Habeck ausgebuht: Unternehmer wollen keine Phrasen mehr hören, Konzernchefs schon

Bei seinem Auftritt vor dem CDU-Wirtschaftsrat flogen dem grünen Wirtschaftsminister keine Herzen mehr entgegen. Das Publikum spendierte Habeck Häme und Buh-Rufe. Konsterniert muss er feststellen, wie stark der Wind sich gegen ihn gedreht hat.

picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
Robert Habeck wird beim jährlichen Wirtschaftstag des CDU-Wirtschaftsrates teils ausgebuht

Es gibt einen Punkt, da kann man Beschönigungen, Ausflüchte, die Verdrehungen der Wahrheit und das Gesundbeten kurz vor dem Exitus nicht mehr ertragen. So dürfte es vielen Mitgliedern des CDU-Wirtschaftsrates gestern beim Wirtschaftstag in Berlin ergangen sein. Die Präsidentin des Wirtschaftsrates Astrid Hamker erinnerte in ihrem Impuls daran, dass die Wirtschaft nicht deshalb erfolgreich sei, weil die „Behörden die Wirtschaft steuern oder die Beamten im Wirtschaftsministerium einen siebten Sinn für Innovationen“ besäßen, sondern es die Unternehmer seien, die „Risiken eingehen, Innovationen wagen und Verantwortung übernehmen“.

Mit diesen Worten traf sie das Herz Habeckscher Wirtschaftspolitik, die davon ausgeht, dass der starke Staat als Investor erster Ordnung die Richtung der Wirtschaft vorgibt, der alle Unternehmen, alle Ökonomen, alle Techniker, alle Wissenschaftler und Erfinder zu folgen hätten. Der Staat hat für Habeck das Primat über die Wirtschaft. „Ich könnte als Bundeswirtschaftsministerin nicht mehr ruhig schlafen“, meinte Hamker, denn die Lage in Deutschland sei „ernst, dramatisch und besorgniserregend“. Bisher, erinnerte Hamker, sei es nur einmal vorgekommen, dass Deutschland zweimal hintereinander in der Rezession gewesen sei. Damals habe Gerhard Schröder die Agenda 2010 durchgesetzt.

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Habecks Auftritt war so erwartbar, wie man in diesen Breitengraden um 24 Uhr erwarten darf, dass es dunkel ist. Und ähnlich dunkel war Habecks Vortrag, der sich weniger wie eine Rede für den Wirtschaftsrat der Union anhörte, als vielmehr wie der missglückte Versuch eines narzisstisch gekränkten Ministers, der Kritik des Chefs der Deutschen Börse, Theodor Weimer, den Boden zu entziehen. Dass Habeck seine Rede im Saal „Deutsche Börse“ hielt, darf man unter Ironie des Schicksals verbuchen. Weil er nichts Konkretes zu bieten hat, versuchte er den Philosophen zu geben, versuchte zwischen Irenik und Polemik zu unterscheiden und vermittelte dabei eine Ahnung, dass es mit ihm als Germanisten wohl auch nicht so besonders weit her gewesen war. Hübsch wurde es, als er tatsächlich versuchte, seine „irenische“ Politik als Formel für die Soziale Marktwirtschaft zu verkaufen. Aber wie notierte schon Lichtenberg: „Sie verkaufen alles bis aufs Hemd und noch weiter.“

Dabei lässt sich mühelos eine Liste mit Poltereien Habecks zusammenstellen über Andersdenkende und politische Gegner, die für ihn politische Feinde sind. Irenik ist da nicht zu finden, und eigentlich kann man so manchen Ausfall auch nicht mehr Polemik nennen. Habecks Auftritt auf dem Wirtschaftstag folgte seinem alten Muster: Wenn Robert Habeck in die profunde Kritik gerät, wie durch Weimers Rede, dann trumpft er am nächsten Tag mit rhetorischem Bombast auf und gibt sich als der größte Robert Habeck, der je in innerplanetarischen Grenzen, im globalen Süden, im globalen Norden, im globalen Osten und vor allem im globalen Westen gesehen wurde.

Der schwungvolle Beginn seiner Rede misslang jedoch, als er weder irenisch noch polemisch, sondern schlicht die Tatsachen entstellend behauptete: „Ich fände es gut, wenn die Debatte, darf ich so sagen, zwischen uns vielleicht mit mehr Fakten und weniger meinungsstark geführt wird. Meinungen dürfen sich natürlich bilden“ – eine wirklich großzügige Erlaubnis, die der Grünen-Politiker erteilt –, „aber manchmal fliegen einem ganz schön die Klischees um die Ohren.“ Ein vielstimmiges langgezogenes ‚OHHHHHHHH’ aus dem Saal, ein Laut gespielten Mitleids mit dem Armen und einige Buhs aus dem Publikum störten Habecks allzu selbstsichere Inszenierung.

Was darauf folgte, war Habecks Versuch der „Einordnung“. Das war dann so absehbar wie langweilig und natürlich an der Sache vorbei, denn die Sache heißt Deutschlands wirtschaftlicher Niedergang, Deutschlands Deindustrialisierung. Für das Desaster von Habecks grundfalscher Wirtschaftspolitik musste natürlich wieder Putin herhalten; die Union habe die AKWs abgeschaltet, was natürlich schon keine Nebelkerze, sondern eine ganze Nebelkerzen-Batterie ist, wenn man im gleichen Atemzug sich zum Atomausstieg bekennt und man dann wieder mit willkürlich und aus dem Zusammenhang gerissenen Daten darüber klagt, wie teuer die Kernenergie sei. Es ist einfach bigott in der Art von Molières Tartuffe, über die Kosten der Kernenergie zu halluzinieren, wenn man über die Kosten der erneuerbaren Energien schweigt oder sie falsch berechnet, indem wesentliche Kostenfaktoren aus der Rechnung herausgelassen werden, zum Beispiel die Kosten, Bau und Unterhalt der Back-up-Kraftwerke.

Natürlich versucht sich Robert Habeck wieder als Philosoph, denn von seinen eigenen philosophischen Leistungen scheint er tief beeindruckt zu sein, wenn er den Zusammenhang von Wohlstand und Freiheit zur Phrase dengelt, weil seiner Ansicht nach Wohlstand und Wirtschaftswachstum die Bedingungen für Freiheit und Demokratie wären. Man könnte mit Janis Joplin sarkastisch einwenden: „Freedom is just another word for nothing have to lose.“ Richtig ist aber, dass es auch Freiheit ohne Wohlstand gibt und Wohlstand ohne Freiheit, letzteres nennt man den goldenen Käfig. Wenn Robert Habeck „einordnet“, dass ein geschwächtes Deutschland anfällig für Radikalismus und für Populisten sei, stellt sich die Frage, weshalb Habeck Deutschland dann schwächt?

Werfen wir einen Blick auf die Fakten: „Die Produktion im Produzierenden Gewerbe zeigt noch keine nachhaltige Belebung. Im April stagnierte sie gegenüber dem Vormonat mit einem Rückgang um 0,1 % nahezu. Während die Bauproduktion im April erneut deutlich um 2,1 % zurückging … In den besonders energieintensiven Industriezweigen lag die Herstellung im April mit 0,9 % im Minus … Die Inflationsrate stieg im Mai leicht auf 2,4 % … Die Kernrate (ohne Energie und Nahrung) verharrte bei 3,0 %. Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im April im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,6 %.“

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Man fragt sich, weshalb Robert Habeck diese Zahlen nicht „einordnete“, stammen sie doch aus seinem eigenen Ministerium? Man könnte auch andere, weitere Zahlen, die der „Einordnung“ bedürfen, anführen. Im letzten Jahr befand sich Deutschland in einer Rezession, das Wirtschaftswachstum sank 2023 um 0,3 % im Vergleich zum Jahr 2022. Seit 2018 erlebt Deutschland einen Rückgang des Verarbeitenden Gewerbes um 9,2 %, während die Schweiz einen Anstieg um 19,7 %, Österreich um 7,3 % und die gesamte EU, obwohl Deutschland die Bilanz stark nach unten zieht, um immerhin noch um 3,6 % vorweisen kann. Im gleichen Zeitraum geht die Produktion in der Automobilindustrie um 14 % und in der Chemischen Industrie sogar um 20 % zurück.

Das alles war Habeck keine Einordnung wert. Stattdessen will er die Schuldenbremse „überprüfen“, das heißt aussetzen oder so reformieren, dass von ihr faktisch nichts mehr übrigbleibt. Finanzminister Lindner hat sich am Vortag gegen das Herumschrauben an der Schuldenbremse gestellt, aber gleichzeitig eingeräumt, dass in der Ampel – etwas hochgestochen formuliert – „zwei Denkschulen“ existierten, während Habecks Vorstellungen den amerikanischen Ideen folgt, höhere öffentliche Schulden zu machen, um viel Geld in die Kasse zu bekommen: „Und damit werden dann Subventionen ausgereicht für bestimmte Unternehmen, Technologien, Branchen“, würde das Lindner viel verhaltener sehen, Bedenken hegen. Doch darf man auf Lindners Position nicht allzu viel geben, denn der FDP-Politiker erklärte: „Entgegen anderslautender Gerüchte und Hoffnungen der CDU gehöre ich dem Kabinett sehr gerne an.“ Damit ist dann alles gesagt.

Und zum Zeichen, welche Interessen Robert Habeck vertritt, gab er zum Besten, dass der BDI ein neues Sondervermögen zur Modernisierung der Infrastruktur mit einem Volumen von 400 Milliarden Euro gefordert hat. Na, wenn es weiter nichts ist. 400 Milliarden Euro für die Infrastruktur als Sonderschulden. Das kann man Politik für die Konzerne, Politik gegen die mittelständische Wirtschaft nennen. Was Robert Habeck entgangen sein dürfte, ist, dass die Bürger dafür Steuern zahlen, dass der Staat seine Aufgaben erfüllt, beispielsweise in der Frage der Infrastruktur, dass er für Erhaltung und Erneuerung der Infrastruktur keine Schulden aufzunehmen hat, die im Grunde wie eine verborgene und gestreckte Steuererhöhung in den nächsten Jahren wirken, die dann allerdings andere vorzunehmen haben.

Der Staat hat hingegen das Steuergeld für die Straßen in Deutschland und nicht für die Fahrradwege in Peru, nicht für Scheinprojekte in China, sondern für Gesundheits- und Pflegeprojekte in Deutschland, für die Stabilisierung der Pflegeversicherung in Deutschland zu verwenden und nicht Tansania mit 87 Millionen bei der flächendeckenden Einführung einer Krankenversicherung für alle Bevölkerungsteile zu unterstützen. Übrigens auch nicht die in Milliarden gehenden „Geschenke“ der deutschen Außenministerin zu finanzieren. Wahrscheinlich wusste Lindner nicht, wie tief realistisch und wie weitgehend seine Einschätzung ist, als er sagte, dass man sich nicht damit trösten solle: „ach, das ist die Ampel. Wenn der Spuk vorbei ist, dann ist alles wieder gut“. Stimmt, dazu hat die Ampel bereits jetzt, in den letzten vier Jahren, einen allzu großen Schaden angerichtet. Habecks Werk und Lindners Beitrag.

Laut Süddeutscher Zeitung haben sich schon einige Dax-Chefs beeilt, sich von Theodor Weimer zu distanzieren. Wer sprach gleich nochmal vom süßen Gift der Subventionen? Man könnte auch spotten, die Herren wollen alle gerettet werden, wenn schon nicht ihre Konzerne, dann zumindest ihre Boni. Und bei diesem Thema dürften alle „irenisch“ werden. Übrigens lohnt es wieder, Süddeutsche zu lesen, man erfährt verlässlich, welches Bild die Grünen und allen voran Robert Habeck von sich in der Öffentlichkeit vermittelt haben möchte, denn auf Weimers Rede gab es „massenhaft Applaus von Rechtsaußen“. Kein Wunder, wenn dann Konzernchefs devot zu Protokoll geben: „Wir respektieren das Primat der Politik, die Entscheidungen fallen in Berlin.“ Das Primat der Politik über die Wirtschaft hatten wir übrigens zuletzt im Sozialismus, einige von uns erinnern sich noch daran.

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Kommentare ( 78 )

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Michael W.
1 Monat her

Zuerst waren alle für den grünen Mist. Jetzt ist der Subventions- und Geldregen für die Industrie aber nicht so gekommen wie erwartet, also ist sie jetzt angep!sst und gegen Habeck.

Peter W.
1 Monat her

Herr Habeck ist der Vertreter einer Generation, die die Welt retten wollen aber völlig unfähig sind ihre Pennäler Allüren abzulegen. Wer nie gelernt hat anderen Menschen zu dienen und aufrichtig Respekt entgegen zu bringen, bewegt nichts.

KlimaKrise
1 Monat her

Habeck, Esken, Lang, Baerbock alles nur noch ein peinliches Schmierentheater. Können nichts, ausser eine Billion Steuergelder verschwenden. Dazu fehlender Anstand, die Reißleine zu ziehen und mit der letzten Würde zurückzutreten.

Deutscher
1 Monat her

Wie unverfroren muß man sein, um als Dilettant sich vor Profis hinzustellen und denen ernsthaft etwas erzählen zu wollen?
Einfach nur widerlich! Was für ein durch und durch verkommenes Subjekt, ein Hochstapler und Größenwahnsinniger!

Danny Sofer
1 Monat her
Antworten an  Deutscher

Danke, Sie haben mein Unwohlsein perfekt in Worte gefasst.

what be must must be
1 Monat her

Herr Mai, Sie schreiben einen so schlüssigen und grammatikalisch sicheren Artikel; die Preise werden jedoch an Halbidioten für ihre Gefälligkeitsadressen vergeben.

what be must must be
1 Monat her

Ich würde vorschlagen, die o.a. 400Mrd€ schenken wir Frankreich, damit es wieder handlungsfähig wird. Wird ohnehin passieren. Bin mal gespannt, welch blumige Formulierungen für „Veruntreuung von Steuergeldern“ es dann geben wird. Der alte Klepper „Sondervermögen“ ist ja inzwischen totgeritten . . .

Peter Gramm
1 Monat her

dieser Märchenerzähler mit seinen ökonisch versierten Fachleuten im Hintergrund die alle auch schon sehr viel versucht haben im Leben und wenig bis nichts zustande gebracht haben verlieren an Glaubwürdigkeit. Endlich kann man da nur sagen. Lang, Nouripour, Roth, KGE, Bärbock…..eine Namensliste des ökonomischen Grauens in Verantwortung. Selbst in einem Wirtschaftskrimin könnte man sich eine derartige Besetzungsliste nicht ausdenken. So etwasw erlebt man nur im Politikbetrieb.

Reinhold
1 Monat her

Solange noch hochrangige Wirtschaftsexperten zu einer Veranstaltung erscheinen, auf der Habeck spricht, muss er sich ja in seiner Einfalt sehr wichtig vorkommen.
Frei nach dem Motto: Stellt euch vor es ist Krieg und keiner geht hin, müsste er mal vor einem leeren Saal stehen. Ich glaube, das würde sogar er dann verstehen.

alter weisser Mann
1 Monat her
Antworten an  Reinhold

Sind auch trotz der kaum hörbaren „Verhöhnung“ auch alle brav sitzengeblieben und alles blieb nett und freundlich.
Da ist es noch weit bis zur Habeck-Dämmerung.

Waehler 21
1 Monat her

Es klatschen nur die noch für die Ampel, die im warmen Regen der Subventionen stehen. Die anderen die das bezahlen sollen sehen das anders.

Löcher in die Wand schlagen und mit Geldscheinen bis zu nächsten Wahl zukleben= Ampel.
Hätten wir keine angefütterte Presse , wären wir vielleicht mit einem blauen Auge davongekommen.

elly
1 Monat her

Konzerne greifen hohe Subventionen ab. Sie brauchen nur Worte wie Klimaneutralität, Nachhaltigkeit, Diversität, Antirassisnus in Ihre Prospekte schreiben und Habecks NGOs freuen sich auf neue gut bezahlte Posten. Schon sprudeln die Subventionen.