes Ringen mit Moskau, das erkennbar dem Ziel folgte, über einen Regimewechsel den Zugang zum ressourcenreichsten Land der Welt zu sichern, offenbart die ganze Aussichtslosigkeit ihrer geopolitischen Position.

Die Entsendung einer kleinen europäischen Truppe nach Grönland, mit dem Ziel, den Einfluss der Vereinigten Staaten in der Region einzuschränken, verdeutlicht die Spannungen zwischen Europa und Washington. Als Reaktion darauf erhöhte Präsident Donald Trump die Zölle für die beteiligten Staaten zunächst um zehn Prozent und drohte, den Satz auf 25 Prozent zu steigern, falls sich an der europäischen Haltung nichts Grundlegendes ändere. Die groteske Situation offenbart die asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen den Akteuren und es wird sichtbar: Brüssel operiert als Scheinriese auf tönernen Beinen.

Angesichts dieser Asymmetrie der Kräfte ist kaum nachvollziehbar, weshalb sich in Europa keine politische Allianz findet, die einen kooperativeren Ansatz gegenüber den Vereinigten Staaten erzwingt, auch gegen den entschiedenen Willen der EU. Brüssel und London wählen den konfrontativen Weg – einen Weg, der mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine weitere wirtschaftliche Niederlage führen wird.

Die eigentliche Stärke Europas läge darin, sich dem marktwirtschaftlichen Regime der USA wieder anzunähern, den eigenen Klimaprotektionismus aufzugeben und die Kräfte des nach wie vor kapitalstarken Binnenmarktes zu aktivieren. Geopolitisch ist dieser Kampf verloren. Er kann nur noch über die Rückkehr zu einer vernünftigen Ordnungspolitik geführt werden.

Der Versuch der Europäischen Union, sich über das Mercosur-Abkommen mit südamerikanischen Staaten Spielräume in der Handelspolitik zu verschaffen, wirkt bislang nicht wie ein Befreiungsschlag.

Das Abkommen fußt im Wesentlichen auf den klimaprotektionistischen Regeln Brüssels und wendet exakt jene Regularien an, die die europäische Wirtschaft bereits erheblich belastet haben. Die Folge: Internationale Wettbewerbsfähigkeit ist stark eingeschränkt, und von echtem Freihandel sind die Europäer weiterhin so weit entfernt wie eh und je.

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