Der Fußball ist größer als seine Verkäufer

Diese Weltmeisterschaft war größer und teurer – und besser, als ihre Kritiker wahrhaben wollten. Kleine Nationen wurden zu großen Lieblingen, alte Stars erteilten den Jungen eine Lektion, und Fans entlarvten Klischees.

picture alliance / Jiji Press | Yudai Kato

Was haben wir vor diesem Turnier nicht alles hören müssen. „Größenwahn“ sei eine WM mit 48 Mannschaften. Die reine Geldgier. Viel zu viele Teams, viel zu viele langweilige Spiele auf schlechtem Niveau.

Es passierte: das Gegenteil. Tja, diese Experten eben.

Gerade die sogenannten „Kleinen“ gaben diesem Turnier Farbe und Seele. Kap Verde erreichte als kleinste Nation der WM-Geschichte die K.O.-Runde. Kongo stand gegen England vor einer Sensation. Selbst Curaçao, beim 1:7 gegen Deutschland sportlich überfordert, brachte eine Begeisterung mit, die man bei so mancher satten vermeintlichen Fußballgroßmacht vergeblich suchte.

Eine Weltmeisterschaft heißt so, weil die Welt mitspielt. Sie ist kein erweitertes europäisches Einladungsturnier. Wer die Kleinen nur als lästiges Kanonenfutter betrachtet, hat den Sinn dieses Wettbewerbs nicht verstanden.

Leere Portemonnaies, volle Ränge

Vor dem Turnier malten vor allem deutsche Medien das erwartbare Schreckensbild: leere Stadien, desinteressierte Amerikaner, unbezahlbare Eintrittskarten und sterile Unterhaltungsshows.

Die Ticketpreise waren tatsächlich unverschämt. Einzelne Partien zeigten sichtbare Lücken. Doch daraus entstand kein Geisterturnier. Schon nach sechs Tagen lag der Zuschauerschnitt bei mehr als 65.000. Damit fiel nicht die WM durch, sondern die Prognose ihrer professionellen Miesmacher. Die hohen Preise blieben ein Skandal; die erwartete Stimmungskatastrophe blieb aus. Selbst das Spiel um Platz drei lockte 64.478 Zuschauer in ein Stadion mit rund 71.000 Plätzen.

Das ist keine Leere, sondern eine Kulisse, von der fast jeder Bundesligist träumt.

Kapitalismus in kurzen Hosen

„Fußball ist Kapitalismus pur“, hat Polens Super-Stürmer Robert Lewandowski mal gesagt.

Diese WM hat das eindrucksvoll bewiesen. Dynamische Preise, luxuriöse Hospitality-Pakete, astronomische Angebote auf dem Schwarzmarkt: Die FIFA behandelt den Fan nicht als Seele des Spiels, sondern als Kreditkarte mit Trikot.

Das überrascht niemanden. Die Korruptionsgeschichte des Weltverbandes füllt Gerichtsakten; zahlreiche Funktionäre und Vermarktungsmanager wurden angeklagt oder verurteilt. Die FIFA besitzt den Fußball nicht moralisch. Aber sie kontrolliert seine wertvollste Handelsplattform.

Trotzdem bleibt die Weltmeisterschaft das wichtigste Sportereignis unseres Planeten. Daran kann noch nicht einmal FIFA-Präsident Gianni Infantino etwas ändern. Nicht nur Millionen, nein: Milliarden Menschen teilen für einige Wochen dieselben Bilder, dieselben Helden und denselben Schmerz (bei Niederlagen).

Keine Marketingabteilung und keine KI könnte so etwas künstlich erzeugen.

Donald Trump machte die Welt zu Belgien-Fans

Der US-Präsident ließ mal eben schnell die Regeln ändern. Nach dem Platzverweis gegen US-Stürmer Folarin Balogun telefonierte er mit Infantino. Prompt setzte die FIFA die Sperre gegen Balogun im nächsten Spiel gegen Belgien mit lächerlichen Argumenten aus.

Belgien schlug das US-Nationalteam mit Balogun dann mit 4:1, und die ganze Welt jubelte. Der Anruf aus dem Weißen Haus ersetzte eben doch keinen genialen Pass, keinen aufopferungsvollen Zweikampf und kein Klasse-Tor. Das Verfahren wurde verbogen, das Ergebnis nicht. Da zeigte sich die Widerstandskraft des Sports:

Der Fußball erwies sich als fairer als die Männer, die ihn für ihre Bilder benutzen wollen.

Pfeifen mit Pfeife

Die schwächsten Akteure des Turniers trugen keine Rückennummer. Die Schiedsrichter wirkten nur allzu oft überfordert. Den Argentiniern gestatteten die Herren mit der Pfeife, gleich aus mehreren Spielen eine Kneipenschlägerei zu machen.

Der Verdacht liegt nahe: Ein Turnier, in dem Messi möglichst lange mitspielt, bringt eben auch lange hohe Einschaltquoten für die TV-Sender. Doch trotz der für jedermann sichtbare Bevorzugung einiger Temas und einiger Spieler (Messi) beschwerte sich FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina, niemand dürfe die Integrität seiner Referees infrage stellen.

Der Italiener war in seiner aktiven Zeit fraglos der beste Schiedsrichter der Welt. Heute arbeitet er in einer Organisation, die kein Mann von Ehre in seinem Lebenslauf haben will. Offenbar beschädigt eine Funktion bei der FIFA auch sonst untadelige Persönlichkeiten. Collina ist ein Beispiel, der Franzose Michel Platini war auch so eines.

Je oller, je doller

Dieses Turnier haben Männer in einem Alter geprägt, in dem sie in der Fußballwelt vor zwei Jahrzehnten längst in Rente gewesen wären.

Cristiano Ronaldo traf mit 41 auch bei seiner sechsten Weltmeisterschaft. Kroatiens Kapitän Luka Modrić war 40 – genauso wie Bosnien-Herzegowinas Top-Stürmer Edin Džeko, Kap Verdes sensationeller Torwart Vozinha, Deutschlands Keeper Manuel Neuer und Mexikos Torwart Guillermo Ochoa. Lionel Messi führte Argentinien mit 39 Jahren ins Finale.

Der moderne Profi lebt disziplinierter, trainiert professioneller und regeneriert mit wissenschaftlicher Rundumbetreuung. Immer öfter schlägt Erfahrung die Jugend. Das Finale zwischen Messi und Spaniens 19-jährigen Supertalent Lamine Yamal bildet diese Entwicklung perfekt ab:

Der Fußball zwingt die Generationen nicht mehr nacheinander auf die Bühne. Er lässt sie gegeneinander antreten.

Deutsche Medien und die USA-Simulation

Der deutsche Fußball-Fan hat vor Ort hautnah erlebt, dass deutsche Medien Tag für Tag ein groteskes Zerrbild von den Vereinigten Staaten zeichnen.

Da geben sich unsere Öffentlich-Rechtlichen und auch die anderen selbsternannten „Leitmedien“ nun wirklich jede nur erdenkliche Mühe, das Reich von Donald Trump als Heimstatt des Bösen darzustellen. Und dann fährt der deutsche Fan in die USA und stellt fest: Es ist alles ganz anders.

Wer selbst in Dallas, Atlanta, Miami oder New York unterwegs war, erlebte nichts von dem, was ARD und ZDF und „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ uns immer erzählen – sondern ein offenes, neugieriges und gastfreundliches Amerika.

Dieses Turnier war auch eine Lektion über journalistische Provinzialität – der deutschen Journalisten, wohlgemerkt.

Europas peinliches Schweigen

Unter den letzten acht Mannschaften standen sechs Europäer sowie Argentinien und Marokko. Unter den letzten Vier waren drei Europäer und Argentinien.

Eine WM ohne Europa ist sportlich, wirtschaftlich und medial undenkbar. Das wirft die Frage auf, weshalb der europäische Fußballverband UEFA gegenüber dem Weltfußballverband FIFA auftritt wie ein Schulanfänger in kurzen Hosen. Es gibt viel zu verändern bei der FIFA, nicht nur die Korruption. Da wären auch die Ticketpreise, das Schiedsrichterwesen, der Spielkalender und politische Vereinnahmung. Doch echten Druck macht die UEFA da nicht.

Das liegt entweder an Feigheit oder an Heuchelei. Wahrscheinlich an beidem.

TV-Sport als Körperersatz

Unsere Gesellschaft verehrt körperliche Höchstleistung mehr als jede Gesellschaft vorher – weil unser eigener Alltag immer körperloser wird.

Arbeit findet am Bildschirm statt, Einkäufe werden von Fremden bis zur Haustür geliefert, Unterhaltung verlangt keinen Schritt mehr aus der Tür. Quasi als Ersatz für eigene Bewegung und Anstrengung machen wir Profi-Sportler zu gottgleichen Idolen: einen Mbappé, der nach sieben Spielen noch allen Gegnern davonsprintet – oder einen Saka, der im „Kleinen Finale“ drei Tore schießt.

Der Leistungsfußballer verkörpert das, was in unserem Leben verschwindet: Anstrengung, Schmerz, Risiko und Wettkampf. Man kann ein Tor nicht herbeireden, und man gewinnt keinen Zweikampf per Power-Point-Präsentation.

Im Sport finden wir einen Rest unbestechlicher Wirklichkeit.

Haut ab, ihr Nörgler

Ja, die FIFA ist gierig. Ja, die Karten waren zu teuer. Ja, die Schiedsrichter waren im Schnitt schlecht.

Aber, mit Verlaub: Niemand wird zum Zuschauen gezwungen.

Kein berechtigter Kritikpunkt an der FIFA und an dieser WM war so nervtötend wie diese großen Gesten der Besserwisser, die ihre persönliche Abneigung mit moralischer Überlegenheit verwechseln.

Fußball ist freiwillig. Wem dieses überdrehte, gigantonomische, überlaute, durchmerkantilisierte und gelegentlich irre Welttheater nicht gefällt, der muss es sich ja nicht ansehen. Wegschalten, bitte – und Klappe halten. Denn wir, der Rest, dürfen staunen, ohne uns für unsere Begeisterung zu entschuldigen.

Haben wir was vergessen? Ach ja: Weltmeister wurde übrigens Spanien. Aber das, seien wir mal ehrlich, ist gar nicht so wichtig.

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Kommentare ( 29 )

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Tom Engel
10 Stunden her

Fussbal ist (sehr) Wichtig. Fussball ist KOLLEKTIVE TRIEBABFUHR….
Schon die alten Römer wussten, wie wichtig soetwas ist: Panem et circenses
So oder so ist Fussball auch eine gewaltige Geldmaschine…

Siggi
10 Stunden her

Das, was die Argentinier gestern abgeliefert haben, hatte nichts mit Fußball zu tun. Unzählige Fouls, die nicht geahndet wurden, mehr Rugby als Fußball, widerlich. Gut, dass diese Idioten nicht auch noch den Pokal mitgenommen haben.

Die WM kann man ersatzlos streichen. Nur noch Theater ohne Spielregeln und ohne Würde.

Will Hunting
12 Stunden her

Das einzige was mich interessiert hat, wie weit bringt Tuchel die Engländer.
Obwohl ich die hasse hätte ich sie gerne weit vorne gesehen..bis zum Titelgewinn.
Gegen diese Argentinier hätte es reichen müssen.
Deutschland steht sich selbst im Weg.
Wer gesehen hat wie technisch sauber die kleinen Teilnehmer agiert haben sollte größte Sorge um den deutschen Fussball haben.

rainer erich
12 Stunden her

Abgesehen von einer grundsätzlich anderen Sicht auf Inszenierungen dieser und ähnlicher Art, in den USA, dem Land des Fussballs, natürlich üblich, eine fachliche Anmerkung zum Thema “ Altstars“. Von einigen Auftritten Messi’s abgesehen, das Modell 10 laufen und spielen für 1, fand im Finale sein würdiges Ende, wären einige Mannschaften besser beraten gewesen, wenn sie sich von ihren Altstars rechtzeitig verabschiedet hätten. Im aktuellen Fussball , zumal über mehrere Spiele hintereinander, gibt es jede Menge gute Gründe, mit 10 uneingeschränkt funktionsfähigen und willigen Spielern aufzulaufen. Sogar taktische. Das ebenso verzweifelte wie krampfhafte Bemühen, den Altstar zu Ruhm und Ehre zu… Mehr

Tom Engel
10 Stunden her
Antworten an  rainer erich

Ähm…..Wie schreiben Sie „in den USA, dem Land des Fussballs“ ?

Ist ja wohl eher NICHT der Fall..

Infos hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Fu%C3%9Fballs

Motorbiene
13 Stunden her

Also ganz ehrlich, Ronaldinho und Il Fenomeno mit Madonna im Strandbuggy – da ist was in mir kaputt gegangen. Ich habe unverzüglich einen alten Kumpel vom Fussball aus früheren Zeiten angerufen, ich braucht jemanden zum reden. Er meinte die Zuschauer bezahlen 30000 Dollar für die Karte und die wollen nun mal keine Feuerwehrkapelle sehen. Ist ja alles richtig aber irgendwann bin ich raus. Allerdings habe ich das schon oft gesagt.

a.bayer
13 Stunden her

Was mich an dieser Weltmeisterschaft stört, ist dass die schon vorbei ist.

Karl Renschu
13 Stunden her

Fußball ist freiwillig und ja, ich habe kein Spiel gesehen. Trotzdem will der MDR einen inzwischen vierstelligen Betrag plus Vollstreckungskosten von mir.

Peter Klaus
14 Stunden her

Fußball scheint wirklich wichtig zu sein: Dem ÖRR war die Meldung über die Aufhebung der Spielsperre des US-Boys jedenfalls viel wichtiger als die zeitgleiche Verkündung des Sportwagenherstellers aus Stuttgart Zuffenhausen zusätzlich 4.000 weitere Arbeitsplätze streichen zu wollen. Dies war dem ÖRR jedenfalls keine einzige Meldung wert.

Koepenicker
14 Stunden her

So hat wohl jeder seine abschließende Sicht auf diese WM. Für mich persönlich war sie eher der letzte Sargnagel für den Fußball den Millionen Menschen in der Welt lieben. Die WM zeigte die abstoßende Fratze der FIFA mit all ihrer Korruption und Selbstverliebtheit überdeutlich. Fußball wird immer vermarktet und verliert immer mehr davon was ihn mal ausgemacht hat. Die Fußball-WM ist zu einer reinen Show verkommen in der manche „gefördert“ und andere übervorteilt werden. Das ist keine Frage mehr von „großen“ oder kleinen Ländern mehr. Es ist eher eine Frage geworden mit wem man am meisten Geld verdienen kann. Und… Mehr

mke2026
14 Stunden her

„Wegschalten, bitte – und Klappe halten“. Ersteres mache ich seit jeher und letzteres folgt, wenn keine Rundfunkgebühren für Fußballübertragungen verwendet werden und keine Kosten für Fußballspiele aus Steuermitteln beglichen werden (z.B. Polizeieinsätze, Infrastruktur, usw.). Bitte immer schön vollständig berichten.