Sorge vor dem Tag X

Der Aufruf, sich Notvorräte zuzulegen, deutet Schwachstellen in der Lebensmittelversorgung an.

IMAGO / snapshot
Hamsterkäufe und Lieferengpässe in Berlin im März 2020

Noch vor wenigen Jahren galten „Prepper“ als eine Art Staatsfeinde. Ihr Drang, Lebensmittelvorräte zu lagern, wurde von staatlichen Vertretern als Akt des Aufruhrs betrachtet. Nun ruft der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) selbst dazu auf, Vorräte anzulegen. Damit offenbaren er und andere Politiker, wie dünn das Eis an manchen Stellen geworden ist.

Zu den ersten öffentlichen Feindbildern in der Pandemie gehörten im März 2020 die Menschen, die sich Vorräte anlegten. Vor allem, wenn Toilettenpapier darunter war. Die Hamsterkäufe seien unsozial, hieß es seinerzeit. Andere kämen so gar nicht oder schwerer an Produkte des täglichen Bedarfs. Und tatsächlich gab es bei bestimmten Produkten vereinzelte, vorübergehende Lieferengpässe.

Vorräte zu sammeln, gilt grundsätzlich als ängstlich und spießbürgerlich. Manchen stört aber auch das Misstrauen in die Leistungsfähigkeit des Staates in der Krise, die das Horten von Lebensmitteln durchscheinen lässt. 2018 widmete die FAZ der Prepper-Szene ein ausführliches Stück, in dem sie die Gefährlichkeit der Prepper betonte: „Prepper sehen sich selbst als Überlebende: von Bürgerkrieg, Hungersnot und Seuchen und heute von Finanzmarktkrisen, Terroranschlägen, manche sagen, auch von Angela Merkels Wiederwahl. Ganz besonders fürchten sie den Tag X.“

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Nun könnte der Tag X näher gerückt sein. Denn Anfang der Woche warnte Reul: „Katastrophen können auch jeden Tag hier bei uns stattfinden.“ Deswegen empfahl der Innenminister den Bürgern, Notvorräte anzulegen: Wasser, andere Lebensmittel, Kerzen, eine Taschenlampe, eine Hausapotheke, ein batteriebetriebenes Radio oder eine geladene Powerbank fürs Handy seien nie verkehrt, sagte Reul.

Reul bemühte sich um einen sachlichen Ton, der nicht dazu beiträgt, Panik zu schüren. Das gelang Stefan Sternberg (SPD) Anfang der Woche in den Tagesthemen nicht. Der Landrat im Kreis Ludwigslust-Parchim sprach mit gehetzter Stimme von „bitterem Ernst“ und dass wir ganz schnell umsteuern müssten. Sonst drohe eine „riesige Belastungsprobe“, in der auch die Versorgung mit Lebensmitteln in Frage stehen könnte – und das alles mit der Stimme eines Mannes, der im Supermarkt gerade die Schlacht um den letzten Achterpack Toilettenpapier gewonnen hat.

Jetzt ist Sternberg nicht irgendein Kommunalpolitiker. Er sitzt in dem Expertenrat, der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im Umgang mit der Pandemie berät. Wenn so jemand zur besten Sendezeit vom möglichen Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung spricht, könnte das Panikreaktionen auslösen – oder zumindest zu Hamsterkäufen führen, wie es sie zu Beginn der Pandemie gegeben hat.

Kommunen versorgen sich mit Notstromaggregaten

Doch die Panik bleibt aus, berichten lokale Tageszeitungen. Zwar klaffe hin und wieder mal eine Lücke im Regal, doch die Situation sei lange nicht so schlimm wie im Frühjahr 2020. Zumal momentan ohnehin ein starker Kundenandrang normal sei – wegen der Festtage. Auch wichen viele Kunden den Corona-Regeln im Einzelhandel aus und versorgten sich in Supermärkten oder über das Internet.

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Die Leute bleiben also ruhig. Vorerst. Denn Sternberg hat seinen bemerkenswerten Auftritt in den Tagesthemen damit verbunden, für härtere Maßnahmen in der Pandemie-Bekämpfung zu werben. Mag sein, dass nach fast zwei Jahren Daueralarm die Erregbarkeit der breiten Masse ein wenig abgenommen hat. Denn die Szenarien, die Reul und Sternberg beschreiben, sind tatsächlich alles andere als irrational.

Die Industrie zumindest hat die Situation erkannt. Hier gibt es Notkäufe, wie der Bayerische Rundfunk berichtet. So habe etwa der Verband der Elektroindustrie darauf aufmerksam gemacht, dass „zahlreiche Unternehmen“ mehr bestellten als nötig. Sie fürchteten, die Ware im nächsten Jahr nicht mehr zu erhalten. Und auch das europäische Stromnetz ist durchaus fragil, wie der Physiker Antonio Maria Turiel im Interview mit TE erst jüngst sagte.

Die Kommunen reagieren, versorgen sich mit Notstromaggregaten, wie etwa die RNZ über Sinsheim oder der Schwarzwälder Bote über Schonach berichten. Doch auch auf dem privaten Markt seien die Aggregate gefragt: „Das zieht sich über alle Bereiche, von Geräten für öffentliche Institutionen und Unternehmen bis zum privaten Bereich“, sagte Christian Weiss, Produktmanager für Stromerzeuger bei der Elmag, vergangene Woche in den Oberösterreichichen Nachrichten. Im Oktober und November habe sein Unternehmen so viele Notstromaggregate verkauft wie sonst in einem ganzen Jahr.

Vielleicht könnte das Feindbild des März 2020, der Toilettenpapier-Horter, zuletzt am besten lachen. Wenn seine Notvorräte im Katastrophenfall plötzlich gefragt sind. Sollte allerdings das Stromnetz weitflächig ausfallen – und sei es nur für einige Tage -, dann hätten die Menschen vermutlich auch wieder andere Sorgen als einen sauberen Hintern.

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Kommentare ( 139 )

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139 Comments
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alter weisser Mann
7 Monate her

Ich find, selbst hier, viele Kommentare zu Artikeln dieses Themas sehr kennzeichnend. Da wird eingewendet, zu Bedenken gegeben, schräg gerechnet, dass es kracht. Als könne es schaden, dass man vorsorgt, als sei es hinderlich bei Vorsorgen, dass man nicht alles regeln könne … usw. usf.. Kennzeichnend für Menschen, die trotz aller angeblicher Klugheit und selbständigen Denkens beim allfälligen Problemen gleichzeitig auf den Staat schimpfen und nach ihm rufen werden. Wacht mal auf Leute, rollierende Vorräte aller Art für 3 Wochen sind IMMER besser als der übliche Maximalbestand für 3 Tage (aka langes Wochenende), den noch nicht mal alle haben! Wer… Mehr

egal1966
7 Monate her

Schon sehr eigenartig:

Auf der einen Seite „sorgt“ sich Vater Staat in Bezug auf Corona so sehr, daß auch eine Impfpflicht und Impfzwang schon nahezu beschlossen wurde, auf der anderen Seite wird auf „Eigenverantwortung“ der Bürger in Fall eines Blackouts und andere Katastrophen gesetzt.

Scheinbar ist „das Leben jedes Einzelnen“ wohl doch nicht ganz so wichtig, denn ansonsten hätte man dieser lebensbedrohlichen Energiewende schon längst den Stecker gezogen.

So oder so, man sollte sich niemals auf den Staat verlassen, insbesondere unter der heutigen Regierung, denn ansonsten ist man schneller „verlassen“, als man „Corona“ sagen kann…

Last edited 7 Monate her by egal1966
Renz
7 Monate her
Antworten an  egal1966

Ohne Strom – keine Wärme. Spazierengehen hilft; vor allem wenn es kalt ist. Einfach mal zum netten rot-grünen Abgeordneten gehen. Mal bei einem Spaziergang nachschauen ob er auch friert. Ach ja und da gibt es ja noch die Migrationsunterkünfte. Die werden bestimmt autonom beheizt.

Sonny
7 Monate her

Der Frosch saß mal im kalten Wasser. Mittlerweile hat die Wassertemperatur so um die 80°C erreicht. Da das Wasser aber stetig erhitzt wurde, hat er sich Stück für Stück angepaßt und hält still. Die Wassertemperatur steigt aber weiter und trotzdem hofft der Frosch, dass es jetzt mal stoppen wird. Geht ja noch. Das er übermorgen tot sein wird, weil kein Frosch kochendes Wasser verträgt, verdrängt er. Wer immer noch glaubt, dass es in diesem Land schon nicht so schlimm werden wird, dem ist nicht zu helfen. Es ist nämlich schon überaus schlimm. Neben Lebensmittel- und Wasservorräten empfehle ich auch, dass… Mehr

pcn
7 Monate her

So weit sind wir also schon gekommen, dass das linksgrün-extreme Regime eine Warnung vor einem Blackout herausgibt – ohne mit der Wimper zu zucken, als ob so eine technisches Desaster im 21. Jahrhundert der Hochtechnologie keinesfalls zu verhindern wäre. Man opfert bewusst Menschenleben, die so ein Blackout mit größter Wahrscheinlichkeit fordern würde, damit diese linksfaschistoide Ideologie einer „Weltrettung“ durchgesetzt werden kann. Noch haben wir nur wegen der Unrechtsmaßnahmen Impfzwang (nichts anderes ist die Impflicht) Demonstrationen, die man durch polizeistaatliche Maßnahmen a la DDR in den Griff zu bekommen gedenkt. Wenn es aber zu einem Blackout kommt, haben es die despotischen… Mehr

Anti-Merkel
7 Monate her

Ich habe mir selbst zu Weihnachten ein Wohnmobil geschenkt – verbindet das Schöne (Urlaub trotz 2G in Hotels) mit dem Nützlichen (beheizbare, vom Stromnetz unabhängige und über die Grenze transportierbare Wohnung für den Ernstfall).

Old-Man
7 Monate her
Antworten an  Anti-Merkel

Glückwunsch dazu!!.

Wuehlmaus
7 Monate her

Im Winter ist mein Auto immer mindestens zur Hälfte getankt. Wer weiß, wie lang der Lockdown dauert. Und man sollte immer das Krankenhaus erreichen können.

egal1966
7 Monate her
Antworten an  Wuehlmaus

Ja und was machen sie, wenn auch dort „das Licht aus“ ist?

Harry Charles
7 Monate her

VIELEN IST NOCH NICHT KLAR, was ein Blackout, sollte er auch nur einen einzigen Tag dauern, bedeuten würde. Hier mal ein paar wenige Detailüberlegungen: -die Heizungen würden ausfallen. Auch Ölheizungen sind stromabhängig, denn die Pumpen und Steuerungsgeräte des Brenners werden elektronisch gesteuert. Dabei würden viele vor allem ältere Menschen sterben. -Kühltruhen in Supermärkten würden abtauen, alles würde verderben. -man kann nicht mehr tanken, denn Zapfsäulen werden elektronisch gesteuert; natürlich kann man auch keine E-Autos mehr laden. -in vielen Krankenhäusern würde der Betrieb zusammenbrechen, denn nicht alle Notstromaggregate (in regelmäßigen Abständen muss der Diesel dafür erneuert werden, sonst funktioniert das Aggregat… Mehr

bfwied
7 Monate her
Antworten an  Harry Charles

Dass die Leute sich davon keinen Begriff, auch kein luftiges Bild zu machen in der Lage sind, habe ich gesehen, als an einem bekannten Ferienort, der nur über eine Straße und eine Bahn erreichbar ist, für mehrere Tage wegen eines Unwetters der Strom ausfiel – die gesamte Verkehrsanbindung natürlich auch. Nichts mehr mit gutem Frühstück, mit warmem Duschen, gutem Essen, statt dessen Knäckebrot und eine Tasse dünnem Kaffee, kein Lift …! Die Bratwurst von Straßenhändlern kostete am 3. Tag das Sechsfache – für den, der noch Geld hatte …! Touristen schlugen auf die Geldautomaten, als wären sie irre, was sie… Mehr

jens uwe
7 Monate her

Der Verzicht auf die Braunkohle ,geht einher mit dem Verzicht jeglicher nationaler Gedanken.
Die Braunkohle als strategischer Rohstoff ,wir geopfert ,im Interesse transatlantischer Profitgier.
Die sogenannten Erneuerbaren ,haben den leichten Nachgeschmack eines „Morgenthau“.

Anti-Merkel
7 Monate her
Antworten an  jens uwe

Und gleichzeitig wird die wichtigste Importalternative – Nordstream 2 – von den gleichen Agiteuren torpediert.

Old-Man
7 Monate her
Antworten an  Anti-Merkel

Ich habe gelesen, es sind Amerikanische Flüssiggastanker auf dem Weg zu uns, eventuell werden uns wieder die Amerikaner vor dem Zusammenbruch retten??.
Wer heute noch glaubt, die „Politiker“ wären von höherer Intelligenz wie der „Normalo“, der wird ein böses Erwachen erleben.
Die Hoffnung das der „Staat“ alles richten wird, dürfte sich schon bald in die Erkenntnis umwandeln: Richten ja, aber zu Grunde!!.

Boris G
7 Monate her

Fällt der Strom für einige Tage im klirrend kalten Winter aus, wird es auch für die meisten Prepper richtig ungemütlich, denn ohne Strom keine Zentralheizung, kein fließendes Wasser. Größere Wasservorräte in der Regentonne: Gefroren. Und wer einen Holzofen befeuert, wird viele, viele Gäste aufnehmen dürfen.

alter weisser Mann
7 Monate her
Antworten an  Boris G

Für die nicht-Prepper wird es erst recht ungemütlich, da kommen zum Frieren noch Hunger, Durst und andere Sachen mehr, die man weitgehend wegpreppen kann.
Aber schön auf die Prepper und deren Probleme zeigen, da fühlt man sich so herrlich überlegen obwohl man dieselben und mehr Probleme hat, gelle?

Sani58
7 Monate her

Es stellt sich immer mehr heraus, wir sind zu Viele, sind zu dicht besiedelt und es sind zu viele unprodukive Jobs – Arbeitsstellen kann man ja nicht sagen – die eigentlich völlig entbehrlich sind, vorhanden. Dazu kommen monatlich mehr als Tausend dazu, und die Kulturgruppe der Geburtenstarken nimmt entsprechend zu. Ist dieses Land, so wie es vor wenigen Jahren anerkannt in der Welt noch kannten, noch zu retten? Ich glaube nicht. Leider ist es hier auch nicht so warm wie in Arabien und Afrika, das wird nicht so lustig . Dann wird wohl vor Kälte und Frust gehüpft, und das… Mehr