Anwerbestop and -go

So schnell kann’s gehen: Während noch vor einem Jahr, ach was, einem Monat der wirtschaftliche Weltuntergang beschworen wurde, jammert jetzt die Industrie über Facharbeitermangel. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle denkt darüber nach, wie Deutschland für Zuwanderer attraktiver werden könnte. 

So etwas passiert, wenn sich ein Kurzfristtrend und eine langfristig angelegte Entwicklung überlagern: Derzeit beschleunigt der Exportboom der deutschen Industrie die Arbeitskräfteknappheit, die durch die langfristige Überalterung und Schrumpfung der Bevölkerung angelegt ist. Deswegen muss man jetzt nicht gleich in hektische Betriebsamkeit verfallen: So richtig traut ja auch keiner der augenblicklichen Superkonjunktur, und das ist der Grund, warum vor allem die Leiharbeit boomt – 35 Prozent der neuen Arbeitnehmer sind Zeitarbeiter. Nach wie vor haben wir 3,2 Millionen Arbeitslose, und unterhalb der gut abgesicherten und ordentlich entlohnten Stammbelegschaften hat sich in den vergangenen Jahren ein flexibler Arbeitsmarkt zu Billiglöhnen herausgebildet. Auch wenn sich die Lage für ältere Mitarbeiter bei der Stellensuche deutlich gebessert hat – die Rente mit 67 ist noch lange nicht Wirklichkeit, sondern erst ein Vorhaben. Ohnehin fehlen verlässliche Daten über die wahre Unterbeschäftigung in Deutschland, die auch die verdeckte Arbeitslosigkeit umfasst. Seit fast 40 Jahren war es ja das erklärte Ziel der Arbeitsmarktpolitik, das Arbeitskräfteangebot klein zu halten, Menschen durch Frühverrentung aus dem Arbeitsmarkt zu drängen, Zuzüge aus dem Ausland zu stoppen, Ausbildungszeiten künstlich zu verlängern und Arbeitszeiten möglichst zu verkürzen – schließlich, so das Credo der Arbeitsmarktpolitik, geht uns ja die Arbeit aus. Jetzt erleben wir die Umkehrung scheinbar unumstößlicher Gesetze: Jetzt geht uns nicht mehr die Arbeit aus, sondern Jahr für Jahr fallen 390 000 Arbeitskräfte weg. Das stellt viele Unternehmen und Personalchefs vor neue Herausforderungen – die WirtschaftsWoche reagiert darauf mit der Serie „Chefsache Demografie“, die in diesem Heft anläuft. In der Industrie müssen Arbeitsprozesse umstrukturiert werden, damit auch Ältere mit den körperlichen Belastungen umgehen können. Zukünftig werden beispielsweise deutsche Autofabriken mit Standorten in Tschechien oder Slowenien konkurrieren müssen, deren Belegschaften im Schnitt um zwei Jahrzehnte jünger sind.

Bei älteren Belegschaften nimmt nicht die Krankheitshäufigkeit zu – aber die -dauer. Eine Grippewelle wird da zum betriebswirtschaftlichen Fiasko. Auch die Forderung vom lebenslangen Lernen muss endlich mit Leben gefüllt werden – gerade bei Fort- und Weiterbildung liegt Deutschland europaweit nur im Mittelfeld. Wer aber das Lernen verlernt hat, lernt nie mehr etwas.

Bislang war das einfacher. Die Erneuerung der Wissensbasis erfolgte über den Drehtüreffekt am Arbeitsmarkt – jung rein, alt raus. Diese bequeme Drehtür klemmt. Wie aber mit älteren Semestern die Entwicklungssprünge in allen Disziplinen, von der Technologie über Finanzierung bis hin zum Marketing, bewältigt werden können – dafür fehlen vielfach die Instrumente.

Und noch eine deutsche Lebenslüge muss abgeräumt werden: Wir sind längst eine Einwanderungsgesellschaft geworden, und der Zuzug wird sich beschleunigen. Wie hat sich doch das Handwerk gegen die Konkurrenz aus Polen gewehrt – und wirbt jetzt jenseits der Oder aktiv um Azubis. Was uns fehlt, ist der Umgang mit dieser Wirklichkeit. Wir brauchen Integration und ein Punktesystem, das die Migration nach den Bedürfnissen Deutschlands organisiert. Ein hektischer Anwerbestop und dann wieder -go – das wäre falsch.

(Erschienen am 14.08.2010 auf Wiwo.de)

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