Wird Merkel wieder einmal unterschätzt?

Dass Merkel nun schon 12 Jahre lang regiert ist vor allem Ausdruck der Tatsache, dass sie immer dramatisch unterschätzt wurde. Wird sie jetzt wieder unterschätzt?

© Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Die Geschichte der Angela Merkel ist die Geschichte ihrer Unterschätzung. Selbst ausgefuchste Machtpolitiker wie Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble haben sie unterschätzt. Kohl hätte nie geglaubt, dass „sein Mädchen“ in einer für ihn schwierigen Situation im Dezember 1999 skrupellos die Gelegenheit ergreift, um ihm nach der Parteispendenaffäre den letzten Stoß zu versetzen – und nur vier Monate später selbst die Macht in der Union zu erringen. Schäuble kam schließlich zu dem Schluss, der einzig mögliche Umgang mit Merkel, der ihm das eigene Überleben sichert, sei die vollständige Unterwerfung. Politische Talente wie Friedrich Merz haben Merkel ebenso unterschätzt wie die SPD und Guido Westerwelles FDP.

Überzeugungen stehen nicht im Weg

Merkel hat bislang jeden Koalitionspartner kleingemacht, weil jeder Partner sie unterschätzt hat. Merkels Waffe ist ihre scheinbare Harmlosigkeit. Die Unfähigkeit, sich gut ausdrücken zu können, das vollständige Fehlen von Charisma, die scheinbare Bescheidenheit und Selbstlosigkeit machen sie zu einem machiavellistischen Wolf im Schafspelz. Manche Menschen entwickeln sehr einseitige Talente. Zu ihren gehört die Machtpolitikern Merkel. Da sie keinerlei Ziele hat außer der Macht um der Macht willen, kann sie sich neuen Gegebenheiten leicht anpassen. Gerät sie in die Kritik, dann heuchelt sie Einsicht und macht einen Schritt zurück, aber nur, um unter veränderten Bedingungen wieder ihren alten Kurs fortzusetzen und ihren Kritikern entgegenzuwerfen, sie habe alles richtig gemacht.

Es stehen ihr keinerlei Überzeugungen im Wege. Wenn sie nicht wüsste, dass ihr dies die eigene Partei nicht verziehe, dann wäre auch ein Bündnis mit Sarah Wagenknecht für Merkel keinerlei Problem. Ihre Grundüberzeugungen, wenn es so etwas überhaupt gibt, beschränken sich auf ein hohes Maß politischer Korrektheit, weil sie nach dem Ende der DDR gelernt hat, dass dies im Überlebenskampf in Westdeutschland ebenso wichtig ist wie es das Bekenntnis zum Marxismus-Leninismus in der DDR war. Jenseits dessen gibt es aber keinerlei Überzeugungen, die der Machtpolitikern Merkel im Wege stünden.

Gefahr für CSU und FDP

Merkel gibt sich emotionslos. In Wahrheit ist sie hoch emotional, was in jeder größeren Krise sichtbar wurde. Eine Emotion Merkels ist die ausgeprägte Rachsucht. Merkel vergisst nichts. Nie. Wer glaubt, dass sie die Demütigung durch Horst Seehofer auf dem CSU-Parteitag vergessen hat, der hat einfach schlechte Menschenkenntnis. Es wäre Merkel mit Sicherheit eine große Genugtuung, die CSU in einer erneuten Koalition zu zerstören – womit ich ein Wahlergebnis von 30 Prozent bei den Landtagswahlen in Bayern im kommenden Jahr meine. Und natürlich hätte sie auch keinerlei Skrupel, die FDP zu vernichten. Dank der Naivität der FDP im Jahre 2009, die es Merkel ermöglichte, Guido Westerwelle über den Tisch zu ziehen, wurde die FDP schon einmal fast vernichtet. Vor vier Jahren wettete kaum ein Beobachter auf ihr Überleben. Ich denke, Christian Lindner, der gegen jede Wahrscheinlichkeit die FDP wieder groß gemacht hat, hat diese Lehre verstanden.

Die Verantwortung bleibt
Maas ade
Falls Seehofer (oder Söder) und Lindner sich jedoch selbst überschätzen sollten und glauben, sie seien Merkel diesmal gewachsen, dann werden sie diese Unterschätzung so bezahlen wie bislang alle anderen Gegner von Merkel. Die FDP hat ihre zweite Chance bekommen. Aber nach wie vor trauen ihr viele Menschen nicht und sie steht unter dem Generalverdacht des prinzipienlosen Opportunismus. Dieser Verdacht kann nicht durch Worte, sondern nur durch Taten ausgeräumt werden, also dadurch, dass sie ihre Positionen zum Thema EU-Transfers, Immigrationspolitik, Wirtschafts- und Steuerpolitik konsequent vertritt. Das würde jedoch mit Sicherheit zum Scheitern der Koalitionsgespräche führen. Die CSU hat bei der Bundestagswahl die gelbe Karte gesehen. Wenn sie – so wie vor den Wahlen – wieder Anpasserei an Merkel betreibt, statt in der Immigrationspolitik konsequent ihren Standpunkt zu vertreten, dann wird sie das nächste Opfer von Merkels Machiavellismus.

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Kommentare ( 20 )

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Danke für Ihren interessanten Zusatz!

Unfug. Gott spricht nicht mit Frauen!
Alloha Snackbar!

Einfach nur treffend. Wir müssen es positiv betrachten: solch ein Verhalten muss man erst mal erkennen. Ich kann mich noch erinnern, wie alle vor Jahren über Merkels Entscheidungen rätselten. Die beste Tarnung dabei ist ihre vermeintliche Bescheidenheit. Ich schätze diese Frau als eiskalt berechnend ein. Und schön, dass langsam das Land dahinterkommt.

Das ist doch immer wieder die Ironie der Geschichte.
Intrigen, Tod, Blut, Schweiß und Tränen, eines Tages alles für die Katz.

Der hierfür von mir immer gern zitierte Oswald Spengler, „Nur einer ist ewig, der Bauer (Fellache)“.

Einzig seiner aufopferungsvollen Arbeit, der Erhaltung dessen was uns erhält, der Erde, des Bodens und der daraus resultierenden Nahrung ist es zu verdanken, das wir existieren.

Zur Frage, warum Merkel noch an der Macht ist, folgende Erklärungen: Sie nutzt die Fähigkeiten, die jede Frau hat, die jedoch seltsamerweise nie so richtig in der Tiefe erforscht oder besprochen wurden – im Gegensatz zur „Machtgier“ des Patriarchats. Männer herrschen, Frauen frauschen ganz anders. Bei Männern wird sportlich um Positionen gerangelt. Man haut sich vielleicht verbal oder sogar mit Fäusten eine rein, geht aber dann danach ein Bier trinken. Zumindest vordergründig ist alles gut und man betrachtet das alles grundsätzlich als Geschäft und schafft es meistens, Abstand zu halten. Bei Frauen ist das anders. Tief innen sitzt der Instinkt,… Mehr

Es ist naiv, an Veränderungen durch solche Personen zu glauben.

Im Umgang mit Merkel gilt der alte Spruch von Wilhelm Busch: „Greif niemals in ein Wespennest, doch wenn du greifst, dann greife FEST!“ Wer Merkel Paroli bieten will, der muss sie aus ihren Ämtern entfernen. Die CSU hat derzeit die Möglichkeit dazu und auch die Motivation. Denn eine Jamaika-Koalition werden die bayerischen Wähler in der LTW 2018 noch brutaler abstrafen als in der BTW 2017. Solch eine Koalition wird nur zustande kommen, wenn die CSU bzgl. der Migrationskrise erhebliche Zugeständnisse an die Grünen macht, was von Frau Merkel definitiv auchgefordert würde. Erste Anzeichen gibt es schon, wo jetzt Herr Seehofer… Mehr

„Wenn man alle Farben mischt (multikulti …), dann kommt dabei nicht „bunt“ heraus, sondern ein mittleres Grau.“

Braun kommt dabei heraus, Herr Martell, braun.

Das weiß ich noch vom Wasserglas im Malunterricht.

war doch klar

“ Nach weiteren vier Jahren wird Merkels Vermächtnis darin bestehen,
einen signifikanten Teil der Deutschen in die Arme von Rechtsradikalen
getrieben zu haben.“ ????