Ziemlich bester Präsident

Joachim Gauck ist kein Mann der Wirtschaft. Aber er kann ihr etwas zurückgeben: eine Selbstvergewisserung ihres ethischen Fundaments.

Es ist die große Stunde der Textexegeten und Bedeutungsinterpreten. Jedes Wort des Joachim Gauck wird jetzt gewogen und bemerkenswerterweise von denen für zu leicht befunden, die ihn vor die Pforte des Amts getragen haben. SPD und Grüne zweifeln an ihm. Eher verwundert reiben sich Konservative und Liberale die Augen und bestaunen das Geschenk in Person eines Präsidenten, das ihnen die Opposition gemacht hat. Denn Joachim Gauck vertritt Werte wie Freiheit, Verantwortung, Selbstbestimmung und eine politische Unkorrektheit, die für etwas stehen, was uns verloren gegangen ist: ein ethisches Fundament auch der Marktwirtschaft. Wenn er sich “Liebhaber der Freiheit” nennt, meint er explizit wirtschaftliche Freiheit. Weil er weiß, dass es politische Freiheit nicht ohne wirtschaftliche Freiheit geben kann. So wendet er sich explizit gegen “Staatsdirigismus, der ein Primat der Politik über die Wirtschaft schafft” – denn Wirtschaft brauche Freiheit; die Politik solle lediglich den Ordnungsrahmen setzen.

Das steht im direkten Widerspruch zum rot-grünen Mainstream, der ja nur noch Märkte bekämpfen will, während sich der zukünftige Präsident gegen “eine Art strenger Zähmung” ausspricht. Das sind Worte einer selbstbewussten Ordnungspolitik, wie man sie lange nicht mehr gehört hat. Aber Gaucks Gedankenwelt ist nicht getrieben aus einer besonderen Kenntnis der Wirtschaft. Er ist geprägt von der Erfahrung der politischen Unfreiheit, deren Konsequenz die wirtschaftliche Bevormundung ist. So nennt er die Bewohner der DDR rückschauend nicht Bürger oder nicht einmal Einwohner. Denn die Bewohner eines Hauses könnten es ja auf- und zuschließen, sie könnten hinein- und hinausgehen. Gauck hat dafür das Wort „Insassen“ gefunden, und so weit weg ist er gar nicht vom Hasenstall-Insassen des bevormundenden Sozialstaats: “festgehalten und eingeschlossen wie die Insassen eines Pflegeheims, einer Krankenanstalt, einer geschlossenen Station, eines Gefängnisses”. Gauck setzt dagegen auf Verantwortung auch und gerade für das eigene Leben. “Die Leute müssen aus der Hängematte der Glückerwartung aufstehen. Sie dürfen nicht erwarten, dass andere für sie agieren.” Gerechtigkeit ist der Freiheit nachgelagert – das sind Sätze, die dröhnen der SPD in den Ohren.

Nun wäre es aber falsch, in Gauck einen Apologeten eines Raubtierkapitalismus zu sehen, wie es die Linke und viele Grüne gerade versuchen. Gauck legt ein ethisches Fundament, auf dem zwar die Marktwirtschaft operiert – aber nie Selbstzweck werden kann. Nichts läge ihm ferner als die hemmungslose Bereicherung des Einzelnen, die Gier und das “Enrichissez-vous”. Er nennt die “Freiheit der Erwachsenen Verantwortung”, denn Gott habe den Menschen “zu seinem Bilde mit der wunderbaren Fähigkeit erschaffen, Verantwortung zu übernehmen”. Damit ist wirtschaftliche Freiheit nicht nur instrumentell dazu da, Wohlstand zu produzieren, sondern mehr noch: Freiheit zu verwirklichen und Verantwortung für Gemeinschaft und Gesellschaft zu übernehmen. Wann haben wir dies zum letzten Mal gehört? Es klingt wie Ludwig Erhard pur nach dem derzeit populären vulgären Antikapitalismus und Bevormundungs-Sozialismus.

Nun hoffen Gaucks zu Kritikern gewendete Förderer, er werde sich schon anpassen, geschmeidig sein. Sie werden sich täuschen. Gauck hat die DDR aufrecht mit einer Eigenschaft überlebt, die selten geworden ist: mit Mut und Sturheit, die zum Starrsinn werden kann; nur so konnte man der Drangsalierung und Isolierung begegnen, dem Markenzeichen der DDR. Man sollte nachlesen, wie er beschreibt, dass die westdeutschen Ellbogenmenschen bevorzugt mit den ostdeutschen Ellbogenmenschen zusammenarbeiteten, gerade in der Wirtschaft. “Sie folgten den Aufträgen ihrer neuen Herren, wie sie denen ihrer alten gefolgt waren.”

Dieser Mann erkennt keinen irdischen Herrn an, auch keinen Parteivorsitzenden oder Meinungsvorschreiber.

(Erschienen auf Wiwo.de am 25.02.2012)

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