Wer die EU kritisiert, landet im rechten Eck, wer sie preist, gilt als Feind der Demokratie – so wird Europa zum Dogma. Während Brüssel Wohlstand verspielt und sich zum Superstaat aufschwingt, rückt die Meinungsfreiheit unter Kuratel. Zeit, die EU vom Kopf auf die Beine zu stellen.
Wer die Europäische Union kritisiert, gilt schnell als rechts, wenn nicht gar als rechtspopulistisch und als rechtsnational sowieso. Wer die EU als historischen Glücksfall verteidigt, muss sich anhören, den Feinden der Demokratie zu applaudieren, weil Demokratie doch nur in Nationalstaaten existieren könne. So kommt es, dass über die EU nur noch geurteilt wird. Man ist dagegen, dafür zu sein – oder dafür, dagegen zu sein. Die EU versteinert zum Dogma. Wenn über die EU nicht permanent gestritten wird, bleiben die dringend nötigen Reformen aus.
I.
An der EU scheiden sich die Geister. Für die einen ist die realexistierende EU der Inbegriff kleinteiligen Paragraphenwahnsinns eines übergriffigen Monsterstaats, der die Meinungsfreiheit bedroht. Für die anderen ist die EU der alternativlose Schutz gegen eine Welt, die Xi, Putin und Trump unter sich aufteilen. 72 Prozent der Weltbevölkerung werden inzwischen von autoritären Regimen geführt. Die Demokratie als System verliert Vertrauen. Das ist immer dann und dort der Fall, wo demokratische Politik den Wohlstand der Völker gefährdet. Auch die EU, Motor des Wohlstands nach dem Krieg, behindert mittlerweile die Wirtschaft. Sie geriert sich als Sitz der Weltmoral, zerschlägt aber – etwa durch den Green Deal – das eigene Fundament. Wenn die EU wieder prosperieren will, muss sie aufhören, die eigenen Mittelschichten zu destabilisieren. Die EU kann nur so stark sein wie die Zustimmung ihrer leistungsfähigen und leistungsbereiten Bürger.
II.
Das Verhängnis besteht darin, dass die EU derzeit als Wohlstandsmaschine versagt. Sie wurde pervertiert zur Umverteilungsbürokratie unter der Fuchtel einer anmaßenden Funktionärskaste. Deutschland spielt dabei eine besonders unselige Rolle. Nirgends werden Brüsseler Richtlinien radikaler umgesetzt und deren Einhaltung rigoroser exekutiert. Besonders forsch hat Berlin auf die strengsten Klimaziele gedrungen und die blödeste Energiepolitik vollzogen. Ganz abgesehen davon, dass alles, was EU-skeptisch stimmt, durch eine Deutsche an ihrer administrativen Spitze verkörpert wird. Ursula von der Leyen setzt die unselige Herrschaft Angela Merkel über Deutschland in Brüssel fort. Glaubt denn jemand ernsthaft, ohne EU würde in Berlin bürgerfreundlicher entschieden? Es ist schon so: Deutschland geht es gut, wenn es der EU gut geht – und umgekehrt. Heillose Utopisten sehen in einer maßlos aufgeblähten, bald auch noch um die Ukraine erweiterten EU das Heil. In Wahrheit sind Erweiterung und Vertiefung nicht miteinander vereinbar. Heillose Dystopiker freuen sich darauf, dass das schief gehen wird. Beide aber brauchen die EU, ob als Hoffnungsträger oder als Feindbild.
III.
Der entscheidende Errungenschaft, die Europa auszeichnet, und als deren Gralshüter sich die EU bewähren sollte, ist das von der Antike über Christentum und Renaissance bis zur Aufklärung befreite Individuum als Maß aller Dinge. Es ist der Kern von Freiheit und Fortschritt. Damit aber wird die EU heute nicht mehr identifiziert. Sie müsste die Meinungsfreiheit der Individuen schützen. Statt dessen wird sie selbst zum reglementierenden und bevormundenden Superstaat. Das Misstrauen der Brüsseler Bürokratie gegen die Freiheit des Individuums ist der Kern der Krise. Es verstößt gegen den wahren Geist Europas. Die EU müsst also wieder vom Kopf auf die Beine gestellt werden. Statt einen falschen Kampf gegen US-Konzerne zu führen und dabei Zensur zu üben, müsste sich die EU zu radikaler Liberalisierung durchringen. Gar nichts mehr sollte verboten sein, außer Zensur. Auch undemokratische, dumme Gedanken oder Lügen müssen erlaubt sein. Es dürfte nur noch eine einzige Grenze geben: Da, wo Gewalt gefordert oder verherrlicht wird, endet die Freiheit. Unvernunft lässt sich nicht verbieten. Denn es gibt nichts Unvernünftigeres als den Irrglauben, man könne die Bevölkerung erziehen oder vor Verblödung schützen.
IV.
One man, one vote: Der Grundsatz jeder Demokratie kann in der EU nicht realisiert werden, solange es ein Staatenbündnis bleibt. Der Kern des Dilemmas liegt in diesem Widerspruch: Die alten Demokratien müssten sich selbst abschaffen, um eine neue, große Demokratie zu schaffen. Die fälschlich unter der Flagge der Aufklärung segelnden Grünen und Linken verweigern jede Reform der EU. Sie könnten demnächst ihre Dominanz an die Rechte verlieren. Von Nationalisten nicht nur Disruption, sondern nachhaltige Reformen in Brüssel zu erwarten, ist jedoch eine Illusion. Die Freude darüber wird nur kurze Zeit währen. Denn auch die Rechte kann sich nicht vom Kollektivismus lösen, und auch nicht eine Weltordnung ignorieren, in der Europa gemeinsam prosperiert – oder untergeht. Wenn die EU unterginge, müsste man sie neu gründen. Gerade deshalb darf sie kein Dogma sein.


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PS: Schade, dass Herles Beiträge hier immer so schnell aus der Timeline gekickt werden. TE hat seinen Charakter in den letzten zwei Jahren grundlegend gewandelt. Wolfgang Herles passt da nicht mehr rein. Er sollte ganz zu NIUS wechseln, anstatt einmal in der Woche um 7 Uhr morgens bei NIUS Live den zornigen Bayern in Berlin zu geben. Da kann er mehr.
Wolfgang Herles hat sein Verständnis von der EU, die heutigen EU-Eliten das ihrige. Wer hat die Urheberschaft, das größere Recht? Ein paneuopäisches Bündnis von demographisch verfallenden Wohlstandsnationen wird immer da enden, wo die EU heute ist. Ein solches Bündnis funktioniert nicht. Wenn das aber stimmt – dann darf es gar keins geben. Ob die Gegenthese dazu zwangsläufig der Juli 1914 sein muss, wie immer still oder offen insinuiert ist, würde ich glatt bezweifeln.
Die Deutschen sind die einzigen die meinen, dass sie von „Freunden“ umgeben sind. Alle anderen sehen in den Deutschen nur dumme Trottel die es zu melken gilt.
Die EU ist nicht einfach gescheitert.
Sie wurde m.E. gekapert von der angloamerikanischen Hochfinanz.
Highlights wie z.B. von der Leyens Pharmadeals, die Deindustrialisierungspolitik oder die ganze Klima-Corona-Migrationsagenda (die ihre Entsprechung in den DEI-Policys der Banken hat) sind hier eindeutige Indizien.
Deshalb verhält sich die EU nicht nur wie eine böswillige Besatzungsmacht, ist m.E. genau das.
Fremdherrschaft kann man nicht reformieren, man muss sie abschütteln.
Ich habe im Englischunterricht in den späten 1950ern die Churchill-Rede in Zürich 1946 zu verstehen gelernt, und ich habe das europäische Einigungsprojekt seit den Römischen Verträgen von 1957 mit steigendem, aber staatsrechtlich beschränktem Verständnis wahrgenommen. Das Projekt ist in den Jahrzehnten von ca. 1970-2000 ist von den Architekten und operativen Handwerkern, einschließlich deren technischen Zeichnern in den staatsfinanzierten Thinktanks, zur staatsrechtlichen Fehlkonstruktion gemacht worden. Dadurch konnten die Parteioligarchien das Monster ausbauen wie es ist. Professor Hans-Werner Sinn hat kürzlich in einem Referat beim Wirtschaftsbeirat Bayern ein Denkmodell für eine europäische Verteidigungsgemeinschaft mit demokratischer Kontrolle vorgestellt, das nicht von Medien aufgenommen… Mehr
Einfach:
Rückkehr zur alten EG und einem föderalen souveränen Staatenbund mit deren eigener Gesetzgebung ohne Parteien-/Lobbyisten-Beteiligung und direkte Vertretung durch gewählte Politiker der Bundesstaaten.
> Denn auch die Rechte kann sich nicht vom Kollektivismus lösen, und auch nicht eine Weltordnung ignorieren, in der Europa gemeinsam prosperiert – oder untergeht.
Zum vermeintlichen „Prosperieren“ sollte der Autor mal TE lesen: https://www.tichyseinblick.de/wirtschaft/eu-industrie-rutscht-trotz-subventionsflut-in-rezession/
> Für die anderen ist die EU der alternativlose Schutz gegen eine Welt, die Xi, Putin und Trump unter sich aufteilen.
In Russland (und China) steigt der Lebensstandard, hier sinkt er. Mittlerweile darf man auch hier weniger maulen als in Russland. Wovor genau werde ich „beschützt“?
Mhh, in Russland steigt der Lebensstandard? Das muß dann aber schon länger her sein. Denn wie zu hören und lesen ist, herrscht in Russland z.Zt. steigende Arbeitslosigkeit und Arbeits-/Auftragsmangel (außer natürl in der Kriegswirtschaft), die Steuer wurde von 20 auf 22% erhöht, russ. Soldaten bekommen ihr Lohn nicht, usw.
Nein, Russland gehts bestimmt nicht gut -außer natürlich Putin und den Oligarchen, sie leben prima.
In Russland weiß man dann aber wenigstens, warum es schlecht läuft. In „Europa“ schafft man das ganz ohne eigenen Krieg.
Eines Tages werden sie in Brüssel und Berlin Herrn Herlesens Worte vernehmen und sagen: „Oh, er hat ja so Recht! Warum nur haben wir das nicht erkannt? Lasst uns tun, was er empfiehlt!“ und dann wird alles gut! 🤗
Die EU wird von vielen als ewig gängelndes penetrantes Bürokratenmonster wahrgenommen und dieser Eindruck ist nicht falsch. Ohne einschneidende Reformen und erheblich seriöseres Personal ist die EU nur noch ein sterbender Riese, der im Todeskampf bis zu seinem endgültigen Untergang noch einmal wild um sich schlägt.
Das Schicksal jeder Demokratie ist es als Diktatur zu enden. Jede Partei beginnt als aufmüpfiger Chaotenhaufen. Leute mit Meinung haben in dem Moment noch die Möglichkeit was zu werden. Je mehr sich die Parteiorganisation verfestigt, desto mehr wird bei Funktionären wert darauf gelegt, daß sie die Meinung der Parteiführung vertreten, also jede Wende ohne Fragen zu stellen, mitmachen. Die Ära der Mitläufer und Schleimscheißer mit gekochtem-Makkaroni-Rückgrat. Ist der Wähler mit diesem Parteienangebot nicht mehr zufrieden, steigt die Propaganda, der Meinungsspielraum für Funktionäre und ihren Presseklatschhasen wird immer enger,der Druck auf und durch die Transmissionsriemen immer stärker. Die Meinungsfreiheit wird zum… Mehr