Heimbetreiber: Die Politik flüchtet sich in „Wohlfühlthemen“

800.000 Menschen in Deutschland brauchen eine Vollversorgung in den Heimen. Das teilt der Verband der Heimanbieter mit. Doch dafür fehle es unter anderem an Personal. Statt die Probleme zu lösen, flüchte sich die Politik in „Wohlfühlthemen“ wie Prävention.

picture alliance / dts-Agentur | -

In den glorreichen Tagen des Print-Journalismus war die zweite Seite der Süddeutschen Zeitung die Seite des Horrors. Dort druckte sie all die Meldungen der Politiker ab, denen sie aus irgendwelchen Gründen verpflichtet war – auch wenn es nicht interessant war, was sie zu sagen hatten: Hinterbänkler A fordert, Hinterbänkler B erwidert, Hinterbänkler C gibt zu bedenken und so weiter. Bundeskanzler beteiligten sich nicht an dem Geschehen auf Seite zwei der SZ. Sie waren in jenen Tagen Staatsmänner.

Unter Friedrich Merz (CDU) ist der Bundeskanzler zum vordersten der Hinterbänkler verkümmert. Er hat große Sozialreformen angekündigt, die in aller Ruhe von „Kommissionen“ vorbereitet werden sollen. Doch noch bevor die entsprechenden Arbeitskreise tagen konnten, nimmt er die Ergebnisse vorweg. Etwa zum Thema Rente. Wer sich das mit Logik erklären will, ist zum Scheitern verurteilt. Unter Merz als vorderstem der Hinterbänkler ist Resignation die richtige Strategie zum Überleben.

Merz sagt: Die gesetzliche Rente solle künftig nicht mehr zum Leben reichen – beziehungsweise noch weniger. Stattdessen müssten Betriebsrenten und private Altersvorsorge einspringen. Die Rentenbeiträge will Merz so einfrieren oder nur moderat steigen lassen, weil die noch höheren Steigerungen Unternehmen, Beschäftigte und damit die Wirtschaft zu stark belasten würden. Müssen sie indes zusätzlich für Betriebsrenten oder private Altersvorsorge bezahlen, belastet das Unternehmen, Beschäftigte und damit die Wirtschaft nicht, weil … Nun, Logik hilft wirklich nicht, um Friedrich Merz zu verstehen. Resignation ist das Schlagwort seiner Amtszeit.

In einem hat Merz indes Recht – auch wenn es entgegen der Logik seiner anderen Aussagen steht: Die Ergebnisse der Arbeitskreise abzuwarten, lohnt sich wirklich nicht. Das hat die „Pflegekommission“ bewiesen, die als erste der zahlreichen Arbeitskreise – nennen wir es mal – Ergebnisse lieferte. Zu vielen Bedürftigen stehen zu wenige Pfleger gegenüber und bezahlen kann die sterbende deutsche Wirtschaft das ohnehin alles nicht mehr. Die Antwort der „Kommission“ darauf lautete: mehr Prävention. Genauso gut könnte man einem Krebskranken empfehlen, sich draußen einen Schal anzuziehen, um die Metastasen zu befrieden.

Der Arbeitgeberverband Pflege hat der Arbeit von Merz und seiner Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nun ein verheerendes Urteil erstellt: „Über Prävention zu philosophieren oder engere Pflegebegleitung zu versprechen, klingt gut – hilft aber den Menschen nicht, die heute dringend Pflege brauchen“, sagt Verbandspräsident Thomas Greiner. Die Zahl derer, die eine Rundum-Versorgung auf einer Vollstation benötigten, liege in Deutschland bei 800.000 Menschen.

Während sich die Politik „in Wohlfühlthemen“ flüchtete, erlebten diese 800.000 Betroffenen eine Versorgungskrise. Als solches Wohlfühlthema bezeichnet Greiner die Idee, Lotsen einzuführen, die Bedürftige zu Pflegeangeboten brächten. Um im Bild zu bleiben: Lotsen nützen einem Schiff, sicher durch den Hafen zu kommen – in der Wüste können sie dem Kapitän höchstens sagen, dass er auf Sand festsitzt.

Oder wie es Greiner formuliert: „Lotsen pflegen nicht und Prävention kann Pflege nicht ersetzen.“ Zumal es bereits jetzt jede Menge Angebote zur Beratung gebe, etwa die Pflegestützpunkte.

Die Personaldecke ist dünn, weiß der Arbeitgeberverband aus der eigenen Praxis. Entsprechend müsse für das zu knapp bemessene Personal gelten, dass die „pflegerische Kernarbeit im Fokus“ steht. Zumal angesichts des steigenden Durchschnittsalters in Deutschland und einer statistisch bewiesenen höheren Pflegebedürftigkeit im Alter damit zu rechnen ist, dass die Zahl der 800.000 Bedürftigen eher steigt als sinkt. Es sei denn, die Politik entledigt sich des Problems, indem sie die Definition von Bedürftigkeit entsprechend verändert.

Eine entsprechende Diskussion zettelte die Regierung Merz bereits im Oktober an. Auch da tagte die entsprechende „Kommission“ noch, ließ zwar durchaus schon vermuten, dass dabei nichts rauskommt – aber bewiesen war es halt noch nicht.

Unter Warkens Zutun drehte sich die Debatte darum, ob der Pflegegrad eins abgeschafft werden solle. Was in den regierungsfreundlichen Medien so klang, als ob damit die entsprechende Bedürftigkeit abgeschafft wäre. Doch in Wirklichkeit wollte die Regierung Merz nur weiterhin so viele Pflegebeiträge von Betrieben und Beschäftigten verlangen – ihnen davon aber weniger ausbezahlen. Das ist die Logik, die allen Sozialreformen der Merz-Zeit zugrunde liegt – eine Zeit, die für Resignation wie gemacht ist.

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Kommentare ( 17 )

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Chrisamar
4 Tage her

Zahl aus Dezember 2024. Quelle: STATISTA 99.000 Ukrainer erhalten in Deutschland Grundsicherung im Alter. Tendenz steigend. Leistungen nach SBGXII / Sozialhilfe schließt Zugang zur Pflegekasse ein. Subsidär Schutzsuchende erhalten die selben Leistungen aus der Pflegekasse, wie Deutsche. Wie hoch die Zahl dieser Leistungsempfänger der subsidär Schutzsuchenden ist, wird nicht exakt erfasst. Vermutlich hatten 8,2 % der Pflegebedürftigen einen Migrationshintergrund. Aber das ist nur eine Schätzung aus dem Jahr 2024. Bis 2030, wird der Anteil der Pflegepatienten mit Migrationshintergrund, voraussichtlich auf 24% steigen. Menschen mit Migrationshintergrund werden 10 Jahre früher als Deutsche zu Pflegefällen. Quelle: https://www.aerzteblatt.de/archiv/pflege-von-menschen-mit-migrationshintergrund-spezifische-beduerfnisse-erkennen-7a1ae9dd-97a7-4ff2-9446-89dac9a21d7c#comments Quelle KI: Pflegestufen: Personen mit Migrationshintergrund… Mehr

Mike76
4 Tage her

Über einen Vollpfosten wie Merz und sein Gruselkabinett lohnt es sich einfach nicht mehr, etwas zu schreiben. Der ist selbst eines Kanzlerdarstellers nicht würdig. Ich freue mich auf den Tag, an dem diese Person endlich aus dem Amt gejagt wird.

Last edited 4 Tage her by Mike76
humerd
5 Tage her

gestern war ein erstaunlich ehrlicher Artikel in der Zeit zu lesen:
Alternde Gesellschaft:
Importierte Vergreisung
Insgesamt ist die Zahl der über 65‑Jährigen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um rund 3,8 Millionen gestiegen. Dieser Zuwachs entfällt komplett auf Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden. Von diesen zusätzlichen 3,8 Millionen sind etwa 2,2 Millionen Zuwanderer aus anderen EU‑Staaten; der Rest stammt überwiegend aus Drittstaaten. „
Deutschland ist inzwischen bevorzugtes Ziel vieler älterer Europäer, nicht zuletzt wegen einer leistungsfähigen Gesundheitsversorgung, eines dichten Pflegesystems und relativ großzügiger sozialstaatlicher Sicherung. 
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-02/demografischer-wandel-alterung-zuwanderung-eu/komplettansicht

Schwabenwilli
5 Tage her

Millionär Merz spricht über Renten und sonstige Sparmaßnahmen – für den arbeitenden Teil der Bevölkerung.
Der Mann seine Beifallsklatscher sind sowas von unten durch.
Und Spahn denk er kann mit seinem Zickzack Kurs seine Haut retten.

Zebra
5 Tage her

Nee, es ist ja Karneval … Kamelle!

Last edited 5 Tage her by Zebra
gast
5 Tage her

Die armen Heimbetreiber. Sie nehmen von den Insassen pro Monat weit mehr als eine gute Rente hergibt und wenn der Insasse das Pech hat, noch länger am Leben gehalten werden zu können, saugen sie all seinen Besitz auf. Dafür bieten sie in einem Mehrbettzimmer ein Bett, einen Nachttisch und einen Schrank und Hilfe beim Anziehen und aufs Klo gehen (das erspart man sich aber ganz schnell mit einem Katheter) und trauriges Essen. Nicht einmal ein Fernseher war da. Den haben wir ins Zimmer gestellt. Meine Erfahrungen machte ich mit der AWO und meinem Vater.

Martin Mueller
5 Tage her

So langsam dämmert es immer mehr Menschen, dass die heutigen verantwortlichen Politiker keine wichtigen Probleme mehr lösen. Bestenfalls werden sie verwaltet, indem man die Lösung in die unbestimmte Zukunft datiert. Damit das Kaschieren und Zeit kaufen funktioniert, werden horrende Schulden gemacht. Was wir brauchen wieder Politiker, die die Probleme nicht dem Mundwerk lösen wollen, sondern die mit vollendeten Taten die Probleme lösen. Und dazu braucht es Rückgrat und Format. Und auch die Bereitschaft, sich die Hände mit Packan schmutzig zu machen, Widerstände zu beseitigen und sich den richtigen politischen Partner zu suchen. Wille und Können müssen zusammenkommen. Und daran hapert… Mehr

Last edited 5 Tage her by Martin Mueller
Klaus D
5 Tage her

Die Politik flüchtet sich in „Wohlfühlthemen“….logisch denn sonst werden sie nicht mehr gewählt. Es ist nicht die politik sondern die große mehrheit der bürger/wähler. Bei einer reform gibt es auch immer „verlierer“ zb job weg, einnahmen weg ua. Da muss man nur mal das AfD programm lesen egal ob das einem gefällt oder nicht und oder das was diese will richtig/falsch ist. So halte ich deren meinung zum massiven abbau von subventionen für richtig. Wer würde denn gewinnen – verlieren bei einer großen sozialreformen. Wer oder was bestimmt was richtig/falsch ist. Ich wäre zb dafür das alle bürger in eine… Mehr

OJ
5 Tage her

Und die Moral der Geschicht,
halbe Eier rollen nicht ❗

Simplex
5 Tage her

Ês interessiert sich kaum jemand für die Praxis der Pflege, häusliche und stationäre. Aufgabe des Bundes wäre eine Reform der Beziehungen zwischen Pflegeheimen und den Kassen. für die Übernahme der Erhaltungsaufendungen für die Gebäude durch die Länder zu sorgen. Kommen das GEG und EPBD auf die Heime zu, droht der Kostengau ärztliche Versorgung: wer schafft die Insassen zum Facharzt? Wer betreut die Insassen, wenn sie im Krankenhaus sind? Also nicht Händchenhalten, sondern „administrativ“? Betreutes Wohnen ist eine Schimäre. Es bedarf einer Festschreibung, was das ist. Personalschlüssel: Es gibt darüber wohl Gesprächsbedarf. Kleinere Privatheime gehen insolvent, weil sie wegen des Fachkräftemangels… Mehr