Die Anti-Aging-Wut

Es gibt Nachschubprobleme – das schmale Bändchen von Stéphane Hessel „Empört Euch!“ ist oft ausverkauft. Das Neue daran ist weniger, dass Hessel empörungswürdige Zustände kritisiert.

Der jugendlich wirkende 93-Jährige erhebt vielmehr die Wut, die Wucht der Empörung, zum politischen und mehr noch zum ganz persönlichen Programm einer individuellen Verjüngungskur: Wer widrige Umstände hinnimmt, wird leblos, weil er Würde und Energie verliert. Dass, wer sich nicht wehrt, verkehrt lebt, wissen wir aus Spontizeiten. Aber das war mehr was für jugendliche Hitzköpfe. Jetzt erfasst sie reifere Alter und eine immer älter werdende Gesellschaft. Tatsächlich, die Wut belebt, wie man auf jeder Demonstration sehen kann. Auch ältere, geruhsame Semester haben wieder glänzende und blinkende Augen, wenn sie ihren Ärger herausschreien. 

Wut hat ungeheure Wirkung. Ende der Achtzigerjahre hat die Wut über den fiesen Spitzelstaat in Berlin, Leipzig und Dresden die Menschen auf die Straße und die Mächtigen aus den Ämtern getrieben. Wut gibt Mut, das bewundert man an den Menschen in Sanaa, Tunis und Kairo. Wer allerdings auf dem Tahrir-Platz demonstriert, muss wegen staatlicher Killerbrigaden um Leben und Gesundheit fürchten. Das rücksichtsvolle Wegtragen von Sitzblockierern wie in Gorleben gehört nicht zur Rechtskultur Nordafrikas. Vor diesem Hintergrund wirkt die deutsche Wut eher wie die eines Kindes, auch wenn sie hierzulande sensationelle Erfolge erzielt hat. Der Baustopp für den Bahnhof in Stuttgart und ein schneller Atomausstieg zeigen, wie Wut Entscheidungen beschleunigen kann. Auch und gerade in einem Land wie Deutschland, in dem Plebiszite und Volksentscheide von einem tief gestaffelten System abgefedert und weggefiltert werden.

Und jetzt? Mit den Folgen des Wut-Schlamassels muss jetzt die grün-rote Koalition in Baden-Württemberg fertig werden. Die neuen Herren wissen ganz genau, dass Wut und Sicht auf den Bahnhof ganz unterschiedlich ausfallen können, je nachdem, ob man als Pendler in Ulm oder in den teuren Halbhöhenlagen von Stuttgart wohnt. Wer regiert, muss, anders als die bloßen Nein-Sager, ein konstruktives Programm formulieren und läuft anschließend Gefahr, in eine neue Wut-Front von Besitzstandswahrern zu laufen.

Die Berliner Koalition ist da schon weiter: Aus Angst vor dem Wutbürger hat sie in aller Eile beschlossen, das Verpressen von CO2 im Boden zu erlauben – dieses aber damit praktisch verhindert. Aus Angst vor den Wutbürgern, die schon nicht einsehen wollen, warum sie Hunderte von Milliarden nach Griechenland, Irland und Portugal bürgen sollen, wird über die Euro-Rettungsaktionen ein Schleier gezogen und nicht einmal das gesamte Parlament informiert. Geht es nach der Regierung, dürfen auch weiterhin nur kleine Ausschüsse die Zahlen diskret einsehen – gerade so, als ob es sich um eine geheimdienstliche Aktion handle. Dabei wäre doch eigentlich das Parlament die Bühne, auf der der Streit und die Wut auf zivilisierte Weise ausgetragen und Entscheidungen getroffen werden sollten. Selbst die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die wohl frömmsten und kreuzbravsten Lämmer, zucken deshalb neuerdings gelegentlich, als schlage nun auch bei ihnen das Wut-Gen durch.

Die Bundesregierung kommt auch bei ihrem Atom-Moratorium ins Schlingern. Nach dem grandiosen Wut-Aus folgen jetzt der Einstieg in schmutzige Kohleverstromung, Preissteigerungen für die Verbraucher und eine Gefährdung der Netzstabilität durch den Atomausstieg. Jetzt will beispielsweise Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht eine Kompensation dafür, dass der Strom von Nord nach Süd ihr thüringisches Ländchen durchquert – ganz in der Tradition des mittelalterlichen Straßen- und Brückenzolls. Denn: Am Ende kalkuliert der moderne Wutbürger eben doch ganz penibel sein persönliches Soll und Haben. Das kommt eben heraus, wenn angesichts der Wut den Regierenden der Mut fehlt, auf Konsequenzen hinzuweisen.

(Erschienen auf Wiwo.de am 21.04.2011)

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