Es läuft verdammt gut

Der Bundespräsident lebt eine ungeheuerliche Neuerung vor: Optimismus. Sofort fragen Schwarzseher: Kann das gut gehen?

Erst hat das Ausland angefangen, uns Deutsche für die seltene Kombination aus Lockerheit, Lebenslust und Wirtschaftskraft zu bewundern. Und jetzt haben wir auch noch einen Präsidenten, der sich freut, gelegentlich ein recht männliches Tränchen der Rührung verdrückt und uns vorhält, dass es uns doch eigentlich gut geht, dass wir eigentlich stolz sein sollen. Das ist ungewohnt bis zur Ungehörigkeit. Aber er hat recht: Noch nie in der Geschichte dieses Landes ist es so vielen Menschen so gut gegangen. Man traut es sich ja kaum auszusprechen – die Verelendung der Massen findet auf höchstem denkbarem Konsumniveau vor dem Flachbildschirm statt. Die Hartz-IV-Gesetze haben keine soziale Katastrophe ausgelöst, sondern mündeten in ein Jobwunder – zugegeben zu oft noch geringen Löhnen. Aber der beschworene Verteilungskonflikt entzündet sich in Form von lästigen, aber gesitteten Streiks, bei denen die Beschäftigten 6,5 Prozent mehr Lohn verlangen. Auch diese Zeitschrift wird nicht müde, vor der unmittelbar bevorstehenden Plünderung durch die gierigen Bewohner südlicher Peripheriestaaten zu warnen und Kerzen sowie proteinreiche Notfallreserven als Vorsorge für den bevorstehenden Blackout unseres Energiesystems zu empfehlen.

Vermutlich unterschätzen auch wir die ungeheure Fähigkeit der Deutschen, in der Stunde des drohenden Stromausfalls und der Katastrophe zu organisatorisch-technischen Höchstleistungen aufzulaufen. Manchmal hat man das Gefühl, die Deutschen sehnen sich heimlich nach Katastrophen wie der zündelnde Feuerwehrmann nach einem Brand, nur um dem ewig gleichen ermüdenden Luxuszustand zu entkommen und mal zeigen zu können, wie ausgeklügelte Notfallpläne in die Tat umgesetzt werden: Es gibt einfach nichts Schöneres, als mit dem blank gewienerten Laster des Technischen Hilfswerks durch den Matsch einer Katastrophe zu donnern. Zum wahren Mann wird der Deutsche erst unter dem Schutzhelm, der selbstverständlich mindestens sieben Prüfsiegel tragen muss. Problematisch ist die Lage nur für junge Männer, bei denen altersbedingt der Testosteronspiegel ein latentes Grundbedürfnis nach Revolution auslöst: Es gibt einfach keine Mächte der Finsternis mehr, denen man sich heldenhaft entgegenwerfen kann.

Anton Schlecker, das Inbild des Ausbeuters, entpuppt sich mittlerweile als guter Patron, der älteren Frauen in Provinznestern einen Job besorgt hat, bis zum eigenen Vermögensverlust. Jetzt wünscht sich ihn sogar die Gewerkschaft zurück. Selbst die Atomindustrie hat klein beigegeben und macht auf Windrad. Der letzte Castor-Transport ist abgefahren, und es ist rührend, wie Claudia Roth von den Grünen versucht, den bürgerkriegsähnlichen Protest gegen das atomare Endlager wieder und wieder anzufachen: Man möchte ihr zurufen, dass einer halt den Müll runterbringen muss.

Natürlich gibt es trotzdem Dinge, die man perfektionieren kann. Aber man muss sich schon Probleme suchen wie unsere famose Sozialministerin Ursula von der Leyen: Es gibt zu wenige Frauen in den Dax-Vorständen? Also gut, machen wir uns auf den Weg, und schaffen wir rund 1000 Jobs mit einem Jahresgehalt von mindestens einer Million Euro – so schwer kann das doch nicht sein, oder? Trotz der vielen Schweinereien, die seit der Vertreibung aus dem Paradies unvermeidlich so geschehen sind, kann man aber nicht von Diskriminierung sprechen in einem Land, das von einer Kanzlerin, Ministerpräsidentinnen, Schwulen, Lesben, Muslimen und immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund regiert wird.

Es läuft also gut. Kein Grund zur Panik? Aber unbedingt. Denn es ist diese Angst, diese Panikmache, mit der wir Deutsche uns zu immer neuen Höchstleistungen anspornen. Wir brauchen Panik um ihrer selbst willen. Die lassen wir uns nicht verbieten, auch nicht von Joachim Gauck. Dafür jedenfalls gehe ICH auf die Straße.

(Erschienen auf Wiwo.de am 24.03.2012)

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