In Berlin löst sich die Erinnerung an die tödlichen Grenzbefestigungen der DDR immer mehr auf. Den politisch Verantwortlichen ist die Aufklärung über das Unrechtsregime der SED weitgehend gleichgültig geworden. Ein Bericht über Trivialisierung und Umdeutung der Berliner Mauer in der deutschen Hauptstadt.
picture alliance / Volodymyr Sindieiev
Der Schock war den Mitgliedern des Berliner Abgeordnetenhauses anzusehen. In der Nacht hatten Sicherheitskräfte der DDR überall in der Stadt Stacheldraht über die Fahrbahnen gezogen und Betonpfähle ins Pflaster gerammt. Bewaffnete Einheiten standen drohend vor dem Brandenburger Tor. Auch der U- und S-Bahn-Verkehr war unterbrochen worden und sogar die Ausflugsschiffe auf der Spree mussten kurz vor dem Reichstag kehrtmachen. Noch am Abend des 13. August 1961, einem Sonntag, waren die Abgeordneten deshalb zu einer Sondersitzung zusammengekommen.
65 Jahre später ist von dem Schock des Mauerbaus in Berlin nichts mehr zu spüren. Das Abgeordnetenhaus ist zu keiner Sondersitzung zusammengetreten, um an die 140 Menschen zu erinnern, die an der innerstädtischen Grenze ums Leben kamen. In Bussen und Bahnen wies niemand darauf hin, wie es war, als das Liniennetz der Berliner Verkehrsbetriebe über Nacht gekappt wurde. Auch auf der Spree fuhren keine historischen Ausflugsschiffe, um mit speziellen Touren die Zeit der Teilung ins Gedächtnis zu rufen. In Abwandlung eines berühmten Zitates von SED-Chef Walter Ulbricht könnte man sagen: Niemand hat die Absicht, an die Mauer zu erinnern.
Die Gründe dafür haben viel mit der Berliner Politik zu tun, für die die Erinnerung an die SED-Diktatur fast nur noch ein lästiges Pflichtprogramm ist. Wie einst bezüglich des 17. Juni, des Nationalfeiertags der alten Bundesrepublik, ist das Gedenken an die Opfer des DDR-Sozialismus zu einem leidenschaftslosen Ritual erstarrt, an dem die Spitzen der Stadt mit ernstem Gesicht die immer selben gestanzten Formeln hervorbringen – wenn sie denn überhaupt noch etwas dazu sagen. Der Aufgabe, die Erinnerung an die Teilung lebendig zu halten, ist Berlin augenscheinlich nicht gerecht geworden.
Die Mauer als Kunstwerk
Fragt man, woran das liegt, so fällt zuerst ins Auge, dass die Sperranlagen der DDR fast alle verschwunden sind. Am ehesten vermitteln noch ein paar großformatige Fotos im Garten der Hessischen Landesvertretung einen Eindruck davon, wie es war, als hier der Todesstreifen verlief. Auch im einstigen Geisterbahnhof „Nordbahnhof“, dessen einer Eingang in den Westen und der andere in den Osten führte, versteht man vielleicht für einen Moment, wie pervers die Teilung Berlins war. Doch die echte Mauer, die ja nicht nur aus den verstreut herumstehenden fast vier Meter hohen Betonsegmenten bestand, sondern aus Kolonnenweg, Kontrollstreifen, Signalzaun, Beobachtungstürmen, Beleuchtungsanlagen, Hinterlandmauer etc., wurde überall beseitigt.
Wo dennoch Teile der Mauer eher zufällig erhalten blieben, vermitteln diese in der Regel ein falsches Bild der Grenzanlagen. So benutzten Künstler schon 1990 ein 1,3 Kilometer langes Teilstück an der Oberbaumbrücke als eine Art überdimensionale Leinwand. Die sogenannte East Side Gallery, die kurz darauf unter Denkmalschutz gestellt wurde, verleitet heute viele zu der Annahme, die DDR-Grenze sei vor allem ein bunt bemaltes Kunstwerk gewesen. Das längste erhaltene Teilstück der Mauer wurde später noch weiter verunstaltet, indem ganze Abschnitte herausgebrochen oder versetzt wurden und immer mehr modernistische Häuser in den Grenzstreifen gestellt wurden. Bauherr war damals der Unternehmer Maik Uwe Hinkel, der einst unter dem Decknamen „Jens Peter“ für die Stasi spitzelte.
Nicht viel anders erging es dem Grenzstreifen an der Bernauer Straße, Schauplatz dramatischer Fluchten aus Fenstern und durch Tunnel. Anders als bei der Frauenkirche in Dresden ergriff in Berlin niemand die Initiative, die 1985 gesprengte Versöhnungskirche, die nach Meinung der SED das Schussfeld behinderte, wieder aufzubauen. Stattdessen ließ sich die Kirchengemeinde von einem sogenannten Lehmbaukünstler eine „Kapelle der Versöhnung“ errichten. Später kam noch ein Roggenfeld hinzu, das jedes Jahr wieder neu angesät wird. Der einstige Todesstreifen hat hier einen geradezu beschaulichen Charakter angenommen.
Die Mauerteile, die 1997 entfernt und in der Nähe kurzerhand abgestellt worden waren, wurden dagegen nicht wieder aufgestellt. Die benachbarte Kirchgemeinde verhinderte dies, indem sie ihr Grundstück bei der Erweiterung der Gedenkstätte Berliner Mauer als Faustpfand einsetzte. Die 19 Meter lange Lücke in der Vorderlandmauer musste deshalb mit luftigen Eisenstangen geschlossen werden. Die Mauerstücke, von Pflanzen überwuchert, stehen seit 36 Jahren nutzlos auf dem einstigen Grenzstreifen herum.
Der achtlose Umgang mit der DDR-Grenze wurde erst 2004 ein Thema, als das Mauermuseum am Checkpoint Charlie ein Mahnmal für die Mauertoten aufstellte. Dutzende große Holzkreuze, die der Senat mit einem Polizeieinsatz wieder abreißen ließ, machten deutlich, was Berlin bis dahin versäumt hatte.
Die erste rot-rote Koalition verhinderte jedoch, dass die Grenzanlagen zumindest an einer Stelle wiederhergestellt wurden. Stattdessen ließ Kultursenator Thomas Flierl, ein ehemaliger SED-Funktionär, auf dem ehemaligen Todesstreifen eine gepflegte Rasenfläche ansäen, die heute vor allem von Hundebesitzern frequentiert wird.
Mit seinem „Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer“ vereitelte Flierl auch, dass am Brandenburger Tor „ein Ort für die Information über und die Erinnerung an die Berliner Mauer“ entstand. Den hatte der Bundestag unter dem Eindruck der Debatte über die Holzkreuze 2005 beschlossen, um der Opfer zu gedenken und zur Auseinandersetzung mit den Folgen der Mauer anzuregen. In einer Unterführung am Pariser Platz wurden stattdessen nur einige Monitore montiert, die hinter den Postkartenständern eines Kiosks kaum zu finden sind. Da sich niemand darum kümmert, sind die Monitore zuweilen schwarz, während bei einer rostbesetzten Informationsstele am Abgang zur Treppe auch mal der Ton nicht funktioniert. Die historischen Fotos, mit denen die Wände des U-Bahnhofes dekoriert wurden, erinnern eher an ein Schulbuch als an einen Gedenkort.
Trivialisierung des Todesstreifens
Nun könnte der Senat die Fehler der Vergangenheit durch umso größere Aktivitäten in der Gegenwart ausgleichen. Doch davon kann keine Rede sein. Außer einer Gedenkveranstaltung am 13. August für 120 geladene Gäste, bei der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) eine Rede hielt, erinnerte in der Stadt so gut wie nichts an den Mauerbau vor 65 Jahren.
Immerhin gab es dieses Jahr – anders als beim 60. Jahrestag – eine Open-Air-Ausstellung vor dem Brandenburger Tor, allerdings nur für vier Tage. Auf der Westseite des Tores steht in dieser Zeit auch noch eine „räumliche Intervention“, die „mit Transparenz, Blickachsen und Perspektivwechseln“ spielt, wie es auf der Website der Tourismusagentur Visit Berlin heißt. Aufgrund der Demonstration „Rave The Planet Parade“ ist beides jedoch am 15. August geschlossen – so werden in Berlin die Prioritäten gesetzt.
Auch an der East Side Gallery gab es am Jahrestag des Mauerbaus eine Veranstaltung. Angekündigt wurden ein „Mauer-Yoga“, ein „Fakten-Quiz“ und „kreative Mitmachaktionen“. Im „Aktionspavillon“ der Mauergedenkstätte wurden zudem „Geschichten, Gespräche und Mitmachaktionen für Groß und Klein“ angeboten. Die 3,9 Millionen Berliner, von denen über vierzig Prozent einen Migrationshintergrund haben, wurden auf diese Weise sicher nicht erreicht.
Organisiert haben das launige Programm die Stiftung Berliner Mauer und das landeseigene Unternehmen Kulturprojekte Berlin. Bezahlt wurde es von den Kulturressorts in Bund und Land, die beide von der CDU geführt werden. Das konnte freilich nicht verhindern, dass es auch sprachlich ganz dem Berliner Zeitgeist entsprach. Die Mauer, so heißt es da, trennte mehr als 28 Jahre lang „Familien, Freund*innen und Nachbar*innen“.
Bei der Lektüre des Programms fällt noch ein anderer Punkt ins Auge. Das Wort Kommunismus oder Sozialismus fällt kein einziges Mal. Welche politische Ideologie die Teilung einer Millionenstadt hervorgebracht hat, erfährt man nicht. Stattdessen wird die Mauer zu einer diffusen Chiffre, „indem Fragen nach Grenz- und Teilungsprozessen, nach Demokratie und Freiheit heute Betrachtung finden“, wie es im Programm heißt.
Der Trivialisierung des Todesstreifens sind dadurch kaum Grenzen gesetzt. Vor allem Vertreter des linken Lagers vergleichen die Mauer gern mit allen möglichen Mauern und Zäunen auf dieser Welt. Verwiesen wird dann auf die EU-Außengrenzen, auf die Absperrungen zu den palästinensischen Autonomiegebieten oder auf die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Dass der Zweck der Mauer darin bestand, die eigene Bevölkerung einzusperren, fällt dadurch unter den Tisch.
Zuweilen versuchen linke Politiker auch, die Mauer den Nationalsozialisten in die Schuhe zu schieben. Da Hitler den Zweiten Weltkrieg begonnen habe, sei Deutschland besetzt und dann eben geteilt worden, lautet die Argumentation. In meinem Buch „Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur“ habe ich seitenweise entsprechende Statements von ehemaligen DDR-Funktionären und Vertretern der Linkspartei zitiert. Aber auch die ehemalige grüne Bürgermeisterin des Bezirks Kreuzberg-Friedrichshain, Monika Herrmann, erklärte beim letzten Runden Jubiläum: „60 Jahre Mauerbau – die Folge eines faschistischen, kriegerischen und mörderischen Deutschlands.“
Und dann ist da noch von den „Mauern in den Köpfen“ viel die Rede – als ob die Abriegelung West-Berlins mit mentalen und politischen Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschen gleichzusetzen wäre. „Große Streitthemen werden zu neuen, unsichtbaren Mauern,“ erklärte Bundestagspräsidentin Klöckner am Donnerstag in ihrer Rede. Je nach politischer Couleur folgt anschließend meist das Entsetzen über das Wahlverhalten in Ostdeutschland oder die therapeutische Zuwendung, wie schwer für viele Ostdeutsche der Übergang von der Diktatur zur Demokratie gewesen sei.
Legenden und Verharmlosungen
Angesichts solcher Verdrehungen und Allgemeinplätze wundert es nicht, dass bis heute zahlreiche Legenden und Verharmlosungen über das SED-Regime verbreitet werden. Als der Linken-Politiker Gregor Gysi 2025 nach einer Änderung der Geschäftsordnung des Bundestages zum Alterspräsidenten mutierte, behauptete er in seiner Ansprache, die DDR sei nach der Wiedervereinigung auf Staatssicherheit und Mauertote reduziert worden. Anschließend zählte er eine Reihe vermeintlicher Vorteile des SED-Regimes auf und forderte Bundeskanzler Merz auf, sich für deren Missachtung zu entschuldigen.
Auch die „neue Geschichte der DDR“ der Historikerin Katja Hoyer, wochenlang ein Bestseller, transportiert dieses Narrativ. Angeblich war in der DDR die „vorherrschende Stimmung in den 1950er Jahren nicht von Ablehnung des Ulbricht‘schen und Neid auf Adenauers System geprägt, sondern von Erleichterung und sogar Begeisterung,“ schreibt sie darin.
In Wirklichkeit kehrten der DDR damals Hunderttausende den Rücken. Um das Schlupfloch West-Berlin zu stopfen, ließ Ulbricht die Mauer bauen. Trotz eines riesigen Aufgebotes an Sicherheitskräften kam es damals zu zahlreichen Protesten und einer regelrechten Massenflucht. Allein in den ersten beiden Tagen flohen fast 7000 Menschen über die bereits verbarrikadierte Sektorengrenze.
Das hindert die Nostalgiker nicht daran, weiter ihr geschöntes DDR-Bild zu verbreiten, gerade im Kulturbetrieb. So veranstaltete die Komische Oper Berlin gerade erst ein Programm unter dem Titel „Mokka-Hits und Milchbarträume“, eine Art musikalischer Geschichte der DDR – „von den hoffnungsvollen Anfängen über die politische Erstarrung bis in die Wendeeuphorie mit anschließendem bösem Erwachen“.
In dieses Bild passt der Film „Kommunist“, der kürzlich auf dem Filmfestival in Schwerin und dann in Berlin gezeigt wurde. Der Sohn des ehemaligen Vizekulturministers der DDR liefert darin eine Apologie des letzten SED-Generalsekretärs Egon Krenz. Die Produktion wurde mit 130.000 Euro aus Bundes- und Landesmitteln gefördert.
Dass sich an dieser Art Geschichtsvergessenheit in absehbarer Zeit etwas ändert, ist wenig wahrscheinlich. Zu sehr dominieren DDR-Nostalgiker und ihre medialen Verstärker den öffentlichen Diskurs in Berlin. Wahrscheinlicher ist, dass sich das geschönte Geschichtsbild weiter ausbreiten wird – oder die sozialistische Diktatur in der DDR ganz in Vergessenheit gerät. Am Ende, so ist zu befürchten, bleibt von der Mauer in Berlin nicht mehr als eine vage Erinnerung.
Der Autor arbeitet als Historiker am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg. Vor kurzem erschien sein Buch „Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur“.


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