Digitaler Vollzug

Die US-Geheimdienste hören uns alle ab – vom Tellerwäscher bis zur Bundeskanzlerin? Zeit für sieben bittere Wahrheiten.

1. Nach dem Fall der Mauer und dem Abzug von fast zwei Millionen Soldaten der feindlichen Blöcke, die auf deutschem Boden ihre Waffen aufeinander gerichtet hielten, erschien den Deutschen die Welt als ein befriedeter Planet. Aber diese Welt ist weiterhin bevölkert von Nationen und Staaten, die einander belauern, misstrauen, bekämpfen, und das mit allen Mitteln, die ihnen gerade opportun erscheinen. Natürlich ist es gut, weiter für Frieden und Völkerverständigung einzutreten. Aber wir sollten nicht die Wachsamkeit vergessen, falls andere weniger friedliche Absichten hegen. Das Internet ist aus dem Arpanet der US-Militärs entstanden. Haben wir wirklich geglaubt, sie schenken uns diese großartige Maschine ganz ohne Hintergedanken?

2. Die USA kämpfen mit modernsten Mitteln der Informationsgewinnung – wie archaisch wirken da deutsche Länderfinanzminister, die CDs kaufen, auf denen die gestohlenen Kundeninformationen deutscher Steuerzahler gespeichert sind. Wer sich jetzt über illegale Informationsbeschaffung aufregt, sollte bedenken, dass Persönlichkeitsrechte oder Datenschutz auch hierzulande gebrochen werden, wenn es nur finanziell opportun erscheint. Deutschland fordert einen internationalen Datenabgleich. Aha. Da klingt manches wie die Klage des betrogenen Betrügers.

3. Die wohl faszinierendsten Werkzeuge der Menschheitsgeschichte stehen uns zur Verfügung – Google, Facebook, Skype, unendlich viele Apps. Wir haben uns daran gewöhnt, sie kostenlos zu benutzen. Die Regel des Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman schien in der digitalen Welt außer Kraft gesetzt zu sein: “There’s no such thing as a free lunch”, frei übersetzt: Irgendwer muss fürs Freibier zahlen. Für die vielen scheinbar kostenlosen Dienste zahlt auch jemand. Wir selbst. Unsere Daten sind die Währung, mit der wir unsere Rechnung bei Google begleichen.

4. Schutz ist möglich – aber er ist aufwendig. Eine Kostenlos-Mentalität ist entstanden, auch bei Unternehmen. Was früher sorgsam vom Werksschutz abgeschirmt wurde, wird heute als Datenwolke in die Welt gepustet, lesbar für jeden.

5. Wanzen sind die Waffe von gestern, der Datenschutz ist eine überholte Regulierung. Denn wir hinterlassen unendlich viele Spuren im Netz mit jedem Kauf, jeder Buchung, jedem Klick auf eine Seite, die unsere Interessen offenbart, mit jeder Inbetriebnahme unseres Computers. Wir sind digitale Nullen und Einsen im Netz, und die Algorithmen von Big Data setzen daraus ein Bild unserer Persönlichkeit zusammen, das mehr über uns verrät, als wir selbst wissen. Wir sind die körperlichen Vollzugsbeamten der Sehnsüchte, die wir im Netz virtuell über uns offenbaren und entfesseln. Die Rekonstruktion unseres Ichs geht erst los.

6. Der hierzulande so überschwänglich geliebte US-Präsident Barack Obama hat uns unseren Stellenwert verdeutlicht: Die alte anglophile Waffenbrüderschaft mit Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland besteht weiter. Die Deutschen sind nur geduldete und verdächtige Satrapen. Derzeit wieder wehleidig, mal überheblich und trotzig, immer selbstanklägerisch und oft wankelmütig, denn schließlich gibt es ja noch Onkel Putin, bei dem wir uns anlehnen zu können glauben. Aber nie sind wir ruhig, selbstbewusst und um eigene Stärke bemüht. Jetzt scheint selbst die Transatlantische Freihandelszone bedroht. Und SPD-Chef Sigmar Gabriel will gar Obama vor ein deutsches Amtsgericht zerren. Da wird der Angst kriegen.

7.Die Geschichte lehrt: Offene Gesellschaften, die Austausch und Streit fördern, sind am vitalsten. Dennoch brauchen wir ein realistisches Bild von der Welt und die Bereitschaft, sich den bösen Gegnern der Freiheit zu stellen.

(Erschienen auf Wiwo.de am 06.07.2013)

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