„Das sind sprachpolizeiliche Allüren“

Der Linguist Peter Eisenberg über den mangelnden Respekt vor der Sprache, das Gendern, politische Korrektheit, den Bedeutungswandel bestimmter Wörter.

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Tichys Einblick: Herr Professor Eisenberg, der Kampf um eine politisch korrekte Nutzung von Sprache treibt mitunter kuriose Blüten. So hat unlängst der Hamburger Verband LuK (Lesben und Kirche) das 238 Jahre alte „Abendlied“ von Matthias Claudius umgetextet. Aus der Schlussstrophe „So legt Euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder, kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen, und lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbarn auch!“ machten die Genderkämpferinnen: „So legt Euch, Schwestern, Brüder nieder …“ – und schafften es damit sogar ins Liederbuch des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Ist das Verhunzung oder Ausdruck sprachlicher Zivilisation?

Peter Eisenberg: Wenn man einen Text von Claudius singt, dann singt man einen Text von Claudius und nichts anderes. Die evangelische Kirche von Deutschland sollte sich zu schade sein, ihre besten Traditionen zu verhunzen. Selbst auf dem Kirchentag, der auch immer wieder mal einen komischen Liedtext hervorbringt, sollte man sich nicht an Claudius vergreifen. Und was wird aus dem kranken Nachbarn? Er bleibt stehen, denn die Nachbarin bleibt natürlich und gendergerecht gesund.

Zum Gendern gehören auch grammatische Kunstformen. Da spricht etwa Maybrit Illner in ihrer Talkshow von „Gästinnen“ oder in Behördenschriftstücken wird das große Binnen-I wie bei „ProfessorInnen“ oder „GärtnerInnen“ immer selbstverständlicher. Was halten Sie davon?

Formen wie „Gästinnen“ statt Gäste sind im Deutschen möglich. Ob man sie
benutzt, ist eine Frage der persönlichen Einstellung. Das große I gibt es hingegen nicht in der deutschen Sprache. Das Gendern ist eine höchst problematische Angelegenheit. Wer behauptet, dass das große Gender-I oder das Gender-Sternchen etwas mit Sichtbarmachung und Gleichberechtigung von Frauen zu tun hat, ist entweder vernagelt, oder er redet falsch. Ich kann es nicht fassen, wenn so etwas zum Beispiel in Berliner Behörden zur Vorschrift werden soll. Das sind sprachpolizeiliche Allüren. Es sind Verhaltensweisen autoritärer Regime, die in einer Demokratie nichts zu suchen haben. Niemand hat das Recht, in die deutsche Sprache einzugreifen.

Warum?

Wenn man sich professionell mit Sprache beschäftigt, dann hat man einen
riesigen Respekt vor dieser Sprache. Man gewinnt den Eindruck, die Sprache ist mit ihren Werkzeugen so gut ausgebaut, hat eine Struktur von so hoher Komplexität, dass sie ein Eingreifen nicht verträgt. Denken Sie nur an die Orthografiereform, wo Hunderte von Wörtern verschwunden sind. Oder an die Verdrängung von Wörtern. Ein Beispiel aus der Wirtschaft: Das Wort „Dividende“ sollte mit dem Begriff „Gewinnbeteiligung“ verdeutscht werden. Dividende ist aber eine Gewinnbeteiligung von ganz bestimmter Art. Und so können Sie den Eingriff in die Sprache an vielen weiteren Beispielen verfolgen.

Geschieht dieser Eingriff in die Sprache denn häufiger als früher?

Das war eigentlich schon immer so, aber die Gründe und das Ausmaß haben sich verändert. Zum Beispiel durfte man einst nicht mehr „DDR“ sagen und auch nicht „BRD“. Darüber haben wir Sprach­wissenschaftler uns sehr geärgert. Dann gab es den Kampf um Begriffe, zum Bei­spiel um rechtliche Termini. Da wurde aus dem „Schusswaffengebrauch“ der „Rettungsschuss“ – ein Begriff, der es ermöglicht, auf Menschen zu schießen. Die Gegenseite setzte dem wiederum den Begriff „Todesschuss“ entgegen. Solche Dinge hat es schon immer ge­geben. Im Augenblick allerdings erfol­gen Eingriffe in die deutsche Sprache von ganz unterschiedlichen Seiten und sind sehr vielfältig. Ich kann mich nicht erinnern, so eine Form sozialdemo­kratischer Sprachpolizei, schwer unter­stützt von den Grünen und der Links­partei, früher schon erlebt zu haben.

Ist dieses Phänomen etwas typisch Deutsches?

Nein. Man sieht das in vielen Län­dern. Die politisch korrekte Sprache ist ja in den USA den Verhältnissen in Deutschland weit voraus und wird dort schon viel länger im Rahmen einer Politik der Gleichmacherei vertreten. Auch was sich in Frankreich abspielt, grenzt schon ans Groteske: Dort gab es vor einiger Zeit zum Beispiel eine dem Schulministerium unterstellte Kampa­gne zur Feminisierung der Sprache. Nur verhält sich der Franzose, der von Kind an zu Sprachaufmerksamkeit erzogen wird, da etwas gelassener als wir.

Entsteht Neusprech zufällig oder absichtlich? Zum Beispiel, wenn neuerdings nicht mehr von „Studiengebühren“ sondern von „Studienbeiträgen“ gesprochen wird.

Das ist kein Zufall, sondern es handelt sich um Euphemismen. Studiengebühren zahlen Sie so ungern wie Rundfunk­gebühren – wenn Sie „Beiträge“ zahlen, hat das ganz andere Konnotationen. Sie zahlen das nicht gern, aber akzeptieren den Touch von Gerechtigkeit. Die Leute von der Bertelsmann­-Stiftung, die sich den Begriff ausgedacht haben, sind ja nicht auf den Kopf gefallen.

Wie würden Sie Neusprech definieren?

Das Wort muss man gar nicht definieren, es ist ja selbst ein erfundenes Wort. Las­sen Sie uns lieber über politische Kor­rektheit reden: Sie bezieht sich auf das Gendern, aber auch auf das Vokabular, das gegenüber Migranten und Flücht­lingen verwendet werden soll. Sie be­zieht sich teilweise auf Fremdwörter und auf verschiedene andere Berei­che, die politisch heikel sind. Der Anti­diskriminierungswahn ist in den letzten Jahren sehr viel größer geworden. Und das ist im Prinzip natürlich völlig rich­tig. Man kann nicht zu jemandem mit schwarzer Hautfarbe „Nigger“ sagen, ohne zu wissen, was damit angerichtet wird. Ich sollte vielleicht auch heutzuta­ge nicht mehr das Wort „Zigeuner“ ver­wenden, das in unserer Kindheit ganz gebräuchlich war. Viele Wörter sind von ihrer Bedeutung und ihrem Gebrauch her, die sie bisher im Deutschen hatten, heute beleidigend, diskriminierend.

Herles fällt auf
Masse Mensch. Von der inflationären Verwendung des Menschen-Worts.
Da ist es im Prinzip ein wichtiges Anliegen, Sprache sensibel zu verwenden und sich nicht grob oder unsozial zu verhalten. Es ist aber etwas völlig anderes, wenn bestimmte Leute – die sogenannten Gutmenschen – hergehen und behaup­ten, sie wüssten, was gut und richtig ist. Ein Beispiel: Wir haben früher „Eski­mos“ gesagt, ein unvoreingenommenes Wort im Mund des Deutschen. Wie vie­le Eskimos wohnen oder bewegen sich in unserem Land? Ich vermute, es sind sehr wenige. Wenn Sie aber in ein Land reisen, in dem Eskimos leben, Kanada oder Grönland, dann stellen Sie fest: In der Sprache der Inuit bedeutet Eski­mo „Rohfleischfresser“. Das weiß hier niemand, und es tut auch keinem weh. Trotzdem sagen die hiesigen Sprachpolizisten: Ja, aber – man könnte ja mal einen Inuit hier treffen … Und deshalb wird das Wort „Eskimo“ ausgeschlos­sen. Das ist ein bisschen albern.

Ein Begriff, um den sich heutzutage auch sehr hin und her gewunden wird, ist „Flüchtling“. Da heißt es plötzlich „Geflüchtete“ oder „Schutzsuchende“. Wie ordnen Sie diese Mühe um den korrektesten Terminus ein?

Das Wort Flüchtling gibt es im Deut­schen seit ein paar Hundert Jahren. Flüchtlinge nach dem Zweiten Welt­krieg sind geflohen – nicht geflüchtet. Und so hat sich auch niemand selbst als Geflüchteter bezeichnet, sondern als Flüchtling. Das Wort Flüchtlinge kann auch nicht gegendert werden. Ich habe immer wieder darum gebeten, dass die­ jenigen, die das Wort Geflüchtete ein­führen wollen, einmal erklären, warum sie das tun. Das ist, milde ausgedrückt, offenbar eine Herausforderung. Wenn Leute etwas am Sprachgebrauch än­dern wollen, brauchen sie gute Gründe. Ich habe noch keine gehört.

Unlängst gab es in einer Flüchtlingsunterkunft eine Massenschlägerei. In den Medien wurde die Sprache des Polizeiberichts übernommen: „Schutzsuchende“ hätten sich in einer „Notunterkunft“ eine Schlägerei geliefert. Was steckt hinter diesem Sprachgebrauch?

Die Polizei benutzt ja intern bestimmte Ausdrücke, die nicht an die Öffentlich­keit gelangen sollen. Zum Beispiel das Wort „Nafri“. Darüber sollte man sich nicht allzu sehr aufregen, aber dieser Jargon führt vielleicht andererseits zu Überkorrektheiten, wie den Begriff „Flüchtlinge“ durch „Schutzsuchen­de“ zu ersetzen. Ein Hochwort, das die Assoziation auslöst, es handle sich um vollkommen hilflose Leute, die unseren Schutz brauchen. Wenn diese Leute sich gegenseitig verprügeln und verletzen, gehört das Wort „Schutzsuchende“ da bestimmt nicht hin.

Eine berühmte sprachliche Neuschöpfung ist Angela Merkels „Menschen, die schon länger hier leben“. Hat sich die Kanzlerin mit diesem viel monierten Ausdruck einen Gefallen getan?

Zunächst mal: Früher hat man von Personen oder Leuten geredet, heute spricht man nur von Menschen. Es men­schelt ganz furchtbar in der Sprache der Politik. Angela Merkels Formulierung ist noch dazu hochproblematisch. Das eigentliche Problem ihrer Flüchtlings­politik ist ja die eine Million Zuwanderer im Jahr 2015. Warum das Land die auf­ nehmen musste, hat Merkel nie erklärt. Wenn sie dann von den „Menschen, die schon länger hier leben“ spricht, tut sie das vielleicht, um von dem Problem ab­zulenken. Und um ihren Zuhörern einzureden, dass derjenige, der et­was gegen ihre Flüchtlingspolitik sagt, etwas gegen Menschen sagt, die schon länger hier leben.

Merkel benutzt auch gern das Wort „wir“, wobei man nicht immer weiß, wen sie damit meint. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff sprach wiederum gern von „man“, und Exminister Karl-Theodor zu Guttenberg wandte gern das Passiv an, zum Beispiel zu seinem Plagiatsvorwurf: „Es wurde nicht bewusst getäuscht.“ Ist das jeweils sprachliche Marotte oder ganz bewusstes Agieren?

Ich glaube nicht, dass sprachliche Un­beholfenheit dahintersteckt. Dass Pas­siv bei Guttenberg ist schon ein ganz bewusster Trick, um den Täter, nämlich ihn selbst, nicht zu nennen. Das „man“ bei Wulff hat den Touch, etwas als allge­meingültig hinzustellen. Wie „Man tut das nicht“ oder „Man wird das ja wohl noch sagen dürfen“. Ich glaube nicht, dass Angela Merkel etwas aus Versehen sagt. Sondern sie drückt mit ihrem „wir“ aus: Sie gehört auf jeden Fall dazu. Ansonsten mal der, mal jener.
Auch die Medien sind sprachlich erfinderisch, zum Beispiel neuerdings mit dem Begriff „Männergruppe“ – wann immer über eine Gewalttat von mehreren Zuwanderern berichtet wird. Dieses Wort tut mir ein bisschen weh. In einer Fußnote eines wissenschaft­lichen Aufsatzes habe ich mal geschrie­ben: „Ich danke der Berliner Männer­gruppe.“ Eine Gruppe von Freunden, die sich einmal im Monat trifft, schön zusammensitzt und sich über Wis­senschaft unterhält. Dann sagt einer aus der Gruppe: „Das kannst du heute nicht mehr machen. Frauengeburtstag ist okay, aber Männergruppe? Männer sind heute schon so verunsichert, dass man das nicht mehr schreiben sollte.“ Da wird deutlich, wie man es mit dem politischen Korrektsein auch übertrei­ben kann. Es gibt übrigens in der Polit­sprache nur Intensivtäter und Gefährder – aber keine Intensivtäterinnen oder Gefährderinnen. Obwohl junge Frauen in Einbrecherbanden als Intensiv­täterinnen ganz vorn mit dabei sind. Aber im Berliner Koalitionsvertrag se­hen Sie nur das maskuline Wort. Sie sehen, wie schnell man es schafft, ein Wort negativ zu besetzen.

Die Nationale Armutskonferenz will 23 sogenannte soziale Unwörter aussortieren. Zum Beispiel soll statt von „bildungsfernen Schichten“ künftig von „vom Bildungswesen nicht erreichten Menschen“ gesprochen werden. Übertrieben oder nicht?

Mit diesen Leuten muss man ernsthaft reden. Von der Bundesregierung geför­derte Broschüren über das, was man sa­gen oder nicht sagen soll, sind voll von Dingen, die man nicht hinnehmen darf. Da wird etwas in einem Ausdruck ge­sucht, was bestimmte Leute damit as­soziieren könnten. Die Mühe mit einem sprachlich angemessenen Ausdruck macht man sich gar nicht. Behinderte heißen da „psychisch oder mental he­rausgefordert“, das Wort „Migrations­hintergrund“ gilt plötzlich als abfällig, weil es angeblich auf ein niedriges Ein­kommen hinweist. Also dümmer geht es kaum mehr. In vielen Fällen haben die, die so was einführen, nicht die sprachliche Expertise. Und dann gibt es eben immer Leute, die irgendein Haar in der Suppe finden, aber selbst keine Suppe ohne ein Haar kochen können.

Was halten Sie vom Wort des Jahres 2016: „postfaktisch“?

Der Schriftsteller Theodor Fontane hat in einem wunderbaren Roman festge­stellt, dass man Fremdwörter benutzt, wenn Wörter, die jeder kennt und be­nutzt, zu anschaulich sind. Das Wort „Geschlecht“ ist zum Beispiel kolossal anschaulich, deshalb nehmen wir lieber „Gender“. Das Wort „Lüge“ ist ebenfalls kolossal anschaulich, deshalb nehmen wir „postfaktisch“ oder „alternativfak­tisch“. Sie können mit so einem diffu­sen Wort eine Weile ganz gut operieren. Aber irgendwann kommt einer und sagt: Das sind des Kaisers neue Kleider, das ist dasselbe wie „Lüge“. Und nach ein paar Tagen geht es den Leuten auf die Nerven, wenn jemand sagt, das ist „postfaktisch“.

Was stört Sie besonders an der Verhunzung der deutschen Sprache?

Ich will eigentlich nur zweierlei. Zum einen: nicht etwas in die Sprache hineinzwingen, was nicht zu ihr gehört. Das Zweite: Man darf niemandem vorschreiben, wie er zu sprechen hat. Das sind die beiden roten Linien für mich. Innerhalb derer kann man streiten, sollte den Leuten aber nicht den Mund verbieten. Das verstieße zutiefst ge­gen Persönlichkeitsrechte, ist arrogant und eine Anmaßung. Wenn man dann noch Begriffe erfindet, die es nicht gibt, macht das alles noch schlimmer.

Abschließend: Zur politisch korrekten Sprache gesellt sich „leichte Sprache“, von Behördentexten bis zu Wahlunterlagen. Was bedeutet das?

Die „leichte Sprache“ ist eine reduzierte Form des Deutschen, in der fundamen­tale Strukturen und Begriffsmengen untersagt sind. Zum Beispiel Geniti­ve, Nebensätze, Metaphern, Passive. Vielleicht hat die leichte Sprache für Personen mit einer starken Sprach­behinderung eine gewisse Bedeutung. Aber wenn man zu vieles mechanisch abschneidet, was nach der Grammatik möglich ist, kommt dabei kein verständ­liches Deutsch mehr heraus. Die Gefahr besteht, dass sich die leichte Sprache epidemisch ausbreitet. Es gibt Lehrer, die bereits in und nach leichter Sprache unterrichten, und es gibt Leute, die be­haupten, Flüchtlinge würden einfacher in leichter Sprache unterrichtet. Das ist ein schwerer Irrtum. Es ist auch ein Wahnsinn zu behaupten, annähernd die Hälfte der Deutschen könnten die Normalsprache nicht beherrschen. Ein Rumpfdeutsch zu verwenden ist eine Beleidigung für unsere wunderbare und weit ausgebaute Sprache. Fast alle Parteien haben ihre Programme bei den letzten Wahlen in leichter Sprache ins Netz gestellt. Das ist grober Unfug. Ich habe mir den Spaß erlaubt, die Home­page von Anton Hofreiter sprachlich auseinanderzunehmen. Jetzt stehen seine Texte nicht mehr so. Ob es mit meiner Kritik zusammenhängt, weiß ich nicht. Aber als Sprachwissenschaft­ler kann ich nur appellieren: Respekt vor der deutschen Sprache! Wir haben keine bessere, brauchen keine bessere und werden durch bewusste Eingriffe keinesfalls eine bessere bekommen.

Peter Eisenberg ist emeritierter Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart.


Dieses Interview ist in der Ausgabe 09/2017 von Tichys Einblick Print erschienen.

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Kommentare

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  • Ergo

    Sprache ist eben auch Kultur und Kultur ist Sprache. Deshalb verschandelt die vereinfachte Sprache nicht nur die deutsche Sprache an sich sondern auch die Kultur.
    Die deutsche Sprache ist eine komplexe Sprache und damit auch sehr ausdrucksstark. Schon heute gibt es eine Verkümmerung und Verarmung der deutschen Sprache dadurch, dass jeder Deutsche immer weniger Worte kennt und benutzt.
    Vereinfachte Sprache kann in speziellen Broschüren durchaus Sinn machen, es wäre aber falsch die vereinfachte Sprache als Maßstab für die deutsche Sprache zu verwenden.
    In der Wissenschaft hat sich ein gewisses Wissenschaftsenglisch durchgesetzt. Das macht Sinn, weil es dem wissenscahftlichen Austausch dient. Als Lehrsprache ist aber die Landessprache unschlagbar, weil wir eben nur in unserer Muttersprache wirklich in der Lage sind Dinge anschaulich zu vermitteln. Sprache sind Bilder, die in unserem Gerhin zu leben erwachen und uns unsere Welt erklären, in jeder Fremdsprache ist es aber eine mehr oder weniger sterile Welt.

  • Marcel Börger

    Vielen Dank für die klaren Worte!

    Ich sehe mittlerweile vieles, was ursprünglich vielleicht aus Richtung der Gender und Antidiskriminisierungsecke kommt, nun aber politisch/medial genutzt wird, als ideologisch motivierte „Sprachscharia“.

    Seltsame Wortschöpfungen (Schutzsuchende) tauchen auf einmal auf, triviale Begriffe (Mensch) werden in einem völlig neuen Kontext verwendet und die politisch/mediale Kaste spielt im Gleichschritt mit, als ob irgendjemand diese neuen Parolen für sie verbindlich angeordnet hätte.

    Gibt es irgendwo in dunklen Redaktionen und Abgeordnetenbüros ähnliche Herrschaften wie die iranischen Sittenwächter für Narrative/Sprachregelungen?

    Wer sind sie, wer hat sie legitimiert, welche sittliche, moralische, linguistische Expertise bringen sie mit?

    Jedenfalls ist es evident, daß Medien solche politischen Sprachregelungen wie Flüchtlinge oder Menschen nicht mehr hinterfragen, kritisieren oder wenigstens nicht verbreiten, ganz im Gegenteil.

    Wie bei der Entdeckung eines neues Werkzeuges sind die politischen und medialen Indianer glücklich, von Ihren Häuptlingen neue Spielzeuge bekommen zu haben und nutzen sie eifrig.

    Da in diesen Berufsgruppen die Sprache ein wichtiges Werkzeug ist, wie in meiner Juristerei, gehe ich nicht davon aus, daß diese Trends unbewußt und willkürlich „passieren“, sondern planvoll etabliert und in den Sprachgebrauch gepresst werden.

    Dabei sehe ich regelmäßig nur Verschlechterungen der Präzision, der Klarheit und Transparenz, was zumindest in meinem Empfängerhorizont als beabsichtigt erscheint.

    Ob Flüchtlinge oder Schutzsuchende ist einerlei, weil beides wertende Unterstellungen enthält, von denen niemand weiß, ob sie objektiv zutreffen.

    Weiß tatsächlich irgendjemand, der diese Begriffe pauschal für alle verwendet, ob eine beliebige Person X aus dieser verschleierten Gruppe Schutz sucht?
    Ob sie vor irgendwas geflohen ist und sei es nur Armut?

    Viele Indizien sprechen bei vielen Personen ganz klar gegen solche Implikationen oder Unterstellungen.
    Schon allein die Kosten der Anreise und der Schlepper spricht massiv gegen die pauschale Annahme, es kämen Arme zu uns.

    Der vorweihnachtliche, junge Phantasieafrikaner mit dickem Bauch und dünnen Armen hat sicher keine Tausende Dollar für eine lange Reise und diverse Schlepperorganisationen und auf den vielzähligen Fernsehbildern sehen die meist jungen Männer überhaupt nicht hungrig, sondern ziemlich gut genährt und sportlich aus.
    Welchen Schutz suchen diese Männer?
    Wovor fliehen sie?

    Davon hört „man“ bei jenen, die der Sprachscharia konforme Begriffe inflationär verwenden, regelmäßig nichts.

    Damit landen diese Begriffe bei mir in der Schublade „tricksen, täuschen, tarnen“ und dienen wohl zahlreich eher bis nur, der Unterdrückung von Informationen und Differenzierungen und der moralischen Manipulation der Leser oder Zuhörer.
    Und dies nicht zufällig, sondern vorsätzlich.

    Das erscheint mir hochgradig unredlich und bei der meinerseits unterstellten Motivlage fast schon totalitär und ideologisch bis faschistoid.

    Der Rubikon, wo es aus femininistischer Sicht vielleicht wirklich mal nur um geschlechtsneutrale Formulierungen ging oder um solche, die nicht abfällig gegenüber Minderheiten klingen sollten, ist meines Erachtens schon lange und sehr deutlich überschritten worden, insbesondere im offiziellen Sprachgebrauch der Politik und der politischen Medien und zwar in einem sehr negativen Sinne und Gebrauch.

  • mc6206a

    Die Frage ist doch was an den Schulen passiert und an den Pädagogischen Hochschulen. Ist die Gendersprache dort schon angekommen oder ist die Gendersprache noch ein pseudo-wissenschaftliches Seitengebiet?

  • Remix

    Zum Thema politisch korrekte Sprache: mir ist bei der Formulierung „warum wir von kulturfremden Voelkern wie Arabern, Sinti und Roma etc ueberschwemmt werden“, die Alice Weidel angeblich in einer E-Mail gebraucht haben soll, etwas aufgefallen.
    Wurden vielleicht die „Sinti und Roma“ erwähnt, um eine nicht nur islamkritische, sondern auch rassistische Einstellung zu suggerieren?
    Frage: „Hätte ein Rassist – ein w i r k l i c h e r Rassist – den politisch korrekten Begriff ‚Sinti und Roma‘ überhaupt jemals verwendet? Ist dem eigentlichen Verfasser dieser mutmaßlichen Fake-Mail da nicht ein kapitaler Fehler unterlaufen?

  • Jan Kahle

    Dann sollte man lieber nicht das FAS-Interview heute lesen. „Was denken Sie über Menschen, Frau Merkel?“ ist die erste Frage und so abgrundtief geht es noch ein paar Absätze weiter.

  • Momo

    Reale Punktabzüge bei wissenschaftlichen Arbeiten an den Unis, ohne Witz. Welche Rechtsgrundlage das hat, weiß ich leider auch nicht.

  • Momo

    DANKE. Das Beherrschen der reichen deutschen Sprache ist und bleibt auch ganz grundsätzlich in unserer Gesellschaft ein Ausweis von Bildung und Kompetenz.
    Wenn wir jetzt Lehrlinge bekommen, die diese Sprache nicht mehr beherrschen, bemerken das unsere Kunden und ziehen Rückschlüsse auf die Kompetenz und Qualitätsstandards unseres Unternehmens. Der so „leicht“ schulgebildete Lehrling schadet dem Unternehmen, wir wollen ihn nicht. Die Zahl der nicht ausbildungsfähig Schulabgänger steigt immer weiter.
    Vom Genderismus ganz zu schweigen, der zeigt eigentlich nur die ebenfalls steigende Wohlstandsverwahrlosung des Westens.

    • Die Zahnfee

      „und ziehen Rückschlüsse auf die Kompetenz und Qualitätsstandards
      unseres Unternehmens.“
      Richtig, und die Kunden des Kunden ziehen dieselben Rückschlüsse und
      so weiter. Wenn junge Menschen in Watte gepackt aufwachsen – in Schule
      und Elternhaus – dann erleben sie beim Wunsch in die Berufswelt, dass
      ihnen das Wichtigste vorenthalten wurde: Leistungsstreben im Paket mit
      Eigenverantwortung und Motivation. Die unzureichende Schulbildung hat
      sie zu Unfähigen gemacht und sie dürfen sich jetzt als Versager erleben.

  • Luisa

    Liebe Redaktion,
    Danke, dass Sie so erstklassige Berichte abdrucken. Das gesamte Heft 9 war, wie auch die vorhergehenden Ausgaben, äußerst interressant. Ich freue mich schon auf TE/10.
    Die Bandbreite der TE-Berichterstattung deckt die Themenbereiche ab, die unter den „Nägeln brennen“. Ich wünsche den Blattmachern eine zügige und permanent wachsende Auflage.
    An dieser Stelle möchte ich auch darauf hinweisen, dass „Demokratie im Sinkflug“ von Gertrud Höhler mir ausgesprochen gut gefallen hat. Bei aller Sachlichkeit so spannend wie ein Krimi. Ein Thriller, den wir derzeit live durchleben müssen.

    Wünsche weiterhin „grenzenlose“ Kreativität und Mut bei der Umsetzung Ihrer Themen, die tatsächlich interessieren. Bleiben Sie hilfreicher Gesprächspartner und fit – trotzallem.